{"id":21144,"date":"2000-03-12T14:51:39","date_gmt":"2000-03-12T13:51:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21144"},"modified":"2025-04-17T10:38:13","modified_gmt":"2025-04-17T08:38:13","slug":"2-korinther-6-1-10-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-6-1-10-7\/","title":{"rendered":"2. Korinther 6, 1-10"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">Invokavit | 12.3.2000 | 2. Korinther 6,1-10 | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Andrea Bieler |<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Gemeinde Jesu Christi ist eine Konfliktgemeinschaft. Wir wollen das oft nicht wahrhaben, decken Spannungen, die im Raume stehen, zu und fl\u00fcchten uns in oberfl\u00e4chliche H\u00f6flichkeitsrituale und Harmonies\u00fcchte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Briefe des Paulus an die Gemeinde in Korinth sind voll von Konflikten. Sie spiegeln allerdings kaum dieses \u201aIch will gar nicht genau hinsehen, was uns von einander trennt\u2018 wider.<\/p>\n<p align=\"justify\">Kein Wunder, Korinth ist eine Stadt am Meer, eine Handelsmetropole, die Menschen aus aller Welt zusammen kommen l\u00e4\u00dft. Unterschiedlichste Kulturen und Weltanschauungen prallen hier aufeinander. Das Hafenviertel ist verrufen. \u00dcber tausend geweihte Huren dienen am Tempel der Aphrodite. Die sozialen Gegens\u00e4tze zwischen Armen und Reichen sind explosiv.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch die Umgangsformen in der Gemeinde waren wohl nicht besonders sittsam. Paulus sieht sich gen\u00f6tigt, einen \u201aTr\u00e4nenbrief\u2018 zu verfassen, er schreibt in gro\u00dfer Tr\u00fcbsal und Angst (2,4). Er m\u00fcht sich ab mit Gliedern der Gemeinde, die meinen, den Weg der Erkenntnis f\u00fcr sich gepachtet zu haben. Wie man z.B. den eigenen irdischen K\u00f6rper schon jetzt verlassen und den Begrenzungen der irdischen Welt entfliehen k\u00f6nne; dar\u00fcber scheinen sie genau Bescheid zu wissen. Die kosmische Heilsgemeinde der schon jetzt Erl\u00f6sten, sie fordert ein Imponiergehabe, in der Schw\u00e4chlinge keinen Platz haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Paulus k\u00e4mpft dar\u00fcber hinaus mit entt\u00e4uschten Erwartungen, mit Mi\u00dftrauen \u00fcber nicht eingehaltene Versprechen. Auch steht er sich selbst manchmal mit der eigenen Person im Weg: Dieser kr\u00e4nkelnde Mann, kaum begabt mit rhetorischer Geschicklichkeit, von seinen Gegnern als Schw\u00e4chling angesehen. Dieser Mann stimmt ein Loblied \u00fcber das an, was sein Herz weit gemacht hat:<\/p>\n<p align=\"justify\">2. Kor 6, 1-10:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, da\u00df ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.<\/li>\n<li>Denn er spricht (Jesaja 49,8): \u201aIch habe dich zur Zeit der Gnade erh\u00f6rt und habe dir am Tage des Heils geholfen.\u2018 Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!<\/li>\n<li>Und wir geben in nichts irgendeinen Ansto\u00df, damit unser Amt nicht verl\u00e4stert werde;<\/li>\n<li>sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes; in gro\u00dfer Geduld, in Tr\u00fcbsalen, in N\u00f6ten, in \u00c4ngsten,<\/li>\n<li>in Schl\u00e4gen, in Gef\u00e4ngnissen, in Verfolgungen, in M\u00fchen, im Wachen, im Fasten,<\/li>\n<li>in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungef\u00e4rbter Liebe,<\/li>\n<li>in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,<\/li>\n<li>in Ehre und Schande; in b\u00f6sen Ger\u00fcchten und guten Ger\u00fcchten, als Verf\u00fchrer und doch wahrhaftig;<\/li>\n<li>als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gez\u00fcchtigten, und doch nicht get\u00f6tet;<\/li>\n<li>als die Traurigen, aber allezeit fr\u00f6hlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.<\/li>\n<li>O ihr Korinther, unser Mund hat sich euch gegen\u00fcber aufgetan, unser Herz ist weit geworden.<\/li>\n<\/ol>\n<p align=\"justify\">Dies ist ein Loblied darauf, dass EINER das Herz weit gemacht hat und den Mund ge\u00f6ffnet hat. Ein weites Herz \u2013 trotz all dieser Spannungen und Konflikte, der Verleumdungen, Verfolgungen und auch trotz der eigenen Begrenzungen und Schw\u00e4chen. Ein weites Herz zu haben, trotz b\u00f6ser Ger\u00fcchte und Tr\u00fcbsal, trotz Verf\u00fchrungen, Traurigkeiten, und Schlaflosigkeiten. Wenn es eigentlich eng um einen wird, weil die Angriffe gegen die eigene Person und die Sache, um die es geht, miteinander vermischt werden und der Herzmuskel, dieses verletzliche Organ, sich verkrampfen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein weites Herz, das \u00fcberflie\u00dft, das den Feinden nicht ausweicht und trotzdem nicht dicht macht. Ein weites Herz, das die N\u00fcchternheit gegen\u00fcber den eigenen Schw\u00e4chen zul\u00e4\u00dft und keine Illusionen \u00fcber die selbst erarbeitete Leistungsf\u00e4higkeit mehr ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wie ist das m\u00f6glich?<\/p>\n<p align=\"justify\">Paulus sagt: \u201eSiehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils\u2018. Immer wieder \u00fcbersetzt er diese Worte der Verwandlung &#8211; nicht als ein blo\u00dfes Dogma, sondern als einen Satz, der ihn leben l\u00e4\u00dft. Es ist diese Kraft Gottes, die in sein Herz einstr\u00f6mt. Es ist die gn\u00e4dige Liebe Gottes, die ihn bedr\u00e4ngt, die Gegner nicht aufzugeben und auch den Zorn nicht zu verdr\u00e4ngen im Hinblick auf die schier unertr\u00e4glichen Konflikte. \u201aGott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber &#8230;. und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung (2 Kor 5, 19).\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Aus diesem Wort str\u00f6mt eine unb\u00e4ndige Kraft, die selbst aus dem Gef\u00e4ngnis heraus, die Welt mit anderen Augen ansehen l\u00e4\u00dft. Und dies ist m\u00f6glich, obwohl wir erst im Glauben leben und noch nicht im Schauen. Das Wort von der Vers\u00f6hnung macht das Herz weit, es ist eine Kraft, die auch uns die Welt mit neuen Augen sehen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Vor zwei Jahren lief im Kino der Film \u201aDas Leben ist sch\u00f6n\u2018 des italienischen Regisseurs und Schauspielers Roberto Benigni. Dieser gewagte Film hat mich sehr bewegt. Er erz\u00e4hlt auch eine Geschichte vom Umdeuten dessen, was wir sehen, von der Kraft des Glaubens, die Leben erm\u00f6glicht, vom Sterben, und siehe, wir leben, von den Gez\u00fcchtigten und doch nicht Get\u00f6teten. Die Geschichte geht so:<\/p>\n<p align=\"justify\">Italien, es ist das Jahr 1939. Guido ist Halbjude und lebt mit Frau und Kind in einem kleinen Dorf. Er ist ein Witzbold, eine tragisch-komische Gestalt, der das Leben seiner Frau und seines Sohnes durch seine Clownereien vers\u00fc\u00dft. Doch dann werden er und seine Familie in ein Konzentrationslager deportiert. Um dem Kind zu helfen, am Ort des Todesschreckens weiter leben zu k\u00f6nnen, erz\u00e4hlt er ihm, es \u201ahandele sich nur um ein Spiel\u2018. Die Regeln dieses gewagten Spieles sind sehr streng: So befiehlt der Vater dem Sohn: \u201eDu kannst alle deine Punkte verlieren, wenn du folgendes tust:<i><\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">1. Wenn du weinst.<i><\/i><br \/>\n2. Wenn du fragst, da\u00df du deine Mutter sehen willst.<i><\/i><br \/>\n3. Wenn du hungrig bist und nach Essen fragst.<i><\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Vergiss es !\u201c<i><\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Der Gewinn dieses Spiels, so verspricht der Vater dem Sohn, sei ein echter Panzer, und man m\u00fcsse daf\u00fcr Punkte sammeln, dadurch das er den Anweisungen der \u201aSpielleiter\u2018 gehorche. So verhilft der Vater dem Sohn, die Situation zu meistern. Der Sohn l\u00e4\u00dft sich auf das Spiel ein und lernt im Inferno des Konzentrationslagers eine neue M\u00f6glichkeit, das Leben zu sehen, so da\u00df durch den Schrecken der Vernichtung sogar der grotesk anmutende Satz m\u00f6glich wird: \u201aDas Leben ist sch\u00f6n.\u2018<\/p>\n<p align=\"justify\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alleVernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\"><b>Dr. Andrea Bieler<br \/>\nTheologisches Stift<br \/>\nGeiststr. 9<br \/>\n37073 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:abieler@gwdg.de\">e-mail: abieler@gwdg.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit | 12.3.2000 | 2. Korinther 6,1-10 | Andrea Bieler | Liebe Schwestern und Br\u00fcder! Die Gemeinde Jesu Christi ist eine Konfliktgemeinschaft. 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