{"id":21325,"date":"2000-09-15T09:31:47","date_gmt":"2000-09-15T07:31:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21325"},"modified":"2025-04-16T21:08:51","modified_gmt":"2025-04-16T19:08:51","slug":"apostelgeschichte-3-1-10-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-3-1-10-6\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 3, 1-10"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"600\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\">\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv.php\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/b><\/span><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>12. Sonntag nach Trinitatis | 10. September 2000 | Apostelgeschichte 3,1-10 | <\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Udo Hahn |<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"LEFT\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>im Predigerseminar ist es \u00fcblich, da\u00df Vikarinnen und Vikare eine Predigt vortragen, die sie schon einmal gehalten haben. Dabei sollen der Dozent und die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer, die in diesem Fall die Gemeinde bilden, auf das Kommunikationsverhalten des angehenden Pfarrers oder der Pfarrerin achten. Die Checkliste, die hinterher abgearbeitet wird, enth\u00e4lt unter anderem Fragen wie diese: Wird die Predigt nur abgelesen oder frei vorgetragen. Gibt es Blickkontakt zu Einzelnen? Was kommt bei den H\u00f6renden an? Ist die Predigt authentisch, das hei\u00dft: Identifiziert sich der Bote mit der Botschaft?<\/p>\n<p>Eine Kollegin begab sich im Talar im Andachtsraum an das Stehpult, das als Kanzel diente. Sie las zun\u00e4chst den Predigttext vor: Apostelgeschichte 3,1-10, die Erz\u00e4hlung von der Heilung des Gel\u00e4hmten. Schon beim Lesen stockte sie mehrmals. Sie wirkte auffallend unkonzentriert, las ihre Predigt streckenweise vom Blatt vor, ohne in die Zuh\u00f6rerschaft zu blicken. Kaum einer konnte sich in die Predigt richtig hineinh\u00f6ren, wie die ersten Kommentare ergaben. Im Predigtnachgespr\u00e4ch brach meine Kollegin in Tr\u00e4nen aus. Wir \u00fcbrigen kuckten uns betreten an.<\/p>\n<p>Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Nicht unsere Kritik hatte sie zum Weinen gebracht, sondern die Verzweiflung \u00fcberkam sie, wie sie sagte, die sie schon in der Gemeinde sp\u00fcrte, in der sie diesen Text zum ersten Mal predigte. Denn im Gottesdienst sa\u00dfen einige Behinderte in ihren Rollst\u00fchlen. Meine Kollegin sagte, es habe ihr fast den Atem verschlagen, als sie mit ihrer Predigt begann und diese Menschen bewu\u00dft wahrnahm. Sie habe keine drei S\u00e4tze mehr herausgebracht und sei weinend aus der Kirche gelaufen. Nach einer kurzen Unterbrechung setzte ihr Mentor den Gottesdienst fort.<\/p>\n<p>Das Predigtnachgespr\u00e4ch machte auch mir Fragen bewu\u00dft, die ich bis dahin nicht im Blick hatte: Kann der christliche Glaube wirklich solche Wunder wirken? Was k\u00f6nnen sogenannte Heilungsgottesdienste bewirken? Warum k\u00f6nnen nicht alle Gel\u00e4hmten geheilt werden? Fragen, die man nicht einfach von der Tagesordnung absetzen kann. Vor allem: Wie kann eine vern\u00fcnftige Antwort aussehen? Soll man mit Ulrich Bach, selbst behindert, auf das Recht der Behinderten hinweisen, sich so, wie sie sind, als von Gott gewollt und geliebt anzusehen? Oder soll man nach dem vorhandenen Ma\u00df des Glaubens beim Kranken fragen und im Falle einer mi\u00dflungenen Heilung schlicht sagen, sein Glaube sei eben nicht stark genug gewesen? Oder bleibt am Ende nur der Trost, da\u00df das Heil zwar allen Menschen verhei\u00dfen ist, das Reich Gottes zwar schon jetzt angebrochen ist, aber sich noch nicht \u00fcberall durchgesetzt hat?<\/p>\n<p>Was sagt eigentlich der Text? Am Eingang des Tempels sitzt ein Behinderter. So ist er zur Welt gekommen. Als Bettler fristet er sein Dasein. Tagein, tagaus sieht er Menschen an sich vor\u00fcberziehen. Er blickt ihnen auf die F\u00fc\u00dfe, ab und an versucht er vielleicht auch mal in ihre Gesichter zu sehen. Aber das d\u00fcrfte f\u00fcr die ihn bei der ihm aufgezwungenen K\u00f6rperhaltung viel zu anstrengend gewesen sein. Im \u00fcbrigen w\u00e4ren die meisten seinem Blick wohl auch ausgewichen. Schnell ein paar M\u00fcnzen hinwerfen und seines Weges gehen. Manchmal hat der Bettler wohl auch Menschen angesprochen \u2013 wie Petrus und Johannes -, sie ausdr\u00fccklich um ein Almosen gegeben.<\/p>\n<p>Und jetzt geschieht das erste Bemerkenswerte: Petrus und Johannes entziehen sich die nicht der Bitte des Bettlers. Sie fordern ihn auf, sie anzusehen. Der Bettler reagiert. In ihm keimt die Hoffnung auf eine gro\u00dfe Spende auf. Statt dessen die Entt\u00e4uschung: Silber und Gold h\u00e4tten sie nicht, aber etwas anderes, Wertvolleres, viel Bedeutenderes, das sie ihm geben wollten. Und dann folgt die lapidare Aufforderung: \u201eIm Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!\u201c Petrus reichte dem Bettler seine Hand, half ihm beim Aufstehen. Und da stand er pl\u00f6tzlich. \u201eEr sprang auf\u201c, hei\u00dft es in der Apostelgeschichte, was die Dynamik des Geschehens unterstreicht. Er konnte stehen, gehen, umherlaufen, springen. Und er lobte Gott, dankte ihm f\u00fcr seine Heilung. Ein Wunder!<\/p>\n<p>Es lohnt sich, \u00fcber den Vers 10 hinaus weiterzulesen, denn Petrus gibt den staunenden Menschen, die diese Situation beobachtet hatten, eine Erkl\u00e4rung, was die Heilung des Gel\u00e4hmten bewirkte. Es waren nicht die Wunderh\u00e4nde des Petrus, sondern es ist sein Glaube an den Auferstandenen gewesen, der ihn zu dieser Tat bef\u00e4higte, den Behinderten gesund zu machen.<\/p>\n<p>Ein solches Wunder verlangt f\u00f6rmlich nach dem Glauben an den, in dessen Vollmacht es gewirkt wurde. \u201eAlles ist m\u00f6glich dem, der glaubt\u201c, hei\u00dft es im Markusevangelium (9,23). Aber Vorsicht! Es hei\u00dft nicht: Alles ist machbar. Glauben hei\u00dft, sich Gott anzuvertrauen \u2013 \u201edein Wille geschehe\u201c. Gott l\u00e4\u00dft sich nicht zwingen. Aber dem Glaubenden ist offensichtlich mehr m\u00f6glich, als man gemeinhin annehmen kann. Ein Erkl\u00e4rungsversuch \u2013 mehr nicht. Die Paradoxie bleibt. Die Wirklichkeit Gottes ist mit dem Intellekt allein nicht zu fassen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das konkret f\u00fcr mich? Ich sehe darin die Aufforderung, Gott mehr zuzutrauen als ich oft bereit bin. Es hei\u00dft f\u00fcr mich aber auch, aufmerksam zu sein f\u00fcr Situationen, in denen Gott mich brauchen will. Ums Heilwerden geht es nicht erst, wenn ich einem Behinderten gegen\u00fcberstehe.<\/p>\n<p>Ich sehe die Situation noch heute vor mir, als w\u00e4re es gerade geschehen: Mit einem Studienfreund ging ich nach der Vorlesung in die Stadt. Es war Mittagszeit, wir wollten noch in die Buchhandlung ein Buch abholen und dann in die Mensa zum Essen. Pl\u00f6tzlich steuerte mein Freund auf einen am Gehsteig sitzenden Bettler zu. Er ging vor ihm in die Knie und begann eine Unterhaltung mit ihm. Er fragte ihn, wo er her komme, wie es ihm gehe \u2013 ich stand etwas verlegen dabei. Schlie\u00dflich forderte er den Mann auf, mit uns zum n\u00e4chsten Imbi\u00dfstand zu gehen, er wollte ihn zu einer Mahlzeit einladen. Der Bettler packte seine Sachen zusammen, nahm seinen Hund. Am Imbi\u00dfstand kaute ich verlegen auf meiner Bratwurst herum. Ich beteiligte mich an der Unterhaltung nicht. Ich f\u00fchlte mich unwohl. \u201eIch bin gleich wieder da\u201c, sagte ich und steuerte auf den n\u00e4chstgelegen Supermarkt zu und kaufte ein paar Dosen Hundefutter. Mein Freund sp\u00fcrte, nachdem wir uns von dem Bettler verabschiedet hatten, da\u00df mein Unwohlsein noch immer anhielt. Er sagte mir, er mache dies \u00f6fter. Geld gebe er einem Bettler nicht, aber er lade ihn zu einer Imbi\u00dfbude ein.<\/p>\n<p>Auch eine Heilungsgeschichte, liebe Gemeinde. Sie ereignen sich dort, wo einer nicht mit Scheuklappen durchs Leben l\u00e4uft, sondern bewu\u00dft Blickkontakt aufnimmt. Der Angesehene f\u00fchlt sich angesehen, aufgewertet, im Mittelpunkt und nicht achtlos \u00fcbergangen. Und es sind die H\u00e4nde, auf die es hier ankommt. Das ist das zweite Bemerkenswerte dieser Erz\u00e4hlung. Sie greifen zu, schaffen Gemeinschaft. Dabei werden Kr\u00e4fte weitergegeben, die auch heilende Wirkung haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Oberkirchenrat Udo Hahn (Hannover)<br \/>\nSprecher der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und des Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK\/LWB).<br \/>\n<a href=\"mailto:VELKD@aol.com\">E-Mail: VELKD@aol.com<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-2\/noch%20zu%20bearbeiten\/000910-2.html#top\"><b>(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/b><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=000910-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 12. 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