{"id":21180,"date":"2000-04-21T15:28:03","date_gmt":"2000-04-21T13:28:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21180"},"modified":"2025-03-14T15:29:30","modified_gmt":"2025-03-14T14:29:30","slug":"hebraeer-915-26b-28-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-915-26b-28-6\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 9,15.26b-28"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">Karfreitag<\/span><br \/>\n<b>21.4.2000<br \/>\nHebr\u00e4er 9,15.26b-28<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Gunda Schneider-Flume<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eEs wird alles gut &#8220; oder \u201ees wird alles wieder gut &#8222;, so tr\u00f6stete einen die Mutter nach einem kleinen oder gro\u00dfen Kummer. Nach einem Schmerz, einer Verletzung, einem Verlust, und dieser Zuspruch wirkte rasch und heilsam, er lie\u00df den Schmerz vergessen und machte die Kr\u00e4nkung unwirksam. Auch bei Verfehlungen gab es das: wenn man durch Unachtsamkeit oder gar Bosheit, \u00c4rger und Zorn auf sich gezogen hatte, so gab es doch schlie\u00dflich ein: \u201eEs ist alles wieder gut\u201c.<\/p>\n<p>Erinnern Sie sich daran, wie gerne man sich in diesem Trost wiegte? Er brachte neue Kraft und Mut. Er lie\u00df nicht nur die Tr\u00e4nen versiegen, sondern dieser Zuspruch hatte etwas in sich, das die Welt wieder in Ordnung brachte und das Kind in der Gewi\u00dfheit best\u00e4rkte: es ist wirklich alles gut. Wohl dem Kind, dem so ein Trost nicht nur einmal, sondern bei jedem Kummer die Kindheit erhellte.<\/p>\n<p>Dieser Trost hat seine Kraft ja nicht von einem verharmlosenden \u201ehalb so schlimm\u201c, sondern von der liebevollen Anteilnahme, vom Teilen des Kummers und vom Zuspruch, aus dem ungeahnte Kraft kommt, weil er selbst ein St\u00fcck heile Welt ist, wie ein Schutzraum, in dem man gut leben kann. \u201eEs wird wirklich alles gut\u201c, dieser Zuspruch h\u00e4lt einen fest auch in der Ersch\u00fctterung des Schmerzes. Von der Erfahrung eines solchen Zuspruchs, der einen wie ein Schutzraum umh\u00fcllt, zehren Menschen ein Leben lang. Das ist eine zuverl\u00e4ssige Kraftquelle.<\/p>\n<p>Die Bibel erz\u00e4hlt von dem Bund Gottes als von so einem Schutzraum f\u00fcr alle Menschen, ja sogar f\u00fcr alle Kreatur, einem Raum von Vertrauen und Zuspruch, Zuverl\u00e4ssigkeit und Dauer: \u201eEs ist wirklich alles gut\u201c. Da, wo der Bund Gottes mit den Menschen wirkt, ist Heil, gutes Leben, Schalom. Der Bund ist der Schutzraum des Gottes, der einen tr\u00f6stet, wie einen seine Mutter tr\u00f6stet. Das ist eine zuverl\u00e4ssige, nicht versiegende Kraftquelle.<\/p>\n<p>Aber das ist lange her. Straft die Erfahrung diese sch\u00f6ne Vorstellung nicht L\u00fcgen? Kinder werden erwachsen und erfahren schmerzlich, dass nicht alles gut wird, weil Br\u00fcche nicht heilen, Verluste unwiederbringlich sind und Streitigkeiten wieder und wieder aufleben. Wo ist der heile Schutzraum? Die feindlichen Br\u00fcder pflegen ihre Feindschaft ein Leben lang, geradezu zwanghaft, immer wieder. Es ist, als ob eine Kainskraft wie eine nat\u00fcrliche Veranlagung in einem jeden wirke. Sie n\u00e4hrt sich aus der Angst um Anerkennung und aus Rivalit\u00e4t. Sie n\u00e4hrt sich aus dem Misstrauen: \u201eAlle wollen mir B\u00f6ses\u201c und aus der daraus folgenden Devise: \u201eTrau nur dir selbst\u201c. Und sie n\u00e4hrt sich aus der wahrhaft t\u00f6dlichen Erfahrung von Gleichg\u00fcltigkeit: \u201eIch bin niemandem wichtig\u201c.<\/p>\n<p>Nein, es sind nicht die Verh\u00e4ltnisse eines heilen Schutzraumes, die unser Miteinander bestimmen. Wo Kain sich verwirklicht, mu\u00df Abel weichen. So ist die Welt, die nach dem Gesetz der Verdr\u00e4ngung funktioniert. Der Wiederholungszwang der Verdr\u00e4ngung herrscht in Familien, in Schulen, an Universit\u00e4ten, im \u00f6ffentlichen Leben der Gesellschaft, unter V\u00f6lkern. Wo dieses Gesetz gilt, da geschieht die Verwirklichung des einen auf Kosten des anderen, immer wieder. Wo dieses Gesetz gilt, da ist der Reichtum des einen anderen weggenommen, und der Freiraum, den sich einer schafft, ist gewonnen durch die Opfer, die andere daf\u00fcr zu bringen gen\u00f6tigt sind.<\/p>\n<p>Wo ist der heile Schutzraum, einst Bund genannt? Ist er nur Utopie im Nirgendland der heilen Kindheit? Wir wissen von dem Wiederholungszwang der Verdr\u00e4ngung. Wir wissen, dass kein Friede herrscht im Kosovo und in Tschetschenien, aber das sind nur zwei Namen grausamen Kriegsgeschehens f\u00fcr viele. Wir wissen, dass kein Ausgleich von Nahrungsmitteln herrscht zwischen Nord und S\u00fcd und West und Ost. Die Bilder der fast verhungerten Kinder in \u00c4thiopien sprechen eine furchtbare Sprache. Der Raubbau von Menschen aneinander und an den Ressourcen der Welt, das sich gegenseitig Verbrauchen und das die Welt Verbrauchen gehen weiter ununterbrochen, immer wieder.<\/p>\n<p>Die Bibel nennt dieses Zerst\u00f6ren des Lebensschutzraumes durch Verbrauchen von Welt und Menschen und durch das Sich- selbst-verbrauchen S\u00fcnde. Mit diesem Wort ist nicht nur der Wiederholungszwang der Verdr\u00e4ngung angesprochen, dass die b\u00f6se Tat fortw\u00e4hrend B\u00f6ses muss geb\u00e4ren, immer wieder, sondern auch die Erfahrung, dass mit jeder Zerst\u00f6rung des Schutzraumes und mit jedem Zerbrechen eines Bundes f\u00fcr das Leben, etwas im Menschen selbst zerst\u00f6rt wird. Menschen verbrauchen sich selbst St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, Schritt f\u00fcr Schritt, bis sie aufgebraucht sind: Der Mut ist aufgebraucht, die Hoffnung ist aufgebraucht, das Vertrauen ist aufgebraucht, denn schwerlich w\u00e4chst etwas neu, wo einmal ausgebeutet und aufgebraucht wurde. W\u00fcsten regenerieren sich nicht, \u00e4u\u00dfere nicht und auch innere nicht. Allenfalls spannt sich \u00fcber einem aufgebrauchten Selbstbewu\u00dftsein und einem aufgebrauchten Lebensvertrauen ein \u00fcberzogenes, aufgeblasenes Ich, das umso lauter auftrumpft, je leerer es ist.<\/p>\n<p>Wie viele Bruchst\u00fccke von nicht eingehaltenen Versprechungen sammeln sich in einem Leben, wie viele Tr\u00fcmmer von entt\u00e4uschter Hoffnung, wie viele Risse und Verletzungen durch zerbrochene Beziehungen. Die \u00dcberreste des Verbrauches von Welt und Menschen t\u00fcrmen sich auf. Den Bergen von Wohlstandsm\u00fcll entsprechen Berge von verbrauchten Beziehungen, die sich gelegentlich zu gef\u00e4hrlichen schwarzen L\u00f6chern verwandeln. Denn sie ziehen nun alles in sich hinein, weil sie gestopft werden m\u00fcssen, obwohl sie nicht zu stopfen sind. Menschen verbrauchen sich selbst in der Meinung, das Vertrauen produzieren zu k\u00f6nnen, das einem doch nur geschenkt werden kann.<\/p>\n<p>Verbrauche ich nicht gerade damit mich selbst, dass ich alles f\u00fcr mich zu verbrauchen versuche, Gott und die Welt, weil ich mir nichts mehr schenken lasse? Wer sich selbst nichts schenken l\u00e4sst, muss alles selber schaffen, sein Leben, sein Vertrauen, seinen eigenen Schutzraum. Aber selbsterschaffene Schutzr\u00e4ume werden zu Gettos, in denen man isoliert um sich selber kreist. Der Bund f\u00fcrs Leben, den ich mit mir allein schlie\u00dfe, wird zum Gef\u00e4ngnis, in das ich alles begierig hineinziehe. Das ist S\u00fcnde, die einen verbraucht, weil Lebensvertrauen sich nicht selbst generiert.<\/p>\n<p>Da verschl\u00e4gt es einem den Mut zu dem Satz: \u201eEs wird alles gut\u201c, denn was zerbrochen, entt\u00e4uscht, zerst\u00f6rt ist, kann nicht gut werden, es ist ein f\u00fcr allemal dahin, endg\u00fcltig, unwiederbringlich.<\/p>\n<p>Es ist wie ein ehernes Gesetz, dieses \u201eimmer wieder\u201c, der Zeitablauf: Menschen verbrauchen sich immer wieder, bis der Tod dem ein f\u00fcr alle Mal ein Ende setzt. Dieser Trend entspricht dem biologischen Gesetz des Abbaus und Verbrauchens von Zellen. Immer wieder bis zum endg\u00fcltigen Ende. Ist es also gleichsam ein nat\u00fcrlicher Zwang, der uns zum Selbstaufbrauch bestimmt?<\/p>\n<p>Die Kraft, von der Kinder gedeihen, der tr\u00f6stende Zuspruch, und die Kraft, aufgrund derer Erwachsene mutige Schritte in die Zukunft wagen in guten wie in schlechten Tagen, der Zuspruch des Bundes, sind sie Illusion, versunken im Kinderland?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir es also unseren Kindern nicht mehr sagen, dass alles gut wird? H\u00e4lt der kindliche Trost der Realit\u00e4t nicht stand und wird L\u00fcgen gestraft von der t\u00e4glichen Welt- erfahrung? K\u00f6nnen wir es also Ge\u00e4ngsteten und Sterbenden nicht mehr sagen, dass alles gut wird? Ist es nur Opium, beschwichtigend aber verharmlosend und letztlich L\u00fcge?<\/p>\n<p>Und wir selbst, wagen wir festzuhalten an einer Perspektive, die Gutes wahrnimmt in unserer Zukunft?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, die Texte, die wir heute zum Karfreitag geh\u00f6rt haben, sind alle von dieser bangen Frage bewegt. Der Beter des Psalm 22 und alle Menschen, die ihm Jahrhunderte lang folgten und nachsprachen: \u201emein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c konnten ihre Erfahrungen von Zerbrechen und Sinnlosigkeit, von Verdr\u00e4ngt- und Verbrauchtwerden nicht mehr mit Gott zusammen bringen. Kein Bund, kein heiler Schutzraum ist da, wo ich ausgesch\u00fcttet bin wie Wasser und mein Herz in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Kein Bund, kein heiler Schutzraum ist da, wo ich verbraucht bin, und kein Gott ist da, wo die Ressourcen an Lebensvertrauen ersch\u00f6pft sind.<\/p>\n<p>Den Anh\u00e4ngern Jesu erging es so: Sie flohen vom Ort des Geschehens angesichts der drohenden Hinrichtung. Hoffnungen zerbrachen, Lebensperspektiven gingen entzwei angesichts des Todes. Wo ist Gott angesichts des Opfers? Wo ist Gott angesichts der vielen Opfer? Wo ist Gott angesichts des Kreuzes, angesichts der unz\u00e4hligen Kreuze? Der Wiederholungszwang der Opfer immer wieder in der Weltgeschichte schlie\u00dft Gott aus.<\/p>\n<p>Und die Endg\u00fcltigkeit des Todes im menschlichen Leben schlie\u00dft Gott ebenfalls aus. Der Tod als Schlu\u00dfpunkt, da sind alle Kr\u00e4fte verbraucht ein f\u00fcr allemal. Der Tod als endg\u00fcltiger Schlu\u00dfpunkt, das ist seine Macht. Wenn man endg\u00fcltig steigern k\u00f6nnte, dann m\u00fc\u00dfte man es im Blick auf den Tod in der h\u00f6chsten Form tun, denn da ist wirklich alles zum Ende gekommen, und das menschliche Leben liegt in seiner oft erb\u00e4rmlichen Endg\u00fcltigkeit vor uns. Das war\u2019s.<\/p>\n<p>Unter Menschen gibt es kein Endg\u00fcltig, da\u00df so unumst\u00f6\u00dflich ist wie der Tod, ein f\u00fcr alle Mal. Das ganze m\u00fchsame \u201eimmer wieder\u201c und alle erfreulichen und erfolgreichen Aufbr\u00fcche eines menschlichen Lebens enden in diesem endg\u00fcltigen \u201aeinmal sterben\u2018, \u201ewie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben\u201c schreibt der Autor des Hebr\u00e4erbriefes.<\/p>\n<p>Eine ganze Philosophie n\u00e4hrt sich daraus, dieser einmaligen Endg\u00fcltigkeit zu gedenken. Gedenke, dass du sterblich bist, &#8211; memento mori &#8211; diese Endg\u00fcltigkeit vor Augen soll man intensiv leben, die Zeit auskosten. Weisheitslehre aus der Kraft der Drohung. Die alten Philosophen lehrten so, und moderne Lebensratschl\u00e4ge greifen das auf: den Tod im Blick haben, um leben zu k\u00f6nnen. Wir leben schlie\u00dflich nur einmal. Aber wirkt der Tod lebenssch\u00f6pferisch? Oder macht er nicht doch nur Angst?<\/p>\n<p>Nichts wird gut, die Opfer bleiben verloren in der Nacht der Gottverlassenheit, und die Verletzungen, Verluste und Br\u00fcche bleiben tief eingezeichnet in viele Lebensgeschichten, ein f\u00fcr allemal. So ist Menschengeschichte: immer wieder Br\u00fcche, immer wieder Opfer, immer wieder Schuld, immer wieder Verzweiflung, Sinnlosigkeit und Tod. Was bleibt, das ist der letzte Schrei: warum? Immer wieder.<\/p>\n<p>Lied 77, 1-3<\/p>\n<p>Weil wir den Wiederholungszwang von Opfern und Schuld, von Verzweiflung und Sinnlosigkeit nicht aushalten, suchen wir Vergessen. Wenn schon nicht alles wieder gut wird, dann mu\u00df wenigstens die Zeit heilen und vergessen lassen, was nicht zu heilen ist, denn wir m\u00fcssen ja leben. \u201eMan mu\u00df ja schlie\u00dflich auch nicht alles so schwarz sehen.\u201c Wir m\u00fcssen leben auch da, wo die Bruchst\u00fccke von Hoffnungen und die \u00dcberreste von Lebensverbindungen, die wir zerst\u00f6rt haben, uns belasten oder schier erdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Sollten wir trainieren, schnell zu vergessen, um zu \u00fcberleben? Man k\u00f6nnte meinen, das ist das Rezept unserer Zeit: wegsehen und schneller vergessen &#8211; gl\u00fccklich ist, wer vergisst -. Mit der Schnelligkeit eines Klick ruft man eine neue Seite auf. Aber mit dem Vergessen schwinden auch die Hoffnungen, mit dem Vergessen der Kreuze schwinden die Chancen der Heilung endg\u00fcltig. Zwar lernen Menschen rasch, auf Tr\u00fcmmerbergen zu tanzen, aber Tr\u00fcmmerberge bieten nicht den Schutzraum, in dem Menschen heil werden oder auch nur aufatmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, es ist die Botschaft des Karfreitag, dieses fremdesten der christlichen Festtage, dass Gott da ist, wo die vielen Kreuze stehen, weil er selbst am Kreuz war auf der Seite der Opfer. Gott da, wo nur noch Gottesfinsternis ist \u2013 und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis \u00fcber das ganze Land, und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei St\u00fccke von oben an bis unten aus \u2013 Gott da, wo nach menschlicher Erfahrung alles aus ist.<\/p>\n<p>Das ist das Kreuz und der Ansto\u00df des christlichen Glaubens. Anst\u00f6\u00dfig ist das und \u00c4rgernis, so anst\u00f6\u00dfig, dass es von Zeit zu Zeit \u00f6ffentliche Debatten dar\u00fcber gibt: Der Anblick des Kreuzes, ist das zumutbar? Das Kreuz in der Mitte der christlichen Kirchen, ist das zumutbar?<\/p>\n<p>Das Kreuz in der Mitte der christlichen Kirchen und der Karfreitag in der Mitte der christlichen Festtage, das ist genauso unzumutbar und anst\u00f6\u00dfig wie die unz\u00e4hligen Kreuze von Opfern, Tr\u00fcmmer von Zerst\u00f6rung, Bruchst\u00fccke von Leben. Kreuze verletzen das Lebensgef\u00fchl. Wir denken lieber positiv. Positives Denken, auch wenn wir daf\u00fcr die Kreuze und die Opfer vergessen m\u00fcssten. Aber aus welchen Quellen sch\u00f6pft das positive Denken und \u00fcber welche Opfer geht es hinweg? Es gibt auch positives Denken, das \u00fcber Leichen geht.<\/p>\n<p>Pflanzen wir also lieber einen Baum, einen Lebensbaum auf dem Tr\u00fcmmerberg, auf dem wir tanzen?<\/p>\n<p>Lied 77, 4 und 5<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, der Karfreitag ist f\u00fcr den christlichen Glauben ein Heilstag. Ein guter Tag, ein wahrhaft guter Tag, der Heil bringt, obwohl das Unheil der Welt sich an ihm zusammenballt. Bis in den volkst\u00fcmlichen Aberglauben hinein h\u00e4lt sich ja dieses Urteil: der Freitag ist ein schwarzer Tag, und wenn gar ein Dreizehnter auf den Freitag f\u00e4llt, dann wird manch einem ernsthaft angst. An so einem Tag darf man nicht feiern, aber auch keine gro\u00dfen Unternehmungen planen, denn diesem Tag h\u00e4ngt alles B\u00f6se an, deshalb ist es der schwarze Freitag.<\/p>\n<p>Was volkt\u00fcmlicher Aberglaube mehr oder weniger ernsthaft zum Ausdruck bringt, kehrt der christliche Glaube um, indem er den Karfreitag, den Freitag des Kreuzes Jesu von Nazareth als Heilstag feiert.<\/p>\n<p>Denn da am Kreuz tritt Gott mitten hinein in das menschliche Unheil und den Verdr\u00e4ngungsmechanismus menschlichen Lebens. Da am Kreuz tritt Gott mitten hinein in menschliches Leiden und menschlichen Verbraucherwahn und gibt sich selbst. Wo aber Hingabe herrscht, da hat Verbraucherwahn keine Macht mehr. Das ist das Geheimnis des neuen Bundes.<\/p>\n<p>Gott da, wo die Kreuze und Opfer schon gleichg\u00fcltig geworden sind, weil sie unz\u00e4hlig sind und menschliche Gewohnheit auch das mit Gleichg\u00fcltigkeit hinnimmt. Wo Kreuze schon nicht mehr an das Kreuz erinnern, sondern wahllose Schmuckst\u00fccke geworden sind, also selbst kommerziell verwertet und verbraucht, da verweist das Kreuz Jesu Christi in den Kirchen auf das Geschehen der Hingabe Gottes, ein f\u00fcr alle Mal. Hingabe ist der Raum der Liebe, in dem Menschen aufatmen und gedeihen k\u00f6nnen. Und die Liebe Gottes kann nicht aufgebraucht werden, sie ist unersch\u00f6pflich. Sie schenkt Raum, in dem man sich aufrichten kann, wie in einem Schutzraum, jeden Morgen neu. Und die Liebe Gottes schenkt Zeit, jeden Tag neu, nicht nach dem Ablauf des Wiederholungszwanges, sondern Zeit, die \u00fcbervoll ist mit Erbarmen, so wie wir das vielleicht erinnern von einer Mutter, die sich Zeit nahm, uns zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Hingabe l\u00e4uft der Verbraucherwahn ins Leere. In einer M\u00e4rtyrergeschichte leuchtet das auf.<\/p>\n<p>Paul Schneider, der \u201ePrediger von Buchenwald\u201c, der von seiner Zelle aus jeden Morgen mit lauter Stimme f\u00fcr seine Mith\u00e4ftlinge eine Morgenandacht hielt und den auf dem Appellplatz Angetretenen ein tr\u00f6stendes Bibelwort zurief als Kraftquelle f\u00fcr den Tag, von welcher Kraftquelle lebte er? Seine Worte, seine Rufe gaben die Kraftquelle der Hingabe Gottes weiter. Diese Kraftquelle lie\u00df sich nicht verbrauchen. Nur durch eine \u00dcberdosis Strophantin konnten die Schergen Paul Schneider zum Schweigen bringen.<\/p>\n<p>Worte, die aus der Kraftquelle der Hingabe Gottes sch\u00f6pfen sind wie ein Schutzraum, ein neuer Bund, der deshalb tr\u00e4gt, weil ein Mensch darin nicht eingemauert ist, zur\u00fcckgeworfen auf sich selbst. Die Worte verbinden einen Menschen und ein ge\u00e4ngstetes Herz:<\/p>\n<p>Ich halte fest an dir \u2013 ich werfe dich nicht weg.<br \/>\nIch verlasse dich nicht \u2013 ich bin mit dir.<br \/>\nIch trete f\u00fcr dich ein \u2013 auch wo du selbst nicht mehr stehen kannst.<br \/>\nEin f\u00fcr alle Mal. Das sind Worte, die Halt gew\u00e4hren, sogar in der Gottesfinsternis.<\/p>\n<p>Durch die Hingabe Gottes am Kreuz Jesu Christi haben aber nun auch die S\u00fcnde, das B\u00f6se, der Verbraucherwahn und die Verdr\u00e4ngungskraft einen Ort bekommen. Sie k\u00f6nnen nicht mehr unerkannt und unbenannt frei vagabundierend ihre Zerst\u00f6rungswut ausleben im Innern von Menschen und auf den Schlachtfeldern au\u00dfen. Ihr Ort ist am Kreuz Jesu Christi. Ja, da sollen wir alles B\u00f6se anheften und es da lassen. Es kann und darf da bleiben. Der Wiederholungszwang, das \u201eimmer wieder\u201c, das uns festh\u00e4lt wie Zwangt\u00e4ter &#8211; wir kennen das in unserem Leben zum \u00dcberdruss &#8211; die gro\u00dfen und die kleinen Bosheiten, die offenen und die geheimen Verletzungen &#8211; da am Kreuz haben sie ihren Ort, damit sie nicht andernorts ihr Unheil treiben. Gottes Hingabe hat sie geradezu verschlungen.<\/p>\n<p>Durch die Hingabe Gottes am Kreuz ist der Zwang des Zeitablaufes unterbrochen: denn wo das \u201eimmer wieder\u201c herrschte und uns tyrannisch festhielt, bis der Tod den Schlussstrich zieht, da hei\u00dft es jetzt: ein f\u00fcr alle Mal Gott selbst im Tod. Und Gott ist nicht ein Gott des Schlussstrichs, sondern ein Gott des neuen Lebens.<\/p>\n<p>Da, wo der menschliche Verbraucherwahn nur Tr\u00fcmmer und Bruchst\u00fccke gescheiterten Lebens zur\u00fcckgelassen hat, da steht Gott und schafft mit der unendlichen Macht seiner Liebe Leben neu. Das ist die pradoxe Botschaft des Karfreitag. Gott selbst im Tod aus Liebe Leben schaffend. So steht er auch am Ende eines Lebens, er steht auch am Ende deines Lebens und nimmt die gro\u00df geplanten und gestalteten Entw\u00fcrfe und die kleinen St\u00fccke und die Bruchst\u00fccke, dich selbst, auf in den Schutzraum seiner Liebe. Wo Gott aufsammelt, geht nichts verloren.<\/p>\n<p>In einer kleinen Dorfkirche in S\u00fcdtirol fand ich einen Gekreuzigten, und aus dem Kreuz sprie\u00dfen allenthalben \u00c4ste des Lebensbaumes. Um die Lebenshoffnung und Lebensfreude auch ganz handgreiflich darzustellen, h\u00e4ngen an dem dem Kreuz entsprie\u00dfenden Lebensbaum rotgoldene \u00c4pfel.<\/p>\n<p>Der Lebensbaum alleine ist ein Symbol der Fruchtbarkeit, und er ist f\u00fcr die, die nicht oder nicht mehr um ihn herumtanzen k\u00f6nnen kein Hoffnungssymbol. Aber der dem Kreuz entwachsene Lebensbaum symbolisiert die Hoffnung auf neues Leben, weil Gott ein f\u00fcr alle Mal am Kreuz den Tod \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>(Ich schlage vor, die Predigt durch das Singen der Passionsgeschichte zu unterbrechen)<\/p>\n<p>Karfreitag 2000, Universit\u00e4tsgottesdienst in Leipzig<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Gunda Schneider-Flume, Leipzig\/Dresden<br \/>\n<a href=\"mailto:gdrschn@attglobal.net\">E-Mail: gdrschn@attglobal.net<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000421-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag 21.4.2000 Hebr\u00e4er 9,15.26b-28 Gunda Schneider-Flume Liebe Gemeinde, \u201eEs wird alles gut &#8220; oder \u201ees wird alles wieder gut &#8222;, so tr\u00f6stete einen die Mutter nach einem kleinen oder gro\u00dfen Kummer. 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