{"id":21264,"date":"2000-07-09T16:40:15","date_gmt":"2000-07-09T14:40:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21264"},"modified":"2025-03-14T16:43:39","modified_gmt":"2025-03-14T15:43:39","slug":"1-johannes-15-26-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-15-26-6\/","title":{"rendered":"1. Johannes 1,5-2,6"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"600\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">3. Sonntag nach Trinitatis<\/span><br \/>\n<b>9.7.2000<br \/>\n1. Johannes 1,5-2,6<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Horst Hirschler<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>I.<br \/>\n<b>Am liebsten reden wir \u00fcber die S\u00fcnden der Anderen<\/b>.<br \/>\nIm Laienrefektorium hier im Kloster ist die Scene von der Ehebrecherin zu sehen, gemalt von Eduard v.Gebhardt, Johannes 8 steht das, die Geschichte von jener Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt wurde. Komisch eigentlich, da\u00df da nicht noch ein m\u00e4nnliches Wesen erwischt wurde, denn zu frischer Tat geh\u00f6ren ja wohl zwei. Na ja, geht wieder zu Lasten der Frauen. Jedenfalls sitzt auf dem Gem\u00e4lde die \u00dcbelt\u00e4terin zusammengekauert am Boden. Jesus auf einem Stuhl daneben.<\/p>\n<p>Dahinter die M\u00e4nner mit ihren Steinen in den H\u00e4nden, um sie zu steinigen. Alles Portraits von Loccumern um 1890. Sie h\u00f6ren Jesus zu, der nur sagt: &#8222;Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.&#8220; Und dann lassen sie ja alle einer nach dem anderen ihre Steine plumpsen und verkr\u00fcmeln sich.<\/p>\n<p>Links davon stehen zwei alte Frauen. Sie tuscheln miteinander. Ich habe immer gedacht, sie reden \u00fcber die S\u00fcnden der Frau. Aber beim Nachdenken \u00fcber diese Predigt kam mir anderes in den Sinn. Ich denke, die eine sagt zur anderen: Siehst du den Ernst da, und den Wilhelm da dr\u00fcben, die m\u00fcssen Steine werfen, ausgerechnet die. Und die andere sagt, ich erz\u00e4hl dir nachher noch mehr von den beiden.<\/p>\n<p>Wie gesagt, am liebsten reden wir \u00fcber die S\u00fcnden der anderen. Privat und \u00ad \u00f6ffentlich. Manche Zeitungen k\u00f6nnen gar nicht genug davon bringen. Ein Fehltritt ist viel spannender als ein Wohltritt. Der Bundeskanzler sagt die Wahrheit, das ist keine Nachricht. Aber wenn er die Unwahrheit sagt&#8230;..dann geht es los.<\/p>\n<p><b>Von unseren eigenen S\u00fcnden reden wir viel weniger gern.<\/b> Jedenfalls, wenn es wirkliche S\u00fcnden sind. Bei Verkehrss\u00fcnden ist es oft anders. Damit prahlt ja mancher noch. Obwohl, als einer j\u00fcngst erz\u00e4hlte, wieviel Punkte er in Flensburg gegenw\u00e4rtig hat, und wir lachten, eine Frau sagte: &#8222;Dar\u00fcber kann ich gar nicht lachen. Unser Junge ist von einem, der 70 fuhr im Ort, schwer verletzt worden. Seither sehe ich das ganz anders&#8220;. Da bleibt einem das Prahlen in der Kehle stecken.<\/p>\n<p>Nein, wenn das, was wir falsch gemacht haben unser Image verdunkelt, dann reden wir gar nicht gern davon, und schon gar nicht, wenn es uns richtig auf der Seele liegt, was wir an Mist gebaut haben.<\/p>\n<p><b>Von den eigenen, den wirklichen S\u00fcnden schweigen wir lieber, verg\u00e4\u00dfen sie gerne, verdr\u00e4ngen sie oft.<\/b><\/p>\n<p>II.<br \/>\nWarum aber nur, liebe Gemeinde, warum nur legt der Evangelist Johannes, dem wir diesen 1.Johannesbrief verdanken, solchen Wert darauf, da\u00df man nicht sagt, man sei ohne S\u00fcnde, sondern da\u00df man seine S\u00fcnde bekennt.<\/p>\n<p>Nun kann man sagen: Ja, das ist eben typisch f\u00fcr die Kirche. Die hat immer viel von der S\u00fcnde geredet.<\/p>\n<p>Sie kennen sicher die sch\u00f6ne Geschichte, bei der ein Konfirmand sonntags aus der Kirche nach Hause kommt. Der Vater, der sich gerade im Badezimmer rasiert, fragt: &#8222;Na, wor\u00fcber hat dein Pastor denn heute geredet?&#8220; Der Spr\u00f6\u00dfling ruft aus dem Wohnzimmer: &#8222;\u00dcber S\u00fcnde!&#8220; Der Vater nochmal: &#8222;Na und, was meint er dazu?&#8220; Der Sohn macht den Fernseher an und ruft \u00fcber die Schulter zur\u00fcck: &#8222;Er ist dagegen.&#8220; Das wei\u00df man. Der Pastor redet von S\u00fcnde und ist dagegen.<\/p>\n<p>Freilich ist das doch vielleicht schon ein etwas \u00e4lterer Witz. Denn in den letzten 20 Jahren ist in der Kirche nur ungern \u00fcber S\u00fcnde geredet worden \u00ad wohl, weil es nicht so gut zum Zeitgeist pa\u00dfte.<\/p>\n<p>Warum ist dem Johannes das Zugeben und Aussprechen der eigenen S\u00fcnde so wichtig? Warum schreibt er : &#8222;Wenn wir sagen, wir haben keine S\u00fcnde, so betr\u00fcgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir sagen, wir haben nicht ges\u00fcndigt, so machen wir Christus zum L\u00fcgner, und sein Wort ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere S\u00fcnden bekennen, so ist er treu und gerecht, da\u00df er uns die S\u00fcnden vergibt und reinigt uns von aller Unreinheit. Das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller S\u00fcnde.&#8220;<\/p>\n<p>Wir betr\u00fcgen uns \u00fcber uns selbst, wenn wir die S\u00fcnde verschweigen, und wir machen Christus zum L\u00fcgner, der um unserer S\u00fcnde willen gestorben ist. Wenn man diesen ersten Johannesbrief genau liest, merkt man, der Johannes schreibt seinen Brief gegen Leute mit einem falschen Menschenbild.<\/p>\n<p>Da gibt es offenbar Leute in den Gemeinden, die behaupten, wer wirklich Christ ist, sei kein S\u00fcnder. Sie haben wohl das Empfinden gehabt, durch den Glauben so verwandelt und in einer neuen Existenzweise zu sein, da\u00df sie gott\u00e4hnlich und s\u00fcndlos sind. Johannes h\u00e4lt das f\u00fcr Unsinn.<\/p>\n<p>Es kann einem auch der moderne Gedanke kommen, ob diese Leute vielleicht innerlich so instabil waren, da\u00df sie sich als S\u00fcnder nicht ertragen konnten? M\u00fcssen sie sich vielleicht gegenseitig unentwegt best\u00e4tigen, es sei alles richtig, was sie sind und tun? Gott liebt dich, wie du bist?<\/p>\n<p>Nun wissen wir nicht genau, wie die Leute, gegen die Johannes sich wendet, gedacht haben. Wir k\u00f6nnen das ja nur aus den S\u00e4tzen in diesem Brief zu erschlie\u00dfen versuchen. Wir k\u00f6nnen uns allerdings selbst an die Stelle dieser Leute setzen. Als h\u00e4tte der Johannes das uns geschrieben.<\/p>\n<p>Wir aber haben heute eine gro\u00dfe Unsicherheit in der christlichen Gemeinde, was eigentlich Gottes Gebot sagt, und was als S\u00fcnde zu gelten hat. Was bedeutet es, wenn sich in unserer Gesellschaft die Normen \u00e4ndern?<\/p>\n<p>Als die nieders\u00e4chsische Verfassung ver\u00e4ndert wurde, haben wir hier in Loccum eine Akademietagung mit Landtagsabgeordneten gehabt. Als wir \u00fcber das Thema nachdachten, sagte der damalige Landtagspr\u00e4sident: K\u00f6nnen wir nicht einmal \u00fcber die 10 Gebote reden? Das wurde eine sehr gute Tagung.<\/p>\n<p>Und es ist n\u00f6tig, da\u00df wir in der Gemeinde sehr konkret dar\u00fcber nachdenken, was sagt uns Gottes Gebot heute.<\/p>\n<p>Aber an unserem Predigttext ist doch seltsam, da\u00df der Evangelist gar nicht schreibt: Rei\u00dft euch zusammen, befolgt die Gebote, macht es in Zukunft besser. Er schreibt etwas von der Bruderliebe \u00ad die Schwestern scheinen mit gemeint zu sein. Aber immer h\u00e4ngen Bruderliebe und Gottesliebe eng zusammen.<\/p>\n<p>Er appelliert nicht, wie wir es bei der Frage der S\u00fcnde eigentlich denken m\u00fc\u00dften, an den guten Willen. Er schreibt nicht, kehrt um, werdet bessere Menschen, verabredet euch, bestimmte sch\u00e4dliche Taten nicht mehr zu machen. Johannes zielt in eine andere Richtung. Er schreibt: &#8222;Wenn jemand s\u00fcndigt, so haben wir einen F\u00fcrsprecher bei dem Vater, Jesus Christus. Er ist die Vers\u00f6hnung f\u00fcr unsere S\u00fcnden, nicht allein aber f\u00fcr unsere S\u00fcnden, sondern auch f\u00fcr die S\u00fcnden der ganzen Welt.&#8220;<\/p>\n<p>Man merkt schon, das ist eigentlich kein moralischer Zeigefinger, der hier erhoben wird. Es geht um Grundlegenderes, Johannes geht es um die Bedeutung Christi. Es geht ihm um die Vers\u00f6hnung des Menschen mit Gott und um eine neue Beheimatung des Menschen in einer gottfernen Welt.<\/p>\n<p>Gott ist Licht, schreibt er. Wenn wir sagen, da\u00df wir Christen sind, also Gemeinschaft mit Christus haben, aber in Wirklichkeit im Finstern wandeln, dann sind wir in unserem Wesen verlogen. Dann sind wir in einer tiefen Weise selbst das Problem.<\/p>\n<p>Johannes sieht zwischen Gott, der das Licht ist und uns Menschen einen tiefen Gegensatz, einen tiefen Graben, einen Sund, die S\u00fcnde (da kommt das Wort her). Und das wichtigste ist, da\u00df wir begreifen, welche Bedeutung Christus darin hat.<\/p>\n<p>Das ist etwas, was wir immer wieder neu lernen m\u00fcssen: Wenn die Bibel von S\u00fcnde redet, dann ist zuerst an unsere Gottes- und Christusbeziehung gedacht und danach erst an Gottes Gebot. Nicht, da\u00df die Gebote als klare Grenzpf\u00e4hle nicht wichtig w\u00e4ren. Sie sind ungeheuer wichtig und zeigen uns, wo wir schuldig sind. Aber S\u00fcnde meint zuerst den viel grundlegenderen Schaden, da\u00df unsere Gottesbeziehung nicht in Ordnung ist.<\/p>\n<p>Vielleicht mu\u00df ich das noch viel pers\u00f6nlicher sagen. S\u00fcnde meint, da\u00df ich nicht wirklich beten kann, weil ich wei\u00df, Gott mu\u00df, so wie ich bin, gegen mich sein. S\u00fcnde meint vielleicht noch mehr, da\u00df ich Gott verloren habe, weil ich ihn l\u00e4ngst durch andere G\u00f6tter ersetzt habe. Weil ich mich auf ganz Anderes verlasse. Luther sagt, das woran du dein Herz h\u00e4ngst und worauf du dich verl\u00e4\u00dft, das ist eigentlich dein Gott:<\/p>\n<p>Man kann sich selbst testen, wo ich \u00fcberall &#8222;Hauptsache&#8220; sage. Hauptsache man ist gesund. Hauptsache man hat Arbeit. Hauptsache man hat was auf dem Konto, hat Schaffenskraft, hat gute Freunde usw. Das ist nat\u00fcrlich alles Unsinn. Was tun wir wenn diese Hauptsachen nicht mehr da sind? Ich brauche ja doch einen Vertrauensgrund, der gerade dann h\u00e4lt, wenn ich krank, arbeitslos, ohne Mittel und Freunde da stehe.<\/p>\n<p>S\u00fcnde hei\u00dft, ich habe kein Gottvertrauen. Da ist immer wieder ein tiefer Graben zwischen mir und Gott, ein Graben, den ich nicht von mir aus \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Und Johannes sagt: Du mu\u00dft zu Jesus kommen, mit all deiner Gottesferne. Oder besser noch du mu\u00dft ihn zu dir in deine Gottesferne kommen lassen.<\/p>\n<p>III.<br \/>\nWir haben eben als Evangelienlesung die wundersch\u00f6ne Geschichte vom Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us (Lukas 19) geh\u00f6rt. Ein Mensch, \u00fcber den wir nicht viel wissen, in den wir uns aber gut hineindenken k\u00f6nnen. Zach\u00e4us mu\u00df sich wohl als von Gott gemieden vorgekommen sein. Mancher leidet darunter, da\u00df er klein ist und hadert mit seinem Gott, da\u00df er ihm solches zumutet. Dieser Oberz\u00f6llner ist klein, skrupellos und reich. Hauptsache du hast genug Geld. Das hat er. Und so einer, ausgerechnet so einer will Jesus gerne sehen. Es ist schon erstaunlich. Er verliert allen Stolz, alle Angst vor dem Gesp\u00f6tt der Leute, er steigt auf einen Baum um Jesus zu sehen, nur zu sehen.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, was in den Zach\u00e4us gefahren ist. Vielleicht war es der Heilige Geist. Jedenfalls verliert er alle Angst um sich, um sein Image. Wie wird er sonst, grimmig und gewichtig durch Jericho gegangen sein, unnahbar und gef\u00e4hrlich. Sein eigener Gott, sein eigener Halt. Sich verlassend auf die macht der Soldaten. Und doch unendlich einsam und verloren.<\/p>\n<p>Jetzt sitzt er auf seinem Baum. Um Jesus zu sehen. Indem er sich so entbl\u00e4ttert, so nackt und dem Spott ausgesetzt vor den anderen steht, ist er in einer unm\u00f6glichen Situation, eigentlich ganz angewiesen auf die Hilfe Gottes. Und der hilft, in der Gestalt Jesu \u00ad es ist unglaublich \u00ad Jesus bleibt stehen. Komm schnell herunter, sagt er, ich mu\u00df heute bei dir einkehren. Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.<\/p>\n<p>Und Zach\u00e4us wird durch diese ihm in Jesus begegnende Gottesn\u00e4he verwandelt. Er will Teile seines Reichtums den Armen geben. Er will das unrechtm\u00e4\u00dfig Erworbene angemessen zur\u00fcckgeben. Ich wei\u00df gar nicht, ob er daf\u00fcr genug Geld hat. Aber das mu\u00df er selbst sehen. Jedenfalls die Gottesn\u00e4he, f\u00fcr die Jesus steht, verwandelt sein Innenleben, gibt ihm W\u00fcrde und inneren Halt. Zach\u00e4us wei\u00df mit einem Schlage, woher er nun seine W\u00fcrde, seinen inneren Halt, seine Beheimatung bekommt. Nicht in ertr\u00e4umter Gr\u00f6\u00dfe, nicht in seiner Gef\u00e4hrlichkeit und nicht in seinem Geld, nicht in seiner umtriebigen Verwaltungskompetenz liegt der innere Halt.<\/p>\n<p>Dieser Jesus ist f\u00fcr ihn die Vers\u00f6hnung mit Gott und dadurch mit seinem Schicksal. Er ist ausges\u00f6hnt mit seinem Schicksal. Er hat keine Angst mehr um sich selbst.<\/p>\n<p>Diese Zach\u00e4usgeschichte konnte nat\u00fcrlich in der Christenheit nur erz\u00e4hlt werden, weil dieser Jesus da unter dem Baum f\u00fcr die, die diese Geschichte h\u00f6ren, gleichzeitig der Gekreuzigte und Auferstandene ist. Weil er uns die Angst um unser Leben genommen hat. Weil Gott uns in ihm vorgef\u00fchrt hat, da\u00df auch der, der sich so gottverlassen vorkommt, da\u00df er nur noch schreien kann, &#8222;mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen&#8220;- im \u00f6sterlichen Licht gerade nicht verlassen ist. Wir m\u00fcssen keine letzte Angst mehr um uns haben.<\/p>\n<p>S\u00fcnde h\u00e4ngt mit Sund zusammen. Mit dem tiefen Graben, der uns von unserem Gl\u00fcck, von Gott, von der inneren Beheimatung auf Erden trennt. Dieser Sund produziert in uns eine tiefe Angst. Und die Fr\u00fcchte dieser Grunds\u00fcnde, dieser Angst sind unsere angstbesetzten egozentrischen Gedanken und Taten.<\/p>\n<p>Achten Sie nur, liebe Gemeinde, einmal darauf, welche Rolle allein die Angst, zu kurz zu kommen, in unserem Verhalten spielt. Fast alles, was wir an B\u00f6sem tun, ist Frucht der Angst um uns selbst. Deshalb helfen die moralischen Appelle so wenig.<\/p>\n<p>Deshalb sagt Johannes: Geht mit eurem bi\u00dfchen Glauben, mit den Erfahrungen der Gottverlassenheit, mit euren aus der Lebensangst heraus mi\u00dfratenen Lebenswegen zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten im \u00f6sterlichen Licht.<\/p>\n<p>La\u00dft es euch im Abendmahl ganz pers\u00f6nlich, geradezu e\u00dfbar, zusprechen: &#8222;Das Sterben Jesu macht uns rein von aller S\u00fcnde.&#8220; Er sagt in mit und unter Brot und Wein: Du ich bin bei Dir, la\u00df dich nicht verr\u00fcckt machen, du kommst echt nicht zu kurz.<\/p>\n<p>Christus ist unser Halt in aller Haltlosigkeit. Und daraus wird Neues wachsen. Und dann sind die Gebote, nicht hinter dem R\u00fccken des N\u00e4chsten zu st\u00e4nkern, die Ehe, die eigene und die des N\u00e4chsten nicht zu besch\u00e4digen, das Eigentum des anderen zu achten, sein Leben zu bewahren usw. dann sind sie keine altbackenen Moralvorstellungen, sondern Wegweiser christlicher Freiheit. Wie Luther es im Kleinen Katechismus aufgezeigt hat. Es lohnt sich mal wieder drin zu lesen.<\/p>\n<p>IV.<br \/>\nIn diesen Tagen sind wir voller Freude \u00fcber die Wirkung unseres Christuspavillons auf der EXPO. Er steht, wie sich das f\u00fcr eine christliche Kirche geh\u00f6rt, in der Mitte der EXPO am Markt, an der Plaza, wie der Hauptplatz hei\u00dft. Und die Leute kommen herein, schauen und staunen. Zu jeder vollen Stunde ist eine 10-Minuten- Andacht, deutsch\/englisch. Und immer sind viele Leute da. Junge und alte. Und sie genie\u00dfen das: Den Raum, die Stille, das Wort Gottes, das Vaterunser, den Segen.<\/p>\n<p>Vorne hinter dem Altar ist Christus am Kreuz. Eine fast zwei Meter hohe Skulptur aus der 1. H\u00e4lfte des 12. Jahrhunderts . Aus der Zeit, als Volkenroda und Loccum gegr\u00fcndet wurden. Die Christus-Darstellung wurde 1921 in der Krypta der St.Georgs-Kirche in K\u00f6ln unter Schutt aufgefunden. Es ist ein Torso. Die H\u00e4nde, die F\u00fc\u00dfe sind zerst\u00f6rt. Ein sehr eindr\u00fcckliches, nach innen gerichtetes, stilles Gesicht. Das Gesicht des Christus im \u00f6sterlichen Licht. Der gottverlassene Christus, der uns in unserer Gottverlassenheit die N\u00e4he Gottes wirksam werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Manchen f\u00e4llt bei dieser Figur als erstes ein: Christus hat keine H\u00e4nde als unsere H\u00e4nde. Christus hat keine F\u00fc\u00dfe als unsere F\u00fc\u00dfe. Das pa\u00dft ein wenig zu dem letzten Satz unseres Predigttextes. &#8222;Wer sagt, da\u00df er in Christus bleibt (also da\u00df er Christ ist), der soll auch leben wie Christus gelebt hat.&#8220; Also, wir sind diejenigen, die Jesus nachfolgen und seine helfenden Taten tun sollen.<\/p>\n<p>Aber bevor wir solche Gedanken haben, die an unser Tun appellieren, ist es viel, viel wichtiger und grundlegender sich auf die Gottesaussage dieser Christusfigur einzulassen.<\/p>\n<p>Da wird dieser Mensch Gottes gezeigt, dieser Jesus von Nazareth, der nun wirklich nichts mehr f\u00fcr sich und andere tun kann. Nur noch durch das Gesicht ist er der stille Hinweis darauf, da\u00df wir, auch wenn uns die H\u00e4nde gebunden sind, auch wenn wir das Empfinden haben, aus unseren Verflechtungen nicht mehr herauszukommen, die Zusage haben, Gott h\u00e4lt dich. Auch dann. Hab keine Angst um Dich. Du kommst nicht zu kurz. Du kommst in alle Ewigkeit nicht zu kurz. Du mu\u00dft nicht warten, da\u00df die Erf\u00fcllung deines Lebens erst noch kommt, und du dies und das erst unbedingt noch haben mu\u00dft. Nein, Gott ist jetzt dir nahe. Dein Lebensgl\u00fcck, deine Beheimatung hier im Vorl\u00e4ufigen, die geschieht jetzt. Christus gibt dir die innere Angstfreiheit, und das gibt dir die Kraft und den Mut und die Umsicht zum Tun des Menschenm\u00f6glichen an deinem Ort. Du kannst voller Gottvertrauen zu ihm beten.<\/p>\n<p>Ja, es ist wahr, Gott tr\u00e4gt dich mit deinem durchwachsenen und problematischen Leben, aus dem du gar nicht einfach aussteigen kannst. Er tr\u00e4gt dich sogar mit deinen tr\u00fcben Kompromissen. Er tut das nicht, indem er das alles rechtfertigt, unter der Hand f\u00fcr richtig erkl\u00e4rt. Das bleibt so problematisch, wie es ist. Und mu\u00df, wo es nur geht, ver\u00e4ndert, verbessert werden. Aber Gott rechtfertigt <b>dich<\/b>. Er sagt dir in Christus seine N\u00e4he zu. Er tr\u00e4gt dich. Er gibt dir die innere Freiheit zum Tun des Besseren gibt &#8211; und eine tiefe innere Freude.<\/p>\n<p>Melanchthon mu\u00df an Luther 1521 auf die Wartburg geschrieben haben, da\u00df er nicht mehr w\u00fc\u00dfte, was er tun solle, denn in allen Kompromissen stecke doch S\u00fcnde drin. Luther antwortet ihm am 1. August 1521: &#8222;Wenn Du ein Prediger der Gnade bist, predige die Gnade nicht zum Schein, sondern als Wirklichkeit, wenn sie wirklich Gnade ist. Wahre, nicht scheinbare S\u00fcnde tue ich. Gott macht doch nicht scheinbare S\u00fcnder heil. Also sei S\u00fcnder und s\u00fcndige unerschrocken(pecca fortiter), aber noch unerschrockener glaube und freue dich in Christus (fide et gaude in Christo), der ein Sieger ist \u00fcber S\u00fcnde, Tod und Welt. Es mu\u00df ja ges\u00fcndigt werden, solange wir hier sind. Dieses Leben ist keine (friedliche) Wohnung der Gerechtigkeit, sondern wir erwarten \u00ad sagt Petrus \u00ad einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.&#8220;<\/p>\n<p>Man merkt, das ist keine harmlose Sache, das ist ein Kampf, bei dem es immer darum geht, ob ich wirklich auf den Gott vertraue, der in Christus erschienen ist. Wenn ich das tue, wirkt sich das auch aus in meinem Alltag. Und ich bleibe, Gott sei Dank, nicht der, der ich immer schon war.<\/p>\n<p>Nein wir sind auf dem Wege, immer neu. Aber wir sind in Seiner guten Begleitung.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><b>Bischof Horst Hirschler, Loccum<br \/>\n<a href=\"mailto:Horst.Hirschler@01019freenet.de\">E-Mail: Horst.Hirschler@01019freenet.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000709-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Trinitatis 9.7.2000 1. Johannes 1,5-2,6 Horst Hirschler Liebe Gemeinde! I. Am liebsten reden wir \u00fcber die S\u00fcnden der Anderen. 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