{"id":21164,"date":"2000-04-09T15:14:18","date_gmt":"2000-04-09T13:14:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21164"},"modified":"2025-03-14T15:16:07","modified_gmt":"2025-03-14T14:16:07","slug":"markus-1534-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1534-3\/","title":{"rendered":"Markus 15,34"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">Worte vom Kreuz<br \/>\nPredigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000<br \/>\n5. Sonntag der Passionszeit, Judika<\/span><br \/>\n<b>9.4.2000<br \/>\nMarkus 15,34<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Klaus B\u00e4umlin<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: xx-small;\"><b>\u201eMein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c <\/b><\/span><\/p>\n<p>\u201eUnd sie f\u00fchren ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen. Und sie zwingen einen Vor\u00fcbergehenden, Simon aus Zyrene &#8211; der \u00fcbers Feld her kam, den Vater des Alexander und des Rufus &#8211; ihm das Kreuz abzunehmen. So bringen sie ihn zur St\u00e4tte Golgota, das heisst \u00fcbersetzt Sch\u00e4delst\u00e4tte. Da boten sie ihm mit Myrrhe gew\u00fcrzten Wein &#8211; er aber nahm nicht. Dann kreuzigen sie ihn. Und sie verteilen seine Obergew\u00e4nder, das Los darum werfend, wer etwas davon nehmen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und die Aufschrift seiner Schuld war dar\u00fcber geschrieben: Der K\u00f6nig der Juden. Und zusammen mit ihm kreuzigen sie zwei Bandenkrieger &#8211; einen zur Rechten und einen zu seiner Linken. So ward erf\u00fcllt die Schrift, die sagt: Und unter die Verbrecher ward er gerechnet. Die Vor\u00fcbergehenden l\u00e4sterten ihn, sch\u00fcttelten ihre K\u00f6pfe und sagten: Ha: Du reisst den Tempel nieder und baust ihn in drei Tagen auf &#8211; rette dich selbst, steig herab vom Kreuz: Desgleichen h\u00f6hnten auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten. Sie sagten: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten: der Messias: Der K\u00f6nig Israels: Steig er doch jetzt vom Kreuz herab, dass wir sehen und glauben. Auch die mit ihm Gekreuzigten verfluchten ihn.<\/p>\n<p>Als die sechste Stunde gekommen, ward Finsternis \u00fcber das ganze Land hin &#8211; bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit gewaltiger Stimme: Elo\u00ef, Eloi, lema sabachtani. Das heisst \u00fcbersetzt: <b>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen:<\/b> Einige der Dabeistehenden h\u00f6rten es und sagten: Sieh her, er ruft den Elija. Da lief einer, f\u00fcllte einen Schwamm mit Essigwein, steckte ihn auf einen Rohrstock und wollte ihn tr\u00e4nken und sagte: Lasst, wir wollen doch sehen, ob Elija kommt, ihn herunterzuholen: Jesus aber liess einen gewaltigen Schrei und hauchte den Geist aus. Und der Vorhang des Tempels ward zerrissen &#8211; entzwei von oben bis unten. Als aber der Hauptmann, der ihm gegen\u00fcber dabeistand, ihn so &#8211; schreiend &#8211; den Geist aushauchen sah, sprach er: Wahrhaftig -dieser Mensch war Gottes Sohn:<\/p>\n<p>Es waren auch Frauen, von ferne zuschauend, unter ihnen auch Maria aus Magdala, und Maria, des Kleinen Jakobus und des Joses Mutter, und Salome. Die waren ihm gefolgt und hatten ihm gedient, als er in Galil\u00e4a war; und noch viele andere, die mit ihm nach Jerusalem heraufgekommen waren.\u201c<\/p>\n<p>(\u00dcbersetzung: Fridolin Stier)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir sind hier fast am Ende des Markusevangeliums. Das Drama erreicht seinen H\u00f6hepunkt, genauer gesagt: seinen Tiefpunkt. Das Markusevangelium hat mit den \u00fcberschriftartigen Worten begonnen: &#8222;Anfang des Evangeliums von Jesus Messias, dem Sohn Gottes.&#8220; Evangelium, frohe Botschaft, gute Nachricht wollte Markus doch erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und nun dieses Ende: Was ist von der frohen Botschaft geblieben? Markus schreibt, von der sechsten bis zur neunten Stunde, w\u00e4hrend des Todeskampfes Jesu am Kreuz, sei Finsternis \u00fcber das ganze Land hin gekommen. Ich denke, Markus hat das symbolisch verstanden. Man k\u00f6nnte die Golgota-Szene mit der \u00dcberschrift versehen: &#8222;Finsternis&#8220;, &#8222;Gottesfinsternis&#8220;, oder auch: Gottverlassenheit, schreckliche, finsterste Gottverlassenheit.<\/p>\n<p>Haben Sie beachtet, liebe Gemeinde, wie Markus entscheidende Vorg\u00e4nge dieser Szene in der Gegenwartsform erz\u00e4hlt: &#8222;Und sie f\u00fchren ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen&#8230; So bringen sie ihn zur St\u00e4tte Golgota&#8230; Dann kreuzigen sie ihn.&#8220; Das ist ein Stilmittel, durch das Markus die Leser ganz nahe an das Geschehen heranf\u00fchrt, sie hineinverwickelt, zu Mitbeteiligten, Mitbetroffenen, zu Zeugen macht. Und umgekehrt vielleicht auch: die Gegenwartsform soll zum Ausdruck bringen, dass das, was hier auf Golgota geschehen ist, in der Menschengeschichte und in der Geschichte einzelner Menschen immer wieder gegenw\u00e4rtig ist: dort, wo Menschen \u00fcberw\u00e4ltigt werden von Gewalt, gefoltert, zu Tode geplagt, oder elend verhungern, oder auch, weniger spektakul\u00e4r, an einer unheilbaren, schmerzvollen Krankheit leiden und zugrundegehen &#8211; und nur noch schreien k\u00f6nnen: &#8222;Mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen:&#8220; &#8211; Situationen \u00e4usserster, finsterster Gottverlassenheit: Passionsgeschichten, Leidensgeschichten. So ist Jesus dran; so k\u00f6nnen Menschen dran sein. Das ist unsere Welt.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Kreuzigung war eine bei den R\u00f6mern gebr\u00e4uchliche, \u00e4usserst grausame Hinrichtungsart. Sie wurde angewendet bei Kapitalverbrechen und besonders f\u00fcr Aufst\u00e4ndische, die sich der r\u00f6mischen Kolonialmacht widersetzten. Bei den beiden &#8222;Bandenkriegern&#8220;, die mit Jesus gekreuzigt wurden, hat es sich wohl um solche j\u00fcdische Guerilleros gehandelt. Die Verurteilten wurden am Querbalken, den sie selber zur Richtst\u00e4tte tragen mussten, an H\u00e4nden und F\u00fcssen angebunden oder angenagelt. Der Todeskampf Jesu dauerte &#8222;nur&#8220; sechs Stunden. Meist dauerte er viel l\u00e4nger. Manchmal hingen die Gekreuzigten tagelang am Balken, ausgeliefert der stechenden Sonne, dem qu\u00e4lenden Durst, den M\u00fccken und Fliegen, den unertr\u00e4glichsten Schmerzen, ausgeliefert den Blicken und dem Gesp\u00f6tt der Schaulustigen, denn Kreuzigungen waren \u00f6ffentlich. Der Tod trat dann meist durch Ersticken oder durch totale Ersch\u00f6pfung ein &#8211; ein entsetzlicher Foltertod, tausendfach verursacht, damals von den R\u00f6mern, tausendfach verursacht mit anderen, nicht weniger grausamen Methoden bis in unsere Zeit. <i>Das<\/i> bedeutet: &#8222;Sie f\u00fchren ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen.&#8220;<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>\u201eUnd sie zwingen einen Vor\u00fcbergehenden, Simon aus Zyrene, ihm das Kreuz abzunehmen.&#8220; Wahrscheinlich war Jesus durch die vorangehende Folter so geschw\u00e4cht, dass er den schweren Balken nicht mehr zu tragen vermochte. Ein zuf\u00e4llig Daherkommender, wahrscheinlich ein j\u00fcdischer Pilger, der aus der Zyrenaika in Nordafrika zum Passafest nach Jerusalem gekommen war, wird gezwungen, ihm die Last abzunehmen. Ein Simon ist es. Der andere Simon, Simon Petrus, der noch vor wenigen Stunden geschworen hatte: &#8222;M\u00fcsste ich sterben mit dir &#8211; nie werde ich dich verleugnen:&#8220; (Mark. 14,31) hat das Weite gesucht. An seine Stelle tritt nun, unfreiwillig, dieser Simon aus Zyrene. Auff\u00e4llig, dass Markus nicht nur seinen Namen, sondern auch noch die Namen seiner S\u00f6hne nennt. Offenbar muss dieser Simon den damaligen Lesern des Evangeliums ein Begriff gewesen sein. Ist er vielleicht durch dieses aufgezwungene Kreuztragen, diesen unfreiwilligen Liebesdienst zum Christen geworden? War er gar der Vater jenes Rufus, eines Christen in Rom, dem der Apostel Paulus am Schluss seines R\u00f6merbriefs einen Gruss ausrichten l\u00e4sst (R\u00f6m 16,13)? Seltsame Zusammenh\u00e4nge, auf die Markus da hinweist.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Auch die beiden Bandenkrieger, die zusammen mit Jesus gekreuzigt werden &#8211; &#8222;einen zur Rechten und einen zu seiner Linken&#8220; &#8211; wecken eine Erinnerung. Da hatten doch zwei J\u00fcnger, Jakobus und Johannes, Jesus darum gebeten, er solle sie einmal in seiner Herrlichkeit auf die Ehrenpl\u00e4tze setzen: &#8222;einen zu deiner Rechten und einen zur Linken&#8220; (Mark. 10,37). Jesus hat ihnen damals geantwortet: &#8222;Ihr wisst nicht, worum ihr bittet&#8230; Das Sitzen zu meiner Rechten oder Linken &#8211; das zu geben ist nicht meine Sache. Es ist f\u00fcr die bestimmt, denen es bereitet ist.&#8220; Und nun sind nicht die J\u00fcnger, sondern diese beiden Bandenkrieger, diese gescheiterten und verlorenen Rebellen, Jesus in seiner Todesstunde die Allern\u00e4chsten. Keine sympathischen Gesellen, Desperados sind es, die mit ihrem Versuch, Israel mit Sabotage und Waffengewalt von der r\u00f6mischen Besetzung zu befreien, kl\u00e4glich gescheitert sind, und noch in ihrem Scheitern f\u00fcr Jesus, den Gewaltlosen, nur Schm\u00e4hung und Fluch \u00fcbrig haben.<\/p>\n<p>Jesus hat ihre Mittel nicht gebilligt. Gewalt von unten war f\u00fcr ihn kein Weg zur \u00dcberwindung der Gewalt von oben. Sein Widerstand war anderer Art. Und doch sind die beiden Rebellen ihm jetzt am n\u00e4chsten, h\u00e4ngen sozusagen auf den Ehrenpl\u00e4tzen zu seiner Rechten und seiner Linken. Die, die im Widerstand gegen die unterdr\u00fcckerische Macht, im Kampf f\u00fcr die Befreiung ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, sind Jesus in der Stunde des Todes n\u00e4her als die J\u00fcnger, die geflohen sind. Mir kommt es vor, als h\u00e4tte das Evangelium den Rebellen, die sich gegen Unrecht und Unterdr\u00fcckung zur Wehr setzen, Reverenz erwiesen. Ihr Weg ist ein Irrweg, er f\u00fchrt nicht hinaus aus dem Teufelskreis der Gewalt, und er ist zum Scheitern verdammt; aber die ihn gehen, verdienen Respekt.<\/p>\n<p>Pilatus jedenfalls hat zwischen diesen Bandenkriegern und Jesus keinen grossen Unterschied gemacht. Als Grund f\u00fcr die Hinrichtung Jesu hat er \u00fcber das Kreuz schreiben lassen: &#8222;Der K\u00f6nig der Juden&#8220;.In seinen Augen war auch Jesus ein Aufr\u00fchrer, der die Macht Roms in Frage stellte &#8211; vielleicht nicht ein besonders Gef\u00e4hrlicher, besonders ernst zu Nehmender. Aber in diesen unruhigen Zeiten war es kl\u00fcger, einen zuviel als einen zu wenig ans Kreuz zu h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&#8222;So ward erf\u00fcllt die Schrift, die sagt: Und unter die Verbrecher ward er gerechnet.&#8220; Dort am Kreuz h\u00e4ngt er jetzt, der Gerechte, der Gewaltlose, der Mensch des Friedens: in der Gesellschaft gescheiterter Desperados, wie einer von ihnen, einer der &#8222;Verdammten dieser Erde&#8220;.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Und so wird er jetzt noch zum allgemeinen Gesp\u00f6tt. &#8222;Die Vor\u00fcbergehenden l\u00e4sterten ihn. Desgleichen h\u00f6hnten auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten. Sie sagten: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten: der Messias: Der K\u00f6nig Israels:&#8220;<\/p>\n<p>Und wiederum glaube ich, dass sich die Leser des Evangeliums in diesen Vor\u00fcbergehenden wiederfinden sollen. Wer das Markusevangelium mit seinem Versprechen: &#8222;Frohe Botschaft von Jesus Messias, dem Sohn Gottes&#8220; Kapitel um Kapitel gelesen hat und jetzt zu diesem Ende kommt, der Leser, der jetzt auf Golgota, auf die Sch\u00e4delst\u00e4tte gef\u00fchrt wird, der muss doch, auf diesem H\u00f6he- oder Tiefpunkt des Dramas auf den Wendepunkt warten. Jetzt, da Jesus am Kreuz h\u00e4ngt, jetzt <i>muss<\/i> doch etwas passieren. Es kann, es darf doch nicht wahr sein, dass der Messias, der Sohn Gottes, <i>so<\/i> stirbt. Jetzt muss Gott doch eingreifen und seine Macht offenbaren. Der, der andere gerettet hat, er wird doch sich selber retten k\u00f6nnen. Er wird vom Kreuz herabsteigen und seine Feinde besch\u00e4men.<\/p>\n<p>Und so h\u00f6re ich aus all dem Hohn und Spott, aus all den L\u00e4sterungen heraus auch eine abgrundtiefe Entt\u00e4uschung. Da gehen menschliche Erwartungen und Hoffnungen, da gehen Gottesbilder in die Br\u00fcche. Die Vor\u00fcbergehenden und mit ihnen die Leser haben auf ein Eingreifen Gottes gewartet, auf die Offenbarung einer g\u00f6ttlichen \u00fcbermacht. Und jetzt wird offenbar, dass Gott nicht auf eine \u00fcbernat\u00fcrliche, \u00fcbermenschliche Weise in die Menschengeschichte eingreift, und schon gar nicht mit Gewalt. Am Kreuz Jesu werden menschliche Gottesbilder und Gottesvorstellungen gekreuzigt.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Und Jesus selber? &#8222;Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit gewaltiger Stimme&#8220; &#8211; in seiner aram\u00e4ischen Muttersprache: &#8222;Eloi, Eloi, lema sabachtani. Das heisst \u00fcbersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen:&#8220; Und dann, nach dem untauglichen Versuch eines Dabeistehenden, den Mund des D\u00fcrstenden mit etwas Essigwein zu netzen, heisst es: &#8222;Jesus aber liess einen gewaltigen Schrei und hauchte den Geist aus.&#8220; Hat auch Jesus in der Stunde seines Todes den Glauben, das Vertrauen auf Gott verloren? Ist auch seine Hoffnung zerbrochen? Hat Gott ihn, auch ihn, im Stich gelassen? Ist in diesen dunklen Stunden Gott nur noch der Abwesende? Gottesfinsternis also, totale Gottesfinsternis?<\/p>\n<p>&#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen:&#8220; Mit diesen Worten beginnt der 22.Psalm. M\u00f6glicherweise hat Jesus in der Stunde seines Todes diesen Psalm zu beten begonnen. Der 22.Psalm ist ein Gebet um Rettung aus der Todesnot, ja, eine Hoffnung auf eine Rettung aus dem Tod kommt da zur Sprache. Die verzweifelte Warum-Frage wandelt sich in das Vertrauen. Vielleicht hatte Jesus den ganzen 1Psalm im Herzen, vielleicht wollte er ihn zuende beten, aber hatte dazu die Kraft und die Zeit nicht mehr.1<\/p>\n<p>Ich denke, ob Jesus mit der verzweifelten Warum-Frage gestorben ist oder mit einem letzten, unzerst\u00f6rten Vertrauen auf Gott, wie er das &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen&#8220; subjektiv gemeint hat, das ist nicht das Entscheidende. Das brauchen wir auch nicht zu ergr\u00fcnden. Jesus h\u00e4ngt und stirbt am Kreuz mit allen, die vor ihm und nach ihm fertiggemacht worden sind, mit den Opfern von Gewalt, mit den Verh\u00f6hnten, Gefolterten und Get\u00f6teten, mit den gescheiterten Rebellen und Desperados und mit den wehrlos, schutzlos und ohnm\u00e4chtig Hingemachten. Er h\u00e4ngt an der Seite der Leidenden und Gequ\u00e4lten, der zu Tode Kranken und Sterbenden. Er h\u00e4ngt und stirbt mitten unter denen, die ihre Hoffnungen begraben mussten, die keine Hilfe, keine Rettung, keine Heilung, keine Befreiung erfahren, mitten unter denen, die sich nicht helfen, sich nicht selber retten k\u00f6nnen. Einer von ihnen ist er geworden, ohne jeden Vorbehalt. Mit ihnen, f\u00fcr sie schreit er sein &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen:&#8220; <i>Das<\/i> ist das Entscheidende, darauf kommt es an.<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Und nun bleibt da noch der r\u00f6mische Hauptmann, der im Auftrag des Pilatus die Kreuzigung \u00fcberwacht und f\u00fcr Ruhe und Ordnung sorgt. Von ihm heisst es, als er Jesus &#8222;so &#8211; schreiend &#8211; den Geist aushauchen sah, sprach er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn:&#8220; War er, ausgerechnet er, der r\u00f6mische Heide, der mit der Exekution Beauftragte, der erste, der die Wahrheit erkannt und ausgesprochen hat? Sozusagen der erste Bekehrte, der erste Bekenner, der das sp\u00e4tere Bekenntnis der christlichen Gemeinde vorweggenommen hat? So ist es in der Geschichte der Auslegung fast durchwegs verstanden worden. Aber ich habe da meine Zweifel. Zun\u00e4chst kommt das Wort &#8222;wahrhaftig&#8220; im Markusevangelium nie im Sinne einer positiven Zustimmung vor; es hat den Unterton des Sp\u00f6ttischen, Ironischen (vgl. 12,14 und 14,70:). Sodann heisst es gleich danach, der Hauptmann sei zu Pilatus gegangen und habe ihm pflichtgem\u00e4ss den Vollzug der Hinrichtung rapportiert.<\/p>\n<p>Vielleicht hat der Hauptmann sein &#8222;Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn&#8220; also nicht im Sinne einer tief ergriffenen und ersch\u00fctternden Erkenntnis gemeint, sondern als zynischen Spott: &#8222;Dieser elende, gescheiterte, j\u00e4mmerlich schreiende und krepierende Kerl da am Kreuz &#8211; seht ihn euch an: das soll Gottes Sohn gewesen sein\u201c<\/p>\n<p>Wie auch immer der R\u00f6mer es gemeint hat: Jetzt ist wiederum der Leser, die Leserin gefragt. Und du? Wer ist er f\u00fcr dich, der da am Kreuz h\u00e4ngt und stirbt? Erinnerst du dich, wie Jesus bei seiner Taufe eine Stimme vom Himmel her geh\u00f6rt hat, die Stimme Gottes: &#8222;Du bist mein Sohn, der Geliebte. An dir habe ich Gefallen.&#8220; (Mark. 1,11) Und jetzt: Kannst du in diesem von allen verlassenen, gedem\u00fctigten, nach Gott schreienden, leidenden und sterbenden Menschen den Sohn Gottes, den Geliebten erkennen? Den Menschen, in dem Gott selber an die Seite der Gedem\u00fctigten, Geopferten Gescheiterten und Sterbenden getreten ist und sich zu ihnen bekannt hat? Kannst du in ihm den geliebten Sohn erkennen, in dem Gott die verlorene Welt geliebt hat? Kannst du das? Und was wird es f\u00fcr Konsequenzen haben, wenn du jetzt im Blick auf diesen Gekreuzigten zu sagen wagst: &#8222;Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn&#8220;?<\/p>\n<p align=\"CENTER\">*<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, es geh\u00f6rt zum Unbefriedigenden dieser Predigt, dass ich jetzt abbrechen muss. Eigentlich m\u00fcssten wir jetzt weiterlesen, was das Markusevangelium dar\u00fcber hinaus noch zu erz\u00e4hlen weiss. Denn wir sind noch nicht ganz am Ende. Dieses Ende ist nicht das Ende. Die Geschichte endet nicht in Gottesfinsternis. Es kommt noch etwas. Aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, als wir erwarten. Am besten lesen Sie es f\u00fcr sich: das Ende der Geschichte, das zugleich ihr Anfang ist: &#8222;Anfang des Evangeliums, der Frohen Botschaft vom Messias Jesus, dem Sohn Gottes.&#8220;<\/p>\n<p>Wo bist Du, Gott, bei so viel Hunger?<br \/>\nWas tust Du Gott, bei so viel Elend?<br \/>\nWas sagst Du, Gott, zu so viel Unrecht?<br \/>\nWas tust Du, Gott, bei so viel Gewalt?<br \/>\nWo bist Du, Gott, in so viel Not?<br \/>\nWie hilfst Du, Gott, bei so viel Tod?<br \/>\nWarum schweigst Du, Gott, bei so viel Schreien?<br \/>\nWarum, Gott, hast Du uns verlassen?<\/p>\n<p>Jesus, Dein Sohn, Gott, hat Dich am Kreuz so gefragt.<br \/>\nJesus, Dein Sohn, hat zu Dir geschrien.<br \/>\nMit lauter Stimme hat er zu Dir geschrien.<br \/>\nDu warst seine letzte, seine einzige Hoffnung.<br \/>\nGott, was f\u00fcr eine Antwort wirst Du ihm geben?<br \/>\nWas f\u00fcr eine Antwort wirst Du geben allen,<br \/>\ndie zu Dir schreien, deren letzte Zuflucht Du bist?<\/p>\n<p>Jesus, Dein Sohn, hat Dich &#8222;Vater&#8220; genannt.<br \/>\nMit ihm zusammen rufen wir jetzt zu Dir:<br \/>\nUnser Vater im Himmel&#8230;<\/p>\n<p><b>Klaus B\u00e4umlin ist Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Nydegg in Bern. <\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000409-p.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte vom Kreuz Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000 5. 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