{"id":2113,"date":"2020-03-11T11:16:58","date_gmt":"2020-03-11T10:16:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2113"},"modified":"2020-03-11T20:34:15","modified_gmt":"2020-03-11T19:34:15","slug":"der-riskante-blick-nach-vorn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-riskante-blick-nach-vorn\/","title":{"rendered":"Der riskante Blick nach vorn"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Luk. 9,57\u201362, verfasst von Dietz Lange |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jesus nachfolgen, davon reden die S\u00e4tze, die wir eben geh\u00f6rt haben. Nachfolgen, das klingt nicht besonders attraktiv. Man denkt da unwillk\u00fcrlich an Nachlaufen, Hinterherlaufen, Hinterherdackeln. Wir wollen doch eigenst\u00e4ndig sein, selbstverantwortlich. Als Deutsche haben wir die Hinterherl\u00e4ufer der Nazizeit, oder Mitl\u00e4ufer, wie sie in der Sprache der Fragebogen hie\u00dfen, noch in lebendiger Erinnerung. Zwar haben etliche von denen sich nur deswegen mit dem Regime arrangiert, weil es sie wirklich bedrohte, aber sehr viele waren auch blo\u00df Opportunisten: Man machte mit, um seine Karriere nicht zu gef\u00e4hrden \u2013 oder sogar in blinder Begeisterung, ohne genau hinzusehen.<\/p>\n<p>Nun ist aber Nachfolge Jesu nichts von alledem. Daran kann uns eine gro\u00dfe Gestalt aus der j\u00fcngeren Vergangenheit erinnern, Dietrich Bonhoeffer, der ein Buch mit dem Titel \u201eNachfolge\u201c geschrieben hat. Dieses Buch und erst recht das Leben dieses Mannes zeigen, dass Nachfolge Jesu und eigenst\u00e4ndige Verantwortung keinen Widerspruch bilden, sondern zusammengeh\u00f6ren. F\u00fcr ihn war solche Nachfolge das Gegenteil von Mitl\u00e4ufertum; sie war gleichbedeutend mit der Entscheidung, in den Widerstand gegen Hitler zu gehen und sein Leben zu riskieren.<\/p>\n<p>Man kann nat\u00fcrlich einwenden, dass wir, die Gemeinde von St. Marien heute morgen, uns nicht in so einer Extremsituation befinden wie Bonhoeffer damals. Trotzdem f\u00fchrt er uns n\u00e4her an das heran, was die Worte Jesu von damals auch f\u00fcr unsere so ganz andere Lage bedeuten.<\/p>\n<p>Drei ganz verschiedene Menschen lernen wir da kennen. Der erste geht von sich aus auf Jesus zu und bietet ihm seine Mitarbeit an: \u201eIch will dir bedingungslos folgen, wo immer du hingehst.\u201c Ihn stelle ich mir als einen noch ganz jungen Mann vor. Er hat Jesus zugeh\u00f6rt und ist hell begeistert von ihm. Jesus ist nicht einer von den trockenen alten Lehrern, bei denen man einschl\u00e4ft, auch keiner von den \u00fcbervorsichtigen Bedenkentr\u00e4gern, die keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, sondern jemand, der klare Kante zeigt und Tacheles redet. Wenn der junge Mann heute lebte, w\u00fcrde er Jesus als \u201etollen Typen\u201c bezeichnen, als jemanden, mit dem man die alte abgestandene Kirche mal so richtig aufmischen kann, dass sie wieder ordentlich in Schwung kommt. Ich finde diesen jungen Mann durchaus sympathisch, auch wenn er sich nat\u00fcrlich erstmal die H\u00f6rner ablaufen muss.<\/p>\n<p>Jesus aber l\u00e4sst sich nicht schmeicheln. Er will zwar dem jungen Mann sein Engagement nicht ausreden. Aber er muss ihm klar machen, dass \u00fcbersch\u00e4umende Begeisterung f\u00fcr ein Leben in seiner Nachfolge nicht ausreicht. Sein ruheloses Wanderleben ist kein Zuckerschlecken. Die F\u00fcchse haben ihre Gruben und die V\u00f6gel ihre Nester, in die sie sich zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. Er aber verzichtet auf eine feste Behausung und zieht von Dorf zu Dorf, um den Menschen Gott nahezubringen und Notleidenden zu helfen. Dabei lauert im Hintergrund immer Gefahr, sei es durch Stra\u00dfenr\u00e4uber, sei es durch die religi\u00f6sen Beh\u00f6rden, die seine Aktivit\u00e4ten mit Argwohn beobachten. Das trifft seine J\u00fcnger genauso wie ihn selber. Jugendliche Schw\u00e4rmerei ist da fehl am Platz. Das ist eine Arbeit f\u00fcr Erwachsene.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns heute ist Christsein zwar nicht mehr ein solches Wanderleben. Wir haben alle unsere Wohnungen und unsere Privatsph\u00e4re. Aber auch f\u00fcr uns bedeutet Christsein, wenn wir es ernstnehmen, dass wir uns exponieren. Wir leben in einer Welt, die genauso wenig wie damals rein christlich bestimmt ist. Wenn wir einem L\u00e4stermaul gegen\u00fcber f\u00fcr unseren Glauben einstehen, kann das schon mal unangenehm werden. Wenn wir offen gegen Neonazis und f\u00fcr die Aufnahme der an der griechisch-t\u00fcrkischen Grenze festsitzenden unbegleiteten Fl\u00fcchtlingskinder eintreten, kann es sogar gef\u00e4hrlich werden. Das haben wir in letzter Zeit ja erlebt. Ein Br\u00fcder-und-Schwestern-\u00c4rmelgef\u00fchl in einem gesch\u00fctzten Gemeindesaal tut\u2019s da nicht. Idealismus und Engagement helfen schon eher, keine Frage, aber nur wenn wir wissen, worauf wir uns damit einlassen.<\/p>\n<p>Der zweite Mensch, der uns in unserer Erz\u00e4hlung begegnet, wird von Jesus aufgefordert, ihm nachzufolgen. Er ist nicht abgeneigt, bittet aber darum, erst seinen Vater beerdigen zu d\u00fcrfen. Auch er nimmt uns f\u00fcr sich ein, denn er will nicht um einer religi\u00f6sen Aufgabe willen seine menschlichen Pflichten vernachl\u00e4ssigen. Es ist doch selbstverst\u00e4ndlich, dass er seinem Vater die letzte Ehre erweisen muss, auch um der Familie willen. Jesus aber weist ihn barsch zur\u00fcck: \u201eLass die Toten ihre Toten begraben!\u201c Tot hat dabei eine Doppelbedeutung. Jesus meint: Wer seine irdische Pflicht dem Ruf Gottes gegen\u00fcber vorzieht, der hat vor Gott sein Leben verwirkt, der ist so tot, als w\u00e4re er schon gestorben. Aber auch so ist das unglaublich hart, ja geradezu unverst\u00e4ndlich. Jesus hat doch sonst immer darauf gedrungen, dass tiefes Vertrauen zu Gott und menschliches Verhalten im Alltag sich gar nicht voneinander trennen lassen. Wie kann er dann pl\u00f6tzlich verlangen, dass dieser Mann, der ihm doch durchaus gewogen ist, seinem Vater die Trauerfeier verweigert?<\/p>\n<p>Aber mit dieser Frage haben wir die Sache noch nicht richtig verstanden. Das Haken ist das \u201eErstmal\u201c. Erst das Begr\u00e4bnis des Vaters, und dann \u2013 vielleicht \u2013 der gemeinsame Weg durch das Land mit Jesus. Wir Menschen haben eine tiefsitzende Neigung, notwendige aber unbequeme Anforderungen mit einem \u201eErstmal dies, erstmal das\u201c von uns wegzuschieben. Je besser die Ausrede, desto sicherer f\u00fchlen wir uns. Das f\u00e4ngt schon ganz fr\u00fch im Leben an. Wer kleine Kinder hat, der wei\u00df, wie das ist, wenn die Familie drauf und dran ist, die Oma zu besuchen, aber der kleine Junge quakt: \u201eMutti, ich will aber erst noch meinen Teddy zu Bett bringen.\u201c Das klingt nach vorbildlicher F\u00fcrsorglichkeit, bedeutet aber in Wirklichkeit, dass er keine Lust hat mitzukommen. Nun, Sie werden in solchen F\u00e4llen schon eine p\u00e4dagogisch kluge L\u00f6sung gefunden haben. Jesus in unserer Erz\u00e4hlung ist freilich \u00fcberhaupt nicht p\u00e4dagogisch; er hat es ja auch nicht mit einem Kind, sondern mit einem erwachsenen Menschen zu tun, und Gottes Auftrag f\u00fcr ein ganzes Leben ist wahrhaftig etwas Ernsteres als ein ganz normaler Besuch bei der Oma. Jesus durchschaut sein Gegen\u00fcber und macht ihm klar: Mit Gott wird nicht verhandelt und gefeilscht. Der besteht auf einer klaren Entscheidung.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ganz \u00e4hnlich ist der dritte Mann in unserer Geschichte. Jesus hat ihn wohl ebenfalls aufgefordert, mitzukommen, auch wenn das hier nicht erz\u00e4hlt wird. Er antwortet: \u201eIm Prinzip gerne, aber ich will mich vorher noch von meiner Familie verabschieden.\u201c Das ist nicht so dramatisch wie der Wunsch, seinen Vater zu beerdigen, aber ebenfalls durchaus verst\u00e4ndlich. Doch er weckt noch leichter als der andere den Verdacht, dass er sich damit eine Hintert\u00fcr offenhalten will. Er ahnt n\u00e4mlich, dass das Leben mit Jesus einen v\u00f6lligen Bruch mit seinen bisherigen Gewohnheiten bedeuten wird. Das l\u00e4sst ihn z\u00f6gern. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Einsicht, dass er eigentlich Jesus eine klare Antwort geben sollte, und dem Gedanken an die Gem\u00fctlichkeit zu Hause bei seinen Leuten. Jesus fertigt auch ihn schneidend scharf ab: \u201eWer seine Hand an den Pflug legt und blickt zur\u00fcck, der ist nicht geeignet f\u00fcr das Reich Gottes\u201c \u2013 oder einfacher: den kann Gott nicht gebrauchen. Auch wenn wir St\u00e4dter von Landwirtschaft zumeist nicht viel Ahnung haben, schon gar nicht von den Bauern von damals, so leuchtet uns dieses Bild vom Pfl\u00fcgen doch unmittelbar ein. Wer dabei nicht auf das Pferd \u2013 oder damals eher: den Ochsen \u2013 vor sich blickt, sondern nach hinten, der wird eine krumme Furche durch das Feld ziehen. Ein Gleichnis f\u00fcr ein verpfuschtes Leben. Da k\u00f6nnen wir uns nicht darauf herausreden, dass Gott auch auf krummen Linien gerade schreibt.<\/p>\n<p>Nun sind wir heute morgen hier im Gemeindesaal zu einem gro\u00dfen Teil Menschen, die nicht mehr sozusagen das ganze Feld des Lebens noch vor sich haben. Die Grundentscheidungen sind getroffen. Es kommt jetzt nur noch darauf an, unsere Sache anst\u00e4ndig zu einem guten Ende zu bringen, k\u00f6nnte man sagen. Aber auch in so einer Lebenssituation bleibt es wichtig, den Blick klar nach vorn auf das Ziel zu richten, auf das Reich Gottes, wie Jesus das ausgedr\u00fcckt hat, also auf Gott selbst, dem wir f\u00fcr unser Leben Rechenschaft schuldig sind. Der Satz: \u201eWer seine Hand an den Pflug legt und blickt zur\u00fcck, der ist f\u00fcr Gottes Reich nicht geeignet\u201c, gilt sogar den Alten unter uns ganz besonders. Da ich zu denen auch selbst geh\u00f6re, wei\u00df ich genau, wie gro\u00df f\u00fcr uns die Versuchung ist zu denken: \u201eAch ja, die gute alte Zeit. Da war alles so viel besser als heute mit dem Elektronikkram, den ich nicht mehr verstehe, und mit den politischen Extremisten, die mich anwidern. In meiner Jugend, gleich nach dem Krieg, da war die Kirche nochmal richtig lebendig, aber heute?\u201c Nein, liebe Gemeinde, da w\u00fcrde Jesus auch uns Alte aufscheuchen. Denn damit ziehen wir uns genauso aus der Aff\u00e4re wie der junge Mann am Anfang, der sich auf seine jugendliche Begeisterung verlie\u00df und f\u00fcr die Folgen seiner Entscheidung Scheuklappen vor den Augen hatte. Aus der Vergangenheit kann man zwar viel lernen, nicht zuletzt dies, dass wir nicht fr\u00fchere Fehler wiederholen. Aber als R\u00fcckzugsort eignet sie sich nicht. Das Gerede von der guten alten Zeit ist ein Ammenm\u00e4rchen. Auch wir Alten m\u00fcssen den Blick nach vorne richten, auf das, was Gott von uns noch erwartet, auch wenn die Wegstrecke, die vor uns liegt, vielleicht nur noch kurz ist.<\/p>\n<p>Nun geht es allerdings Jesus, wenn er zu uns vom Reich Gottes redet, nicht nur um das, was wir darin zu tun haben. Denn die Grundlage daf\u00fcr ist ja, dass Gott durch ihn selber auf uns zukommt. Gottes Herrschaft ist gr\u00f6\u00dfer als alles, was wir Menschen mit Begeisterung und jugendlichem Schwung oder auch mit Altersweisheit zustande bringen k\u00f6nnen. Sie bringt uns die Hoffnung auf eine Gemeinschaft mit Gott, die \u00fcber den Tod hinausgeht und darum auch unseren Abschied von unseren Toten hinter sich l\u00e4sst. Sie ist unendlich viel tiefer als selbst die gl\u00fccklichste Geborgenheit in einer intakten Familie. Sie ermutigt uns, im Namen Jesu unseren privaten Kreis und auch den Schutzraum unserer Gemeinde zu \u00fcberschreiten und ohne Angst in seinem Namen zu wirken, wo er uns auch hinschickt. Das setzt die scharfen Worte Jesu nicht au\u00dfer Kraft. Aber erst vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen wir sie so verstehen, wie sie gemeint sind. Bei allem Ernst seiner Anforderungen an unsere Lebensf\u00fchrung: Gott l\u00e4sst uns damit nicht im Regen stehen. Darauf k\u00f6nnen wir uns verlassen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Dietz Lange<\/p>\n<p>G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>e-mail: dietzclange@online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Luk. 9,57\u201362, verfasst von Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Jesus nachfolgen, davon reden die S\u00e4tze, die wir eben geh\u00f6rt haben. Nachfolgen, das klingt nicht besonders attraktiv. Man denkt da unwillk\u00fcrlich an Nachlaufen, Hinterherlaufen, Hinterherdackeln. 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