{"id":21158,"date":"2000-04-02T15:03:18","date_gmt":"2000-04-02T13:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21158"},"modified":"2025-03-14T15:04:49","modified_gmt":"2025-03-14T14:04:49","slug":"johannes-1928-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1928-2\/","title":{"rendered":"Johannes 19,28"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">Worte vom Kreuz<br \/>\nPredigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000<br \/>\n4. Sonntag der Passionszeit, Laetare<\/span><br \/>\n<b>2.4.2000<br \/>\nJohannes 19,28<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Klaus Schwarzwaeller<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Johannes 19,28:<\/p>\n<p>Mich duerstet<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde.<\/p>\n<p>Beim ersten Verhoer bespuckte man ihn, bearbeitete ihn mit Faeusten und schlug ihm ins Gesicht. Dann schleppte man ihn vor den Gouverneur &#8211; da\u00df man ihn f\u00fcr einen Verbrecher hielt, zeigte sein blutendes, verquollenes Gesicht. Der Gouverneur lie\u00df ihn ausziehen und auspeitschen &#8211; die dazu abkommandierten Soldaten pflegten das mit zuverlaessiger Gruendlichkeit auszufuehren. Nach der anschlie\u00dfenden Verurteilung gab der Gouverneur ihn ihrem Mutwillen preis. Sie verkleideten ihn als Koenig, drueckten ihm einen Stock als Szepter in die Hand und pressten ihm eine aus Dornen geflochtene Krone auf den Kopf: die jaemmerliche Karikatur eines Koenigs &#8211; man hoert schier das Gejohle der Peiniger. Sie nahmen ihm das hoelzerne Szepter aus der Hand und droschen damit auf seinen Schaedel, immer auf die Dornen. Anschlie\u00dfend luden sie ihm seinen Galgen auf &#8211; letzte sadistische Ironie: Er hatte ihn selber zum Richtplatz zu tragen. Die Mi\u00dfhandlungen hatten ihn allerdings so geschwaecht, da\u00df er das nicht mehr vermochte. So zwang man einen Passanten, ihm sein Kreuz abzunehmen und es fuer ihn zur Schaedelst\u00e4tte zu schleppen: Die Passion des Jesus von Nazareth.<\/p>\n<p>Seine Kreuzigung war eine Routine-Angelegenheit f\u00fcr die Soldateska und wird gekonnt und mit weiteren, beil\u00e4ufigen Grausamkeiten vollzogen worden sein. Die Verurteilten waren ans Kreuz zu heften und anschlie\u00dfend mit diesem aufzurichten &#8211; doch nicht zu hoch. Denn wenn alle abgezogen waren, sollten die Hunde auch noch ihr Vergn\u00fcgen haben, allerdings etwas springen muessen&#8230; Und dann hing Jesus in der Luft. Er hing nackt. Seine Wunden und seine zerfetzte Haut waren der Sonne preisgegeben, die in Palaestina zu dieser Jahreszeit bereits Kraft hat. Da hing er nun &#8211; elend und anzusehen, wie eben ein Mensch aussieht, an dem sich Hass und Grausamkeit ausgetobt haben.<\/p>\n<p>\u00bbO Lamm Gottes, unschuldig \/ Am Stamme des Kreuzes geschlachtet\u00ab<\/p>\n<p>&#8222;Mich duerstet&#8220; &#8211; Es gibt mancherlei Durst. So den nach einer Anstrengung oder den bei einer Wanderung im Sommer, den nach einer pikanten Mahlzeit oder den aufgrund von Geselligkeit. Diesen Durst loescht man genu\u00dfvoll und mit Behagen: &#8222;Aaaah&#8230;&#8220; Es gibt den Durst, der entsteht, weil der Mund schlagartig trocken wird &#8211; etwa wenn ploetzlich Gefahr, Peinlichkeit oder eine Katastrophe eintritt. Da bedarf es des sprichwoertlichen Glases Wasser; es wird hastig geschluckt, erquickt aber nicht. Und es gibt den Durst als Folge von Misshandlung und Folter. Die Aelteren m\u00f6gen ihn plastisch vor Augen haben aus dem Film &#8222;Der Gloeckner von Notredame&#8220; mit dem unvergesslichen Charles Laughton in der Rolle des Quasimodo, wie er nach seiner Auspeitschung um Wasser stoehnt &#8211; und Esmeralda traenkt ihn. Durst und Durst ist wahrlich zweierlei.<\/p>\n<p>&#8222;Mich duerstet&#8220; &#8211; hat nach der \u00dcberlieferung Jesus am Kreuz gesagt. &#8222;Mich duerstet&#8220; klingt nach Hochdeutsch, nach Schriftsprache; doch wir k\u00f6nnen&#8217;s auf deutsch nicht kuerzer sagen. Jesus wird&#8217;s auf aramaeisch gesagt haben, und da ist es ein einziges Wort. Vielleicht hat er auch einfach nur &#8222;Durst!&#8220; gesagt oder &#8222;Wasser!&#8220; &#8211; und vermutlich hat er es weder gesagt noch geschrien. Er wird es vielmehr gestoehnt haben, mit trockenem Mund und unter Qualen &#8211; so wie eben ein Mensch in derartiger Lage sich bemerkbar macht. &#8222;Mich duerstet&#8220; oder auch: &#8222;Wasser!&#8220; &#8211; man mu\u00df einmal in einem Bericht aus einem Konzentrationslager lesen, wie ein durch Knueppel und Fusstritte Zerfleischter, am Boden liegend, seine Zunge herausstreckt, um Durst anzuzeigen, und man weiss, was dieser Durst besagt.<\/p>\n<p>\u00bbAllzeit erfunden geduldig, \/ Wiewohl du warest verachtet\u00ab<\/p>\n<p>&#8222;Mich duerstet&#8220; &#8211; der Tiefpunkt des Leidensweges vor dem Tod. Das Zeichen letzter Erniedrigung und Zerstoerung dieses Menschen. Der Ausdruck dessen, dass er nur mehr sein nacktes Leben hat und eingeschraenkt ist auf die elementaren Koerperfunktionen. Das Wort der tiefsten Demuetigung und Erniedrigung des Gottessohnes, der Ruf oder vielmehr das Stoehnen der Ausloeschung aller Wuerde. Der am Kreuz &#8222;Mich duerstet&#8220; sprach, ihn hat man &#8211; und nun kann man es nur noch in der zynischen Brutalit\u00e4t des Neudeutschen sagen: Ihn hat man zu &#8222;Sozialschutt&#8220; verarbeitet, und Hunde und Voegel sollen ihn &#8222;entsorgen&#8220;. Dass man ihn doch noch bestattete, war bei dieser Todesart eigentlich nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Adam und Eva wollten &#8222;sein wie Gott&#8220;; seither scheint sich nichts geaendert zu haben. Der wahre Gott aber, er wurde nicht wie ein Mensch, sondern er wurde Mensch. Er wurde es nicht in der Weise, wie es weithin als Ziel und Inbegriff eines guten Lebens erscheint: reich, gluecklich und im Zentrum der oeffentlichen Aufmerksamkeit. Er wurde es in einem besetzten Land geboren, lebte dort und starb dort den Tod eines religioesen Eiferers und politischen Aufruehrers. Sein Leiden und sein Sterben h\u00e4aeten allenfalls eine zehn-Zeilen-Notiz im Lokalteil der oertlichen Tageszeitung ergeben; durch die Medien waeren sie nicht gegangen. Warum auch &#8211; allenthalben litten und starben und leiden und sterben weiterhin ungezaehlte Menschen in vergleichbarer Weise. &#8222;Mich duerstet&#8220; oder einfach: &#8222;Wasser!&#8220; &#8211; das St\u00f6hnen von Menschen, denen man die Wuerde und den Namen raubte, die nichts mehr zaehlen.<\/p>\n<p>\u00bbAll Suend hast du getragen\u00ab<\/p>\n<p>Man gab ihm zu trinken: &#8211; Essig, warum auch immer. Moeglicherweise ist das nicht woertlich zu verstehen (so wenig wie ein Kauf &#8222;f\u00fcr &#8217;n Appel und&#8217;n Ei&#8220;), sondern ist es eine Anspielung auf Psalm 69 (Vers 22): &#8222;Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem gro\u00dfen Durst.&#8220;, d.h. als sprichw\u00f6rtliche Kennzeichnung der Verlassenheit und Trostlosigkeit. Wie auch immer, jedenfalls ist deutlich: dem, der am Kreuz haengt, wird nichts geschenkt, bleibt nichts erspart. Er mu\u00df erdulden, hinnehmen, aushalten. Sein Ende wird ihm schwer, wird ihm zur Qual gemacht. Erbarmen gibt es f\u00fcr ihn nicht. Dass Gott Mensch, da\u00df er Mensch unter Menschen wurde, wird ihm nicht verziehen; man laesst es ihn bis zum letzten Augenblick spueren, dass er besser fern im Himmel geblieben waere.<\/p>\n<p>Das ist es, was sein Leben ausmacht: Er ist ein Fremdkoerper. Man ist von ihm zwar fasziniert, aber man will ihn nicht haben. Und er selber, was will er, der, umstellt von Gaffern ohne Gefuehl, um Wasser stoehnte und Essig bekam? Er ging seinen Weg in nuechternem Realismus. &#8222;Weint ueber euch selbst, nicht \u00fcber mich!&#8220;, ruft er denen zu, die klagend und trauernd seinen Weg zur Hinrichtung saeumen. Wieso? Deswegen, weil sein Weg und sein Leiden Weg und Leiden der Verlorenen sind: der Suender vor Gott, also der Weg aller Menschen. Als wollte er sagen: Ihr weint und jammert \u00fcber mich und seid hiermit beschaeftigt. Doch so lenkt ihr davon ab, da\u00df es hier um euch selber geht! Erkennt ihr euch selber in mir? Ist euch klar, dass ihr verloren seid vor Gott &#8211; wie jetzt ich auf diesem Weg? Ihr begreift nicht und werdet nicht begreifen, was ihr hier mit euren eigenen Augen seht, solange ihr nicht an euch erkennt: Es ist eure Last, die auf mir liegt, euer Versagen, das mich belastet, eure Suende vor Gott und Menschen, die ich trage.<\/p>\n<p>\u00bbSonst muessten wir verzagen\u00ab<\/p>\n<p>Hier reiben wir uns; das koennen oder wollen wir weithin nicht einsehen und weisen es zurueck, nicht selten entruestet. Dass ich f\u00fcr mich stehe und selbstverantwortlich bin, gehoert zum Einmaleins unserer Lebensauffassung und ebenso, dass ein wirklicher, ein annehmbarer Gott uns nicht verdammt und verloren gehen laesst, nur weil wir irrende, unvollkommene und uns verschuldende Wesen sind. Dass das Suende sein soll, dass wir darin verloren waeren, dass es gar notwendig war, dass der Unschuldige diesen Durst, dieses leiden f\u00fcr uns ertrug und dafuer litt und ans Kreuz ging, gehen musste, ist uns nicht bewu\u00dft. Die Frage kommt uns nicht einmal in den Sinn. Dabei wissen wir es doch besser! Bereits bei so Banalem wie beim Bimbes reicht eine materielle Wiedergutmachung nicht zu. Alle fuehlen es, und die Besonnenen sprechen es aus: Damit ist man noch beim alten, das ist kein Neuanfang. Einen Neuanfang kann es nur geben, wenn ein deutlicher Schnitt gezogen wird und wenn die Hauptperson dabei einbezogen ist. Hier taucht ein tiefes Wissen ans Licht empor: Eingestaendnis, Bedauern, Erstattung und gute Worte und guter Wille, das alles ist zuwenig. Schuld verlangt nach Suehne. Suehne aber vollzieht den Bruch mit dem Bisherigen.<\/p>\n<p>Es klingt nach Logik und wird doch immer wieder ganz unmittelbar gesp\u00fcrt, erahnt. Ohne Umschweife geredet: Wer mit tiefer Schuld zu tun hat, weiss und f\u00fchlt: Eingest\u00e4ndnis, Bedauern, Erstattung und gute Worte und guter Wille, das alles reicht nicht zu. Damit bleibt man beim alten, gibt es keinen Neuanfang. Wenn die Dinge soll liegen, wenn wir also unentrinnbar zugleich in Schuld verstrickt sind und doch leben wollen und auch leben sollen: Dann stecken wir in einer Zwickmuehle, dann sind wir gefangen, und zwar ohne Ausweg Und wenn wir dann nicht &#8222;verzagen&#8220;, dann resignieren wir eben oder fluechten uns in Abgebruehtheit &#8211; oder wir machen uns selbst etwas vor; aber das tr\u00e4gt, wie wir genau wissen, bereits beim Bimbes nicht. Aehnlich wie vor fast einem Jahrtausend f\u00fcr den beruehmten Erzbischof Anselm von Canterbury stellt sich uns die Alternative: Entweder unsere Lebensschuld wird von uns genommen und ein anderer traegt sie fuer uns fort, oder aber wir m\u00fcuesen sie selber tragen. Also bezahlen, mit unserem Leben bezahlen.<\/p>\n<p>\u00bbErbarm dich unser, o Jesu\u00ab<\/p>\n<p>&#8222;Mich duerstet&#8220; -Auf ihm, dem wahren Gott, liegt alle Schuld aller Menschen. Er traegt sie &#8211; an unserer Statt. Darum ist durch sein Leiden, Duersten und Sterben das Leben neu er\u00f6ffnet, wieder geschenkt worden. Deshalb singen wir vor dem Abendmahl: &#8222;Christe, du Lamm Gottes, der du traegst die Suend&#8216; der Welt, erbarm dich unser!&#8220; Daraufhin empfangen wir im Abendmahl aus Leib und Blut des Herrn Leben, Leben, das frei ist von der Last unserer Suende und Schuld, Leben, f\u00fcr das gesuehnt ist. Und daraufhin werden wir nach dem Abendmahl &#8222;im Frieden des Herrn&#8220; entlassen zu einem Leben in Versoehnung und mit Blick f\u00fcr die Mitmenschen. &#8222;Mich duerstet&#8220; &#8211; das Leiden des Herrn schreit uns ins Ohr: Du darfst leben. Das Leben hatte seinen Preis, einen hohen Preis; das Leben wurde erworben durch Leiden und Tod.<\/p>\n<p>Darum, weil Jesus fuer uns am Kreuz Durst durchleidet, weil er f\u00fcr uns starb, darum koennen wir um sein Erbarmen flehen. Seit die Last unseres Lebens auf ihm liegt, ist sein Erbarmen unser ganzer Schatz. Es ist sein Erbarmen, durch das wir selbst nach einem verpfuschten und durch Schuld zerstoerten Leben mit ihm &#8222;im Paradiese sein&#8220; sollen &#8211; fasse das, wer es kann!<\/p>\n<p>Mich duerstet<\/p>\n<p>Dieser Laut der Qual schreit es ins Ohr: Gott gab sich hin f\u00fcr uns, &#8222;auf da\u00df wir Frieden haetten&#8220; und frei werden von unserer Suende und der Last unserer Lebensschuld &#8211; Gott gewaehrt uns leben, so wahr der Gottessohn leiden mu\u00dfte, duerstete und starb.<\/p>\n<p>AMEN.<\/p>\n<p>Nachbemerkung: Damit die Gemeinde f\u00fcr die beiden d\u00fcrren Woerter des Predigttextes von vornherein einen genuinen Zusammenhang im Sinn hat, schlage ich vor, vor der Predigt EG 190.1, 1 zu singen.: &#8222;O Lamm Gottes, unschuldig am Kreuz geschlachtet&#8220; .Die Predigt selbst greift die praegnanten Verse dieser Strophe fortlaufend auf.<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Klaus Schwarzwaeller, Laurentiusweg 16, 24960 Munkbraup, Tel. 04631-7278.<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000402-p.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte vom Kreuz Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000 4. 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