{"id":21160,"date":"2000-04-02T15:04:53","date_gmt":"2000-04-02T13:04:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21160"},"modified":"2025-03-14T15:06:18","modified_gmt":"2025-03-14T14:06:18","slug":"philipper-115-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-115-21-2\/","title":{"rendered":"Philipper 1,15-21"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">4. Sonntag der Passionszeit, Laetare<\/span><br \/>\n<b>2.4.2000<br \/>\nPhilipper 1,15-21 <\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Andreas Lindemann <\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\"><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-2\/000402.html#vorent\">Exegetische Vorentscheidungen<\/a><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eLaetare\u201c \u2013 Freut euch! So hei\u00dft dieser Sonntag im traditionellen Kirchenjahr. Viele von uns werden dieser Aufforderung nachkommen k\u00f6nnen, gerade in dieser Jahreszeit. Man freut sich dar\u00fcber, da\u00df es abends l\u00e4nger hell bleibt. Man freut sich \u00fcber das Wiedererwachen der Natur, das an B\u00e4umen und Str\u00e4uchern t\u00e4glich deutlicher zu erkennen ist. Aber viele werden vielleicht abwinken: \u201eLaetare. Freut euch\u201c? Nein danke. F\u00fcr mich gilt das nicht. Ich stecke mitten in beruflichen oder famili\u00e4ren Problemen. Ich bin gesundheitlich angeschlagen. Und \u00fcberhaupt \u2013 man braucht doch nur die Zeitung aufzuschlagen oder die Tagesschau einzuschalten mit all den Meldungen \u00fcber Krieg und Verbrechen oder auch nur \u00fcber all die Betr\u00fcgereien. Nein: Grund zur Freude habe ich wahrhaftig nicht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich: Die Welt, in der wir leben gibt uns wenig Anla\u00df zur Freude. Wohin wir auch blicken: \u00dcberall Not, Elend Gefahren. T\u00e4glich erfahren wir von neuen Katastrophen: Von der Hochwasserkatastrophe in Mocambique. Von den immer wieder neuen Schwierigkeiten beim Zusammenleben der Menschen im Kosovo. Vom Krieg in Tschetschenien. Wir h\u00f6ren, vor kurzem erst, von dem schrecklichen Massenselbstmord in Uganda: Da waren Menschen, die beanspruchten, die Zehn Gebote Gottes wieder zur Geltung zu bringen; und nun haben sie ihr Leben weggeworfen. Ihr eigenes, und auch das Leben ihrer Kinder. Vielleicht gab es manche unter ihnen, die im letzten Augenblick ihren Wahn erkannten. Aber nun war es f\u00fcr sie zu sp\u00e4t. \u201eFreut euch!\u201c Das k\u00f6nnen wir doch wohl nur, wenn wir die Augen verschlie\u00dfen vor der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Ein Zeitsprung. Wir verlassen das beginnende 21. Jahrhundert und gehen zur\u00fcck ins 1. Jahrhundert. Wir verlassen Mitteleuropa und gehen nach Kleinasien. Wir machen einen Besuch in Ephesus. Eine gl\u00e4nzende, eine reiche Stadt. Handel und Wandel bl\u00fchen, und auch der Torusimus. Allerdings: Unser Ziel ist nicht der wunderbare Tempel, der f\u00fcr die G\u00f6ttin Artemis errichtet worden war, nicht das sch\u00f6ne Theater, auch nicht das ber\u00fchmte Stadion. Nein, unser Weg f\u00fchrt uns in das Gef\u00e4ngnis von Ephesus. Wir besuchen einen H\u00e4ftling. Wir besuchen einen Mann namens Paulus.<\/p>\n<p>Schon vor geraumer Zeit war er festgenommen worden. Nun wartete er auf seinen Proze\u00df. Dabei wurde er nicht schlecht behandelt. M\u00f6glicherweise besa\u00df er das r\u00f6mische B\u00fcrgerrecht, war also ein Mensch, dem gerade in solchen Situationen gewisse Privilegien zustanden. Den Namen Paulus trugen immerhin auch etliche vornehme r\u00f6mische Politiker und Armeef\u00fchrer. Da war es schon besser, wenn die Beh\u00f6rden sich streng an die Vorschriften hielten.<\/p>\n<p>Warum hatte man Paulus verhaftet? Weil er ein Ruhest\u00f6rer war, weil er die Stadt in Aufruhr versetzt hatte. Eine der Hauptsehensw\u00fcrdigkeiten von Ephesus war der gewaltige Artemistempel. Das war nicht nur ein architektonisches Wunderwerk, das seinesgleichen suchte. Der Tempel war auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein wichtiges Zentrum, der entscheidende Finanzplatz in Asien. Eines Tages war dieser Paulus nach Ephesus gekommen. Er hatte den Tempel und seinen Kult heftig kritisiert. Ja, er hatte sogar bestritten, da\u00df es die G\u00f6ttin Artemis \u00fcberhaupt gab. Er hatte behauptet, die G\u00f6tter seien eigentlich Nichtse, nicht der Rede und jedenfalls nicht der Verehrung wert.<\/p>\n<p>Es war merkw\u00fcrdig: Die einheimischen, die von allen anerkannten G\u00f6tter lehnte Paulus ab. Stattdessen behauptete er, ein vor einigen Jahren in Jerusalem gekreuzigter Jude namens Jesus sei der Retter der Welt. Er behauptete: Wenn man sich zu diesem Jesus bekennt, dann wird man von Gott angenommen. Dann gewinnt man den Mut zu einem neuen, ehrlichen Leben. Und man erh\u00e4lt ein ewiges Leben, ein Leben \u00fcber den Tod hinaus. Seltsam! Und was noch seltsamer war: Dieser Paulus hatte Zustimmung bekommen. Die Zahl der Leute, die ihm folgten, wuchs langsam, aber stetig. Da konnten die Beh\u00f6rden nicht l\u00e4nger so tun, als w\u00e4re nichts. Da war es schon besser, wenn dieser Paulus f\u00fcr eine Weile hinter Gef\u00e4ngnismauern verschwand. Paulus war nicht verurteilt. Freiheitsstrafen gab es damals nicht. Paulus befand sich in Untersuchungshaft. Die Beh\u00f6rden wollten Zeit haben um zu pr\u00fcfen, ob er wirklich eine Gefahr darstellte. Gen\u00fcgte es vielleicht schon, wenn man ihn aus der Stadt auswies? Oder war es am besten, wenn man ihn zum Tode verurteilte? Vielleicht war das der einfachste Weg, seinem Treiben ein f\u00fcr allemal ein Ende zu machen. Die Freunde des Paulus, die von dem gekreuzigten Jesus als von dem \u201eGesalbten\u201c, dem \u2018Christus\u2019 sprachen und die man deshalb der Einfachheit halber \u2018Christen\u2019 nannte, lie\u00df man vorl\u00e4ufig unbehelligt. Man wu\u00dfte, da\u00df Paulus fr\u00fcher selber heftig gegen diese Christen gek\u00e4mpft, sie sogar regelrecht verfolgt hatte. Nun blieb abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln w\u00fcrden, nachdem er im Gef\u00e4ngnis sa\u00df.<\/p>\n<p>Paulus ist im Gef\u00e4ngnis nicht von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten. Als wir uns am Gef\u00e4ngnistor anmelden, erfahren wir, da\u00df wir heute nicht die ersten Besucher sind. Ohnehin bekommt Paulus h\u00e4ufig Besuch. Das ist allerdings auch n\u00f6tig. Denn so etwas wie eine Gef\u00e4ngnisk\u00fcche gibt es nicht. Die Inhaftierten sind darauf angewiesen, da\u00df jemand ihnen zu essen bringt. Da\u00df jemand ihre W\u00e4sche mitnimmt. Manchmal, so h\u00f6ren wir, kommen Besucher aus fremden St\u00e4dten, vor allem aus Philippi, der Hauptstadt der Provinz Makedonien. Auch dort gibt es Menschen, die durch Paulus auf die Idee gebracht worden sind, jenen gekreuzigten Jesus als ihren Retter zu verehren. Sie kommen mit dem Schiff, quer \u00fcber das \u00e4g\u00e4ische Meer. Bei g\u00fcnstigem Wetter ist das eine Reise von nur wenigen Tagen. Arm sind diese Christen in Philippi \u00fcbrigens nicht; einer von ihnen, Epaphroditus, hat schon gelegentlich Geld mitgebracht. Keine Riesensumme nat\u00fcrlich, die wom\u00f6glich gereicht h\u00e4tten, um die Gef\u00e4ngnisleitung zu bestechen. Aber doch mehr als nur ein Almosen.<\/p>\n<p>Als wir die Zelle des Paulus betreten, treffen wir just auf diesen Epaphroditus. Beide M\u00e4nner nehmen kaum von uns Notiz. Denn Paulus ist gerade dabei, einen Brief zu diktieren. Epaphroditus soll diesen Brief dann mitnehmen nach Philippi. Gerade ist davon die Rede, da\u00df Paulus um seines Glaubens an Jesus Christus willen im Gef\u00e4ngnis sitzt; Paulus erw\u00e4hnt dabei auch, da\u00df die Verk\u00fcndigung in der Stadt Ephesus trotzdem nicht ruht, sondern weitergeht.<\/p>\n<p>\u201eEinige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, da\u00df ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verk\u00fcndigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie m\u00f6chten mir Tr\u00fcbsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut\u2019s aber? Wenn nur Christus verk\u00fcndigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich dar\u00fcber.\u201c<\/p>\n<p>Begreifen wir das, was Paulus da gerade sagt und aufschreiben l\u00e4\u00dft? Da ist doch wahrhaftig von Freude die Rede. Ist Paulus verr\u00fcckt geworden? Er hat doch wahrlich keinen Grund, sich zu freuen. Das Gef\u00e4ngnis von Ephesus ist alles andere als ein Sanatorium. Wor\u00fcber, um alles in der Welt, freut sich Paulus? Er freut sich dar\u00fcber, da\u00df Christus nach wie vor in Ephesus verk\u00fcndigt wird. Da\u00df es Christinnen und Christen in der Stadt gibt, die seine Arbeit fortsetzen. Wir merken: Paulus h\u00e4lt sich nicht f\u00fcr unersetzlich. Er k\u00f6nnte ja insgeheim dar\u00fcber entt\u00e4uscht sein, da\u00df ohne ihn nicht alles zusammenbricht. Nein, Paulus ist dar\u00fcber gl\u00fccklich. Er freut sich.<\/p>\n<p>Aber macht er es sich nicht doch zu leicht? Es gibt Streit unter denen, die nun ohne ihn in Ephesus agieren. Erheblichen Streit. Kennen wir das nicht auch? Streit unter Christen. Streit in der Kirche. Vielleicht sogar eine Kirchenspaltung. Ja, uns Besuchern aus der Neuzeit ist das etwas ganz Vertrautes. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Kirchenmensch diese Spaltungen beklagt. Doch jetzt erfahren wir: So etwas ist beileibe nichts Neues. Spaltungen in der christlichen Kirche gibt es offenbar von Anfang an. Und dennoch: Erfreulich sind sie nicht. Sie sind eher ein \u00c4rgernis. Wor\u00fcber also freut sich Paulus? Er freut sich einfach dar\u00fcber, da\u00df die Christusverk\u00fcndigung in Ephesus weitergeht, auch wenn er nicht aktiv dabei sein kann.<\/p>\n<p>Aber noch einmal: Hat Paulus wirklich Grund zur Freude? \u201eEinige predigen Christus aus Neid und aus Streitsucht\u201c, schreibt der Apostel den Philippern Sie predigen aus Eigennutz. Sie predigen nicht aus reinem, lauterem Herzen. Ja, Paulus behauptet sogar, da\u00df sie predigen, weil sie ihm Tr\u00fcbsal bereiten m\u00f6chten in seiner Gefangenschaft. Denkt Paulus an Gegner, die die Gunst der Stunde nutzen wollen und die nun ein ganz anderes Christusevangelium predigen als das, das Paulus selber verk\u00fcndigt hatte? Denkt er an Leute, die auf den Missionserfolg des Paulus immer schon neidisch waren und die jetzt eine Chance sehen, seine Leistung in den Schatten zu stellen? Paulus schreibt ausdr\u00fccklich: Sie <i>wollen<\/i> mir Tr\u00fcbsal bereiten. Sie haben es geradezu darauf angelegt, mich in Trauer zu versetzen. Und trotzdem sagt er: Ich werde nicht traurig. Im Gegenteil: Ich freue mich. Wenn nur Christus verk\u00fcndigt wird, auf welche Weise auch immer \u2013 dann ist es gut.<\/p>\n<p>Was genau da in Ephesus abl\u00e4uft, erfahren wir nicht. Paulus schreibt nichts N\u00e4heres. Vielleicht sind die Leserinnen und Leser in Philippi \u00fcber die Einzelheiten bereits informiert. Au\u00dferdem kann Epaphroditus, wenn er den Brief nach Philippi bringt, m\u00fcndlich weitere Erl\u00e4uterungen geben. So viel ist aber klar: W\u00e4hrend Paulus im Gef\u00e4ngnis sitzt, hat sich in der Kirche von Ephesus eine Spaltung vollzogen. Vielleicht gab es schon vorher solche Tendenzen: Jetzt jedenfalls sind sie offen zutagegetreten. Die einen verk\u00fcndigen Christus in guter Absicht und aus Liebe. Die anderen \u2013 so sieht es Paulus \u2013 tun es aus Streitsucht; sie tun es letztlich in der Absicht, ihm zu schaden.<\/p>\n<p>Setzt Paulus alles daran, die kirchliche Einheit wiederherzustellen? Schl\u00e4gt er Kompromi\u00dfl\u00f6sungen vor, mit denen beide Seiten leben k\u00f6nnten? Oder hegt er den Wunsch, da\u00df sich die eine Seite durchsetzen und die andere klein beigeben m\u00f6chte? Nichts dergleichen. \u201eWenn nur Christus verk\u00fcndigt wird auf jede Weise, so freue ich mich dar\u00fcber.\u201c Paulus besteht nicht darauf, da\u00df die Verk\u00fcndigung der Kirche einheitlich zu sein hat. Paulus verlangt nicht, da\u00df alle dasselbe sagen m\u00fcssen. Paulus will offenbar nicht so etwas wie eine Einheitskirche durchsetzen.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 auch f\u00fcr Paulus gibt es Grenzen der Toleranz. Wenn die Verk\u00fcndigung nicht mehr Christus zum Inhalt hat; wenn die Verk\u00fcndiger anfangen, in Wahrheit nicht mehr von Christus zu sprechen, sondern von sich selber, von ihren Leistungen, von ihren Erkenntnissen, von ihren eigenen religi\u00f6sen Qualit\u00e4ten \u2013 dann ist ein Trennungsstrich zu ziehen. Wenn jemand Christus als Deckmantel benutzt, unter dessen Schutz er oder sie die eigenen privaten, politischen oder auch wirtschaftlichen Interessen verfolgt, dann sagt Paulus: So nicht. Aus der Geschichte der Kirche, aus der Geschichte des Christentums kennen wir viele Beispiele f\u00fcr solchen Mi\u00dfbrauch der Christusverk\u00fcndigung, bis in unsere Gegenwart hinein. Jener im Namen Gottes geschehene Massenselbstmord \u2013 oder m\u00fc\u00dften wir eher sagen: jener Mord? \u2013 ging vermutlich nicht auf eine von allen gemeinsam getroffene Entscheidung zur\u00fcck. Es wird ein einzelner gewesen sein, der den Einflu\u00df, den er auf andere auszu\u00fcben vermochte, auf so b\u00f6se Weise mi\u00dfbrauchte.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Wege in der Christusverk\u00fcndigung, Kirchenspaltung, Sektenbildung \u2013 dies wird dann zum Skandal, wenn nicht mehr Christus im Mittelpunkt steht, sondern das eigene Interesse. Sei es das Interesse einzelner, sei es auch das Interesse einer Gruppe, ja einer ganzen Kirche. Ansonsten aber gilt: \u201eWenn nur Christus verk\u00fcndigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich dar\u00fcber.\u201c<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten noch ein wenig dar\u00fcber nachdenken, was dies f\u00fcr uns bedeuten k\u00f6nnte. Aber Paulus diktiert schon weiter, und wir m\u00fcssen uns beeilen, jedes Wort mitzubekommen:<\/p>\n<p>\u201eAber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich wei\u00df, da\u00df mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, da\u00df ich in keinem St\u00fcck zuschanden werde, sondern da\u00df frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt kommt nun doch eine ganz andere, eine harte Realit\u00e4t zur Sprache. Paulus spricht vom Sterben, er spricht vom Tod. Aber merkw\u00fcrdig: Auch jetzt erweckt er den Anschein, als s\u00e4he er die Dinge in einem rosaroten Licht. \u201eIch werde mich auch weiterhin freuen, denn es wird mir zum Heil ausgehen\u201c, schreibt er. Im Klartext: Es wird schon alles gut gehen. Aber wahrscheinlich m\u00fcssen wir hier ein wenig zwischen den Zeilen lesen. Paulus nimmt hier einen Satz aus dem Buch Hiob auf. Es sind Worte, die der leidende Hiob spricht: \u201eEs wird mir zum Heil ausgehen\u201c (Hiob 13,16). Paulus vergleicht sich also mit dem leidenden Hiob. Er identifiziert sich geradezu mit ihm. Nun wird klar: Paulus wei\u00df, da\u00df sein Leben auf dem Spiel steht. Er hat das Sterben, er hat den Tod vor Augen. Und dennoch: Er vertraut auf das Gebet der Christen in Philippi. Er vertraut auf den Beistand Christi. Er hofft darauf, da\u00df, wie er schreibt, Christus in ihm, dem leidenden Apostel, verherrlicht werden wird: Sei es durch sein Leben, wenn es ihm denn erhalten bleibt \u2013 sei es durch seinen Tod. Denn, so schreibt er in der letzten Zeile unseres Briefabschnitts: \u201eChristus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.\u201c<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde sich lohnen, weiter zuzuh\u00f6ren, was Paulus dem Epaphroditus in seinem Philipperbrief noch weiter diktiert. Aber unsere Zeit reicht nicht. Wir verlassen das Gef\u00e4ngnis von Ephesus und kehren in unsere Welt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eChristus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn\u201c \u2013 das waren die letzten Worte, die wir aus dem Munde des Paulus geh\u00f6rt haben. K\u00f6nnen wir diese Worte nachsprechen? In vielen Bibelausgaben ist dieser Satz fettgedruckt. Ein frommer und naiver Merksatz, so m\u00f6chte man meinen. Geradezu ein Satz f\u00fcrs christliche Poesiealbum. Ein frommer Spruch? Ja. Ein naiver Spruch? Nein. Denn der Mensch, der ihn schreibt, hat wirklich den Tod vor Augen. Einen bitteren, vorzeitigen, gewaltsamen Tod. Nicht ein \u201eseliges Sterben\u201c. Und dennoch: Dieser Mensch sieht in dem ihm drohenden Tod nicht das Ende. Denn er hat eine Hoffnung, die \u00fcber den Tod hinausreicht. Sein Tod, sein Sterben kann den Sinn haben, da\u00df Christus verherrlicht wird. Sein Tod, so sieht es Paulus, w\u00e4re keine Niederlage. Im Gegenteil: Sein Tod w\u00e4re f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich sogar ein Gewinn.<\/p>\n<p>Sehnt sich Paulus nach dem Sterben? Plant er gar einen Selbstmord? H\u00e4tte er sich wom\u00f6glich jener Weltuntergangssekte angeschlossen? Nein, das ganz gewi\u00df nicht. Paulus wei\u00df, da\u00df er von Christus einen Auftrag bekommen hat. Einen Auftrag, den er in seinem Leben zu erf\u00fcllen hat. Er wei\u00df, da\u00df es Menschen gibt, die ihn brauchen. Diese Menschen, dieser Auftrag \u2013 das ist der Grund daf\u00fcr, da\u00df Paulus am Leben bleiben will. Er will trotz aller Gefahr, in der er selber steht und trotz aller Konflikte, die es in seiner Gemeinde gibt, nicht sterben. Er will leben. Gerade weil er eine Hoffnung hat, die \u00fcber das Leben hinausreicht.<\/p>\n<p>\u201eLaetare, freut euch\u201c, hei\u00dft es heute. Offenbar geh\u00f6ren beide S\u00e4tze zusammen: \u201eWenn nur Christus verk\u00fcndigt wird auf jede Weise, so freue ich mich dar\u00fcber.\u201c Und dann: \u201eChristus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.\u201c Beide S\u00e4tze d\u00fcrfen wir mitsprechen in unserem Leben. Auch in unserer Zeit. Auch in unserer Welt. Am Anfang des Heidelberger Katechismus von 1563 wird die Frage gestellt: \u201eWas ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?\u201c, und dann wird die Antwort gegeben: \u201eDa\u00df ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus geh\u00f6re.\u201c Darauf kommt also alles an: Da\u00df wir uns Christus als der Mitte unseres Lebens anvertrauen \u2013 niemandem sonst. Wir sollen wissen, da\u00df wir auch in unserem Sterben Christus geh\u00f6ren \u2013niemandem sonst. Unser Leben, unser m\u00f6gliches Leiden, unsere Angst vor der ungewissen Zukunft \u2013 all dem k\u00f6nnen wir ruhiger und gelassener begegnen, wenn wir uns von Paulus und vom Katechismus sagen lassen, da\u00df wir zu Christus geh\u00f6ren. Wir d\u00fcrfen das Wagnis des Glaubens eingehen, das Wagnis, auf Christus zu vertrauen. Weil wir das wissen, darum haben wir, trotz allem Leid und aller Not, die uns begegnet, wahrhaftig Grund zur Freude.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><a name=\"vorent\"><\/a>Exegetische Vorentscheidungen:<\/p>\n<p>Es ist die Annahme vorausgesetzt, da\u00df der Philipperbrief literarisch einheitlich ist, da\u00df also insbesondere die eschatologischen Aussagen in Phil 3,20.21 und die Aussagen \u00fcber die Geldspenden in Phil 4,10-20 nicht von Phil 1 getrennt zu werden brauchen. Die Annahme, der Brief sei in Ephesus verfa\u00dft worden (und nicht in Caesarea oder in Rom), ist keineswegs sicher, besitzt aber den h\u00f6chsten Grad an Wahrscheinlichkeit; der Brief w\u00e4re dann in der von Paulus in 1 Kor 15,32 erw\u00e4hnten Situation verfa\u00dft worden (die Szene Apg 19,23-40 kann als Illustration dienen). In der Predigt wird dies jedoch nicht problematisiert, sondern als gegeben vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Der in der Perikopenordnung bestimmte Text 1,15-21 ist wenig gl\u00fccklich aus dem Kontext herausgeschnitten; deutlich erkennbar ist, da\u00df 1,15 den Abschnitt 1,12-14 unmittelbar voraussetzt und da\u00df 1,21 ohne 1,22-26 im Grunde nur mi\u00dfverstanden werden kann. In der Predigt wird versucht, diese Einsichten \u201enarrativ\u201c umzusetzen.<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Andreas Lindemann, Bethel<br \/>\n<a href=\"mailto:Lindemann.Bethel@t-online.de\">E-Mail: Lindemann.Bethel@t-online.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000402.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. 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