{"id":21289,"date":"1998-08-14T17:23:20","date_gmt":"1998-08-14T15:23:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21289"},"modified":"2025-03-14T17:26:20","modified_gmt":"2025-03-14T16:26:20","slug":"roemer-1125-32-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1125-32-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 11,25-32"},"content":{"rendered":"<h3>10. S. nach Trinitatis | 16.8.1998 | R\u00f6m 11,25-32 | Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Anruf, ein Kollege bat mich darum, einen Vortrag zu halten. Das bin ich zwar gew\u00f6hnt, aber ich verhehle es nicht, ich f\u00fchle mich immer noch geehrt, wenn mich jemand um einen Vortrag bittet. Deshalb fragte ich scheinbar ganz bescheiden zur\u00fcck, wie ich denn zu dieser gro\u00dfen Ehre k\u00e4me, einen Vortrag halten zu d\u00fcrfen. Die Antwort kam prompt und ehrlich: Also eigentlich hatten wir ja Deine Kollegin gefragt, aber die wollte nicht, und da haben wir uns gesagt: Wir fragen dich, du sagst bestimmt nicht nein. Ich mu\u00df gestehen, erst war ich ein wenig sauer und erwog, dem lieben Kollegen eine Absage zu erteilen wegen der wenig schmeichelhaften Anfrage &#8211; dann aber beeindruckte mich die entwaffnende Offenheit und Ehrlichkeit des Mannes: Du wirst gebraucht, nicht weil du so besonders gut bist, sondern weil wir keinen anderen haben. Ich sagte zu &#8211; denn solche Offenheit imponierte mir mehr als manche h\u00f6fliche Schmeichelei, die doch nicht ganz ernst zu nehmen ist.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich denke, die meisten von Ihnen haben \u00c4hnliches schon erlebt: Man ist eingeladen, f\u00fchlt sich geehrt und beehrt &#8211; und dann zeigt sich, da\u00df man die Einladung nur der Absage eines anderen verdankt. Wie z.B. der Einsatz eines Bundesligaspielers, der nur spielen darf, weil ein Stammspieler verletzt ist. Ern\u00fcchterung tritt ein, und man fragt sich, ob man nun seinerseits beleidigt absagen soll &#8211; oder, und das w\u00fcrde ich meinen, ist die richtige Reaktion, ob man nicht dies als eine Art heilsame Ern\u00fcchterung verstehen soll, eine Aufforderung, sich selbst nicht zu ernst und zu wichtig zu nehmen. Man k\u00f6nnte ja auch auf den Gedanken kommen eine solche Einladung, die man einer Absage verdankt, als ein unverdientes Geschenk und als eine Chance zu verstehen.<\/p>\n<p>Man ist eingeladen &#8211; aber nur, weil ein anderer abgesagt hat. Genau mit diesem Bild versucht der Apostel Paulus das Verh\u00e4ltnis zwischen Juden und Heiden zu beschreiben, er versucht damit zurecht zu kommen, da\u00df sich die Mehrheit seines eigenen j\u00fcdischen Volkes, des erw\u00e4hlten Volkes, von Jesus Christus abgewandt hat, und da\u00df nun das Heil den anderen, den Heiden zugesprochen wird &#8211; denn das war ja die Lebensaufgabe des Heidenapostels Paulus.<\/p>\n<p>&#8222;Ihr&#8220;, sagt Paulus zu seiner Gemeinde in Rom, &#8222;habt Barmherzigkeit erlangt durch den Unglauben Israels&#8220;, auch das eine ern\u00fcchternde Erkenntnis, eine Erkenntnis, die verhindern soll, da\u00df Erw\u00e4hlung so einem Privileg wird, zu etwas, was einem vor anderen auszeichnet, oder gar etwas, was erst dadurch sch\u00f6n wird, das andere es nicht haben. Ganz im Gegenteil sagt Paulus: Urspr\u00fcnglich war gar nicht an Euch gedacht, nur durch Zufall, durch Gl\u00fcck w\u00fcrden wir heute sagen, seid Ihr mit dabei.<\/p>\n<p>Ich denke das ist eine wichtige Erkenntnis f\u00fcr Christen: Man darf seinen Glauben nicht sozusagen vor sich her schieben als etwas, das einen vor anderen auszeichnet, Christsein ist nicht ein Vorzug, ein Privileg, das man vor anderen hat, sondern zu aller erst Ausdruck g\u00f6ttlicher Erw\u00e4hlung. Wir sind erw\u00e4hlt, nicht\u00a0<em>weil<\/em>\u00a0wir so sind, wie wir sind, sondern\u00a0<em>obwohl<\/em>\u00a0wir so sind wie wir sind. Wir haben eben Gl\u00fcck gehabt &#8211; ganz so, wie Jesus das im Gleichnis vom gro\u00dfen Abendmahl erz\u00e4hlt: Ein Mann l\u00e4dt viele ein, alle entschuldigen sich nacheinander &#8211; aus Zorn dar\u00fcber l\u00e4dt der Mann alle m\u00f6glichen und vor allem unm\u00f6glichen Leute ein, &#8222;auf da\u00df mein Haus voll werde&#8220;. Gl\u00fcck gehabt, werden die meisten gedacht haben. Aber richtig zugeben wollen wir das nicht. Wer will schon gerne zugeben, da\u00df er Professor geworden ist, eine gute Stelle bekommen hat &#8211; nur weil ein besserer abgesagt hat. Wer will schon gern zugeben, da\u00df er nur &#8222;zweite Wahl&#8220; war und dennoch zuf\u00e4llig eine Stelle bekommen hat? Oder beim Fu\u00dfballspiel: Wer gibt schon gerne zu, &#8222;gl\u00fccklich&#8220; gewonnen zu haben. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, da\u00df selbst Reporter und neutrale Beobachter von Fu\u00dfballspielen Schwierigkeiten haben zuzugeben, da\u00df da eine Mannschaft gewonnen hat, nicht weil sie besser gespielt hat, sondern weil man Gl\u00fcck gehabt hat. Es hei\u00dft dann oft, die Mannschaft habe &#8222;gl\u00fccklich, aber letztlich doch verdient&#8220; gewonnen &#8211; so als widerspr\u00e4che es der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsordnung, wenn jemand &#8222;unverdient&#8220; gewinnt. Und gerade f\u00fcr Deutsche erscheint es geradezu unertr\u00e4glich, &#8222;unverdient&#8220; zu verlieren.<\/p>\n<p>Niemand ist gerne zweite Wahl, niemand gibt gerne zu, eben nur einfach Gl\u00fcck gehabt und &#8222;unverdient&#8220; gewonnen zu haben. Und eben dies mutet uns Paulus zu. Ihr habt unverdient gewonnen, einfach nur Gl\u00fcck gehabt, erkl\u00e4rt er seiner Gemeinde und damit auch uns heute. Ihr habt gewonnen &#8211; aber bildet euch nichts darauf ein &#8211; das ist der Sinn seiner Rede von der g\u00f6ttlichen Erw\u00e4hlung. Erw\u00e4hlung hei\u00dft also zun\u00e4chst eine gro\u00dfe Ern\u00fcchterung: Du hast eben nur Gl\u00fcck gehabt, du brauchst dir nichts einzubilden.<\/p>\n<p>Aber, mu\u00df man hinzuf\u00fcgen, und auch davon spricht Paulus, wer Gl\u00fcck hat, hat viele Freunde, wie schon ein altes lateinisches Sprichwort besagt. Gl\u00fcck macht neidisch, und vielleicht ist das ja auch der Grund daf\u00fcr, da\u00df wir es so schwer ertragen k\u00f6nnen, wenn da jemand &#8222;unverdient&#8220; gewinnt &#8211; nicht so sehr, da\u00df wir das ungerecht finden, sondern wir sind einfach neidisch.<\/p>\n<p>Nun sollte man meinen, da\u00df Paulus im Neid nur etwas negatives s\u00e4he. In der Tat ist ja Neid in dem Sinne, einem anderen etwas nicht zu g\u00f6nnen, durchaus negativ zu werten, ja vielleicht, wie man gesagt hat, ist diese Art von Neid der eigentliche Ursprung des B\u00f6sen: dem anderen sein Gl\u00fcck nicht zu g\u00f6nnen. Aber hier im R\u00f6merbrief gewinnt Paulus dem Neid oder der &#8222;Eifersucht&#8220; auch positive Seiten ab. Gott will, so seine Theorie, sein Volk eifers\u00fcchtig machen &#8211; deshalb die Berufung der Heiden.<\/p>\n<p>Ich denke, man sollte in diesem Zusammenhang einmal dar\u00fcber nachdenken, ob Neid nur etwas Negatives ist. Der Begriff spielt ja auch in der politischen Diskussion eine Rolle &#8211; etwa wenn man von gewisser Seite versucht, den Kampf um soziale Gerechtigkeit als Politik des Neides zu diffamieren. Richtig ist: Neid in dem Sinne, einem anderen nichts zu g\u00f6nnen, ist zutiefst unchristlich und b\u00f6se. Aber Eifersucht in dem Sinne, auch am Gl\u00fcck, am Wohlstand teilhaben zu wollen, auch geliebt werden zu wollen, ist keineswegs verwerflich. Im Gegenteil: Die Bibel spricht ja bekanntlich von einem &#8222;eifers\u00fcchtigen&#8220; Gott, und das menschliche &#8222;Streben nach Gl\u00fcck&#8220;, der Wille, geliebt zu werden, werden in der Bibel keineswegs verurteilt. Im Gegenteil: Nur lieben, aber nicht geliebt werden wollen, nur geben, aber nicht empfangen wollen, das ist nicht Ausdruck von Glaube, sondern von Unglaube und S\u00fcnde.<\/p>\n<p>Paulus entfaltet hier so eine Art P\u00e4dagogik der Eifersucht oder auch des Neides der Ungl\u00e4ubigen. Ihr d\u00fcrft ruhig neidisch sein, ruft er ihnen zu, dazu sein ihr erw\u00e4hlt, nicht als Liebende, sondern Geliebte. Glaube, der Wille, geliebt zu werden, macht in der Tat neidisch, oder etwas weniger provozierend gesagt: steckt an. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Eberhard Harbsmeier, Rektor<\/p>\n<p>Folkekirkens P\u00e6dagogiske Institut<\/p>\n<p>Kirke All\u00e9 2<\/p>\n<p>DK-6240 L\u00f8gumkloster<\/p>\n<p>Tel.: ++45 74 74 32 13, E-mail: <a href=\"mailto:ebh@km.dk\">ebh@km.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. S. nach Trinitatis | 16.8.1998 | R\u00f6m 11,25-32 | Eberhard Harbsmeier | Liebe Gemeinde! Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Anruf, ein Kollege bat mich darum, einen Vortrag zu halten. Das bin ich zwar gew\u00f6hnt, aber ich verhehle es nicht, ich f\u00fchle mich immer noch geehrt, wenn mich jemand um einen Vortrag bittet. 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