{"id":21135,"date":"2000-02-27T14:42:22","date_gmt":"2000-02-27T13:42:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21135"},"modified":"2025-03-14T14:44:09","modified_gmt":"2025-03-14T13:44:09","slug":"2-korinther-1118-23b-30-12-1-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-1118-23b-30-12-1-10-2\/","title":{"rendered":"2. Korinther (11,18.23b-30); 12, 1-10"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">2. Sonntag vor der Passionszeit<\/span><br \/>\n<b>27.2.2000<br \/>\n2. Korinther (11,18.23b-30); 12, 1-10 <\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Petra Schulz<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Als sie sich verabschiedeten,<br \/>\nda sagte der Mann noch an der T\u00fcr:<br \/>\n\u201eWissen Sie, ich bin selber stark, ich brauche keinen Gott.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau schloss die T\u00fcr.<br \/>\nSie f\u00fchlte sich klein und unverstanden und jetzt noch unsicherer als vorher.<br \/>\nF\u00fcr den Heimweg brauchte die Frau eine knappe Stunde.<br \/>\nSie ging lieber zu Fu\u00df.<br \/>\nDie Stra\u00dfenbahnen waren zu dieser Zeit eher \u00fcberf\u00fcllt und sie ha\u00dfte dieses enge Gedr\u00e4nge, dieses Schieben in den G\u00e4ngen, die schlechte Luft.<br \/>\nEs hatte aufgeh\u00f6rt zu regnen. Die Luft roch gut.<br \/>\nDennoch ging die Frau schneller. Sie f\u00fchlte sich unbehaglich, allein zwischen den vielen Menschen, die an ihr vor\u00fcber hasteten auf dem Weg von der Arbeit nach Hause.<br \/>\nSie f\u00fchlte sich allein und bekam Angst; nicht so richtig Angst vor etwas Konkretem, sondern eher so allgemein, so eine Art diffuser Lebensangst.<\/p>\n<p>Als sie endlich zu Hause war und die T\u00fcr hinter sich zu machte, f\u00fchlte sie sich erleichtert.<br \/>\nSie kochte sich eine Tasse Kaffee. Sie holte ihr Tagebuch und setzte sich an den Tisch.<br \/>\n\u00b4Wissen Sie, ich bin selber stark`, hatte der Mann gesagt, \u00b4ich brauche keinen Gott`.<\/p>\n<p>Sie schrieb alles auf, was auf dem Heimweg passiert war. Eigentlich war ja gar nichts passiert. Sie war einfach nur heimgegangen.<br \/>\nWie sch\u00f6n w\u00e4re es gewesen, wenn jemand neben ihr gelaufen w\u00e4re, jemand, mit mit dem sie ihre Gedanken, ihre Gef\u00fchle h\u00e4tte teilen k\u00f6nnen. Jemand, der ihr vielleicht den Arm um die Schulter gelegt und gesagt h\u00e4tte: Du, es ist doch alles gut.<br \/>\nW\u00e4hrend sie schrieb, wurde ihr besser. Das war ja ein bisschen so wie ein Gespr\u00e4ch mit einem anderen, der einen versteht.<br \/>\nFr\u00fcher hatte sie solche Gedanken ihrer Puppe anvertraut, die h\u00f6rte zu und verstand auch alles. Und manchmal gab sie sogar einen Rat. Nicht, dass sie wirklich sprach, aber wenn sie genau hinh\u00f6rte, dann wu\u00dfte sie, was die Puppe sagen wollte. Ohne die Puppe w\u00e4re sie ziemlich allein gewesen.<br \/>\nWer hatte da eigentlich zugeh\u00f6rt?<br \/>\nDie Puppe konnte ja in Wirklichkeit gar nicht h\u00f6ren, das wu\u00dfte sie heute, und sprechen schon gar nicht.<br \/>\nWar es ihre Phantasie gewesen oder ihre W\u00fcnsche und Hoffnungen?<br \/>\nAber manchmal hatte die Puppe auch Dinge gesagt, die ihr gar nicht gefielen, und wo sie doch gleichzeitig sp\u00fcrte, dass die Puppe zutiefst Recht hatte.<br \/>\nOder war es das Unterbewu\u00dftsein gewesen, das sich da bemerkbar machte?<br \/>\nDie Frau war unsicher. Die Puppe war es damals, und heute das Tagebuch.<br \/>\nSie h\u00f6rte da mehr als ihre eigene Stimme, ihre eigenen Gedanken. Es wie wie das Gespr\u00e4ch mit einem Gegen\u00fcber, wie das Gespr\u00e4ch mit einem Du, das aber irgendwie ganz unkonkret war, und doch gleichzeitig viel ehrlicher, viel klarer als sie selbst.<\/p>\n<p>Sie dachte wieder an die Worte des Mannes: \u00b4Wissen Sie, ich bin selber stark,` hatte er gesagt, \u00b4ich brauchte keine Gott`.<\/p>\n<p>War dieses Gegen\u00fcber, dieses Du, mit dem sie sich im Gespr\u00e4ch f\u00fchlte, nun sie selber, war sie selber stark? Oder war es irgendetwas anderes, so etwas wie Gott, wobei sie sich auch nicht so genau etwas unter Gott vorstellen konnte. Oder war Gott nur ein anderes Wort f\u00fcr ihre eigene innere Stimme, wenn sie ganz ehrlich sprach?<br \/>\nDie Frau wu\u00dfte es nicht.<br \/>\nAuf jeden Fall ging es ihr jetzt besser, sie f\u00fchlte sich wieder innerlich getragen und ruhig, ja, eigentlich stark.<\/p>\n<p>Die Frau blieb noch lange am Tisch sitzen. Irgendwann holte sie Papier und Umschl\u00e4ge und schrieb zwei Briefe. Die adressierte sie an ihre besten Freundinnen. In jedem Brief stand die gleiche Frage: \u00b4Brauchst du einen Gott oder bist du selber stark?`<\/p>\n<p>Die Antworten, die sie kurze Zeit sp\u00e4ter bekam, fielen anders aus, als sie gehofft hatte. Sie waren irgendwie nicht klar, kein klares Ja, kein klares Nein.<br \/>\nDie Freundinnen erz\u00e4hlen vielmehr Begebenheiten aus ihrem Leben.<br \/>\n\u201eEs war,\u201c schrieb die erste, \u201eals ich durch die Pr\u00fcfung gefallen war. Das Gespr\u00e4ch mit dem Pr\u00fcfungsamt machte mir deutlich: So, wie ich mir Zukunft vorgestellt hatte, w\u00fcrde sie nicht mehr m\u00f6glich sein. Ich sa\u00df wie in einem tiefen, dunklen Loch. Auf mir lastete eine Tonne schwerer Steine. Aber an einer Stelle war ein kleiner Spalt in dem Loch. Durch diesen hindurch sah ich weit hinten meine Freunde, meine Familie, eigentlich all das,was mir bisher wichtig in meinem Leben gewesen ist. Das \u00f6ffnete sich pl\u00f6tzlich vor mir. Und ich sp\u00fcrte, wenn ich da zugreife, zupacke, dann zieht mich das aus dem Loch. Aber ich mu\u00df mich auch ein St\u00fcck hinbewegen, dann kann es gelingen. Da wurde irgendetwas in mir stark, so dass es gelang, so dass das gelang, was vorher auch durch gutes Zureden nicht gelang.<br \/>\nAber ob das nun Gott war oder ob ich das selber war, das wei\u00df ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau war entt\u00e4uscht. Sie hatte sich eigentlich eine klare Antwort gew\u00fcnscht. Irgendwie hatte sie das Gef\u00fchl, nicht viel weiter gekommen zu sein.<br \/>\nAls der zweite Brief eintraf, war ihre Erwartung gestiegen. Sie las:<\/p>\n<p>\u201eDu stellst eine eigenartige Alternative auf. Selber stark sein oder Gott brauchen. Ob ich Gott brauche, wei\u00df ich nicht: ich wei\u00df auch gar nicht genau, ob es ihn \u00fcberhaupt gibt. Aber ich brauche andere Menschen. Menschen, die sich dem Leben unverstellt \u00f6ffnen; die das Leben nicht auf das Freudige, Sch\u00f6ne oder das H\u00e4\u00dfliche, Leidvolle festlegen. Die Begegnung mit solchen Menschen wirkt auf mich rettend und helfend. Vielleicht sind diese Menschen zu solch einer Weite nur deshalb in der Lage, weil sie selbst einem Menschen begegnet sind, der diese innere Weite aush\u00e4lt, der nicht ungute Erfahrungen zukleistern mu\u00df oder sich vor sich selbst oder anderen verstecken mu\u00df. Die Begegnung mit solchen Menchen l\u00e4\u00dft in mir Sicherheit und Vertrauen wachsen. Vielleicht wirkt hier Gott? Vielleicht aber auch nicht. Aber nur selber stark sein, das haut nicht hin in meinem Leben.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau \u00fcberlegte, welche Schl\u00fcsse sie nun f\u00fcr ihre Frage aus diesen Antworten ziehen sollte. Letztlich war alles nach wie vor offen.<\/p>\n<p>Wochen sp\u00e4ter traf sie den Mann wieder, dessen Worte sie so sehr bewegt hatten.<br \/>\nDer Mann sah schlecht aus.<br \/>\nSein Sohn war schwer erkrankt. Er hatte f\u00fcnf Monate im Krankenhaus gelegen; jetzt ging es ihm etwas besser, doch die \u00c4rzte r\u00e4tselten immer noch \u00fcber die Art der Erkrankung.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte von dem Sohn, den er nach der Scheidung zu sich genommen hatte. Er erz\u00e4hlte von den Problemen, von den schweren und den sch\u00f6nen Zeiten, die die beiden miteinander gehabt hatten. Er erz\u00e4hlte von den Hoffnungen, die er auf ihn gesetzt hatte.<br \/>\n\u201eJetzt bin ich so m\u00fcde,\u201c sagte der Mann, \u201eirgendetwas in mir ist furchbar m\u00fcde. Ich wei\u00df nicht, was wird. Morgen kommen die neuen Laborergebnisse; ich f\u00fcrchte mich etwas davor.\u201c<br \/>\nDie Frau nickte.<br \/>\n\u201eMorgen kommen die neuen Laborergebnisse,\u201c wiederholte der Mann.<br \/>\nDie Frau ging zur T\u00fcr. \u201eSoll ich mich morgen Nachmittag noch einmal melden?\u201c, fragte die Frau.<br \/>\n\u201eNein, das ist wirklich nicht n\u00f6tig,\u201c sagte der Mann, \u201eich komme schon allein klar.\u201c<br \/>\n\u201eAch,\u201c sagte die Frau, \u201evielleicht ergibt es sich doch, dass ich kurz vorbeigucke.\u201c<br \/>\nSie sah den Mann an. Ein erleichtertes L\u00e4cheln huschte \u00fcber sein Gesicht.<\/p>\n<p>Wie immer ging die Frau zu Fu\u00df nach Hause.<br \/>\nWie hatte er damals gesagt? \u201eWissen Sie,ich bin selber stark, ich brauche keinen Gott.\u201c<br \/>\nDie Frau erinnerte sich an den Brief ihrer Freundin.<br \/>\n\u201eOb ich Gott brauche, wei\u00df ich nicht: ich wei\u00df auch gar nicht genau, ob es ihn \u00fcberhaupt gibt. Aber ich brauche andere Menschen. Die Begegnung mit solchen Menschen wirkt auf mich rettend und helfend. Vielleicht wirkt hier Gott? Vielleicht aber auch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau ging heim. Es hatte aufgeh\u00f6rt zu regnen. Die Luft roch gut.<br \/>\nEin tiefes Gl\u00fccksgef\u00fchl breitete sich in ihr aus. Amen.<\/p>\n<p>(Die f\u00fcr die Briefe der Freundinnen verwendeten Texte wurden im Rahmen eines Seminars \u201eReligi\u00f6se Elemente in Kultur und Politik\u201c (WS 1999\/2000) von Studierenden (Religionsp\u00e4dagogin und Theologe) der Theologischen Fakult\u00e4t Rostock verfa\u00dft. Im Zuge der Einarbeitung in die Predigt wurden sie inhaltlich leicht modifiziert bzw. gek\u00fcrzt.)<\/p>\n<p>Dr. Petra Schulz<br \/>\nUniversit\u00e4t Rostock<br \/>\nTheologische Fakult\u00e4t<br \/>\nSchr\u00f6derplatz 3\/ 4<br \/>\n18055 Rostock<br \/>\n<a href=\"mailto:petra.schulz@theologie.uni-rostock.de\">e-mail: petra.schulz@theologie.uni-rostock.de <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000227-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag vor der Passionszeit 27.2.2000 2. 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