{"id":21162,"date":"2000-04-09T15:06:30","date_gmt":"2000-04-09T13:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21162"},"modified":"2025-03-14T15:14:15","modified_gmt":"2025-03-14T14:14:15","slug":"markus-1534-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1534-2\/","title":{"rendered":"Markus 15,34"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">Worte vom Kreuz<br \/>\nPredigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000<br \/>\n5. Sonntag der Passionszeit, Judika<\/span><br \/>\n<b>9.4.2000<br \/>\nMarkus 15,34<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Reinhard Weber<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: xx-small;\"><b>\u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c <\/b><\/span><\/p>\n<p>Liebe Zuh\u00f6rer und Zuh\u00f6rerinnen!<\/p>\n<p>\u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Dieser Satz ist kein Satz, dieser Satz ist ein Schrei. Hinter ihn geh\u00f6rt so gut wie ein Frage- auch ein Ausrufezeichen.<\/p>\n<p>Diese paar Worte beenden das irdische Lebensgeschick Jesu. Das ist ein Ende, wie es sich seine Anh\u00e4nger nicht hatten tr\u00e4umen lassen. Die hatten vielmehr von etwas anderem getr\u00e4umt, wovon bekanntlich die meisten tr\u00e4umen, vom Reich und von der Herrschaft, vom Sieg und den goldenen Gassen, vom triumphalen Gericht \u00fcber die Feinde und den weichen Sesseln der Gewinner, usw. usw. Man kennt das, dieses Gemenge von Bimbes, Macht, Ansehen, sozialer Stellung, Einflu\u00df und Wohlsituiertheit. Warum sollten die J\u00fcnger anders und besser sein?!<\/p>\n<p>Aber nun ist es im Gegenteil geendet. Ihre Bl\u00fctentr\u00e4ume haben ein j\u00e4hes Ende gefunden. Aus, vorbei: \u201ewir aber hofften, er sei es, der Israel erl\u00f6sen w\u00fcrde (Lk 24,21).\u201c Es war wohl nichts, so werden sie empfunden haben. Entt\u00e4uschung allenthalben.<\/p>\n<p>Und doch, das w\u00e4re alles noch nicht so schlimm, nicht wirklich tragisch, denn man kann ja auch ohne all das leben, ohne diesen ganzen illusionistischen Bimbeskrimskrams, diese egomanischen Obsessionen, und vielleicht nicht einmal schlecht. Auch wenn die Entt\u00e4uschung nat\u00fcrlich gro\u00df ist und am Herzen nagt, und nicht nur an diesem. Dieses pl\u00f6tzliche Zerst\u00e4uben aller Traumvisionen, das ist schon hart und kann auch tiefe Bitterkeit, ja Zynismus hervorrufen. Man kennt auch das.<\/p>\n<p>Und dennoch: das alles w\u00e4re zur Not noch zu verkraften, wenn es nicht in diesem Schrei um etwas ganz anderes ginge, wenn dahinter nicht noch ein anderer Horizont aufschiene, in dem er gesehen, geh\u00f6rt und verstanden werden mu\u00df. In diesem Schandtod am Kreuz der R\u00f6mer schwingt ja noch etwas anderes als dieser ganze \u00fcbliche menschliche Frust mit. Dahinter steht noch eine andere Frage, dahinter leuchtet, nein dahinter verl\u00f6scht noch ein anderer Stern: die Frage des einzigartigsten Gottesverk\u00fcnders, Gottesereigners, den die Menschengeschichte gekannt hat, die Frage des gottn\u00e4chsten Gottesliebhabers nach seinem, die Frage der gottinnigsten Menschenseele nach ihrem Gott. Der den Absoluten verk\u00fcndigte, darstellte, zur Sprache brachte, als gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit realisierte, da\u00df er zum Greifen nahe kam, der sich ihm ganz auslieferte und nichts f\u00fcr sich sein wollte, was er nicht zugleich f\u00fcr ihn sein konnte, der wird in dieser Entscheidungsstunde vom Stern und Kern, von der innersten Herzmitte seines Daseins verlassen und ausgeliefert den M\u00e4chten der gottfeindlichen Welt, dem Gegengott, den gottfeindlichen M\u00e4chten und ihren weltlichen Agenten. Das ist sein irdisches Geschick und die Konsequenz aus seinem Auftreten. Ein schmachvoller Tod am Galgen der heidnischen Besatzer als R\u00e4uber und Aufr\u00fchrer, als Verr\u00e4ter und Verf\u00fchrer. So endet der gottinnige, der gottliebende und gottgeliebte Mensch. Wer wollte da vom \u201elieben Gott\u201c reden!? Wer wollte da leugnen, da\u00df es hier ums Ganze geht, um die meta-physische Einheit, Identit\u00e4t und Integrit\u00e4t eines Menschendaseins, einer gottge\u00f6ffneten Seele, um ihr Glaubenk\u00f6nnen und ihre Glaub-w\u00fcrdigkeit. Die verzweiflunsgvolle Einsamkeit dieses gottverlassenen Gottinnigen l\u00e4\u00dft sich nur schwer ausloten, so abgrundtief ist ihr Elend, das sich durch keinen exegetischen Kunstgriff bes\u00e4nftigen, harmonisieren und reduktiv verharmlosen l\u00e4\u00dft. Auch dagegen schreit dieser Schrei an.<\/p>\n<p>Soviel also ist von diesem Schlu\u00dfwort Jesu am Karfreitag deutlich und l\u00e4\u00dft sich aus ihm nicht herausbringen: es ist keine nur angenehme, wohltuende, \u201eliebe\u201c, keine handzahme Geschichte, die sich hier abspielt und die hier ein vorl\u00e4ufiges Ende findet. Es sind auch nicht nur der ganze Schutt und Schmutz, das Versagen und die Blindheit, der Geifer und die Gier des Menschengeschlechtes und seiner Geschichte darin, nein, es ist auch eine g\u00f6ttliche Geschichte, die Geschichte Gottes mit sich selbst n\u00e4mlich, des biblischen Gottes, die sich hier ereignet. Das darf nicht \u00fcbersehen und nicht verharmlost werden.<\/p>\n<p>Denn gewi\u00df ist ja dies, da\u00df in diesem jungen Galil\u00e4er die Geschichte des atl. Glaubens sich kondensiert hat und die Bibel gleichsam explodiert ist. Gott ist f\u00fcr ihn der nahe Gott, der nahegekommene. Er erlebt ihn handgreiflich und unmittelbar. Das K\u00f6nigreich der Himmel ist ihm Gegenwart, und Gott l\u00e4dt die M\u00fchseligen und Beladenen zu seiner Kr\u00f6nungsfeier ein, zu seiner Hochzeit mit den Menschen. Da findet sich keine christologische Dogmatik, kein Jenseitsglaube, keine apokalyptische Eschatologie, keine Hinwendung zu einem unvorstellbaren Dr\u00fcben, sondern nur ein Hier und Jetzt, die Freude der Heilszeit als Gegenwart des Br\u00e4utigams (Mk 2,18ff). Keine Kirche ist da anvisiert, sondern eine Gottesbotschaft als pr\u00e4sente Realit\u00e4t. Abba, das ist die Botschaft. Und die Bitte an Gott, nun sein Reich doch in ganzer F\u00fclle aufzurichten. Auf Erden. Damit hat Jesus Anh\u00e4nger und auch Gegner gefunden.<\/p>\n<p>In Jesus ist die Gotteserfahrung die einfachste Sache der Welt, das Bewu\u00dftsein des Letzten im Vorletzten. Ozeanisches Gef\u00fchl, f\u00fcr einen Augenblick: F\u00fcr die meisten Menschen bleibt es dabei, ein Vor\u00fcbergehen. Manche aber machen dauerhaft ernst damit. Dann kollabieren sie, indem in ihnen die Welt kollabiert.<\/p>\n<p>Denn Jesus lebt ja auf dem Hintergrund der \u201eSchrift\u201c. Das ist die atl. Verhei\u00dfungsgeschichte, in der er drinsteht, die er sich aufgerufen f\u00fchlt zu erf\u00fcllen. \u201eHeute ist dies Wort der Schrift erf\u00fcllt vor euren Ohren\u201c (Lk 4,21).<\/p>\n<p>Ob er wohl irgendwann ungeduldig geworden ist, als es ihm zu lange dauerte und sich hinzog, wie einst Albert Schweitzer meinte? Ob seine sch\u00f6pferische Phantasie mit ihm durchgegangen ist und er mit ihr die Wirklichkeit \u00fcbersprang? War es die Ungeduld des religi\u00f6sen Genies, die von ihm Besitz ergriff und ihn mit sich fortri\u00df? Innere Glut und Begeisterung haben ihn geleitet, das ist wohl sicher. Aber war er auch deshalb schon ein Schw\u00e4rmer, ein Enthusiast, gar ein Fanatiker? Oder ist die Spannung deshalb in ihm und seinen J\u00fcngern hochgestiegen, weil er im Volk Erwartungen geweckt hatte, die es nun auch realisiert sehen wollte? F\u00fchlte er sich unter Druck gesetzt?<\/p>\n<p>Sein Wort hatte Wirkung, auf die Seelen der Menschen, zweifellos; er heilte auch Kranke, aber immerhin, deshalb wichen die R\u00f6mer ja noch keinen Zentimeter aus dem Land, der Tempel verr\u00fcckte sich nicht. Erhoffte man das von ihm? Geriet deshalb seine Autorit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit zunehmend unter Pressionen? Sollte er sich beweisen, gr\u00f6\u00dfere Zeichen tun, die Macht an sich rei\u00dfen, wirklich alle Dinge wenden? Wollte man von ihm die umfassende Befreiung, die gro\u00dfe Tat, die Weltwende? Hat er sich davon anstecken lassen? Oder wurde sein Wirken mi\u00dfverstanden, hat man ihn in etwas hineingedr\u00e4ngt, was er eigentlich ablehnte, hat man sein Auftreten falsch interpretiert und ihn schlie\u00dflich in einem Justizirrtum zur Strecke gebracht?<\/p>\n<p>Wir wissen es nicht sicher. Aber eins ist deutlich: die Krisis steigt. Er geht aufs Ganze, auf nach Jerusalem? Was wollte er dort? Wollte er die F\u00fchrer des Volkes vor die Entscheidung stellen, sollten sie sich zu seinem Gott bekennen? Glaubte er dort die Gottesherrschaft zu vollenden? Wollte er gar Gott zwingen, etwas zu tun, einzugreifen ins weltliche Geschehen, auch \u00e4u\u00dferlich, seine Herrschaft weltweit und letztg\u00fcltig zur Durchsetzung zu bringen, sich zu ihm und seiner Botschaft, seinem Wirken, seiner Gottesereignung zu bekennen, zu ihm als Menschen- und Gottessohn? Hat er etwa gar dabei mit seinem gewaltsamen Tod gerechnet, ihn etwa bewu\u00dft einkalkuliert und ihm m\u00f6glicherweise einen bestimmten Sinn gegeben, ihn als Mittel angesehen, zur S\u00fchne f\u00fcr die S\u00fcnden der Menschen, als Grundlage eines neuen Bundes, oder als Instrument in der letzten Bedr\u00e4ngnis, um das Tor zum endzeitlichen Gottesreich mit einem Schlage aufzusto\u00dfen? Wollte er Gott dazu veranlassen, sich seines Boten anzunehmen gegen die Menschen, wollte er ihn angesichts der t\u00f6dlichen Bedrohung seines Sohnes zum Eingreifen in die b\u00f6se Welt herausfordern, bot er sich ihm als Opfer an, das f\u00fcr den umfassenden Beginn der Heilszeit noch n\u00f6tig war? Hat er sein gewaltsames Ende selbst arrangiert, es absichtlich herbeigef\u00fchrt, oder wurde er von ihm \u00fcberrascht, lie\u00df er es nur passiv geschehen, als gehorsames Erleiden? Oder sp\u00fcrte er lediglich den zunehmenden Widerstand, die Gefahr f\u00fcr seine Botschaft und seine Lebensaufgabe, so da\u00df er sich selber opfern wollte, um Gott durch dieses Fanal bei den Menschen zum Durchbruch zu verhelfen, indem er diese dadurch zu einer letzten Umkehr rief oder sich f\u00fcr sie in die Bresche warf? Sah er in seinem Tod das Reich kommen? Erwartete er noch im letzten Moment am Kreuz das Eingreifen seines Gottes? Ist er zusammengebrochen, als dieses nicht eintrat? Fragen von ungeheurer Bedeutung, und dennoch: wir wissen auch das nicht wirklich.<\/p>\n<p>Nur eines scheint durch die \u00dcberlieferung klar hindurch: Jesus will im Unterschied zu anderen Propheten und Zauberern und Messiaspr\u00e4tendenten der Zeit nichts f\u00fcr sich, nur alles f\u00fcr das Reich des Allumfassenden, er lebt ganz aus und f\u00fcr Gott, er ist sich selbst kein Gegenstand des Interesses. Er will dienen, nicht herrschen. Er will allein Gott zur Herrschaft bringen. Ihm ordnet er alles andere unter. Er ist nichts anderes als der Bote und Bringer des Reichs.<\/p>\n<p>Und genau dieser Mann endet am Holz! Und er endet in der Verlassenheit von eben demjenigen Gott, dem er sein Leben geweiht und zum Opfer gebracht hat, au\u00dfer dem er lebend nichts wissen wollte.<\/p>\n<p>Das ist die eigentliche Dimension dieses Sterbens, dieses Kreuzes und dieses Todesschreies. Daneben verglimmt alles andere an menschlicher Entt\u00e4uschung zu nichts. Erst hier wird die Theologie theologisch! Hier wird die menschliche Geschichte zu einer g\u00f6ttlichen! Hier geht es nicht nur um die Menschlichkeit des Menschen, hier geht es mindestens ebensosehr um die Gottheit Gottes. Beide stehen miteinander auf dem Spiel, und sie konzentrieren sich in diesen wenigen letzten Worten Jesu, in diesem Todesschrei!<\/p>\n<p>Hat sich Jesus mit seiner Gotteserwartung, mit seiner Reichshoffnung get\u00e4uscht? War alles ein grandioser Irrtum, die kindliche Illusion eines -wie Nietzsche sagt- \u201eheiligen Idioten\u201c? Wird hier offenbar, da\u00df es mit dem Gott Jesu, dem Gott der Liebe nichts ist, da\u00df er gegen den Gott dieser Welt, der Macht und des Gesetzes keine Chance hat?! Ist damit sein Wirken als ganzes widerlegt und f\u00e4llt auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte, wo schon viele edle Leichen liegen? Zeigt sein verzweiflungsvoller Schrei nicht eben dies an, da\u00df er dies nun auch einsieht, da\u00df er gescheitert ist, da\u00df seine Mission keinen Erfolg gezeitigt hat, sondern in einem namenlosen Desaster geendet ist?!<\/p>\n<p>Die, die dem anderen Gott dienen, dem Gott der Macht und der Ordnung, der Sanktionierung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse, die scheinen offensichtlich gesiegt und ihn im Namen ihres Gottes zu einem von seinem Gott Verlassenen gemacht zu haben. Ihr Sieg ist seine Niederlage. Davon l\u00e4\u00dft sich zun\u00e4chst einmal gar nichts abmarkten. So ist es erfahren worden, auch von denen, die ihm gefolgt waren und auf ihn gesetzt hatten. Zusammenbruch! Das ist die Devise der Stunde!<\/p>\n<p>Der da schreit nach seinem Gott in seiner Ohnmacht, das ist der ehedem Gottn\u00e4chste. Er schreit seine Verzweifling heraus, da\u00df der ihn verl\u00e4\u00dft, den er nie verlassen hat, dem er sein Leben zu eigen gegeben hat, er ruft nach dem Bekenntnis seines Gottes zu ihm, seinem Diener und Sohn. Nat\u00fcrlich, wir wissen es: sp\u00e4ter bem\u00e4chtigen sich seiner dann die christlichen Theologen mit ihren dogmatischen Spekulationen und Argumentationsgeb\u00e4uden und die Dichter mit ihrer mythischen Einbildungskraft. Alles wird nun in ihn hinein versammelt, au\u00dfer seiner Verzweiflung \u00fcber die Ohnmacht der Liebe.<u><\/u><\/p>\n<p><u><\/u><span style=\"font-size: medium;\">Aber damit verliert auch das Tragische an der Geschichte Jesu seine Brisanz wie die tragische Struktur der Geschichte selber. Die Furchtbarkeit des Kreuzes! Sein letzter Kreuzesschrei wird nicht mehr ernstgenommen. Aber \u00fcber eins mu\u00df man sich dabei klar sein: <\/span><\/p>\n<p>\u201e<i>Mit der Verharmlosung des Kreuzes beginnen alle \u00dcbel im Christentum und alle Schandtaten aus seiner Mitte\u201c (Friedrich Heer).<\/i><\/p>\n<p>Denn mit diesem Kreuz lassen sich eigentlich keine Waffen segnen, es ist kein Siegeszeichen, es ist das Symbol einer gro\u00dfen Niederlage, einer Trag\u00f6die. Dieses Schandmal ist das Zeichen einer gro\u00dfen Katastrophe. Es l\u00e4\u00dft sich nicht umfunktionieren, ohne es zu pervertieren.<\/p>\n<p>Denn in ihm ist die Nachtseite Gottes, sein ungr\u00fcndiger Grund so sehr offenbar wie der dunkle Schatten der Menschengeschichte, die scheinbar d\u00e4monische Seite des Theos und des Anthropos, wie sie im Licht der Geschichte erscheinen, das unausdenkbare und unaushaltbare Grauen. Ein furchtbares Wissen um das Zwielicht, welches die Gottheit umspielt, und um die Abgr\u00fcnde des Menschen, die sich dem zweiten Blick er\u00f6ffnen. Das Kreuz ist ein Fanal, es rei\u00dft die Existenz zwischen Gott und Gott auf, indem es Gott gegen Gott stellt, den Gott der Liebe gegen den Gott des Gesetzes, die in ihrem Gegeneinander dennoch nicht voneinander lassen k\u00f6nnen. Das ist die Tiefe dieses Kreuzes, welches \u00fcber der Menschheitsgeschichte aufgerichtet ist. Gott selber scheint f\u00fcr uns im Geschick dieses Menschen auseinanderzutreten, mit sich in Konflikt zu geraten und unsere eigene menschliche Existenz zwischen Gott und Gott zu situieren.<\/p>\n<p>Ob man sich in dieser Lage mit dem sicher nicht ganz absurden Gedanken tr\u00f6sten kann, da\u00df das Leben und Wirken Jesu wenigstens ein <i>sch\u00f6pferischer <\/i>Irrtum gewesen sei! Wie so oft in der Geschichte geschehen?!<\/p>\n<p>Er hat sich get\u00e4uscht, die Geschichte ist weiter und \u00fcber ihn und seine Hoffnungen hinweggegangen. Das Reich ist in seinem Sinne nicht gekommen. Er selber aber wurde in ganz anderer Weise nicht vergessen, nicht nur durch die Existenz der Kirche. Ein produktives Mi\u00dfverst\u00e4ndnis also, wenn man schon nicht auf den Auferstehungsgedanken zur\u00fcckgreifen will?<\/p>\n<p><i>\u201eJesus stirbt am Kreuz. Er stirbt f\u00fcr seinen Irrtum. Er stirbt f\u00fcr seinen Irrtum in die Weltgeschichte hinein\u201c <\/i>(F. Heer). Diese steht nach ihm in einem anderen Licht. Seine Trag\u00f6die, sein Scheitern ver\u00e4ndert die Welt, nicht sein Sieg. Er geht seinen Weg des Opfers. Aber es wird anders wirksam als gedacht. Er stirbt grausam und allein, von Gott verlassen. Ein furchtbarer, ein tragischer Irrtum. Aber dieser Irrtum wird dennoch fruchtbar, er er\u00f6ffnet einen neuen Blick auf die Humanit\u00e4t, auf das Geschick des Menschen in der Welt, Jesus wird zum Er\u00f6ffner des Raumes der Seele (L. Ziegler).<\/p>\n<p>Und in der Tat: das AT schon ist ja im Grunde eine einzige Scheiternsgeschichte, von Adam und Eva \u00fcber Kain und Abel, Mose und Saul bis hin zu Josia und den Makkab\u00e4ern, und darin ist Jesus ein weiteres, in bestimmtem Sinne ein letztes Glied. Dieser biblische Gott scheint mit den Seinen stets den \u201eunteren Weg\u201c zu gehen. Er f\u00fchrt sie in die Anfechtung durch die Welt und an sich selbst als gerechtem Gott. Jesus hat die Welt ver\u00e4ndert schon allein durch sein blo\u00dfes Dasein in der Geschichte, durch sein Wirken und durch sein Schicksal, gewi\u00df, aber diese Ver\u00e4nderung kann doch nur ein Vorschein dessen sein, was von ihm angezielt war. Das ist in der Geschichte weiterhin verborgen, nur in verh\u00fcllter Gestalt da, eben als die Ohnmacht der Liebe, lediglich als dieses Wissen der Liebe um sich selbst. Der sch\u00f6pferische Irrtum wartet immer noch darauf, als solcher aufgel\u00f6st zu werden.<\/p>\n<p>Der Schrei Jesu aus der Gottverlassenheit des Kreuzes heraus nach dem verlassenden Gott ist der Schrei, der seither durch die Geschichte gellt und die Zukunft offen h\u00e4lt, denn er ist in geschichtlich-vollendlicher Eindeutigkeit noch nicht beantwortet. Es ist noch unklar, was aus ihm werden wird. In der weiterlaufenden Geschichte, die wir sind, ist er weder endg\u00fcltig verifiziert noch falsifiziert, sondern dem Glauben \u00fcberantwortet. In ihm steckt der zuk\u00fcnftige Gott, der sich als solcher noch erweisen mu\u00df, der noch wird, der weder mit dem Menschen noch mit sich schon zuende ist. Dieser Schrei \u00f6ffnet die Geschichte, die Menschengeschichte im Blick auf die Geschichte Gottes mit ihr, denn dieser Schrei, dieses Kreuz, sie ereignen die Gestalt der Solidarit\u00e4t der Liebe in der Ohnmacht. In dem Festhalten des Verlassenen am Verlassenden bilden sie den Sieg der Liebe ab, insofern sie nichts ist und sein will als Liebe. Der letzte Schrei Jesu zeigt die prophetische Dimension der Geschichte an, indem er die Frage stellt, ob diese Welt endg\u00fcltig von Gott verlassen ist. Dieser Schrei ist der Kulminationspunkt der Geschichte des Menschen mit Gott und Gottes mit dem Menschen, der Entscheidungspunkt, die Angel, um die sich die Weltgeschichte dreht (Hegel). Und was aus ihm werden wird, steht noch dahin. An uns ist es nur, die Frage offenzuhalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und diese Frage hat die Form des angefochtenen Glaubens. Denn der Gott Jesu, der sich im irdischen Geschick seines Mandatars an die Welt ent\u00e4u\u00dfert hat und selbst unter das Schicksal der Welt als Welt, und d.h. in die Gottverlassenheit ohnm\u00e4chtiger Liebe getreten ist, der verweist in seinem Handeln und Erleiden auf eben nichts anderes als sich selbst, will hei\u00dfen auf die endliche Durchsetzung seiner Gottheit, die in der Gegenwart nicht anders offenbar ist denn als im Glauben verh\u00fcllte. Darum hat sein Handeln im Verlassen der gottinnigen Seele Verhei\u00dfungscharakter. Denn seine Selbstent\u00e4u\u00dferung im Geschick Jesu von Nazareth als Verlassen des Sohnes hat ja die Form der Selbstverlassenheit. Darum weist sein Wirken in Jesus und eben auch noch in dessen Kreuz in der Weise der Verborgenheit, welche aus der Tatsache resultiert, da\u00df er die Dunkelheit des Menschen zur Voraussetzung seines eigenen Handelns gemacht hat, auf ihn selbst zur\u00fcck, so wie er ent\u00e4u\u00dferungslos in unverstellter Klarheit auf die Welt wartet, indem er in der Verh\u00fclltheit seiner selbst die Schuld des Menschen \u201el\u00f6st\u201c, um derart wieder ganz er selbst sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der im Bewu\u00dftsein absoluter Gottverlassenheit ausgesto\u00dfene Todesschrei Jesu am Kreuz nach dem verlassenden Gott ist also nichts anderes als der Verweis auf das r\u00fcckhaltlose Eingehen Gottes vermittels der Ohnmacht der Liebe in die welthafte Bedingtheit um der Welt willen, damit die Welt ebenso r\u00fcckhaltlos eingehen kann in die unbedingte Klarheit Gottes um Gottes willen. Gerade so aber verweist dieser Schrei uns zur\u00fcck in das weltlich verh\u00fcllte Handeln Gottes und in die Form des Glaubens als Gestalt der Verhei\u00dfungsgeschichte, n\u00e4mlich da\u00df Gott einst seinen seit der Sch\u00f6pfung geltenden Vorbehalt, ihn selber in seiner ganzen unverstellten Gottheit zu schauen, revozieren wird.<\/p>\n<p><b>Priv.-Doz. Pfr. Dr. Reinhard Weber<br \/>\nBlaue-Kuppe-Str. 37<br \/>\n37287 Wehretal<br \/>\nTel.\/Fax.: 05651\/40225 <\/b><\/p>\n<p><b><u>Neue Anschrift ab 12.04.2000<\/u><br \/>\nRudolf Bultmann Str. 4<br \/>\n35039 Marburg<br \/>\nTel. 06421-969111\/969199\/969299<br \/>\nFax: 06421-969399<br \/>\nE-Mail: Weber21@stud-mailer.uni-marburg.de <\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000409-2-p.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte vom Kreuz Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000 5. 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