{"id":21131,"date":"2000-02-20T14:39:42","date_gmt":"2000-02-20T13:39:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21131"},"modified":"2025-03-14T14:41:06","modified_gmt":"2025-03-14T13:41:06","slug":"jeremia-922-23-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-922-23-6\/","title":{"rendered":"Jeremia 9,22-23"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">3. Sonntag vor der Passionszeit<\/span><br \/>\n<b>20.2.2000<br \/>\nJeremia 9,22-23<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Peter Kusenberg<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>es gibt Dinge im Leben, auf die ein Mensch stolz sein kann: dazu geh\u00f6ren insbesondere Leistungen, Erfolge und Verdienste. Stolz sein kann ich vor allem dann, wenn auch andere Menschen der Ansicht sind, dass ich etwas Besonderes darstelle oder kann. Wenn jemand mich mit den Worten lobt: \u201eDarauf kannst du aber stolz sein\u201c, dann dr\u00fcckt das aus, dass er oder sie anerkennt, was ich kann oder leiste.<\/p>\n<p>Auf solche Anerkennung ist jeder Mensch angewiesen. Nicht nur, weil manche Leistungen unerl\u00e4sslich sind f\u00fcr berufliches Fortkommen, z.B. Pr\u00fcfungen, Zeugnisse oder Examen \u2013 auch im Privaten oder im Vereinsleben hebt Anerkennung das Gef\u00fchl, etwas wert zu sein. Menschen, denen Anerkennung versagt bleibt, die nichts haben, worauf sie stolz sein k\u00f6nnen, werden krank \u2013 an der Seele und nicht selten auch k\u00f6rperlich.<\/p>\n<p>Von Dingen, die stolz machen, von Eigenschaften, die Anerkennung bringen, ist im heutigen Predigttext die Rede: \u201eSo spricht der Herr: ein Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke, ein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums! Sondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne.\u201c<\/p>\n<p>Lassen Sie sich nicht st\u00f6ren von dem Ausdruck \u201esich r\u00fchmen\u201c: sich einer Sache r\u00fchmen, hat nichts mit Angeberei oder Aufschneiderei zu tun \u2013 im Gegenteil, die etwas aus der Mode gekommene Formulierung sagt genau das, wovon bisher die Rede war: wer sich einer Tatsache oder Eigenschaft \u201er\u00fchmt\u201c, kann mit Fug und Recht darauf stolz sein, sich etwas darauf einbilden.<\/p>\n<p>Nun sagt aber der Predigttext das Gegenteil: man solle sich nichts einbilden. Und drei Beispiele sind genannt, auf die sich viele Menschen aus gutem Grund eine Menge einbilden und stolz ihre Leistungen vorweisen: Bildung, Macht und Geld. Aber nun h\u00f6re ich, der Gebildete soll sich nichts auf sein Wissen einbilden, der Einflussreiche soll nicht stolz auf seine Macht sein, und gut zu verdienen sei kein Grund f\u00fcr Anerkennung. \u2013 Nur wer klug sei, Gottes Willen zu erkennen, habe das Recht, stolz zu sein.<\/p>\n<p>Ein hartes Wort, das Gott dem Jeremia zu predigen gibt: all das, was Menschen so gern zu erreichen suchen \u2013 das war schon damals so \u2013 und worauf sie stolz sind, wenn sie es erreicht haben, all das wird hier beiseite getan. Kein Grund, auf Wissen, Einfluss oder Besitz stolz zu sein.<\/p>\n<p>Ein hartes Wort, widerspricht es doch der allgemeinen Lebenserfahrung. Wissen hilft weiter, ob im Beruf oder privat. Autorit\u00e4t und Einfluss verm\u00f6gen Dinge in die gew\u00fcnschte Richtung zu lenken, und Wohlstand erlaubt mehr an Freizeit, an Besitz, an Lebensqualit\u00e4t. Warum sich also nicht freuen, nicht stolz sein auf das, was ich bin, was ich habe, was ich kann?<\/p>\n<p>Ist dies unbequeme Wort also wieder einmal so ein erhobener Zeigefinger saurer Moral, wie Kritiker sagen w\u00fcrden? Wieder einmal \u201etypisch Kirche\u201c? Wollte Jeremia seinen Zeitgenossen die Lust am Leben, am Erfolg schlecht machen?<\/p>\n<p>Ich glaube das nicht. Jeremia war n\u00e4mlich ein Priestersohn, und er kannte sich deshalb in den \u00dcberlieferungen der Geschichte Gottes mit seinem erw\u00e4hlten Volk aus. Er sah, wie sehr die Menschen seiner Zeit das Bewusstsein ihrer pers\u00f6nlichen Beziehung und Verantwortung Gott gegen\u00fcber verloren hatten \u2013 verglichen mit fr\u00fcheren Epochen lebendigeren Glaubens.<\/p>\n<p>Jeremia sieht es als seine Aufgabe, die Leute aufzur\u00fctteln, ihnen den Spiegel ihrer Selbstzufriedenheit vorzuhalten. Euer Glaube ist totes Ritual, wenn ihr im Tempel eure Fr\u00f6mmigkeit zur Schau stellt, eure Almosen gebt, und ansonsten meint, f\u00fcr Gott seien die Priester zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>\u201eWer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne: dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit \u00fcbt auf Erden; denn solches gef\u00e4llt mir, spricht der Herr.\u201c In Jeremias Worten kommt zum Ausdruck, dass Gott der Ma\u00dfstab des Lebens ist. Und mit einem Mal wird deutlich, dass es ihm gar nicht darum geht, die in den voran gegangenen S\u00e4tzen erw\u00e4hnten Werte wie Bildung, Einfluss und Besitz als schlecht zu verwerfen, sondern sie in der richtigen Reihenfolge zu sehen.<\/p>\n<p>Wissen, Macht, Reichtum \u2013 sch\u00f6n und gut, sagt Jeremia. Aber das z\u00e4hlt nicht von selbst. Sondern was ihr damit anstellt, darauf kommt es an. Wie jede und jeder einzelne von euch die Gaben gebraucht: lasst ihr andere Menschen Teil haben daran, oder sind sie f\u00fcr euch Mittel, euch \u00fcber die anderen zu erheben?<\/p>\n<p>Wer sein Wissen nur darauf verwendet, die eigenen Vorteile zu suchen, hat keinen Grund, stolz auf dies Wissen zu sein. Wer seine Machtposition immer weiter ausbaut, um die anderen unten zu halten, braucht sich nichts auf seine St\u00e4rke einzubilden. Und an einer r\u00fccksichtslosen Vermehrung des eigenen Reichtums ist nichts R\u00fchmliches.<\/p>\n<p>Ich kenne ein russisches M\u00e4rchen: Darin hat ein reicher Mann, der zeitlebens hartn\u00e4ckig auf seinem Geld gesessen hat, seinen Dienern befohlen, ihm nach seinem Tod eine gro\u00dfe Summe Geld in den Sarg zu legen, damit er f\u00fcr das Leben im Jenseits ger\u00fcstet sei. Der reiche Mann stirbt, die Diener tun wie befohlen, und als der Reiche im Himmel anlangt, sieht er eine Tafel sch\u00f6nster Speisen.<\/p>\n<p>Er fragt: \u201eWas kostet eine Mahlzeit hier?\u201c \u2013 \u201eEinen Pfennig\u201c, erh\u00e4lt er zur Antwort. \u2013 \u201eWie billig\u201c, denkt er und begl\u00fcckw\u00fcnscht sich im Stillen zu seiner klugen Voraussicht, nicht mittellos ins Jenseits gekommen zu sein. Doch als er eine M\u00fcnze zum Bezahlen z\u00fcckt, erlebt der reiche Mann eine b\u00f6se \u00dcberraschung: \u201eDies Geld hat hier keine G\u00fcltigkeit\u201c, wird ihm nach einem pr\u00fcfenden Blick auf die M\u00fcnze erkl\u00e4rt. \u201eWir nehmen hier nicht das Geld, das du besitzt, sondern das, was du verschenkt hast. Hast du solches Geld?\u201c Da senkte der Reiche die Augen. Solches Geld hatte er nicht.<\/p>\n<p>\u201eEin Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke, ein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums! Sondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, spricht der Herr.\u201c<\/p>\n<p>Das Wesentliche in diesen Worten \u2013 so viel habe ich jetzt verstanden \u2013 ist nicht eine Bewertung von Gelehrsamkeit, Einfluss oder Finanzkraft \u2013 und die Liste l\u00e4sst sich ja noch beliebig fortsetzen \u2013, sondern der Gedanke: Gott hat ein Interesse daran, wie ich solche G\u00fcter verwende. Sind sie nur Selbstzweck, so mag ich mich meinetwegen stolz f\u00fchlen oder den Neid anderer auskosten, Gottes Anspruch aber werde ich nicht gerecht.<\/p>\n<p>Gott erwartet Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Die k\u00f6nnen nur Gestalt annehmen, wo Egoismus und Ellenbogen-Mentalit\u00e4t weichen, wo mein Blickfeld nicht beschr\u00e4nkt ist auf das eigene Wohlergehen (und vielleicht noch das derjenigen, die mir nahe stehen).<\/p>\n<p>Helfen kann mir dazu folgender Gedanke: wie selbstverst\u00e4ndlich sind mir die Dinge meines Alltags, das, was ich besitze, woran ich mich freue? Ist es nicht so, dass manchmal erst eine berufliche Krise, eine Krankheit oder ein Unfall, oder das Zerbrechen einer Liebesbeziehung mir auf harte Weise klar macht, auf welch d\u00fcnnem Eis sich meine scheinbar sichere Existenz bewegt?<\/p>\n<p>Wie vielen Zuf\u00e4llen oder gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden verdanke ich im Grunde mein geborgenes und ruhiges Dasein? Meine gro\u00dfen und kleinen Besitzt\u00fcmer \u2013 sehe ich sie als etwas, worauf ich ein Anrecht habe, oder als Geschenke? Dass ich lebe \u2013 ist es mein Verdienst?<\/p>\n<p>Ich denke, es ist deutlich geworden, dass Gott nicht von mir erwartet, dass ich mich sch\u00e4me, weil ich etwas besser kann als andere, vielleicht mehr zu sagen habe als andere oder mir mehr leisten kann. Aber einen Grund, stolz darauf zu sein, habe ich erst dann, wenn ich nicht vergesse, von wem es kommt: von Menschen, die mich gro\u00dfgezogen haben, mir ihre Liebe schenken und ihre Erfahrungen vermitteln \u2013 und von Gott, der mich mitten unter diese Menschen gestellt hat.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">peter.kusenberg@kirche-erbsen.de <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000220.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag vor der Passionszeit 20.2.2000 Jeremia 9,22-23 Peter Kusenberg Liebe Gemeinde, es gibt Dinge im Leben, auf die ein Mensch stolz sein kann: dazu geh\u00f6ren insbesondere Leistungen, Erfolge und Verdienste. 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