{"id":21297,"date":"1998-09-14T17:37:20","date_gmt":"1998-09-14T15:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21297"},"modified":"2025-03-14T17:44:42","modified_gmt":"2025-03-14T16:44:42","slug":"1-johannes-47-12-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-47-12-6\/","title":{"rendered":"1 Johannes 4,7-12"},"content":{"rendered":"<h3>13. S. nach Trinitatis | 6.9.1998 | 1 Joh 4,7-12 | Reinhard Weber |<\/h3>\n<p>&#8222;Ihr Lieben, la\u00dft uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, da\u00df Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, da\u00df wir Gott geliebt haben, sondern da\u00df er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Vers\u00f6hnung f\u00fcr unsre S\u00fcnden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der f\u00fcr diesen Sonntag vorgesehene Text verlangt vom Prediger, da\u00df er \u00fcber die Liebe rede. Das scheint in Zeiten, in denen das Leben nur mehr wenig von einem Dasein, daf\u00fcr aber um so mehr von einem Gesch\u00e4ft an sich hat, wie schon Jakob Burckhardt vor gut 100 Jahren geahnt hat, ein ebenso unsinniges Unterfangen wie die Forderung, die gleich im ersten Satz dieses Textes erhoben wird: La\u00dft uns einander lieben! Als ob man Liebe befehlen k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Jeder Mann, jede Frau, die sich gegen eine solche Anmutung str\u00e4ubt und mindestens insgeheim zur Wehr setzt, ist zu verstehen. Dahinter, hinter einer solchen Weigerung, steht das nat\u00fcrliche Empfinden: Liebe kann man nicht erzwingen, kann man nicht fordern. Wie w\u00e4re sie sonst das, was sie ihrem Wesen nach ist, n\u00e4mlich ein freies Geschenk &#8211; und eben doch nur als solches von ihrer einmalig begl\u00fcckenden Qualit\u00e4t?! Man w\u00fcrde ihr wohl doch nichts weniger als alles nehmen, wollte man auch sie noch in die Kategorie des &#8222;M\u00fcssens&#8220;, in der wir eh den meisten Teil unseres Erdenwandels verbringen, einordnen.<\/p>\n<p>Also ein erstes &#8222;Nein, so nicht&#8220;!<\/p>\n<p>Jedoch, unser Text l\u00e4\u00dft uns so nicht gehen. Er hat ja eine Fortsetzung: Er begr\u00fcndet die Aufforderung mit einem &#8222;denn&#8220;, &#8222;Denn die Liebe ist von Gott&#8220;. Also keine falsche Assoziation! Es geht hier demnach nicht um einen menschlichen Gef\u00fchlsaufschwung, es geht nicht um emotionale<\/p>\n<p>Enthusiasmiertheit, es geht nicht die leidenschaftlichen Besessenheiten von neuneinhalb Wochen, es geht nicht um die Nachtseiten des mann-weiblichen Trieblebens, es geht nicht um die sublimen Regungen erster Verliebtheit, es geht nicht um das, was wir uns so gew\u00f6hnlich unter Liebe vorstellen, es geht \u00fcberhaupt nicht um uns in unseren menschlichen M\u00f6glichkeiten und Befindlichkeiten, W\u00fcnschen und Sehns\u00fcchten, H\u00f6hen und Tiefen, Abgr\u00fcndigkeiten und Erhobenheiten. Es geht &#8211; jedenfalls zun\u00e4chst &#8211; nicht einmal um die Liebe zu Gott, um die Erhebung des religi\u00f6sen Menschen, des Frommen, zum Unendlichen. Nein, von all dem ist keine Rede.<\/p>\n<p>Es geht vielmehr nur und schlechterdings um die Liebe, die von Gott kommt, die aus ihm herausgeht, die in ihm ihren Ursprung hat, die aus ihm herausstr\u00f6mt. Spontan, ungefordert. Von ihr ist die Rede. Und mit ihr hat es eine eigenartige Bewandtnis. Welche, das wird in den folgenden Versen 9 und 10 n\u00e4her erl\u00e4utert, die man zun\u00e4chst zu h\u00f6ren hat, bevor etwas \u00fcber unsere Liebe gesagt werden kann: &#8222;Darin ist die Liebe Gottes unter uns offenkundig geworden, da\u00df Gott seinen eigenen, einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollten. Darin besteht die Liebe, nicht da\u00df wir Gott geliebt h\u00e4tten, sondern da\u00df er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat, um uns von unseren S\u00fcnden frei zu machen&#8220; (\u00dcbersetzung: U. Wilckens).<\/p>\n<p>Die Liebe Gottes, von der hier geredet wird, ist also kein Gef\u00fchl, kein seliges Verschwimmen, kein diffuses, schwelgerisches Entz\u00fcndetsein, auch kein unaussagbares, unaussprechliches Einheitswesen, sondern ein geschichtlich-konkretes Ereignis. Man kann von ihr nun in der Tat erz\u00e4hlen, von ihr kann man wirklich reden: Und dann ist dieser Nazarener, dieser galil\u00e4ische Mann da und da gewesen und hat das und das getan, und dann ist das und das mit ihm passiert, und dann war es mit ihm aus und doch nicht aus.<\/p>\n<p>Wer von der Liebe Gottes sprechen will, der mu\u00df diese Geschichte erz\u00e4hlen. Gottes Liebe ist also ein Handeln und ein Erleiden, und vor allem wohl letzteres, denn wenn man sich diese Geschichte, an der sich Gott als der Liebende dargestellt und erwiesen, an der er seine Gottheit definiert hat, n\u00e4her anschaut, dann sieht man schnell, da\u00df sie t\u00f6dlich ist. Die Liebe ist t\u00f6dlich, unter den Bedingungen der S\u00fcnde und d.h. unter den Bedingungen des Menschen und seines gottfernen Daseins ist sie und wird sie t\u00f6dlich, weil sie in den Tod f\u00fchrt. Aus der Knechtschaft unter der S\u00fcnde kann man n\u00e4mlich nur durch den Tod frei werden. Das ist ja in diesen Versen vorausgesetzt, das mu\u00df man immer mith\u00f6ren, wenn hier von der Liebe geredet wird. Dieser Jesus, an dem Gott seine Liebe zu Welt und Mensch dargestellt hat, der endet &#8211; weltlich gesehen &#8211; im Tod, in einem ziemlich schrecklichen zumal. Also das ist gemeint, wenn hier von der Liebe die Rede ist, das ist alles andere als das, was man sich so gew\u00f6hnlich unter Liebe vorstellt. Gottes Liebe ist kein s\u00fc\u00dflich-weichliches Verflie\u00dfen. Sie ist vielmehr ein hartes, geschichtliches Geschick. Ihre Er\u00f6ffnung von Leben geht durch den stellvertretenden Tod hindurch. An dem geschichtlichen Schicksal Jesu kann man das anschauen, da steht es vor Augen, was es um die Liebe Gottes ist. Und erst, wenn man das so anschaut, dann kann man recht die anderen Verse unseres Predigttextes h\u00f6ren und verstehen, dann erst lassen sie sich in den Horizont einstellen, in dem sie das Wort sagen k\u00f6nnen, was sie sagen wollen: &#8222;Ihr Lieben, wenn Gott uns so sehr geliebt hat, dann sind auch wir es schuldig, einander zu lieben.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat, diese Liebe kann man befehlen, denn sie ist keine Forderung! Das klingt paradox, ist es aber nicht, denn es l\u00e4\u00dft sich erl\u00e4utern: da\u00df Gott sich den Menschen in Liebe zuwendet, hat der sich auf keine Weise und durch keine Tat verdient, denn Gott hat uns ja schon geliebt, als wir noch S\u00fcnder waren (R\u00f6m. 5,6.8.10), im Gegenteil, in seiner Tendenz zur Selbstrechtfertigung ist der Mensch immer schon dabei und damit befa\u00dft, sie abzuweisen und sich von ihr zu emanzipieren. Was da vor zweitausend Jahren in Pal\u00e4stina passiert ist, ist gegen die innere Tendenz des Menschendaseins geschehen. Wir lieben eben nicht so, auch nicht in den leidenschaftlichen Aufschw\u00fcngen, in den sog. gro\u00dfen Passionen, auch nicht in den freundschaftlichen Zuwendungen, auch nicht in den Ehen und Partnerschaften. Wir k\u00f6nnen das auch gar nicht. Wir sind eben nicht so. Wir m\u00fcssen uns selbst zum Zentrum haben. Darum kann man es auch nicht von uns fordern, so wie Gott zu lieben. Aber wo diese g\u00f6ttliche Liebe sich ereignet, da befreit sie den Menschen nicht nur von sich und seiner Selbstbezogenheit, seinem irdischen Wesen, sondern sie gew\u00e4hrt ihm ein Neues Sein. Und innerhalb des Raumes dieses neuen Seins kann man Liebe befehlen, denn hier hat der Befehl: &#8222;La\u00dft uns einander lieben&#8220; eine ganz neue und andere Qualit\u00e4t. Er fordert nicht mehr etwas von uns, was wir nicht k\u00f6nnen, sondern er\u00f6ffnet uns die M\u00f6glichkeit der Freiheit von uns selbst, mehr und anders zu sein als wir von uns her je immer schon sind. Diese befohlene Liebe verliert mit ihrem Befohlensein nicht ihre Eigenart als Geschenk, sondern im Befehl und dessen Befolgung wird sie als solches aktualisiert. Wir machen diese Liebe nicht, wir sch\u00f6pfen sie auch nicht aus unseren inneren M\u00f6glichkeiten, wir erzeugen sie nicht aus den Potenzen unserer Seele, nein, sie ist uns fremd, ein ganz fremdes Werk, reines Gegebensein, geschichtlich geschehenes Ereignis, dessen Wirksamkeit in der Welt wir nur fortsetzen, dessen Spur wir nur nachfolgen. Und das kann man eben in der Tat befehlen! Raum geben dem, was schon da ist, weil es sich ereignet hat, ihm im eigenen Leben zur Wirkung verhelfen; nein, schon das ist zuviel gesagt, besser hei\u00dft es: Es an sich sich auswirken lassen. Diese t\u00f6dliche g\u00f6ttliche Liebe sich zum Schicksal werden zu lassen &#8211; und so leben, das Leben finden, zum Leben kommen, zum wahren Leben, welches nicht mehr t\u00f6dlich enden mu\u00df. Das ist alles andere als eine sentimentale Schnulze, als ein gesch\u00e4ftst\u00fcchtig-banales &#8222;Piep, Piep, Piep&#8220;, das ist eine harte Schule, an der man ein Leben lang zu lernen und zu arbeiten hat. Wer so liebt, der stammt wirklich von Gott und wei\u00df, was es um ihn und seine Gottheit ist, der ist sein Werk, an dem Gott als diese Liebe zur Erscheinung kommt. Von sich selbst leer und Gottes voll sein, so hat es Hegel gesagt.<\/p>\n<p>&#8222;Niemand hat Gott je gesehen&#8220;! Aber an solcher Liebe wird er sichtbar und erkannt, das ist das Kriterium, was durch Jesus in die Geschichte getreten ist und aus ihr nicht mehr verschwinden kann, es sei denn, dieser Gott selbst verschw\u00e4nde aus seiner Welt. Dies jedoch wird so lange nicht der Fall sein, wie ein Christ Zeuge dieser Liebe ist. Auf diese Zeugenschaft kommt alles an! Sie ist uns aufgetragen, nicht weil wir so pr\u00e4chtige und liebesf\u00e4hige Kerle, so zauberhafte Frauenspersonen sind, sondern allein deshalb, weil wir &#8222;Gegenstand&#8220; der g\u00f6ttlichen Liebe sind. Das gen\u00fcgt, nein, das ist mehr als genug.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Priv.-Doz. Pfr. Dr. Reinhard Weber, Reichensachsen<\/p>\n<p>Blaue-Kuppe-Stra\u00dfe 37<\/p>\n<p>37287 Wehretal<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. S. nach Trinitatis | 6.9.1998 | 1 Joh 4,7-12 | Reinhard Weber | &#8222;Ihr Lieben, la\u00dft uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. 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