{"id":21295,"date":"1998-08-14T17:36:37","date_gmt":"1998-08-14T15:36:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21295"},"modified":"2025-03-14T17:37:16","modified_gmt":"2025-03-14T16:37:16","slug":"apostelgeschichte-91-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-91-20\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 9,1-20"},"content":{"rendered":"<h3>12. S. nach Trinitatis | 30.8.1998 | Apg 9,1-20 | Hans Joachim Schliep |<\/h3>\n<p>Predigt am 30.08.1998 in der Ev.-luth. Neust\u00e4dter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover<\/p>\n<p>Predigttext<\/p>\n<p>Saulus schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die J\u00fcnger des Herrn \/ und ging zum Hohenpriester \/ und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, \/ damit er Anh\u00e4nger des neuen Weges, \/ M\u00e4nner und Frauen, \/ wenn er sie dort f\u00e4nde, \/ gefesselt nach Jerusalem f\u00fchre. Als er aber auf dem Wege war \/ und in die N\u00e4he von Damaskus kam, \/ umleuchtete ihn pl\u00f6tzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde \/ und h\u00f6rte eine Stimme, \/ die sprach zu ihm: &#8222;Saul, Saul, was verfolgst du mich?&#8220; Er aber sprach: &#8222;Herr, wer bist du?&#8220; Der sprach: &#8222;Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.&#8220; Die M\u00e4nner aber, die seine Gef\u00e4hrten waren, \/ standen sprachlos da; denn sie h\u00f6rten zwar die Stimme, \/ aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, \/ sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand \/ und f\u00fchrten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen \/ und a\u00df nicht und trank nicht.<\/p>\n<p>Es war aber ein J\u00fcnger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: &#8222;Hananias!&#8220; Und er sprach: &#8222;Hier bin ich, Herr.&#8220; Der Herr sprach zu ihm: &#8222;Steh auf \/ und geh in die Stra\u00dfe, die die Gerade hei\u00dft, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet \/ und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen \/ mit Namen Hananias, \/ der zu ihm hereinkam \/ und die Hand auf ihn legte, \/ damit er wieder sehend werde.&#8220; Hananias aber antwortete: &#8222;Herr, ich habe von vielen geh\u00f6rt \u00fcber diesen Mann, \/ wieviel B\u00f6ses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, \/ alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen.&#8220; Doch der Herr sprach zu ihm: &#8222;Geh nur hin; denn dieser ist mein auserw\u00e4hltes Werkzeug, \/ da\u00df er meinen Namen trage vor Heiden und vor K\u00f6nige \/ und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, \/ wieviel er leiden mu\u00df um meines Namen willen.&#8220; Und Hananias ging hin \/ und kam in das Haus \/ und legte die H\u00e4nde auf ihn und sprach: &#8222;Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, \/ Jesus, \/ der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, \/ da\u00df du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erf\u00fcllt werdest.&#8220; Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, \/ und er wurde wieder sehend; und er stand auf, \/ lie\u00df sich taufen \/ und nahm Speise zu sich \/ und st\u00e4rkte sich.<\/p>\n<p>Saulus blieb aber einige Tage bei den J\u00fcngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, \/ da\u00df dieser Gottes Sohn sei. (Apostelgeschichte 9,1-20)<\/p>\n<p>Predigt:<\/p>\n<p>Der neue Weg ist das Leben im Glauben, das Christus immer wieder erneuert.&gt; Christus ist da mit seinem Licht, wo ich nur Blindheit vermute.&gt; Christus bittet um meine segnende Hand.&gt; Christus schenkt mir den Freimut, seinen Namen \u00f6ffentlich auszusprechen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In diesen vier S\u00e4tzen fasse ich zusammen, was\u00a0mir\u00a0die &gt;Berufung des Paulus&lt; sagt.<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung ist eine der Geschichten, auf die sich die Christenheit gr\u00fcndet. Sie geh\u00f6rt zu den &gt;gro\u00dfen Geschichten&lt; unserer Kultur &#8211; ja, sie ist sprichw\u00f6rtlich geworden: Da hat eine ihr &#8222;Damaskus-Erlebnis&#8220;; da ist einer vom &#8222;Saulus zum Paulus&#8220; geworden; da &#8222;f\u00e4llt es dir wie Schuppen von den Augen&#8220;.<\/p>\n<p>Wie ist diese Erz\u00e4hlung entstanden? &#8222;Wir leben unser Leben vorw\u00e4rts, aber wir verstehen es r\u00fcckw\u00e4rts.&#8220; Diese Einsicht S\u00f6ren Kierkegaards ist das Webmuster, nach dem Lukas 20, 30 Jahre sp\u00e4ter aus seiner Sicht von einer Lebenswende deutend erz\u00e4hlt, die f\u00fcr die fr\u00fche Christenheit schlechthin bedeutend war. Mit den Sprachbildern, in denen sich die Christinnen und Christen in den griechischsprechenden Gemeinden verst\u00e4ndigten, setzt er sie gleichsam noch einmal in Szene: die \u00fcberraschende Lebenswende des Saulus aus Tarsus, von Beruf Zeltmacher, aus Passion Christenverfolger, zur Christusnachfolge, die sein Leben zur Mission und zur Passion im Namen Christi f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Vorw\u00e4rts leben und r\u00fcckw\u00e4rts verstehen. In diesem Sinn will ich die Geschichte, soweit wir sie als Epistel und anstelle des Evangeliums geh\u00f6rt haben, von r\u00fcckw\u00e4rts erz\u00e4hlen, von ihrem Ausgang her.<\/p>\n<p>Berufen, Jesus beim Namen zu nennen:<\/p>\n<p>Saulus blieb aber einige Tage bei den J\u00fcngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, da\u00df dieser Gottes Sohn sei.<\/p>\n<p>Wem Christus das Herz \u00f6ffnet, liebe Gemeinde, kann den Mund nicht halten. Wo Christus Platz greift in ihnen, da legen Menschen &#8222;Zeugnis ab bis zum Letzten&#8220; (Victor Klemperer). Sie geben Zeugnis davon, da\u00df Jesus der Christus ist. Und das hei\u00dft: in ihm begegnet uns Gott, er vertritt Gott bei uns und vertritt uns bei Gott.<\/p>\n<p>Wird in der Bibel jemand &#8222;Gottes Sohn&#8220; genannt, ist das symbolisch, nicht biologisch gemeint. Vom Ja Gottes zu einem Menschen ist die Rede. &#8222;Dieser ist Gottes Sohn&#8220;, Jesus, hei\u00dft: Gott ist da in diesem Menschen. Nun darf auch das verletzte und das verschmutzte, das besch\u00e4mte und das besch\u00e4digte, das hinf\u00e4llige und das f\u00fcr Schuld so anf\u00e4llige Leben Gottes Namen tragen. Gott \u00fcbereignet seinen Namen diesem Menschen &#8211; und dieser Mensch verleiht seinen Namen anderen Menschen. Das geschieht in der Taufe, mit der Saulus getauft wurde &#8211; und mit der wir getauft sind. Jenseits unserer Taten, mit denen wir, wenn es gut geht, unsere Freiheit und W\u00fcrde zwar bew\u00e4hren, aber doch nicht begr\u00fcnden k\u00f6nnen, nehmen wir Teil an Gottes Dasein. So f\u00fchren wir unser Leben nicht nur auf eigenen Namen und eigene Rechnung.<\/p>\n<p>Wird damit Gott noch gr\u00f6\u00dfer und der Mensch noch kleiner gemacht? H\u00f6ren Sie einmal, was da mit Saulus geschieht anl\u00e4\u00dflich seiner Taufe: &#8222;und er stand auf &#8230; und nahm Speise zu sich und st\u00e4rkte sich.&#8220; Da kommt also jemand wieder auf die Beine, i\u00dft und st\u00e4rkt sich &#8211; seine Lebenskr\u00e4fte wachsen wieder, und er nimmt Lebenss\u00e4fte zu sich. Da flie\u00dfen wieder Lebensenergien! Es ist eine alte biblische Vorstellung: Wem der Name einer anderen Person oder Wesenheit \u00fcbertragen wird, der\/dem wird etwas von der Lebenskraft und Lebensmacht \u00fcbereignet, f\u00fcr die dieser Name steht.<\/p>\n<p>&#8222;Wir brauchen, um bestehen zu k\u00f6nnen, einen Vorrat unbezweifelbarer Namen.&#8220; (Elias Canetti) Wir brauchen sie, um uns in Zeiten der Lebensgefahr an Zeug\/inn\/en f\u00fcr den Frieden, das Recht und das Leben selbst zu orientieren. Wie schrecklich besudelt ist der Name von Menschen! Daran sind wir ja mitbeteiligt &#8211; zumindest lassen wir es zu, wie menschliche Macht, indem auf andere \u00dcbermacht ausge\u00fcbt wird, mi\u00dfbraucht und so entm\u00e4chtigt wird. Und wieviele von uns kommen sich ganz einfach ohnm\u00e4chtig vor!? So brauchen wir mit dem unbezweifelbaren Namen auch den Namen, durch den wir wieder erm\u00e4chtigt werden, von dessen Tr\u00e4ger uns dieses zuw\u00e4chst: Macht, die Ma\u00df h\u00e4lt, und Mut, f\u00fcr den Schutz des Lebens alles zu tun &#8211; in dem Wissen und Vertrauen, nicht das Letzte tun, nicht die Welt retten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nach Lukas hat Saulus in der gesamten Erz\u00e4hlung noch gar nicht den neuen Namen; erst viel sp\u00e4ter in der Apostelgeschichte &#8211; und dann fast beil\u00e4ufig &#8211; wird der Apostelname &gt;Paulus&lt; erw\u00e4hnt (Apg 13,9). Es geht also um den Namen eines anderen, gr\u00f6\u00dferen.<\/p>\n<p>Jesus Christus&lt; &#8211; gibt es einen Namen, der unbezweifelbarer w\u00e4re? In diesem Namen legt Gott selbst Zeugnis ab f\u00fcr den Menschen, Zeugnis bis zum Letzten. &gt;Jesus Christus&lt; &#8211; das ist der Name, in dessen Kraft uns wahrer Mut zum Sein zuw\u00e4chst. Der Name Jesu ist so unbezweifelbar, da\u00df ich ihm seinen Gott glauben will. Machen wir es also wie Saulus: Nennen wir in Freimut und Klarheit diesen Namen! Bezeugen wir Jesus als den Christus! Stellen wir die Machtfrage: Wof\u00fcr wollen wir leben &#8211; f\u00fcr einen Sinn und eine W\u00fcrde, die unter dem Zwang zur Effektivit\u00e4t in die Br\u00fcche gehen, oder f\u00fcr einen Sinn und eine W\u00fcrde, die sich orientieren an der unverbr\u00fcchlichen Humanit\u00e4t Gottes?<\/p>\n<p>Christus schenkt Euch den Freimut, seinen Namen \u00f6ffentlich auszusprechen.<\/p>\n<p>Berufen zum Segnen:<\/p>\n<p>&#8222;Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, da\u00df du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erf\u00fcllt werdest.&#8220;<\/p>\n<p>Von wievielen Lebenswenden spricht unsere Erz\u00e4hlung eigentlich? Auch Hananias erlebt eine Lebenswende: er wird beauftragt, sich um Saulus zu k\u00fcmmern. Darin entdecke ich etwas Hilfreiches: Du kannst schon Christ sein &#8211; und erf\u00e4hrst doch immer wieder eine Lebenswende. Es mu\u00df nicht das ganz gro\u00dfe Ereignis, das dramatische Damaskus-Erlebnis sein. Auch im Alltag des Christseins wird die Berufung immer wieder erneuert &#8211; wie Christus sich dir stetig zuwendet und wie du dich hinwendest zu anderen.<\/p>\n<p>Freilich, auch das ist eine Wende, zu der der Ansto\u00df von au\u00dfen kommen mu\u00df. Das Wort, das mir weiterhilft, sage ich mir nicht selbst, es kommt von au\u00dfen. Das ist das Wort Jesu &#8211; bei Hananias der Auftrag, zu Saulus zu gehen. Wirklich eine Kehrtwende! Hananias soll einen Christenfresser annehmen als Christenfreund und aufnehmem in die Gemeinde! Er soll jemanden segnen, der ihn bis dahin verflucht hat (Mt 5,44)! Dar\u00fcber mu\u00df Hananias, das ist doch v\u00f6llig klar, mit Jesus sprechen. Ja, wir k\u00f6nnen, wir m\u00fcssen mit Jesus sprechen. Uns wird oft Ungew\u00f6hnliches zugetraut und Ungem\u00fctliches zugemutet! H\u00f6ren wir aber auf die Stimme Christi, dann best\u00e4tigt sich, was die Stimmen von Christenmenschen sagen: Die Lasten, die Gott uns auferlegt, sind nicht gr\u00f6\u00dfer als die Kraft, die uns zum Tragen zuw\u00e4chst.<\/p>\n<p>So \u00fcberwindet Hananias seine verst\u00e4ndlichen Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, so l\u00e4\u00dft er sich gegen\u00fcber dem Feind schon einmal entfeinden, so spricht er, der Gejagte, den J\u00e4ger mit Bruder an. Im Namen Jesu tut er es &#8211; im Namen dessen, der diese Bruderschaft auf seine verborgene Weise schon gestiftet hat; wie es im Bild des Traums festgehalten ist. Im Licht Christi gewinnt Hananias eine andere Sicht, die sich nicht von alten Erfahrungen und \u00fcberholten Gewohnheiten her den Blick f\u00fcr die neue Wirklichkeit verstellen l\u00e4\u00dft. Der Name Jesu erm\u00e4chtigt ihn dazu, Saulus mit den Augen Jesu, als erw\u00e4hlten, als zu Christus geh\u00f6renden Menschen, als Menschen mit W\u00fcrde und Auftrag von Christus her, anzusehen und anzunehmen.<\/p>\n<p>Die Annahme kommt zuerst &#8211; noch vor dem Namen: Hananias legt Saulus die Hand auf. Christsein hat auch eine k\u00f6rperliche Seite. Wer mit Jesus zu tun bekommt, befindet sich in der N\u00e4he Gottes und in der N\u00e4he von Menschen. Beistand ist nicht nur eine Sache von Worten, zur Seelsorge geh\u00f6rt Leibsorge. Manchmal reicht eine Umarmung, eine Ber\u00fchrung, ein Wink- und oft genug bleibt nichts anderes \u00fcbrig. Ein Lob den Gesten und Geb\u00e4rden des Glaubens!<\/p>\n<p>In dem Film &gt;Jenseits der Stille&lt;, der von einer jungen Klarinettistin mit taubstummen Eltern handelt, hat mich eine Szene besonders ber\u00fchrt: Wie eine Gemeinde von Taubstummen &#8222;Lobe den Herren&#8230;&#8220; singt &#8211; ohne einen Ton, ohne ein Wort, einzig mit ihren Geb\u00e4rden! &#8211; Und was sollte ich machen mit der Frau, die einfach nicht beten konnte, die aber, weil sie eine leidenschaftliche Raucherin war, mich, einen Nichtraucher, inst\u00e4ndig darum bat, mit ihr eine Zigarette, die letzte vielleicht, zu rauchen?! Was sollte ich machen?! Da\u00df ich mit ihr &#8222;eine qualmte&#8220;, empfinde ich noch heute wie ein Gebet.<\/p>\n<p>Zwischen Hananias und Saulus jedenfalls spielt sich ab, was sich unter Menschen, zumal unter Christenmenschen, allermeist so abspielt: Ein Gotteskind \u00f6ffnet einem anderen Gotteskind die Augen!<\/p>\n<p>Ebenso ist die Stummheit der Gef\u00e4hrten des Saulus, die vor Damaskus mit dabei sind, zwar eine Stimme h\u00f6ren, aber das Licht nicht sehen, mehr als ein Ausdruck \u00e4ngstlicher Fassungslosigkeit, der den Eindruck des ganz Au\u00dfergew\u00f6hnlichen verst\u00e4rkt. Dieses Schweigen dient &#8211; wie bei Zacharias, als ihm die Geburt des Johannes angek\u00fcndigt wird &#8211; dazu, im Angesicht des Hereinbrechens des Unverf\u00fcgbar-Heiligen einem Menschen die Zeit zu lassen, in der Christus wirklich in ihm Platz nehmen und wachsen kann &#8211; kurzum: sein Geheimnis mit Gott und Gottes Geheimnis mit ihm zu achten.<\/p>\n<p>Christus nimmt Eure segnenden H\u00e4nde. Jesu N\u00e4he f\u00fchrt in menschliche N\u00e4he.<\/p>\n<p>Berufen in die Gemeinde:<\/p>\n<p>&#8222;Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.&#8220; &#8230; Sie nahmen |Saulus| aber bei der Hand und f\u00fchrten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und a\u00df nicht und trank nicht.<\/p>\n<p>Nun bin ich ganz bei Saulus, ohne Hananias schon ganz verlassen zu haben. Erst nur mittelbar gesagt, ist es doch schon unmittelbar klar: Saulus wird in die Gemeinde berufen. Das Christsein wird ausdr\u00fccklich in der Taufe. Dazu braucht es die Gemeinde &#8211; die vor Ort und die weltweite Christenheit. Denn mit der Taufe ist es wie mit dem Leben: Das Leben kann ich mir nicht selbst geben &#8211; ich kann mich auch nicht selbst taufen. Glauben kommt aus dem Gegen\u00fcber, dem Zuspruch, der Zueignung &#8211; eben des Namens und des Segens. Desgleichen &#8211; wir sehen es an Saulus &#8211; ist ein bergender und beherbergender Lebensraum n\u00f6tig zum Schlafen, zum Beten, zum Essen, zum Gesegnetwerden und zum neuen Sehen: die Gemeinde. Schlie\u00dflich ist keiner allein T\u00e4ter seiner Lebensgeschichte.<\/p>\n<p>Auf die Gemeinde kommt es an! Aber wie!? Es darf keine Gemeinde sein, die sich in sich einhaust. Die Wende, die an Hananias, dem Vertreter der Gemeinde in Damaskus, sich vollzieht, ist auch diese: Christus begegnet Menschen, wo und wann er will. Die Macht seines Namens, die Reichweite des Gottesgeistes ist umgreifender als die Reichweite der Gemeinde und der Kirche. Wandlungen und Verwandlungen des Christus spielen sich an ganz ungew\u00f6hnlichen Orten und bei ganz sonderbaren Menschen ab. So h\u00f6re ich ineins mit dem Berufensein in die Gemeinde das Berufensein der Gemeinde:<\/p>\n<p>Seid wach, aufmerksam und aufgeschlossen &#8211; bereit, auch Christusfremde nicht nur zu achten, sondern ihnen Raum zu gew\u00e4hren, sie am Schatz des Glaubens teilhaben zu lassen. Die Fragenden und Suchenden um uns herum sind angewiesen auf den Schatz und den Schutz derer, die vor ihnen gefragt und gesucht haben nach einem unverbrauchten Gott, nach einem unverf\u00e4lschten Lebenssinn, nach einem segnenden und schonenden Umgang mit dem Leben, nach einer heilenden Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Aus der &gt;Stadt ohne Gott&lt;, von der vor Jahren einmal die Rede war, ist inzwischen die &gt;Stadt der vielen G\u00f6tter&lt; geworden. Heute gibt es wieder eine &#8211; wenn auch oft verquere und ver-POP-te &#8211; Sehnsucht nach &gt;heiligen St\u00e4tten&lt;, in denen bergende und zugleich aufschlie\u00dfende Erfahrungen gemacht werden k\u00f6nnen. Die Trommeln Gottes t\u00f6nen weiter. An uns ist es, manche Schwundgef\u00fchle beiseite zu lassen und einladend zu sein f\u00fcr Anderes, Fremdes, Neues &#8211; da kann sich in guter Weise Schwindelerregendes abspielen, wenn Menschen den Glauben neu oder wiederentdecken. Glaube will heute wieder ausprobiert werden! Dazu &#8211; eben dazu &#8211; brauchen wir offene Kirchen als Halte-, Erlebnis- und St\u00fctzpunkte. In unserer Erz\u00e4hlung, gleich zu Beginn, werden die Christinnen und Christen bezeichnet als Anh\u00e4nger des neuen Weges!<\/p>\n<p>Nehmt das Licht Christi auch dort wahr, wo ihr nur Blindheit vermutet! La\u00dft Euch ein auf neue Wege!<\/p>\n<p>Berufen zu Christus:<\/p>\n<p>Als |Saulus| aber auf dem Wege war und in die N\u00e4he von Damaskus kam, umleuchtete ihn pl\u00f6tzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und h\u00f6rte eine Stimme, die sprach zu ihm: &#8222;Saul, Saul, was verfolgst du mich?&#8220; Er aber sprach: &#8222;Herr, wer bist du?&#8220; Der sprach: &#8222;Ich bin Jesus&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df &#8211; heute &#8211; der Anfang. Wie in Jerusalem wollte Saulus auch in Damaskus die Christinnen und Christen der Macht Christi mit Gewalt entziehen. Doch da wird er &#8211; in \u00fcberw\u00e4ltigender Weise &#8211; in die Machtsph\u00e4re Christi hineingezogen. Der sein Leben lie\u00df an einem unwirtlichen Ort, drau\u00dfen vor dem Tor, auf der Sch\u00e4delst\u00e4tte Golgatha, begegnet seinem Verfolger mit seiner ganzen Macht und seinem ganzen Erbarmen an einem ebenso unwirtlichen Ort, wieder drau\u00dfen vor dem Tor, in der W\u00fcste. Die Jagd des Saulus auf Christus war im Grunde eine Flucht vor Gott. Wie bei Jona. Jona und Saulus &#8211; auf der Flucht vor Gott werden sie von Gott eingeholt. Ja, Gott liebt das aufgew\u00fchlte Meer und die ausged\u00f6rrten W\u00fcsten. Gerade an solchen unfeierlichen Orten sucht Gott Menschen &#8211; und findet sie.<\/p>\n<p>Jetzt will ich nicht spekulieren, was da wirklich geschah. Es ist kein Vorgang, der psychologisch zu erkl\u00e4ren w\u00e4re. Es ist ein spirituelles, geistliches Geschehen. Das Licht vom Himmel, in das Saulus da getaucht wird, das ihn zu Boden wirft, ihn blendet und erst einmal erblinden l\u00e4\u00dft, dieser g\u00f6ttliche Glanz steht f\u00fcr beides: f\u00fcr die machtvollen Eingriffe, mit denen Gott sich in manchem Leben querstellt, und gleicherma\u00dfen f\u00fcr die erbarmende Liebe Gottes, die Menschen im Antlitz Christi wahrnehmen. Saulus selbst hat &#8211; als Paulus &#8211; seine Lebenswende in seinen Schriften mit folgendem Tenor beschrieben: &gt;Ich bin mit Christus gestorben und mit Christus auferstanden, jetzt lebt Christus in mir, und ich lebe durch Christus.&lt; F\u00fcr Saulus\/Paulus war es das Wunder neuen Lebens, ein &gt;Neues Sein&lt; (Paul Tillich), eine neue Sch\u00f6pfung &#8211; in dem sich das Wunder des Lebens \u00fcberhaupt, die Sch\u00f6pfung gleichsam f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich wiederholt. Jedenfalls ist Glaube ein Widerfahrnis.<\/p>\n<p>Martin Luther hat Paulus richtig verstanden, wenn er den Glauben als fremdes Werk beschreibt &#8211; als Werk, das Christus in einem Menschen beginnt und vollendet. Und dieses ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine wiederkehrende Erneuerung des Lebens in der Kraft des Glaubens &#8211; \u00fcber meinen Lebenstag hinaus. In solchem Glauben werden Menschen wachsam f\u00fcr das, was durch Handeln unerreichbar ist, und empf\u00e4nglich f\u00fcr das, worauf es am Ende ankommt: auf die Liebe und das Erbarmen.<\/p>\n<p>So ist Saulus berufen zu Christus &#8211; durch Christus selbst. Das geschieht in einer Begegnung, in der die Stimme von weither sich als Mensch zu erkennen gibt: &#8222;Ich bin Jesus&#8230;&#8220;. Glauben hei\u00dft: eine pers\u00f6nliche Beziehung zu Jesus Christus haben.<\/p>\n<p>Jetzt, liebe Gemeinde, will ich noch einmal pers\u00f6nlich sagen, was sich mir an dieser Lebenswende des Saulus\/Paulus erschlossen hat:<\/p>\n<p>An jedem Ort, auch dort, wo von Christus nichts zu sehen und zu h\u00f6ren ist, kann er sich ein- und dazwischenstellen. Ja, je st\u00e4rker Saulus gegen Christus anrennt, ank\u00e4mpft &#8211; um so st\u00e4rker wird er von Christus angesteckt; er holt sich einen Christus-Infekt. So ist Christus, selbst wenn ich mit ihm fertig bin, mit mir nicht am Ende. Gerade in der Gottesferne ist mir Christus nahe. Selbst im tiefsten Zweifel, noch in der scharfen Anfrage und Anklage bleibt Gott in Christus an mir dran. Die Rechtfertigung des Zweiflers, die Rechtfertigung des Gottlosen! Jesus Christus sorgt f\u00fcr meinen Glauben.<\/p>\n<p>Der neue Weg ist das Leben in der Kraft des Glaubens, den Christus immer wieder erneuert. Glaube ist da, wenn du Jesus Christus begegnest. Und Gott wird f\u00fcr dich dort wahr, wohin Jesus Christus dich ruft.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes,<\/p>\n<p>der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft,<\/p>\n<p>bewahre eure Herzen und Sinne<\/p>\n<p>in Christus Jesus, unserm Herrn.<\/p>\n<p>Amen.&lt;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hans Joachim Schliep<\/p>\n<p>Amt f\u00fcr Gemeindedienst der<\/p>\n<p>Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n<p>Archivstr. 3 &#8211; 30169 Hannover<\/p>\n<p>Tel. 0511-1241 415\/416<\/p>\n<p>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Es gilt das gesprochene Wort!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. S. nach Trinitatis | 30.8.1998 | Apg 9,1-20 | Hans Joachim Schliep | Predigt am 30.08.1998 in der Ev.-luth. Neust\u00e4dter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover Predigttext Saulus schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die J\u00fcnger des Herrn \/ und ging zum Hohenpriester \/ und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15161,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[40,499,727,157,853,114,1271,144,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21295","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-apostelgeschichte","category-12-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hans-joachim-schliep","category-kapitel-9-chapter-9","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21295","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21295"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21296,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21295\/revisions\/21296"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21295"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21295"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21295"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21295"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}