{"id":21121,"date":"2000-02-06T14:31:22","date_gmt":"2000-02-06T13:31:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21121"},"modified":"2025-04-24T09:06:29","modified_gmt":"2025-04-24T07:06:29","slug":"matthaeus-1324-30-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1324-30-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 13,24-30"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">5. Sonntag nach Epiphanias | 6.2.2000 | Matth\u00e4us 13,24-30 |<\/span><span>\u00a0<\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Dietz Lange |<\/span><\/h3>\n<p><b>&#8222;Das Unkraut mitwachsen lassen?&#8220;, St.Nikolai G\u00f6ttingen<\/b><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Ein sonderbarer Landwirt ist das, der das Unkraut einfach mitwachsen l\u00e4sst. Das tat man nicht in Pal\u00e4stina damals. Die Reihen eines Weizenfeldes standen weit genug auseinander, dass man bequem dazwischen gehen und j\u00e4ten konnte. Das musste man auch. Wei\u00df der Bauer in dem Gleichnis denn nicht, dass das Unkraut dem Weizen die Kraft nehmen und ihn \u00fcberwuchern kann? Bis zur Ernte warten, ja wenn es dann \u00fcberhaupt noch eine Ernte gibt, die der Rede wert ist!<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns das Unkraut, von dem Jesus spricht, etwas n\u00e4her ansehen, um zu verstehen. Taumellolch hei\u00dft es, sagen die gelehrten Kommentare. Das ist eine Grasart, mit dem Weizen verwandt, die ihm anfangs recht \u00e4hnlich sieht. Da kann es leicht zu Verwechslungen kommen, so dass man jungen Weizen statt Unkraut ausrei\u00dft. Trotzdem j\u00e4tete man, besonders auch deshalb, weil der Lolch giftig ist. Verhexten Weizen nannte man ihn, ein Teufelszeug, das sogar Menschen blind machen konnte, wenn es ins Brot geraten war.<\/p>\n<p>Was hilft es uns, das zu wissen? Ist es daraufhin nicht erst recht klar, dass man solche Pflanzen fr\u00fchzeitig und gr\u00fcndlich beseitigen muss? Wer ein Gleichnis erz\u00e4hlt, das so offensichtlich gegen selbstverst\u00e4ndliche Regeln des t\u00e4glichen Lebens verst\u00f6\u00dft, der will provozieren. Das wird deutlich, wenn man das Bild vom Acker \u00fcbersetzt. Nat\u00fcrlich will die Urgemeinde, die Jesus dieses Gleichnis in den Mund gelegt hat, uns keine Nachhilfestunde in Landwirtschaft erteilen. Der Acker steht f\u00fcr die Kirche. Weizen und Unkraut sind einerseits die Christen, die sich an Jesu Worte halten, und andererseits die Scheinchristen, die nur so tun als ob, in Wirklichkeit aber das Gift des Unglaubens verbreiten, von dem man blind wird.<\/p>\n<p>Jetzt kann man die Knechte, das sind die J\u00fcnger oder \u00fcberhaupt die Anh\u00e4nger Jesu, gut verstehen, wenn sie darauf dr\u00e4ngen, das &#8222;Unkraut&#8220; auszurei\u00dfen. Nat\u00fcrlich will man in der Kirche eine klare Orientierung haben. Da kann man Leute nicht gebrauchen, die eine christliche Fassade haben, aber Hass und Zwietracht in der Gemeinde s\u00e4en. Ebenso verst\u00e4ndlich ist es, dass man versucht, sein \u00f6ffentliches Image sauber zu halten. Wenn eine politische Partei Mitglieder hat, die durch ihr Verhalten das Ansehen dieser Partei ruinieren, wird sie sie ausschlie\u00dfen. Jedenfalls w\u00fcrde man das normalerweise erwarten. Warum soll das in der Kirche anders sein?<\/p>\n<p>Stattdessen wird uns hier gesagt, dass vorbildliche Christen und Brunnenvergifter nebeneinander existieren sollen. Keine Verurteilung, und sei sie noch so verdient, kein Ausschluss, nichts. Was soll das? Es hilft auch nichts, wenn man feststellt, dass dieses Gleichnis nicht von Jesus selbst stammt. Denn wer es zuerst erz\u00e4hlt hat, der hat jedenfalls von Jesus gelernt, der gesagt hat, dass Gott seine Sonne scheinen l\u00e4sst \u00fcber Gerechte und Ungerechte. Ist es dann aber vielleicht nur ein Gleichnis f\u00fcr die Anfangszeit der Kirche, das den \u00dcbereifer der damaligen Christen ein wenig d\u00e4mpfen sollte? F\u00fcr heute jedenfalls scheint es denkbar ungeeignet zu sein. Leidet unsere Kirche heute nicht gerade darunter, dass sie weithin gar kein Profil mehr hat? Von urt\u00fcmlicher Orthodoxie bis zum \u00d6kochristentum, von traditionalistischer Unbeweglichkeit bis zur political correctness, die sich jeder Mode vom Sozialismus \u00fcber den Feminismus bis zum \u00d6kumenismus bedingungslos unterwirft, gibt es schlechterdings alles in der Kirche. Kann denn das gut sein? Ganz zu schweigen von den vielen Kirchenmitgliedern, die sich in ihrem Alltag ganz unsozial auff\u00fchren und von denen viele ohnehin gar nichts mehr glauben. M\u00fcsste da nicht doch einmal gr\u00fcndlich ausgekehrt werden, damit die Kirche wieder glaubw\u00fcrdig werden kann?<\/p>\n<p>Es sind bestimmt nicht nur religi\u00f6se Fanatiker, die so fragen. Jeder, der es mit seinem Glauben ernst meint, hat wohl schon solche Fragen gestellt. Nun hat weder Jesus noch die Urgemeinde sagen wollen, dass in der Kirche alles wie Kraut und R\u00fcben durcheinander gehen solle. Es ist von einem Feld die Rede, auf dem Weizen und Unkraut wachsen, und beides ist nicht dasselbe. Freilich: Wer ist denn in der Lage, in jedem einzelnen Fall genau zu sagen, was zum Weizen und was zum Lolch geh\u00f6rt? Wer gibt uns das Recht, von einem anderen Menschen zu sagen, er meine es mit seinem Glauben und mit seiner Verantwortung vor Gott und dem Menschen nicht ernst? Man hat fast den Eindruck, als h\u00e4tte die fr\u00fche Gemeinde und auch Jesus selbst schon die Inquisition vorausgeahnt, die mit ihren grauenhaften Ketzerprozessen \u00fcber Jahrhunderte das Gesicht des Christentums gesch\u00e4ndet hat. Aber wir haben gar keinen Grund, mit Fingern auf das Mittelalter zu zeigen. Verfechter kirchlicher Rechtgl\u00e4ubigkeit und Anw\u00e4lte der political correctness, auf welche Seite wir auch geh\u00f6ren, wir sind auch heute noch kr\u00e4ftig dabei, andere Christen wegen ihrer \u00dcberzeugungen oder wegen ihres Verhaltens zu verurteilen, so als ob wir Weltrichter w\u00e4ren. Wir errichten zwar keine Scheiterhaufen mehr. Doch ist eine &#8222;liebe&#8220;, aber beklemmende Atmosph\u00e4re so viel besser?<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen noch einen Schritt weitergehen. Wer im Bewusstsein, die Wahrheit f\u00fcr sich gepachtet zu haben, andere aburteilt, bei dem wird sich am Ende herausstellen, dass er selber nicht zum Weizen, sondern zum Unkraut geh\u00f6rt, zum Gift, das blind macht. Gewiss m\u00fcssen wir die Geister unterscheiden, uns ein klares und begr\u00fcndetes Urteil dar\u00fcber bilden, was zum christlichen Glauben und Leben dazugeh\u00f6rt und war nicht. Das Gleichnis wendet sich auch nicht gegen freundlichen Spott \u00fcber andere, sofern wir bereit und f\u00e4hig sind, auch \u00fcber uns selbst zu lachen. Christlicher Glaube ist nicht humorlos. Das ist alles richtig. Aber der Grat ist oft sehr schmal, der zwischen einem n\u00fcchternen Urteil oder auch lustigem Spott einerseits und einer regelrechten Aburteilung andererseits hindurchf\u00fchrt. Das wei\u00df jeder, der schon (wie ich auch) im Seminar oder im Institut l\u00e4sterliche Flurgespr\u00e4che gef\u00fchrt hat. Wo ein endg\u00fcltiges Urteil \u00fcber das Innerste eines Menschen gef\u00e4llt wird, da wird es ernst. Denn das steht unter keinen Umst\u00e4nden uns, sondern allein Gott zu.<\/p>\n<p>Das ist die eine Seite des Gleichnisses. Noch wichtiger ist das, was es positiv aussagen will. So sehr uns als Christen mit Recht daran liegt, m\u00f6glichst glaubw\u00fcrdig zu erscheinen, es ist ja auch sehr entlastend, wenn uns nicht zugemutet wird, letzte Urteile \u00fcber andere zu f\u00e4llen und eine absolut makellose Kirche zu schaffen. Nat\u00fcrlich ist es nicht egal, was aus der Kirche wird. Nat\u00fcrlich soll der Weizen wachsen und eine gute Ernte bringen. Aber das gen\u00fcgt dann auch. Perfektionismus ist nicht gefragt. Es gen\u00fcgt, dass wir unser eigenes Leben Gott ganz und gar anvertrauen. Seine Liebe wird uns wachsen lassen, auch wenn wir uns von dem, was wir f\u00fcr Unkraut halten, bedroht f\u00fchlen. Da wachsen dann nicht nur einzelne sch\u00f6ne Seelen, sondern da w\u00e4chst aus vielleicht sehr merkw\u00fcrdigen und fehlerhaften Menschen eine christliche Gemeinde, die etwas von der Verl\u00e4sslichkeit Gottes ausstrahlt, auf die sie selber baut.<\/p>\n<p>Das alles wird in diesem Gleichnis mit einer unwahrscheinlichen Ruhe ausgebreitet. Wo die Knechte, also die guten Kirchenchristen, sich schrecklich aufregen, was alles passieren kann, wenn man das Unkraut mitwachsen l\u00e4sst, da ist Jesus zwar nicht einfach unger\u00fchrt, aber er ist gelassen. Und solche Gelassenheit soll auch zu unserem Glauben geh\u00f6ren. Der Ernst der Bedrohung ist nicht verschwunden. Das Unkraut soll am Ende verbrannt werden &#8211; Symbol f\u00fcr das g\u00f6ttliche Weltgericht. Da ist sie wieder, die unheimliche Seite Gottes. Auch wenn es in der Kirche nicht popul\u00e4r ist, davon zu sprechen, wir k\u00f6nnen uns nicht darum herumdr\u00fccken. Die Gelassenheit unseres Glaubens hat nur dann einen Sinn, wenn wir von diesem Hintergrund wissen. Sonst entartet sie zur Gleichg\u00fcltigkeit. Und doch beh\u00e4lt die Gelassenheit das letzte Wort. Mit ihr k\u00f6nnen wir bei aller Anstrengung, gute Arbeit zu leisten, doch in Ruhe Gott anheimstellen, was er daraus werden l\u00e4sst. Gott wird nicht zulassen, dass das Unkraut den Weizen erstickt.<\/p>\n<p>Man muss wohl nicht besonders betonen, dass diese Zusage in der heutigen Lage der Kirche unglaublich aktuell ist. Zumindest hier in Westeuropa sind die Untergangs\u00e4ngste der Kirche auf evangelischer wie auf katholischer Seite gro\u00df. Alles sieht danach aus, als werde nicht nur die Entkirchlichung, sondern die Entchristlichung in durchaus absehbarer Zeit das gleiche Ma\u00df erreichen, das sie im Osten auf Grund der jahrzehntelangen kommunistischen Propaganda schon erreicht hat. Nicht dass solche Sorgen nicht berechtigt w\u00e4ren. Nicht dass wir uns keine Gedanken \u00fcber eine Ver\u00e4nderung kirchlicher Strukturen machen m\u00fcssten oder nicht mit aller Intensit\u00e4t nach neuen Wegen zu suchen brauchten, um dem Glauben an die Erl\u00f6sung durch Jesus wieder Geh\u00f6r zu verschaffen. Gewiss ist defensives Sparen keine Antwort auf die Herausforderung. Da muss mehr passieren: Aufbruch, Ver\u00e4nderung, mitrei\u00dfende Verk\u00fcndigung, beispielhafter Einsatz. Trotzdem liegt das, was die Kirche zur Kirche macht, nicht in unserer Hand. Das ist die Treue Gottes, der den Weizen wachsen l\u00e4sst, auch wenn das Unkraut ihn schon \u00fcberwuchert zu haben scheint. Auf diese Treue k\u00f6nnen wir uns in Ruhe und Geduld verlassen. Am Ende werden wir wissen, dass dies der richtige Weg gewesen ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Professor Dr. Dietz Lange<br \/>\nPlatz der G\u00f6ttinger Sieben 2<br \/>\n37073 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel. 0551 \/ 75455<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. Sonntag nach Epiphanias | 6.2.2000 | Matth\u00e4us 13,24-30 |\u00a0Dietz Lange | &#8222;Das Unkraut mitwachsen lassen?&#8220;, St.Nikolai G\u00f6ttingen Liebe Gemeinde! Ein sonderbarer Landwirt ist das, der das Unkraut einfach mitwachsen l\u00e4sst. Das tat man nicht in Pal\u00e4stina damals. 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