{"id":21111,"date":"2000-01-16T14:22:57","date_gmt":"2000-01-16T13:22:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21111"},"modified":"2025-04-23T17:14:58","modified_gmt":"2025-04-23T15:14:58","slug":"1-korinther-21-10-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-21-10-5\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2,1-10"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">2. Sonntag nach Epiphanias | 16.1.2000 | 1. Korinther 2,1-10 <\/span>| <span style=\"font-family: Arial;\">Paul Kluge |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p align=\"justify\">als der Brief des Paulus eingetroffen war, hatte das Presbyterium beschlossen, reihum die Gemeinde nach Hause einzuladen. Heute war Justus dran. Sein Haus lag direkt neben der Synagoge, und bei ihm hatte Paulus gewohnt, als er in Korinth war. Inzwischen war einige Zeit vergangen, in der Gemeinde hatte sich einiges getan: Waren anf\u00e4nglich alle von der Predigt des Paulus \u00fcberzeugt gewesen, so waren doch mit der Zeit auch andere Meinungen laut geworden. Manchen war Paulus zu abstrakt und theoretisch, anderen zu streng und zu ernst, noch anderen war er gar zu weltlich. Aus diesen unterschiedlichen Meinungen waren richtige Gruppierungen geworden, und es war schon erstaunlich, da\u00df sie sich trotzdem gemeinsam zu Gottesdienst und Abendmahl trafen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein buntes und munteres H\u00e4ufchen war im Innenhof des Hauses versammelt. Die Leute standen in kleinen Gr\u00fcppchen zusammen, sprachen \u00fcber dies und das und jenes, vor allem aber r\u00e4tselten und vermuteten sie, was sie heute wohl zu h\u00f6ren bek\u00e4men. Der Briefanfang verhie\u00df nicht viel Gutes, denn Paulus hatte nach ein paar H\u00f6flichkeitsfloskeln gleich benannt, worum es ihm ging: Der Streit in der Gemeinde mu\u00dfte aufh\u00f6ren, die Christen sollten sich auf das besinnen, was sie miteinander verband. Dabei hatte er ihnen drastisch vor Augen gestellt, wer und was sie waren: Kleine Leute, ungebildet und bedeutungslos. Und doch von Gott erw\u00e4hlt, durch Christus erl\u00f6st, im heiligen Geist berufen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einer aus der Gemeinde mit einer poetischen Ader hatte nach der ersten Lesung gereimt:<\/p>\n<p align=\"justify\">Die eine r\u00fchmt sich ihrer Sch\u00f6nheit wohl, der andre seiner St\u00e4rke,<br \/>\nsind aber Herz und K\u00f6pfe hohl, fehlt Weisheit jedem Werke.<br \/>\nManch einer prunkt mit Einflu\u00df, Geld und Macht, ein andrer sammelt Titel,<br \/>\nund werden doch von Weisen nur verlacht: Sie nutzen falsche Mittel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Reim machte die Runde, manche stadtbekannten Namen wurden gedacht oder auch genannt. Dabei entstand das gute Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit, die Gewi\u00dfheit, die Eitelkeiten und Torheiten der Welt nicht n\u00f6tig zu haben. Manche waren inzwischen so perfekt uneitel, da\u00df sie schon wieder eitel wirkten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nun trat Justus in den Innenhof und bat sie, sich zu setzen. Tonkr\u00fcge mit frischem Wasser und Becher wurden verteilt. Justus begr\u00fc\u00dfte die Anwesenden und erinnerte sich und sie an die Zeit mit Paulus; an seine Predigten, an seinen Glauben, an den Menschen Paulus. Dann bat er um Aufmerksamkeit f\u00fcr die Lesung und um anschlie\u00dfende offene, ehrliche Diskussion. Er las: (1.Kor 2,1-10)<\/p>\n<p align=\"justify\">Er machte eine kurze Pause, dann sagte er: \u201eJa, das ist typisch Paulus. Stellt sich auf eine Stufe mit uns, will nicht mehr, nicht besser sein als wir. Gibt zu, da\u00df er schwach ist, \u00e4ngstlich, sch\u00fcchtern. Da\u00df er kein mitrei\u00dfender Redner ist, der die Massen begeistert, und kein Philosoph, der auf alle Fragen eine Antwort hat. So stellt sich der Mann dar, der seit Jahren durch die Welt reist und missioniert und Gemeinden gr\u00fcndet; der sich deswegen beschimpfen, sogar verhaften und auspeitschen l\u00e4\u00dft. Trotzdem macht er weiter mit seiner Mission, predigt den gekreuzigten Christus als Gottes Herrlichkeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das ist, scheint mir, f\u00fcr manche schwer zu begreifen, dieser vermeintliche Widerspruch zwischen Kreuzigung und Allmacht. Doch aus vielen Gespr\u00e4chen mit Paulus wei\u00df ich: Kreuzigung und Allmacht geh\u00f6ren zusammen. Gerade in den Schw\u00e4chen und in den Schwachen zeigt sich Gottes Kraft. Das ist doch, was Paulus uns vorlebt und was wir von ihm lernen k\u00f6nnen: Da\u00df Gott nicht so ist wie die Gro\u00dfen und Starken der Welt. Die leben alle auf Kosten von Schwachen: die Eingebildeten, die sich selbst f\u00fcr klug halten, verkaufen andere f\u00fcr dumm; die Empork\u00f6mmlinge, die sich selbst f\u00fcr erfolgreich halten, booten andere trickreich aus; die Despoten, die sich selbst f\u00fcr die Herren der Welt halten, halten sich nur durch Unterdr\u00fcckung. Solche Art der Herrlichkeit ist nicht Gottes Herrlichkeit. Da\u00df Gott der Herr ist, das zeigt sich darin, da\u00df Blinde sehen und Lahme gehen, da\u00df Auss\u00e4tzige rein werden und den Armen die gute Nachricht von Gottes Liebe \u00fcberbracht wird.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eDavon werde ich aber nicht satt!\u201c rief jemand von hinten dazwischen, und alle drehten sich zu ihm um. Der Mann sah aus wie die Armut in Person; er war den anderen einfach gefolgt. \u201eWir essen nachher zusammen\u201c, rief Justus zur\u00fcck, \u201edu bist eingeladen. Oder geh jetzt in die K\u00fcche, dort bekommst du was. Aber du brauchst noch mehr als Essen und Trinken, Kleider und Schuh. Du brauchst Arbeit, um dein Brot selbst zu verdienen. Vor allem aber mu\u00dft du lernen, da\u00df du ein wertvoller Mensch bist. Weil Gott dich liebt &#8211; so, wie du bist und was du auch getan hast. Deshalb bist du bei uns willkommen, wir werden dir helfen\u201c Der Mann schlurfte in Richtung K\u00fcche. \u00c4ngstlich blickte er sich immer wieder um, konnte nicht recht glauben, was ihm da passierte. Denn statt ihn aufzuhalten, zu beschimpfen oder wegzujagen, wie er es gewohnt war, nickte man ihm aufmunternd zu.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eDen hat uns der Himmel geschickt,\u201c dachte Justus, bevor er den unterbrochenen Faden wieder aufnahm. \u201eLiebe Geschwister,\u201c fuhr er fort, \u201esind nicht die Menschen oft blind f\u00fcr die Not anderer, sind nicht ihre Arme oft wie gel\u00e4hmt, wenn sie sich die Hand zur Vers\u00f6hnung geben sollten? Behandeln nicht die Herren der Welt die Armen und Elenden, als w\u00e4ren sie auss\u00e4tzig; ja, diese Herren bringen es sogar fertig, andere Menschen Gefahren und gewaltsamem Tod auszusetzen. Und sind nicht viele Ohren taub, viele M\u00fcnder stumm f\u00fcr gute, freundliche Worte, f\u00fcr Lob und Anerkennung, taub und stumm f\u00fcr Vergebung und Vers\u00f6hnung, f\u00fcr Dank und Bitte, f\u00fcr Lieder der Liebe? Alles Fragen, auf die ihr die Antwort kennt: Ja, so ist die Weisheit der Welt, so sind ihre Herren. Unser Herr aber und seine Weisheit sind anders. Sie stellen die Werte auf den Kopf, machen gro\u00df, was erniedrigt ist und erniedrigen, was gro\u00df ist; geben von dem, der zwei M\u00e4ntel hat, einen dem, der keinen hat. Denn vor Gott und nach seiner Weisheit sind alle Menschen gleich, allen gilt seine Liebe gleicherma\u00dfen. Und genau deshalb sollen die Herren der Welt aus ihrer Herrschaft und die von ihnen Geknechteten aus ihrer Knechtschaft befreit werden. Dann wird Gott allein der Herr sein, und kein gro\u00dfer, noch so erhabener und kein noch so kleiner, l\u00e4cherlicher weltlicher Herrscher, ja, kein Mensch wird dann noch \u00fcber andere Menschen herrschen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eDas klingt ja nach Revolution!\u201c warf jemand ein, \u201edas wird mir zu gef\u00e4hrlich. Wir sollten uns lieber mit den weltlichen Herren gutstellen. Sonst landen wir auch noch am Kreuz oder vor den L\u00f6wen. Und dann, Justus?\u201c Einige klatschen dem Zwischenrufer Beifall. Andere mahnten zur Ruhe. Manche schlichen sich davon. \u201eUnd dann, Justus?\u201c wiederholte der Zwischenrufer, bevor Justus antwortete: \u201eDas kann passieren. Christsein erfordert Mut, mit dem schon zu beginnen, was werden soll. Und das pa\u00dft vielen nicht, weil es sie und ihr Getue in Frage stellt. Aber wir ahnen und sp\u00fcren darin das Geheimnis Gottes, erfahren durch seinen Geist, was gr\u00f6\u00dfer ist als alle unsere Vernunft: Den gekreuzigten Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">In diesem Augenblick kam der Bettler wieder aus der K\u00fcche, satt, frisch gewaschen und in sauberen Kleidern. Nicht mehr \u00e4ngstlich blickte er um sich, sondern zufrieden und sicher. \u201eH\u00e4tt\u2019 ich nicht gedacht,\u201c rief er, \u201eihr redet nicht nur, ihr handelt auch danach. Ich glaube, hier bleib\u2019 ich.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\">Vorschlag f\u00fcr ein Gebet: Psalm 146 entsprechend umformulieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Liedvorschl\u00e4ge: Herr, f\u00fcr dein Wort sei hoch gepreist, EG 196; Herr, \u00f6ffne mir die Herzenst\u00fcr, EG 197; Ach Gott, vom Himmel sieh darein, EG 273; Erneure mich, o ewigs Licht, EG 390.<\/p>\n<p align=\"justify\">Paul Kluge, Provinzialpfarrer im Diakonischen Werk in der Kirchenprovinz Sachsen<br \/>\nWasserstr. 3, 39114 Magdeburg, <a href=\"mailto:Paul.Kluge@T-Online.de\">E-Mail: Paul.Kluge@T-Online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Epiphanias | 16.1.2000 | 1. Korinther 2,1-10 | Paul Kluge | Liebe Gemeinde, Schwestern und Br\u00fcder, als der Brief des Paulus eingetroffen war, hatte das Presbyterium beschlossen, reihum die Gemeinde nach Hause einzuladen. Heute war Justus dran. Sein Haus lag direkt neben der Synagoge, und bei ihm hatte Paulus gewohnt, als er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,659,727,157,853,114,842,349,3,1043,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21111","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-2-so-n-epiphanias","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-1-korinther","category-kasus","category-nt","category-paul-kluge","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21111","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21111"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23243,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21111\/revisions\/23243"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21111"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21111"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21111"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21111"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}