{"id":2117,"date":"2020-03-11T18:38:08","date_gmt":"2020-03-11T17:38:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2117"},"modified":"2020-03-14T17:22:24","modified_gmt":"2020-03-14T16:22:24","slug":"der-blick-nach-vorne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-blick-nach-vorne\/","title":{"rendered":"Der Blick nach vorne"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">Predigt zu Lukas 9,57-62, verfasst von Dr. Sven Keppler |<\/span><\/b><b><\/b><\/h3>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">I. <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Liebe Gemeinde,<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">wir erleben gerade einen Einschnitt von historischem Ausma\u00df. Man muss das wohl so sagen. Kommentatoren in den Medien r\u00fccken die Corona-Pandemie in den Rang der gro\u00dfen Wendepunkte. Wie den Anschlag auf die New Yorker Zwillingst\u00fcrme oder die Wende von 1989.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Wir leben ja ohnehin schon in dem Gef\u00fchl eines Umbruchs. Der Klimawandel ist im Bewusstsein von allen angekommen, die den Kopf nicht in den Sand stecken. Und dazu jetzt noch dieses weltumspannende Virus! Die Angst um die eigene Gesundheit. Um die der Mitmenschen. Und die Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen, die die Schockstarre mit sich bringen wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Wer es angesichts des Klimawandels noch nicht verstanden hatte, merkt es sp\u00e4testens jetzt: Wir leben in einer Krisenzeit! Und es wird sich zeigen, ob die besonnenen Menschen die Richtung vorgeben werden. Oder die Verf\u00fchrer. Diejenigen, die die Stimmung f\u00fcr ihre eigenen, autorit\u00e4ren Interessen nutzen wollen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Es gilt also, einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren. Orientierung zu suchen. Ich hoffe, dass uns die Bibel dabei hilft. Ich m\u00f6chte mit Euch und Ihnen auf den Text h\u00f6ren, der f\u00fcr heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Er steht bei Lukas. Drei S\u00e4tze, die Jesus sagt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Ich gebe zu, in der momentanen Situation sto\u00dfen sie beim ersten H\u00f6ren vor den Kopf. So, wie diese S\u00e4tze das eigentlich immer tun. Aber bei genauerem Nachdenken geben sie doch eine hilfreiche Orientierung. Ich lese aus dem Evangelium nach Lukas, das Ende des 9. Kapitels [Lk 9,57-62].<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">II.<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> Was ist blo\u00df in Jesus gefahren? Anscheinend wirft er alle unsere Werte \u00fcber Bord. Wir wollen doch in unseren Gemeinden Geborgenheit vermitteln. Einladen in unsere Kirchen und H\u00e4user. Wir wollen den Menschen helfen, auf gute Weise ihre Verstorbenen zu bestatten. Uns liegt an Respekt und guten zwischenmenschlichen Beziehungen \u2013 zu denen auch geh\u00f6rt, sich wertsch\u00e4tzend und verbindlich zu verabschieden. Durch das Virus erleben wir doch, wie sehr es uns fehlt, zusammenzukommen und uns nahe zu sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Ganz besonders jetzt in Versmold. Wir haben neben der Kirche ein neues Gemeindehaus gebaut. Es soll vom Sommer an ein Ort der Begegnung werden. Alle Generationen sollen sich dort wohl f\u00fchlen und miteinander leben.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">In einer Woche werden wir uns verabschieden von Menschen, die sich als Presbyter f\u00fcr unsere Gemeinde eingesetzt haben. Eine von ihnen mussten wir im letzten Jahr bestatten: Annegret Ruwisch. Und heute wollen wir einem Menschen danke sagen, der 50 Jahre lang unser Presbyter war: Hartmut Fromme.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Heute genau vor 50 Jahren wurde er als Presbyter eingesegnet. 30 Jahre lang war er unser Baukirchmeister. 40 Jahre lang Finanzkirchmeister. Er hat die Gemeinde mehr gepr\u00e4gt als viele Pfarrer. Immer in einem guten Miteinander. Ausgleichend. Verl\u00e4sslich. Und unendlich engagiert. Die Sanierung der Petri-Kirche, das alte Gemeindezentrum und jetzt das Entstehen des neuen Hauses hat er verantwortlich begleitet.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Und jetzt legt uns Jesus nahe, unbehaust zu sein?! Keine w\u00fcrdigen Abschiede zu nehmen, ohne Blick zur\u00fcck voranzuschreiten? Wie irritierend! Jesus selbst lebte ohne die Geborgenheit eines Zuhauses. Er forderte dazu auf, das Begraben den Anderen zu \u00fcberlassen. Und auf Abschiede zu verzichten. Ist Jesus ein B\u00fcrgerschreck? Ein Provokateur? Ein ungebundener Wanderprediger, der den Sesshaften zeigt, wie konventionell sie sind?<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">III. <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Liebe Gemeinde, es gibt etwas, das diese drei Ausspr\u00fcche von Jesus verbindet. Dreimal ruft er dazu auf, sich auf die Zukunft auszurichten. Nicht an dem festzuhalten, was ist. Sondern sich auf Neues einzulassen. Nicht halbherzig. Sondern mit ganzem Herzen, mit Haut und Haar.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Das Haus steht f\u00fcr Best\u00e4ndigkeit. Wer ein Haus bewohnt, ist an einen Ort gebunden. Er hat sich eingerichtet. Hat vielleicht lange f\u00fcr dieses Haus gearbeitet. Das Haus ist Heimat. Es soll irgendwann an die Erben weitergegeben werden. Es steht f\u00fcr Dauer: Erworben in der Vergangenheit. Bewohnt in der Gegenwart. Und verl\u00e4sslich auch in der Zukunft. Einer Zukunft, die das Gewesene fortf\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Die Bestattung steht f\u00fcr Erinnerung. Wer von einem Menschen Abschied nimmt, erinnert sich an dessen Leben. An gemeinsame Erlebnisse. An Gr\u00fcnde zur Dankbarkeit. Oder auch an Streitigkeiten, die behoben wurden oder offen geblieben sind. Am Grab wird das Ged\u00e4chtnis an einen Menschen gepflegt. Und \u00c4hnliches geschieht auch, wenn Menschen sich im Laufe ihres Lebens voneinander verabschieden.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Best\u00e4ndigkeit. Bewahren. Pflege. Erinnerung. All das ist wichtig f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Kultur. Nat\u00fcrlich geht es ihr auch um die Zukunft. Denn der Zukunft soll der Schrecken genommen werden. Ungesicherte Zukunft kann ja Angst machen wie das offene Meer. So, wie viele es gerade erleben angesichts von Virus und Klimawandel.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Wie ermutigend sind dann best\u00e4ndige Regeln, ein Verm\u00f6gen, eine Bleibe. Sie helfen, sich die Zukunft auszumalen mit vertrauten Farben und Formen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Jesus l\u00e4sst sich v\u00f6llig anders auf die Zukunft ein. Ihm geht es in seinen drei Ausspr\u00fcchen gerade nicht darum, das Bestehende zu bewahren. Oder der Zukunft die bedrohliche Offenheit zu nehmen. Er blickt nicht zur\u00fcck. Er blickt so konsequent nach vorne, dass es anst\u00f6\u00dfig wirkt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Mit seinen schroffen Worten \u00f6ffnet Jesus die Augen. Er sagt: Achtet auf die Richtung Eures Lebens. Geht es Euch vor allem um das Gewesene? Seid ihr festgelegt durch das, was ihr habt? Oder richtet Ihr Euch auf das Neue aus? Auf die offene, ungesicherte Zukunft, die vor Euch liegt? Denn die Zukunft ist mehr als das, was Ihr schon kennt. Sie bringt das Reich Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">IV. <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Im Moment erleben wir ungewollt eine Zeit des Innehaltens. Am Freitag hat die Landesregierung vorgegeben: Schulen, Kinderg\u00e4rten und kulturelle Einrichtungen bleiben geschlossen. Altenheime d\u00fcrfen nicht besucht werden.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Die Vorgaben des Landes NRW werden auch von uns umgesetzt. In den H\u00e4usern der Kirchengemeinde finden daher ab sofort keine Veranstaltungen mehr statt. Eine Ausnahme bilden die Gottesdienste als Orte des Trostes und der Hoffnung.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Auch Geburtstagsbesuche werden ausgesetzt. Wer seelsorgerliche Begleitung sucht, wird aber selbstverst\u00e4ndlich nicht allein gelassen. Das Pfarrteam steht f\u00fcr alle bereit. Am besten ist es wohl, telefonisch den ersten Kontakt zu suchen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Wir erleben eine Zeit des Innehaltens. Das kann etwas L\u00e4hmendes haben. Oder etwas Gr\u00fcblerisches: Ist das, was gerade geschieht, eine Strafe? Eine Strafe Gottes? Oder eine ganz sachliche Strafe, n\u00e4mlich die Folge unseres Verhaltens? Der r\u00fccksichtslosen Ausbeutung und Verm\u00fcllung unserer Welt. Dort, wo das Virus besonders stark ist, gehen auch die CO<sub>2<\/sub>-Belastungen sp\u00fcrbar zur\u00fcck. Steckt dahinter ein planender Wille? Ein strafender Wille? Der Wille Gottes sogar?<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Liebe Gemeinde, wenn solche Fragen kommen, dann ist es hilfreich, auf Jesus zu schauen. Er m\u00f6chte, dass wir nach vorne blicken. In den Evangelien finden wir kaum den Blick zur\u00fcck. Auch die Vorstellung, dass Gott V\u00f6lker oder Gesellschaften f\u00fcr ihr Verhalten bestraft, pr\u00e4gt zwar das Alte, aber nicht das Neue Testament.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Sondern f\u00fcr Jesus ist der Blick nach vorne typisch. Manchmal sogar so radikal, dass es verletztend wirkt. Wie in unserem Predigttext. Jesus will kein B\u00fcrgerschreck sein. Er will auch nicht, dass wir die Augen schlie\u00dfen vor den Fehlern der Vergangenheit. Nicht, dass wir unsere Schuld einfach \u00fcberspringen. Aber das Entscheidende ist f\u00fcr ihn etwas Anderes. Was die Welt bewegt, was von Gott her z\u00e4hlt, das ist die Zukunft. Auf diese Zukunft sollen wir uns ausrichten.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><b><span lang=\"DE\">V.<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> Gott will diese Welt erneuern. Er will, dass wir Menschen nicht festgelegt sind durch die Fehler, die wir begangen haben. Gott will uns neue Lebensr\u00e4ume er\u00f6ffnen. Neue M\u00f6glichkeiten.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Daf\u00fcr ist es jedoch entscheidend, dass wir uns von unserer Vergangenheit l\u00f6sen k\u00f6nnen. Dass wir wagen, neue Wege zu gehen. Dass wir unser Verhalten \u00e4ndern. Das muss nicht hei\u00dfen, keine H\u00e4user mehr zu bewohnen. Aber wir sollen es wagen, anders in dieser Welt zu wohnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Nur, wenn wir unsere Lebensweise grundlegend \u00f6kologisch ver\u00e4ndern, haben wir Menschen auf diesem wundervollen Planeten eine Zukunft. Nur, wenn wir viel st\u00e4rker auf die Folgen unseres Handelns achten. Wenn wir die Zukunft in den Blick nehmen. Ressourcen schonen. Und die Verschmutzung unserer Welt verringern.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">F\u00fcr die Corona-Pandemie ist das keine L\u00f6sung. Aber sie zwingt uns zum Innehalten. Sie verordnet uns einen Stillstand. Nutzen wir ihn, um in uns zu gehen. Um unser Verhalten zu \u00fcberdenken. Um in Jesu Sinn in die Zukunft zu blicken. Er macht uns dazu Mut. Denn das Reich Gottes kommt aus der Zukunft zu uns. Amen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Versmold<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">sven.keppler@kk-ekvw.de<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 9,57-62, verfasst von Dr. Sven Keppler | \u00a0 I. 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