{"id":21146,"date":"2000-03-10T14:53:14","date_gmt":"2000-03-10T13:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21146"},"modified":"2025-04-23T09:27:33","modified_gmt":"2025-04-23T07:27:33","slug":"lukas-2334-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2334-2\/","title":{"rendered":"Lukas 23,34"},"content":{"rendered":"<h3>Worte vom Kreuz \u2013 Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit | Invokavit | 12.3.2000 | Lukas 23,34 | <span style=\"font-family: Arial;\">Hans-Theodor Goebel |<\/span><\/h3>\n<p>Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! (Luk 23,34a)<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Wer sagt das?<br \/>\nDer Mensch, den sie gerade gekreuzigt haben an dem Ort, der Sch\u00e4delst\u00e4tte hei\u00dft.<br \/>\n<i>Dort kreuzigten sie ihn und die \u00dcbelt\u00e4ter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. <\/i><\/p>\n<p><i>Vater, vergib ihnen&#8230;! <\/i>&#8211; sagt der in der Mitte. Das ist sein erstes Wort am Kreuz.<\/p>\n<p>Wer sind die, denen vergeben werden soll?<br \/>\nDie ihn ans Kreuz schlugen.<br \/>\nDie Soldaten vom r\u00f6mischen Hinrichtungskommando, die Befehlsempf\u00e4nger auf der untersten Ebene, die die Dreckarbeit machen mussten.<br \/>\nUnd die ihn in der Nacht vorher gefangennahmen. Die ihn danach schlugen und verspotteten, Folterknechte, wie sie auch heute noch ihr Handwerk verrichten auf Polizeiwachen in der T\u00fcrkei und anderswo &#8211; es l\u00e4sst sich nachlesen in Berichten von ai, pro asyl und sonstigen Menschenrechtsvereinen.<\/p>\n<p><i>Vater, vergib ihnen&#8230;!<\/i> &#8211; sagt der, den sie gekreuzigt haben. Er meint auch jene, die den Befehl dazu gaben. Die dazu anstifteten.<br \/>\nPontius Pilatus, der Statthalter des r\u00f6mischen Macht- und Rechtsstaates, der ihn verurteilte, weil er unter Druck gesetzt wurde. Und er hatte ihn doch keines Staatsvergehens f\u00fcr schuldig befinden k\u00f6nnen.<br \/>\nDer K\u00f6nig Herodes, der seinen Mutwillen mit dem Gefangenen trieb.<br \/>\nDie \u00c4ltesten aus Gottes Volk Israel, seine Hohenpriester und die Gelehrten der heiligen Schriften, der Hohe Rat, der \u00fcber Jesus zu Gericht sa\u00df und auf Todesstrafe erkannte.<br \/>\nDie Aufhetzer und die Aufgehetzten im Volk, die zu Pilatus schrien: <i>Kreuzige ihn, kreuzige ihn!<\/i><\/p>\n<p><i>Vater, vergib ihnen&#8230;! <\/i>Ihnen allen.<br \/>\nAuch Judas, der sein J\u00fcnger war und verriet ihn mit einem Kuss f\u00fcr drei\u00dfig Silberlinge.<br \/>\nUnd Petrus, sein Vertrauter, der dreimal leugnete, ihn zu kennen und zu ihm zu geh\u00f6ren &#8211; in jener Nacht der Gefangennahme.<\/p>\n<p><i><span style=\"font-size: medium;\">Vergib ihnen, Vater! &#8211; <\/span><\/i><span style=\"font-size: medium;\">sagt der Gekreuzigte. <\/span><br \/>\nVater? &#8211; Mein Vater.<br \/>\nVergib ihnen, weil du mir Vater bist und mich lieb hast. Weil du der bist, in dessen Namen ich selber S\u00fcnden vergeben habe.<br \/>\nWer kann das himmelschreiende Unrecht auf der Erde vergeben, wenn nicht du, mein Vater im Himmel!<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p><i>Vergib ihnen! <\/i><\/p>\n<p>Grausam hingerichtet gegen geltendes Recht bittet er selber um Vergebung f\u00fcr die T\u00e4ter.<br \/>\nDer Gequ\u00e4lte bittet f\u00fcr die Qu\u00e4ler.<br \/>\nDer Verfolgte f\u00fcr seine Verfolger.<br \/>\nDer Erniedrigte f\u00fcr seine Folterer.<br \/>\nDer Gehenkte bittet f\u00fcr seine Henker. Der Sterbende f\u00fcr seine M\u00f6rder. Dass ihnen vergeben werde, was sie ihm angetan haben.<br \/>\nKein anderer h\u00e4tte so f\u00fcr sie F\u00fcrbitte tun k\u00f6nnen.<br \/>\nEs gibt Geschichten von Unrecht und Leiden, da kann sonst keiner um Vergebung bitten.<br \/>\nDies ist so eine Geschichte.<\/p>\n<p>Jeder andere, der um Vergebung f\u00fcr die T\u00e4ter gebeten h\u00e4tte, h\u00e4tte das Leiden des Leidenden nicht ernst genommen, h\u00e4tte den Gekreuzigten in seinem Leiden nocheinmal verh\u00f6hnt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die T\u00e4ter um Vergebung bitten, kann in dieser Geschichte kein anderer. Kein anderer ist hier an Leib, Seele und Leben betroffen und getroffen wie er.<br \/>\nDie Bitte um Vergebung kann hier nur der aussprechen, der am Kreuz h\u00e4ngt.<br \/>\nDas Geheimnis dieser Vergebung ist die F\u00fcrbitte. Die F\u00fcrbitte des Opfers f\u00fcr die T\u00e4ter.<br \/>\nDiese F\u00fcrbitte ist ein Wunder. Weil der Gehenkte dem Himmel ruft, er solle dem schreienden Unrecht mit Vergebung antworten. Der hier so bittet, holt auf die mit seinem Blut getr\u00e4nkte Erde so eine Antwort vom Himmel herunter. Seine F\u00fcrbitte ist ein Wunder.<\/p>\n<p>Wie kein anderer f\u00fcr die T\u00e4ter um Vergebung bitten kann, so k\u00f6nnen die T\u00e4ter sich erst recht nicht selbst entschulden.<\/p>\n<p>Wenn wir im t\u00e4glichen Leben einen Fehler machen, sagen wir vielleicht gedankenlos: Ich entschuldige mich. Politiker, die \u00f6ffentlich gelogen und betrogen haben, sagen vor dem Parlament und laufenden Fernsehkameras: Ich habe einen Fehler gemacht. &#8211; Ich entschuldige mich. &#8211; Fertig.<br \/>\nGeht das \u00fcberhaupt?<br \/>\nIch glaube, das geht nicht. Ich kann mich nicht selbst entschulden. Ich kann mir nicht selbst vergeben.<\/p>\n<p>H\u00f6chstens kann ich selber den um Vergebung bitten, dem ich Unrecht getan habe.<br \/>\nAber es gibt Geschichten, in denen selbst das nicht geht. Das Unrecht und seine Folgen sind so gro\u00df, dass der Schuldigen Mund verschlossen bleibt, von ihnen aus verschlossen bleiben muss.<\/p>\n<p>Hier ist das Wunder, dass ein anderer f\u00fcr die Schuldigen spricht. Der andere, der f\u00fcr sie sprechen kann, wie keiner sonst. Hier wird das Opfer zum Mund f\u00fcr die Unrechtt\u00e4ter. Der Gekreuzigte selber bittet seinen himmlischen Vater, er m\u00f6ge den M\u00f6rdern zusprechen: <i>Dir sind deine S\u00fcnden vergeben! <\/i><br \/>\nFr\u00fcher &#8211; als er predigend und heilend durch die D\u00f6rfer und St\u00e4dte Galil\u00e4as und Jud\u00e4as gezogen war, hatte er selber schuldigen Menschen die S\u00fcndenvergebung zugesprochen, wie nur Gott sie zusprechen kann, und hatte damit Widerspruch provoziert.<br \/>\nNun macht er am Kreuz so weiter, wie er es vorher in seinem Leben getan hatte, und bittet f\u00fcr Fromme und Gottlose, Heiden und Juden Gott, seinen Vater um Vergebung.<\/p>\n<p>Indem Jesus so F\u00fcrbitte tut, lebt er selbst in seinem Sterben aus, was er uns in der Bergpredigt f\u00fcrs Leben gelehrt hat:<\/p>\n<p><i>Liebet eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel! <\/i><\/p>\n<p>Wo so gebetet wird, geht es auf der Erde schon zu wie im Himmelreich.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p><i>Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! &#8211; Sie wissen nicht, was sie tun. <\/i><\/p>\n<p>Wussten die Folterer nicht, dass sie ihren Gefangenen qu\u00e4lten?<br \/>\nDoch, sie wussten es.<br \/>\nWusste Pilatus nicht, dass er mit seiner Entscheidung, Jesus zu kreuzigen, Recht brach?<br \/>\nDoch, er wusste es.<br \/>\nWussten die Frommen nicht, dass ihre politische Anklage, Jesus sei ein Volksaufr\u00fchrer, falsch war?<br \/>\nDoch, sie wussten es.<br \/>\nUnd handelten wahrscheinlich doch guten Glaubens, weil sie meinten, wer Gottes N\u00e4he so in Anspruch n\u00e4hme wie dieser Jesus, der l\u00e4stere Gottt und gef\u00e4hrde auch die \u00f6ffentliche Ordnung.<\/p>\n<p>Seine J\u00fcnger kamen zu Bewusstsein erst nach ihrer Tat:<br \/>\nPetrus, der ihn verleugnete, weinte bitterlich, als es geschehen war und der Hahn kr\u00e4hte in dieser Nacht, wie Jesus es ihm vorhergesagt hatte.<br \/>\nJudas, der ihn verraten hatte, sah, dass Jesus zum Tode verurteilt war. Da reute es ihn, er brachte die drei\u00dfig Silberlinge zur\u00fcck und sagte: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldig Blut verraten habe. Aber da war es zu sp\u00e4t. Keiner h\u00f6rte mehr auf Judas. Er aber ging fort und erh\u00e4ngte sich.<\/p>\n<p>Was immer sie auch wussten und nicht wussten &#8211; sie alle hatten Gott nicht auf ihrer Rechnung.<br \/>\nUnd wussten nicht, dass Gott sie alle auf seiner Rechnung hatte. Und dass Gott mit diesem Jesus sehr anders rechnete als sie. Dass Gott auch mit ihnen in dieser Geschichte anders rechnete als sie selber.<\/p>\n<p>Sie wussten nicht, dass Gott in dieser Geschichte aus ihrem B\u00f6sesten sein Allerbestes machte.<br \/>\nSie wussten n\u00e4mlich nicht, dass sie Gott selber trafen, als sie Jesus kreuzigten &#8211; und dass der sich von ihnen treffen lie\u00df. Und zog in diesem Gekreuzigten das B\u00f6se auf sich selber, um es von ihnen abzuziehen.<\/p>\n<p>Das Geheimnis der Vergebung ist das Kreuz des Gekreuzigten, der f\u00fcr seine M\u00f6rder betet.<\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p><i>Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun! <\/i><br \/>\nWas geht <i>uns <\/i>dieses erste Wort Jesu am Kreuz an?<br \/>\nDie T\u00e4ter von damals sind tot.<\/p>\n<p>Aber die Bitte des Gekreuzigten ist noch lebendig. Wie der Gekreuzigte selbst &#8211; auferstanden von den Toten.<\/p>\n<p>Seine Bitte nennt noch heute die T\u00e4ter. Er trifft sie unter uns, unter Leuten, die sind wie ich und du. Die mit ihrem Leben Jesus ins Gesicht schlagen. Die damit ihn treffen. Er nennt sie seinem Vater und bittet ihn f\u00fcr sie um Vergebung.<\/p>\n<p>Er bittet heute seinen Vater im Himmel um Vergebung f\u00fcr uns, wo unser Mund vielleicht immer noch verschlossen bleibt.<br \/>\nDas Geheimnis der Vergebung ist bis heute sein Kreuz.<br \/>\nDas ist, wo Unrecht geschieht, Hoffnung f\u00fcr T\u00e4ter, f\u00fcr Leute wie mich und dich. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><u>Literaturhinweise: <\/u><\/span><\/p>\n<ul type=\"disc\">\n<li>Karl Barth, Die Kirchliche Dogmatik IV\/2,288.<\/li>\n<li>Robert Leicht, Glauben. Pardon, Sorry, \u2018tschuldigung &#8230;,in: DIE ZEIT Nr. 10, 2. M\u00e4rz 2000. Leben, 7.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Dr. Hans Theodor Goebel, Im Wasserblech 1c, 51107 K\u00f6ln<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte vom Kreuz \u2013 Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit | Invokavit | 12.3.2000 | Lukas 23,34 | Hans-Theodor Goebel | Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! (Luk 23,34a) 1. 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