{"id":21216,"date":"1998-06-14T15:59:51","date_gmt":"1998-06-14T13:59:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21216"},"modified":"2025-03-14T16:04:36","modified_gmt":"2025-03-14T15:04:36","slug":"epheser-217-22-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-217-22-2\/","title":{"rendered":"Epheser 2,17-22"},"content":{"rendered":"<h3>2. S. nach Trinitatis | 21.6.1998 | Eph 2,17-22 | J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>1. Wir alle kennen das nicht nur vom Autofahren, sondern aus dem Leben \u00fcberhaupt: Ganz pl\u00f6tzlich stecken wir in einer Sackgasse. Eben noch ging es z\u00fcgig voran, und von jetzt an hei\u00dft es Stop. Wir haben es zun\u00e4chst gar nicht gemerkt und haben es nat\u00fcrlich erst recht nicht gewollt, und doch geht nun nichts mehr. Das passiert uns als einzelnen, das passiert Familien und Betrieben. Und das passiert sogar ganzen Staaten und Kirchen, da\u00df sie in Einbahnstra\u00dfen geraten, sich in Sackgassen verrennen oder gar mit dem R\u00fccken an die Wand geraten. Eine solche Situation ist nat\u00fcrlich immer \u00e4rgerlich, sie h\u00e4lt auf, und sie tut oft weh: sie kann aber auch heilsam sein, weil sie klar macht: So wie bisher geht es nicht mehr weiter. Ein neuer Start ist angesagt und eine gr\u00fcndliche Orientierung nicht nur n\u00f6tig, sondern unausweichlich.<\/p>\n<p>2. So oder so \u00e4hnlich mag es auch den Christen in Ephesus ergangen sein. Da gab es die einen, die aufgewachsen waren in dem ererbten heidnischen Kult und in der gro\u00dfen Mutterg\u00f6ttin Artemis das zentrale Sinnbild von Fruchtbarkeit verehrt hatten. Und pl\u00f6tzlich sahen sie sich mit einer ganz anderen Botschaft konfrontiert, mit der n\u00e4mlich des Mannes aus Nazareth. Sie h\u00f6rten von seinem Leben, Sterben und Auferstehen, von seinem Zuspruch und seinem Anspruch. Zuerst m\u00f6gen sie erstaunt gewesen sein, doch dann wurden sie neugierig und interessierten sich immer st\u00e4rker f\u00fcr diese neue Botschaft und schlie\u00dflich waren sie fasziniert von ihr, sahen durch sie das eigene Leben ganz neu und richteten es schlie\u00dflich danach aus. Das kam immer wieder vor, wenn Menschen mit der Botschaft von Jesus Christus in Ber\u00fchrung kamen. Aus Heiden wurden Christen.<\/p>\n<p>Doch da gab es in der gro\u00dfen Hafenstadt auch noch die anderen Christen, diejenigen, die von Hause aus Juden waren und eine v\u00f6llig andere Vorgeschichte mitbrachten. Wie sollte und mu\u00dfte man zu ihnen stehen? Es braucht wohl keine gro\u00dfe Phantasie, sich vorzustellen, da\u00df es bereits bald zu Vorbehalten von beiden Seiten kommen mu\u00dfte. Das haben Menschen wohl schon immer an sich gehabt, zun\u00e4chst einmal diejenigen h\u00f6her einzusch\u00e4tzen, die ihnen gleich und oder mindestens nahe stehen. Und so drohte bereits in der fr\u00fchen Christenheit das einzutreten, mit dem wir es unter anderen Vorzeichen bis auf den heutigen Tag zu tun haben: \u00dcberheblichkeiten, Besserwisserei, Parteiungen, Aufl\u00f6sungserscheinungen. Die Sackgasse kommt immer n\u00e4her. Wir kennen diese Situationen zur Gen\u00fcge.<\/p>\n<p>Wie so oft in solchen Lagen bedarf es dann der Vermittlung eines Dritten, kann ein Wort von au\u00dfen hilfreich sein. In unserem Fall war das der Brief, der an die dortige Gemeinde adressiert war. Sein Schreiber erkennt den ganzen Ernst der Situation. Er merkt, da\u00df es hier fast schon um alles oder nichts geht. Deshalb erinnert er in einem langen Gedankengang an die Geschichte der Gemeinde und kommt schlie\u00dflich auf das Grunddatum jeder christlichen Existenz zu sprechen: Jesus Christus ist gekommen und hat Frieden gebracht &#8222;euch, die ihr fern wart, &#8230; und denen, die nahe waren. Denn wir haben alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.&#8220; (V 17.18) Dieses Wort ist der Schl\u00fcssel zur Vergangenheit und zur Gegenwart der christlichen Gemeinde. Jeder einzelne und auch die einzelnen Gruppierungen werden in ihrem Herkommen erkannt und ganz ernst genommen. Die einen waren fr\u00fcher ganz nahe dran und die anderen urspr\u00fcnglich sehr weit weg. Aber gerade darin besteht die Bedeutung des Heilands, da\u00df er beide gleich nahe vor Gott bringt.<\/p>\n<p>Wieviel k\u00f6nnten wir gewinnen, wenn wir uns diese Sicht der Dinge zu eigen machten? Nicht wir selber mit unseren Einstellungen und Positionen bestimmen unseren Wert oder gar unsere N\u00e4he zu Gott, sondern die hat Jesus der Christus l\u00e4ngst f\u00fcr uns alle hergestellt und uns damit &#8222;den Zugang zum Vater&#8220; geschaffen. So manche Auseinandersetzungen \u00fcber den richtigen Weg der Kirche oder \u00fcber den rechten Glauben w\u00fcrden ihre verletzende Sch\u00e4rfe verlieren, wenn wir uns davon leiten lie\u00dfen. Es gibt keine Fernen und N\u00e4hen mehr, sondern seit Jesus Christus sind wir alle gleich nahe zu Gott. Diese Einsicht entlastet und befreit. Sie setzt Kr\u00e4fte frei, die wir bitter n\u00f6tig haben f\u00fcr die Aufgaben, die vor uns liegen.<\/p>\n<p>3. Deshalb hei\u00dft es dann v\u00f6llig folgerichtig im Epheser-Brief weiter: &#8222;So seid Ihr nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremdlinge, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.&#8220; (V 19) Sp\u00fcren Sie die Bewegung und Entwicklung, die dieser Satz nachzeichnet? Bemerken Sie seinen ausgesprochen einladenden Charakter? Aus G\u00e4sten und Fremdlingen, aus Mitmenschen auf Zeit also und mit Duldung werden gleichberechtigte Mitb\u00fcrger der Heiligen und gar Gottes Hausgenossen. Besonders wenn man viel in der Fremde gewesen ist oder eine Reihe von Umz\u00fcgen hinter sich hat, kann man sich gut in diese Bewegung einf\u00fchlen. Denn Fremdlinge sind wir alle an vielen Stellen, und fremd kommen wir uns oft genug in der eigenen Umgebung vor. Das f\u00fchrt dann hoffentlich auch zu der Frage: Wie gehen eigentlich wir mit Fremden um?<\/p>\n<p>Und wie oft waren wir G\u00e4ste &#8211; bei dem gro\u00dfen Fest oder auch nur zu Besuch bei guten Freunden? Doch mehr als Anteil nehmen, hineinschnuppern konnten wir gar nicht. Dazu fehlt es einfach an Zeit und auch an N\u00e4he. Viel gewonnen w\u00e4re schon, wenn man uns nachsagte, wir f\u00fchrten ein gastfreies Haus.<\/p>\n<p>Mitb\u00fcrger hingegen sind die, die dazu geh\u00f6ren, die voll und ganz dazu z\u00e4hlen. Das sind diejenigen, die man im Altertum die Freien nannte. Mitb\u00fcrger sind die, denen alle Rechte zustehen, die deshalb aber auch Pflichten haben. Erst wenn man daran denkt, wie lang und schwer in der Neuzeit der Kampf um die B\u00fcrgerrechte war, kann man ermessen, wie hoch die Einordnung als B\u00fcrger zu sch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Und dann schlie\u00dflich noch &#8222;Gottes Hausgenossen&#8220;! H\u00f6her kann man vom Menschen einfach nicht denken, als Gott es uns selber zugedacht hat. Eine Steigerung der Zugeh\u00f6rigkeit ist nicht mehr m\u00f6glich. Das hat mit Heimat im besten Sinne des Wortes zu tun. Denn mehr kann ein Mensch nicht zu Hause sein als in seinem Glauben. Gott sei Dank! Mit dieser Heimat im R\u00fccken kann er das Leben bestehen mit all seinen Glauben und Aufgaben, Freuden und Leiden.<\/p>\n<p>4. Das wiederum kommt besonders anschaulich im Bild vom Bau zum Ausdruck. Wir alle, die ehemaligen Juden und die ehemaligen Heiden, die M\u00e4nner und die Frauen, die Aussiedler und die hier Geborenen, die Jungen und die Alten, wir alle ruhen da als Gottes eigene Hausgenossen auf einem Grund auf, der l\u00e4ngst gelegt ist. Keiner braucht sich um die Gr\u00fcndung zu k\u00fcmmern, das A und O eines jeden Hausbauens. Daf\u00fcr ist f\u00fcr allemal gesorgt durch den Eckstein, der dem Ganzen die Richtung gibt, und durch das Fundament, das die V\u00e4ter und M\u00fctter des Glaubens errichtet haben. Mit einem solchen Grund unter den F\u00fc\u00dfen k\u00f6nnen wir die Gegenwart bestehen und die Zukunft angehen. Ist nicht auch diese Vorstellung entlastend und befreiend? Nicht wir sind es, die Kirche und Welt erst entwerfen und gr\u00fcnden m\u00fcssen. Das hat l\u00e4ngst schon ein anderer getan.<\/p>\n<p>Doch der l\u00e4dt uns nun ein und fordert uns auf, weiter daran mitzubauen und das unsere mit unserer kleinen Kraft dazuzutun. Denn dieser Bau ist noch lange nicht fertig, und auf dieser Baustelle sind viele H\u00e4nde gefragt. Jeder, der schon einmal mit H\u00e4uslebau zu tun hatte, wei\u00df, da\u00df das in der Regel eine lebenslange Aufgabe ist. An Schl\u00f6ssern und Domen haben gar viele Generationen gebaut. Und wieviel mehr gilt das f\u00fcr den Bau der Kirche, den Gott mit uns und f\u00fcr uns vor hat? Aber auch da d\u00fcrfen wir wissen: Er ist der Herr des Baus, er verf\u00fcgt \u00fcber den endg\u00fcltigen Plan, er wei\u00df, wo jeder einzelne Stein hingeh\u00f6rt, und er wird alles wohl richten. Wir brauchen uns seinen Kopf nicht zu zerbrechen. Es reicht, wenn wir uns ihm zur Verf\u00fcgung stellen. Nicht mehr, aber bitte auch nicht weniger wird von uns erwartet. Und wenn wir das getan haben werden, dann d\u00fcrfen wir uns mitfreuen auf den Tag der Vollendung, den er herbeif\u00fchren wird. Gebe es Gott, da\u00df diese Freude schon heute unser Leben bestimmt!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>J\u00fcrgen J\u00fcngling, Oberlandeskirchenrat, Wilhelmsh\u00f6her Allee 330, 34131 Kassel<\/p>\n<p>Bemerkungen zum Text<\/p>\n<p>Das zentrale Thema des Briefes ist die Einheit der Gemeinde von Juden- und Heidenchristen. Diese ist angelegt im Christus-Geschehen selber und ist von daher f\u00fcr das (\u00dcber)Leben der christlichen Gemeinschaft unabdingbar. Der Briefschreiber sieht jedoch die Gefahr, da\u00df die ehemals heidnischen Gemeinde-Mitglieder in Ephesus sich den Judenchristen gegen\u00fcber in einer hervorgehobenen Rolle verstehen.<\/p>\n<p>In unserem Textabschnitt geht es deshalb zum ersten ganz folgerichtig um die Stichworte von Einheit und Frieden in der Gemeinde, zum anderen &#8211; und damit eng verbunden &#8211; um die Lebensperspektiven von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und schlie\u00dflich &#8211; sehr bildhaft &#8211; um den weiteren Weg von Christen und Kirche anhand der Vorstellung eines Baues.<\/p>\n<p>Mein Predigt-Aufbau orientiert sich an diesen inhaltlichen Vorgaben, wobei ich das Verh\u00e4ltnis Kirche &#8211; Israel nicht eigens thematisiere (Gelegenheit dazu am sogenannten Israel-Sonntag, dem 16.8.1998). Ich zeichne zun\u00e4chst den Weg in Ephesus bis zur Gemeinde-Bildung nach (Vergangenheit), beschreibe den Status der Christen als &#8222;Gottes Hausgenossen&#8220; (Gegenwart) und ende mit dem Bild des Baues (Zukunft). Dabei betone ich die Momente von Entlastung und Befreiung, die ihrerseits erst das rechte Handeln erm\u00f6glichen. Grund und Ausgangspunkt dazu ist die im Text angelegte Erkenntnis, die viel sp\u00e4ter Paul Gerhardt so treffend formuliert hat: &#8222;Gott sitzt im Regimente und f\u00fchret alles Wohl.&#8220; (Ev. Gesangbuch 361,7)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. S. nach Trinitatis | 21.6.1998 | Eph 2,17-22 | J\u00fcrgen J\u00fcngling | Liebe Gemeinde, 1. Wir alle kennen das nicht nur vom Autofahren, sondern aus dem Leben \u00fcberhaupt: Ganz pl\u00f6tzlich stecken wir in einer Sackgasse. Eben noch ging es z\u00fcgig voran, und von jetzt an hei\u00dft es Stop. 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