{"id":21119,"date":"2000-02-06T14:29:35","date_gmt":"2000-02-06T13:29:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21119"},"modified":"2025-04-24T09:04:42","modified_gmt":"2025-04-24T07:04:42","slug":"hesekiel-33-10-16-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hesekiel-33-10-16-3\/","title":{"rendered":"Hesekiel 33,10\u201316"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">5. Sonntag nach Epiphanias | 6.2.2000 | Hesekiel 33,10\u201316 | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Tom Stolle |<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\">Liebe Menschenkinder. \u2013<\/p>\n<p align=\"justify\">Ja, liebe Menschenkinder: \u201eWarum wollt ihr sterben?\u201c \u2013 Damit ist eine entscheidende Frage angesprochen. Eine Frage von Leben und Tod. Und gerade darum geht es in der Kirche letztlich: um Leben und Tod. Es ist die Frage, wie wir auf Gott reagieren. \u201eWillst du sterben, oder willst du leben mit Gott?\u201c \u2013 Dieser Frage k\u00f6nnen wir in der Kirche nicht ausweichen. Sie wird uns zweimal ganz pers\u00f6nlich gestellt. Ihnen ist sie gestellt worden, und euch Konfirmanden wird sie gestellt. Zuerst bei der Taufe, dann noch einmal bei der Konfirmation. So fern liegt uns diese Frage also gar nicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWarum wollt ihr sterben?\u201c F\u00fcr die damals Angesprochenen war diese Frage sofort verst\u00e4ndlich. Ja, sie selbst hatten zuvor gefragt, wie sie angesichts ihrer Erfahrungen \u00fcberhaupt noch leben k\u00f6nnen. Sie konnten ihr Dasein kaum noch als Leben bezeichnen. Sie waren zwar am Leben. Aber ihr Land war vom Krieg verw\u00fcstet. Sie lebten als Vertriebene weit weg in Babylon. Und sie f\u00fchlten bedr\u00fcckend die Gottesferne. Weit weg waren sie, nicht nur von zuhause, sondern auch von Gottes Wohnung, vom Tempel, wo Gottes Name thront. Und der Tempel war zerst\u00f6rt, verheert, niedergebrannt. Gott war stumm geblieben, hatte das alles geschehen lassen, er war nicht da. Die Gottesdienste hatten aufgeh\u00f6rt \u2013 wie kann man Gott ohne Tempel dienen? So f\u00fchlt sich Unheil an. Unheil im buchst\u00e4blichen Sinn. Sie waren am Leben. Aber was ist solch ein Dasein ohne Hoffnung, ohne Perspektive, ohne Sinn? Ein Dahinvegetieren bis zum Tod \u2013 mit einem vagen Bewu\u00dftsein, da\u00df sie alles selbst verschuldet haben. Mit Schuldgef\u00fchlen und Gewissensbissen: \u201eUnsere S\u00fcnden und Missetaten liegen auf uns, da\u00df wir darunter vergehen; wie k\u00f6nnen wir leben?\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Vor diesem Hintergrund schockiert die Frage Gottes: \u201eWarum wollt ihr sterben?\u201c Schon da\u00df Gott redet, schafft v\u00f6llig neue Voraussetzungen. Indem er sich zuwendet, \u00fcberbr\u00fcckt er die Ferne, die f\u00fcr die Klagenden un\u00fcberbr\u00fcckbar gewesen war. Mit dem, was er sagt, schafft Gott sogar Raum zum Leben: \u201eIch habe keinen Gefallen am Tod.\u201c Der lebensfeindliche, der Todeszusammenhang, als Gottes Strafe erlebt, bleibt nicht das letzte Wort. Gott lebt, und er will Leben erm\u00f6glichen. Was gestern war, zementiert nicht, was heute ist oder morgen sein kann. In seinem Ruf zur Umkehr er\u00f6ffnet Gott einen neuen Weg: die Umkehr zum Leben. Gott macht einen Neuanfang; er ist bereit, das Getane und Geschehene zu vergessen, wenn auch die Menschenkinder einen Neuanfang machen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Zuwendung Gottes ist mit einem Anspruch verbunden. Es ist nicht einfach alles vergessen und Schwamm dr\u00fcber. Es werden nicht einfach Fehler, Probleme, und Versagen unter den Teppich gekehrt und weitergewirtschaftet. So wie Gott einen Schlu\u00dfstrich unter das Gewesene zu ziehen bereit ist, verlangt er auch einen Schlu\u00dfstrich unter die Gottlosigkeit. Die Menschenkinder sollen von ihrem Weg abkehren und auf Gottes Weg gehen. Sie sollen das unterlassen, was das Zusammenleben der Menschen untereinander st\u00f6rt und tun, was recht und gut ist. Neues Leben setzt neuen Lebenswandel voraus. Der R\u00fcckfall in alte Gewohnheiten und Verhaltensweisen w\u00fcrde den R\u00fcckfall in das alte Unheil bedeuten. Vor Gott geht es um Leben und Tod. Doch schafft Gottes Frage Raum f\u00fcr Leben, wo vorher nur der Tod wartete.<\/p>\n<p align=\"justify\">Liebe Gotteskinder,<\/p>\n<p align=\"justify\">einiges ist heute anders. Als der Tempel niedergebrannt war, konnten keine Gottesdienste mehr gehalten werden, keine Opfer konnten dargebracht und keine Vers\u00f6hnung mehr erwirkt werden. Der Wohnsitz Gottes war zerst\u00f6rt. Als in Roringen die Kirche gebrannt hat, war es \u2013 nicht nur f\u00fcr die Gemeinde \u2013 f\u00fcr das ganze Dorf ein trauriger Tag. Aber sofort konnte mit Wiederaufbauma\u00dfnahmen begonnen werden. Und die Gottesdienste k\u00f6nnen weiter gefeiert werden, sogar im Ort. Gott ist nicht fern, er ist nah \u2013 im Feuerwehrhaus in Roringen oder hier im Pfarrwitwenhaus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit der Zuwendung Gottes zu den Klagenden im Babylonischen Exil ist viel passiert \u2013 vor allem aber ist eines geschehen: Gott hat sich uns auf eine viel unmittelbarere Weise zugewandt. Er hat eine Br\u00fccke geschlagen, die weiter reicht als die zu den Vertriebenen nach Babylon. Er hat nicht nur <i>gesprochen<\/i>, er ist <i>gekommen<\/i>. Er hat sich in unsere Welt hineinbegeben. Gott selber ist in Jesus Christus Mensch geworden. In Christus sind Gott und Mensch vereint.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dieser Christus ist f\u00fcr uns gestorben, um unsere Schuld ein f\u00fcr alle Mal abzutragen. Er hat uns mit Gott vers\u00f6hnt. Durch Christus werden unsere S\u00fcnden nicht mehr angesehen. Nicht mehr unser eigenes Tun ist gefordert, um zu Gott zu kommen. Nicht mehr wir m\u00fcssen die Chance, uns das Leben zu verdienen, nutzen. Jesus Christus hat am Kreuz die Frage von Tod und Leben einen ganz anderen Sinn gegeben. Er ist uns mit seinem Ja zuvorgekommen: \u201eIch will, das Du lebst. \u2013 Willst Du mein neues Leben?\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Dieses neue Leben hat bei uns in der Taufe begonnen. Da sind unsere S\u00fcnden abgewaschen worden. Gottes Vergebung ist uns zugesprochen. Gott hat sein unwiderrufliches Jawort zu jeder und jedem Einzelnen von uns geredet. In der Taufe hat uns Gott zu seinen Kindern angenommen. Als Gotteskinder haben wir Anteil an seinem Erbe, Anteil am neuen, am ewigen Leben. Denn die Taufe macht bei uns die Erl\u00f6sung durch Christus wirksam. Wir sind in Jesus Christus hineingetauft, wie Paulus im R\u00f6merbrief (R\u00f6m.6,4) schreibt: \u201eSo sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.\u201c So haben wir den Tod gewisserma\u00dfen schon hinter uns. Der Tod wird nicht das letzte Wort haben, ihm ist die Macht genommen. Die Taufe ist das bleibende Geschenk des neuen Lebens, das den Tod durchbricht. Wir haben in ihr die Gewi\u00dfheit der liebenden Zuwendung Gottes. Sie ist das sichtbare Zeichen seiner Vergebung. Und schon jetzt hat mit der Taufe das Leben der Auferstehung begonnen; verborgen zwar, aber im Glauben und in der Erwartung des J\u00fcngsten Tages gewi\u00df.<\/p>\n<p align=\"justify\">Damit haben sich die Vorzeichen grunds\u00e4tzlich ge\u00e4ndert. Nicht mehr das Unheil bestimmt unser Leben, wir stehen unter Gottes bleibendem Heilszuspruch. Wir stehen in der Verhei\u00dfung neuen, ewigen Lebens. Das neue Leben er\u00f6ffnet uns Hoffnung, Perspektive und Sinn.<\/p>\n<p align=\"justify\">Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,<\/p>\n<p align=\"justify\">mit der Taufe ist f\u00fcr uns der Anfang zum neuen Leben gemacht. Doch bis zum endg\u00fcltigen Durchbruch des Gottesreiches und des ungebrochenen ewigen Lebens bleibt f\u00fcr uns der Weg durch unsere geschichtliche Welt. Bis Gott schlie\u00dflich sein Versprechen Wirklichkeit macht, sind wir daran, in der Spannung zwischen schon jetzt und noch nicht dieses neue Leben zu verwirklichen. Mit dem neuen Leben ist uns in der Taufe die Kraft gegeben, in unserem Leben aufzur\u00e4umen und Platz zu machen f\u00fcr dieses neues Leben. Dabei geht es, das zeigt unser Predigttext, nicht nur um eine innerliche Haltung und eine fromme Gesinnung. Es geht um ganz handfeste Dinge, Geraubtes zu erstatten, das hei\u00dft: Abschied vom Leben auf Kosten anderer zu nehmen. Neuem Leben Raum zu schaffen, hei\u00dft aber auch, altem Leben Raum zu nehmen. Es hei\u00dft, das aus dem Weg zu r\u00e4umen, was dem neuen Leben im Weg steht. Das Bewu\u00dftsein des neuen Lebens l\u00e4\u00dft bewu\u00dft werden, was dem alten Leben nachh\u00e4ngt. Das bedeutet die Taufe \u2013 so schreibt es Martin Luther im Kleinen Katechismus \u2013 \u201eda\u00df der alte Adam in uns durch t\u00e4gliche Reue und Bu\u00dfe soll ers\u00e4uft werden und sterben mit allen S\u00fcnden und b\u00f6sen L\u00fcsten; und wiederum t\u00e4glich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Gott ewiglich lebe.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Der uns heute so fremde Begriff Bu\u00dfe meint nichts anderes, als sich an die Gabe und die Kraft der Taufe zu erinnern und mit dem neuen Leben anzufangen. Bu\u00dfe ist nicht etwas, das nur einmal im Jahr am Bu\u00df- und Bettag stattfindet und dann f\u00fcr den Rest des Jahres erledigt w\u00e4re. Bu\u00dfe ist nicht ein Gef\u00fchl von abgrundtiefer Zerknirschung. Bu\u00dfe ist Reue, Traurigkeit \u00fcber das alte Leben, das bis zur Auferstehung unserem Leben anhaftet und unser Leben bestimmen will. Und Bu\u00dfe ist der Glaube an die Vergebung Gottes in Jesus Christus, aus der heraus wir leben. Dieser Glaube und diese Vergebung schaffen das neue Leben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bu\u00dfe ist nicht ein kirchliches Handeln, das wir empfangen oder dem wir uns ausliefern m\u00fc\u00dften. Bu\u00dfe ist vielmehr die Grundlage t\u00e4glichen pers\u00f6nlichen Handelns, das Bewu\u00dftsein, aus der Taufe zu leben und die Kraft, neues Leben zu verwirklichen. Der evangelische Sinn von Bu\u00dfe ist: Das Zur\u00fcckkriechen in die Taufe, sich neu beschenken lassen, sich wieder in Gottes Vergebung zu stellen. Und daraus erw\u00e4chst immer neu die Kraft, das neue Leben im eigenen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Christus h\u00e4lt uns den R\u00fccken frei. Die Umkehr zum neuen Leben, der Weg zur\u00fcck zur Taufe ist offen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In Christus hat Gott mit uns neu angefangen und uns mit der bleibenden Gabe neuen Lebens beschenkt. Bis Gott dieses Geschenk im ewigen Leben vollenden wird, werden wir noch viele Neuanf\u00e4nge brauchen. Und Gott gibt uns die M\u00f6glichkeit dazu, die M\u00f6glichkeit immer neu anzufangen. Jederzeit k\u00f6nnen wir in unsere Taufe zur\u00fcckkriechen und uns neu in Gottes Jawort und in seine Vergebung einh\u00fcllen. Gott hat keinen Gefallen am Tod. Er will, da\u00df wir leben. Darum k\u00f6nnen wir leben.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. <\/b>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\">Stud. theol. Tom Stolle,<a href=\"mailto:tstolle@stud.uni-goettingen.de\"> e-mail: tstolle@stud.uni-goettingen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. 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