{"id":21252,"date":"1998-07-14T16:29:15","date_gmt":"1998-07-14T14:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21252"},"modified":"2025-03-14T16:30:54","modified_gmt":"2025-03-14T15:30:54","slug":"roemer-147-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-147-13-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,7-13"},"content":{"rendered":"<h3>4. S. nach Trinitatis | 5.7.1998 | R\u00f6m 14,7-13 | Hinrich Bu\u00df |<\/h3>\n<p>Predigt zum 1000-j\u00e4hrigen Kirchweihjubil\u00e4um der St. Lambert-Kirche zu Hevensen<\/p>\n<p>Predigttext: R\u00f6mer 14, 7-13<\/p>\n<p>&#8222;Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, da\u00df er \u00fcber Tote und Lebende Herr sei.<\/p>\n<p>Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: &#8222;So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.&#8220;<\/p>\n<p>So wird nun jeder von uns f\u00fcr sich selbst Gott Rechenschaft geben.<\/p>\n<p>Darum la\u00dft uns nicht mehr einer den anderen richten, sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, da\u00df niemand seinem Bruder einen Ansto\u00df oder \u00c4rgernis bereite.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Festgemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Keiner lebt sich selber&#8220;, vielmehr: Jeder braucht Menschen um sich herum und hat sie hoffentlich auch. Jeder braucht einen Vater im Himmel und lebt vor ihm und von ihm &#8211; so setzt der Text des Tages ein.<\/p>\n<p>Wer derart redet, mu\u00df mit Widerspruch rechnen. Was wir heute erleben, ist das genaue Gegenteil. Jeder lebt sein eigenes Leben, sein sch\u00f6nes oder schreckliches. Jede k\u00e4mpft f\u00fcr sich, um einen Platz an der Sonne zu ergattern, oder auch, um zu sich selbst zu kommen. Wer dies erreicht, hat schon viel gewonnen. Jeder ist allein &#8211; keiner lebt sich selber, was stimmt?<\/p>\n<p>Hier in Hevensen wird die Frage nicht theoretisch er\u00f6rtert, sie wird praktisch beantwortet. Ein Ort feiert ausgiebig; genauer: Ein Kirchspiel mit sechs D\u00f6rfern begeht ein Fest, und dies gleich eine Woche lang. Da werden Menschen in Scharen auf die Beine gebracht, sie erleben viel und k\u00f6nnen selbst mitmachen.<\/p>\n<p>Ein historischer Markt war gestern zu betrachten. Kerzenmacher, Korbflechter, Stellmacher und viele andere mehr f\u00fchrten ihr Handwerk vor. Es wurde geh\u00e4kelt, gekl\u00f6ppelt, gewebt und gesponnen. Eine Disco konnte man sp\u00e4t abends selbstverst\u00e4ndlich besuchen, damit neben das Historische das Heutige tritt. Shakespeares &#8222;Sommernachtstraum&#8220; wurde aufgef\u00fchrt, man h\u00f6re und staune, von einer Laienspielgruppe auf die B\u00fchne gebracht, und nat\u00fcrlich haben viele Ch\u00f6re aus den Ortschaften ihre Lieder vorgetragen. Ein &#8222;St.-Lambert-Trunk&#8220; wird kredenzt und eine &#8222;Hevenser Klostersuppe&#8220; aufgetischt, beides schmackhaft, nehme ich an. Ein Festumzug durch Hevensen und Wolbrechtshausen ist gleich zu sehen. Kinder, die daran teilnehmen, haben nach altem Brauch am Montag schulfrei. Wie sch\u00f6n f\u00fcr sie! Vieles andere w\u00e4re zu erw\u00e4hnen, welches das reichhaltige Programm f\u00fcllt.<\/p>\n<p>Wie man sehen kann: Alt und Jung feiern gemeinsam, kaum jemanden h\u00e4lt es zuhause, das pralle Menschenleben spielt sich auf der Stra\u00dfe ab oder in geschm\u00fcckten R\u00e4umen. Hier wird anschaubar, was Paulus schreibt: &#8222;Keiner lebt sich selber&#8220; &#8211; und erst recht keiner feiert sich selber! Wer ein Fest begeht, braucht andere Menschen, am besten in F\u00fclle. Feier ist das Gegenteil von Einsamkeit.<\/p>\n<p>Das bunte Treiben gilt jedoch nicht zuv\u00f6rderst den Menschen, es dreht sich um ein altes Gem\u00e4uer, um die St. Lambert-Kirche zu Hevensen, die ihr 1000-j\u00e4hriges Kirchweihfest begehen kann. Sonst wird das Geb\u00e4ude eher geschont, nehme ich an, oder links liegen gelassen, nun steht es f\u00fcr eine volle Woche im Mittelpunkt. Was ist der Grund?<\/p>\n<p>1000 Jahre fl\u00f6\u00dfen einem schon Ehrfurcht ein, wer will der alten Dame nicht Respekt erweisen? Doch das Besondere ist, da\u00df dieses alte Gem\u00e4uer trotz oder gerade wegen seiner langen Geschichte ein h\u00f6chst lebendiges Haus ist. Als atmete es. Als k\u00f6nnte es sprechen, ja erz\u00e4hlen, viele Geschichten von Tod und Leben. Von Zerst\u00f6rung und Neubeginn. Was Menschen erlebt und erlitten haben &#8211; in dem Geb\u00e4ude wird es anschaubar.<\/p>\n<p>Es ist ein Haus, das nicht preisgegeben wurde. An dem immer weiter gebaut worden ist. Man sieht die Spuren der Jahrhunderte. Vom urspr\u00fcnglichen romanischen Bau sind noch Reste erhalten, an der Wand im Turm. Die beiden Gew\u00f6lbekappen \u00fcber dem Chor sind Spuren gotischer Baukunst. Der Spitzbogen eines gotischen Fensters wurde unter Ger\u00f6ll gefunden und hervorgeholt und aufbewahrt. Eine Fachwerkaufstockung, die der Kirche ihr spezifisches Aussehen gibt, ist gut erkennbar. Sie diente dazu, da\u00df die Pfarrersleute Getreide trocknen konnten und somit etwas zu bei\u00dfen hatten. &#8211; Wie man sieht: Die verschiedenen Epochen haben sich in das Geb\u00e4ude eingetragen. Die Lebensentw\u00fcrfe und Baustile sind unschwer abzulesen. Jeder lebt sein eigenes Leben?<\/p>\n<p>Ach nein, jede Frau und jeder Mann baut auf das Wirken fr\u00fcher Generationen auf. Unsere Wurzeln reichen tiefer in die Geschichte als uns &#8211; zumal heute &#8211; bewu\u00dft ist. &#8222;Unser keiner lebt sich selber&#8220; &#8211; man braucht nur auf das Geb\u00e4ude zu sehen, um die Wahrheit dieses Satzes sofort zu begreifen.<\/p>\n<p>Das alte Gem\u00e4uer wurde \u00fcber 1000 Jahre bis in die Gegenwart erhalten, weil es ein Gotteshaus beherbergt. Wer auch nur an ihm vorbeigeht, wird daran erinnert: Wir f\u00fchren unser Leben vor Gott. Wer es betritt, l\u00e4\u00dft sich auf Gott ein. Gewi\u00df, man kann auch drau\u00dfen beten. Aber Hand aufs Herz: Wer tut es? In diesem Haus sind Kinder getauft und die Namen Verstorbener verlesen worden. Hier haben Jungen und M\u00e4dchen vor dem Altar gekniet und sind eingesegnet worden. Hier haben sich Brautpaare das Ja-Wort gegeben, und viele sind bis heute zusammengeblieben. Hier ist auch \u00fcber manche Predigt, die nicht enden wollte, gest\u00f6hnt worden, und von hier sind Menschen in ihrem Glauben gest\u00e4rkt nach Hause gegangen. Hier haben M\u00fctter mit Gott gehadert, weil ihnen ihr Kind genommen wurde; hier sind Loblieder zum Himmel aufgestiegen, von Menschen, deren Krankheit endlich ausgeheilt war.<\/p>\n<p>Jeder lebt sein eigenes Leben? Gewi\u00df, man kann sehr einsam sein. Doch wer vor Gott aussprechen kann, wie ihm ums Herz ist, kommt aus der Isolation heraus und erf\u00e4hrt Gemeinschaft, die alles Ungl\u00fcck \u00fcberdauert.<\/p>\n<p>Diese Kirche hat einen Altar, der \u00fcber 500 Jahre alt ist. Wenn die Feiertagsseite aufgeklappt wird, sieht man die volle Breite des g\u00f6ttlichen Geschehens: Kreuzigung und Auferstehung Jesu sind in dem Schnitzwerk anschaubar. Die alten Figuren sind eine Kostbarkeit dieser Kirche und der dargestellte Inhalt auch: Wir k\u00f6nnen leben und wir k\u00f6nnen sterben; ob so oder so, wir geh\u00f6ren zu Christus. Das ist die unerh\u00f6rte und tr\u00f6stliche Botschaft, die in Holz geschnitzt ist und eingepr\u00e4gt wird.<\/p>\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Einen zweiten Satz lassen Sie mich aus dem Text des Tages zitieren: &#8222;So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen sollen Gott bekennen..&#8220; Ein weiter Bogen, der geschlagen wird. Zu weit? Viele Menschen sind heute in die Kirche gekommen. M\u00fcssen es denn gleich alle sein?<\/p>\n<p>Lassen Sie uns einen Augenblick zur\u00fcckgehen 1000 Jahre zur\u00fcckgehen in die Hevenser Geschichte. Es wird vermutet, da\u00df die 998 errichtete Kirche das einzige massive Bauwerk am Ort war und Aufsehen erregte. Ringsherum standen Fachwerkh\u00e4user, bei weitem nicht so gro\u00df und pr\u00e4chtig wie heute. Die Familien hockten aufeinander in einem unterteilten Raum und bekamen viele Lebens- und Leibes\u00e4u\u00dferungen mit. Sie konnten sich riechen.<\/p>\n<p>Man hat errechnet, da\u00df diese so aufeinander hockenden Personen im fr\u00fchen Mittelalter sich durchschnittlich nicht weiter als 15 km von ihrem Heimatort entfernt und in ihrem Leben insgesamt nicht mehr als 800 Menschen gesehen haben. Das war f\u00fcr sie die ganze Welt. Beschaulich, oft genug grausam, mit einem begrenztem Horizont. Nat\u00fcrlich drehte sich die Sonne um die Erde, Kopernikus war noch weit weg. Amerika gab es nicht, weil unentdeckt &#8211; an Columbus war noch nicht zu denken. Da\u00df die Erde rund sein k\u00f6nnte, ein Globus eben, oder was momentan aktueller ist: wie ein Fu\u00dfball, daran war nicht zu denken. Und die Geschwindigkeit des Internet w\u00e4re pure Hexerei gewesen.<\/p>\n<p>Die so lebenden Menschen bekommen gleichwohl die weltumspannende Botschaft zu h\u00f6ren: Alle Zungen sollen Gott bekennen und ihm die Ehre geben. Wenn es denn einen Gott gibt, ist die Welt seine Sch\u00f6pfung, so weit und unerreichbar sie f\u00fcr die Menschen auch sein mag. Das Lokale und das Globale sind von Anfang an im Christentum beisammen.<\/p>\n<p>1000 Jahre in die Geschichte zur\u00fcckzugehen mag f\u00fcr uns ein gro\u00dfer Schritt sein. Doch Paulus hat seine weltumspannende Botschaft im Brief an die R\u00f6mer noch rund 1000 Jahre fr\u00fcher in Umlauf gebracht. Er beruft sich dabei auf einen Propheten, der wiederum 500 Jahre fr\u00fcher lebte, auf den zweiten Jesaja. Wie im Christentum, so im Judentum: Ein Gott, eine Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Jeder lebt sein eigenes Leben? Ach nein, mit unserem Glauben sind wir in die gro\u00dfe \u00d6kumene gestellt. Der Himmel w\u00f6lbt sich \u00fcber uns alle und zieht den Blick in die Weiten des Kosmos und l\u00e4\u00dft uns ob der dort herrschenden K\u00e4lte fr\u00f6steln. Der Blick kehrt Zur\u00fcck zum alten Gem\u00e4uer der Kirche und l\u00e4\u00dft uns geborgen sein in der Liebe Christi. Dazwischen bewegt sich der Glaube, die Gr\u00f6\u00dfe Gottes ahnend und auf seine N\u00e4he vertrauend.<\/p>\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Schlie\u00dflich der dritte Satz, den ich aus dem Text des Tages heranziehen m\u00f6chte: &#8222;Darum la\u00dft uns nicht einer den andern richten&#8220;. Warum nicht? Weil wir in der einen Welt durch den einen Herrn Christus Schwestern und Br\u00fcder sind. Ob sie in Rom wohnen oder in Uljandska an der Wolga oder in Hevensen. Sollen wir sie alle achten oder gar lieben? Ist das nicht eine gigantische \u00dcberforderung? So als m\u00fc\u00dften wir alle Sprachen der Welt sprechen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich kenne eine Redensart &#8211; Sie vielleicht auch -, die geht so: &#8222;Es gibt vier Sprachen: Hochdeutsch, Plattdeutsch, durch die Nase und \u00fcber andere Leute&#8220;.<\/p>\n<p>Welche davon die beliebteste ist, ahnt jeder: \u00dcber andere Leute reden nat\u00fcrlich. Wenn man also nicht mehr \u00fcber die Nachbarn reden d\u00fcrfte und \u00fcber die Verwandtschaft, die gesch\u00e4tzte und die bucklige, \u00fcber die Arbeitskolleginnen, was dann? Dann bliebe einem nur noch, den lieben langen Tag Talkshows zu sehen, die einem in \u00dcberf\u00fclle angeboten werden. Das kann der Apostel mit seiner Epistel offenbar nicht wollen. Was also meint er?<\/p>\n<p>Gutes sollen wir reden, als sei es das Evangelium, was \u00fcbersetzt hei\u00dft: die gute Nachricht. Und wo bleibt das Schiefe und Krumme, das Kleinkarierte und Unausstehliche? Soll man Kreide fressen?<\/p>\n<p>Es gibt einen Bibelausleger mit dem vielsagenden Namen Bengel, der zur Sache bemerkt: &#8222;Richtet nicht &#8211; ohne Einsicht und Liebe und ohne Not.&#8220; Da haben wir\u2019s, Ausweg versperrt. Doch er f\u00fcgt seinem edlen Satz einen weiteren auf lateinisch an, und der macht seinem Namen alle Ehre: &#8222;Dennoch wir einen Hund f\u00fcr einen Hund und ein Schwein f\u00fcr ein Schwein halten.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist deutlich. Es besagt: Dinge sch\u00f6n reden ist falsch. Es mu\u00df ausgesprochen werden, was nicht in Ordnung ist. Aber eben an die richtige Adresse. Nicht hinten herum. Und, was noch wichtiger ist: Kein abschlie\u00dfendes Urteil f\u00e4llen. Das letzte Wort steht uns nicht zu.<\/p>\n<p>Hier kommt wieder Gott ins Spiel. Er ist derjenige, der uns beurteilen wird. Vor ihm m\u00fcssen wir alle Rechenschaft ablegen. Darum also h\u00fctet euch, letzte Urteile zu f\u00e4llen. &#8222;Aus dem wird nie etwas&#8220;. &#8222;Du bist nichts und kannst nichts&#8220;. Worte, die t\u00f6ten. Nimm sie nicht in den Mund. Richte nicht.<\/p>\n<p>Gott wird Recht sprechen, und er wird Gerechtigkeit schaffen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde sind seine Verhei\u00dfung, vorhin geh\u00f6rt bei der Lesung aus Offenbarung 21.<\/p>\n<p>Eine Lesung zum Kirchweihtag. Was besagt: Jedes Gotteshaus, auch die St.-Lambert-Kirche mit ihrer 1000-j\u00e4hrigen Geschichte, weist hin auf die gro\u00dfe Zukunft: &#8222;Gott wird bei den Menschen wohnen, und sie werden sein Volk sein.&#8220; Dann ist die Welt nicht mehr mit Brettern vernagelt und das Leben des einzelnen ebensowenig. Jeder Mensch hat Zukunft, weil sie von Gott offengehalten wird.<\/p>\n<p>Unter dieser Verhei\u00dfung stehen wir. So haben wir allen Grund, unser Fest zu feiern, Gott zu loben und uns gl\u00fccklich zu preisen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Hinrich Bu\u00df, Landessuperintendent in G\u00f6ttingen Von-Bar-Str. 6, 37075 G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. S. nach Trinitatis | 5.7.1998 | R\u00f6m 14,7-13 | Hinrich Bu\u00df | Predigt zum 1000-j\u00e4hrigen Kirchweihjubil\u00e4um der St. Lambert-Kirche zu Hevensen Predigttext: R\u00f6mer 14, 7-13 &#8222;Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. 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