{"id":21350,"date":"2000-10-15T09:46:46","date_gmt":"2000-10-15T07:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21350"},"modified":"2025-04-17T10:43:17","modified_gmt":"2025-04-17T08:43:17","slug":"apostelgeschichte-121-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-121-11-2\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 12,1-11"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">16. Sonntag nach Trinitatis | 8. Oktober 2000 | Apostelgeschichte 12,1-11 |<\/span><span style=\"font-family: Arial;\"> Christoph F\u00fchrer |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Zuerst kann es Petrus selbst kaum glauben: Er ist frei, wirklich frei.<br \/>\nEben war er noch Jerusalems bestverwahrter H\u00e4ftling.<br \/>\nEben hielten ihn noch schwere Ketten in dunkler Zelle.<br \/>\nSpezialbewachung und ein eisernes Tor liessen Fluchtgedanken<br \/>\ngar nicht erst aufkommen.<br \/>\nDas Ende schien nahe, das Martyrium nur noch eine Frage von Stunden.<br \/>\nDoch das Wunder geschieht.<br \/>\nDas Unwahrscheinliche, das, womit keiner rechnen durfte, wird Wirklichkeit.<br \/>\nDer Engel des Herrn f\u00fchrt den Gefangenen heraus.<br \/>\nDie m\u00f6rderische Absicht des Herodes scheitert an Gott.<br \/>\nGott will, dass sein Bote am Leben bleibt, ins Leben zur\u00fcckfindet.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich steht Petrus auf der Strasse, ohne Ketten und sehr verwundert.<br \/>\nEr wird nun weiter predigen und Gemeinde bauen.<\/p>\n<p><b>Die gute Nachricht von Jesus Christus wird sich weiter ausbreiten \u2013 trotz Verfolgung und Bedr\u00e4ngnis, \u00fcber alle Hindernisse hinweg.<\/b><\/p>\n<p>Dies ist es wohl, was die Christen der ersten Generationen aus der Geschichte von der wunderbaren Befreiung des Petrus herausgeh\u00f6rt, herausgelesen haben.<br \/>\nDies ist es, was Christen <b>auch heute<\/b> angesichts b\u00f6swilliger Behinderung und akuter Gef\u00e4hrdung tr\u00f6sten, ermutigen kann.<\/p>\n<p><b>Wir<\/b> befinden uns freilich <b>nicht <\/b>in einer so prek\u00e4ren Lage.<br \/>\nWir leben in einem Land, in dem es durchaus nicht gef\u00e4hrlich ist, Christ zu sein.<\/p>\n<p>Wir brauchen nicht damit zu rechnen, um unseres Glaubens willen hinter Gitter zu kommen. Christliche Kirchen sind noch immer (in der ehemaligen DDR: wieder) privilegierte Institutionen, werden noch immer staatlich gef\u00f6rdert. Wir d\u00fcrfen mehr als wir k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sollten wir die Geschichte von der Befreiung des Petrus deshalb lieber beiseite legen?<br \/>\nSollten wir sie den afrikanischen und asiatischen Mitchristen \u00fcberlassen, die in militant andersgl\u00e4ubiger Umgebung leben, glauben, hoffen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Ich meine, dies w\u00e4re voreilig.<br \/>\nObwohl ich unter anderen Bedingungen als Petrus und die Jerusalemer Urgemeinde lebe, obwohl ich als praktizierender Christ nichts auszustehen habe, ber\u00fchrt mich die Geschichte von Petrus und dem Engel.<\/p>\n<p>Mich ber\u00fchrt ihre <b>Botschaft<\/b>:<br \/>\n<b>Gott f\u00fchrt aus dem Gef\u00e4ngnis.<br \/>\nGott befreit. <\/b><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich hineinziehen lassen in die <b>Dynamik<\/b> der Erz\u00e4hlung.<br \/>\nUnd ich w\u00fcnsche mir, dass m\u00f6glichst viele mitgenommen werden von ihrer <b>\u00f6sterlichen Bewegung<\/b>:<b><\/b><br \/>\nDer Bewegung von der Gebundenheit zur Freiheit.<br \/>\nVon der Starre zur Lebendigkeit.<br \/>\nVon der Isolation in die Gemeinschaft.<br \/>\nVon resignierter Ergebenheit in scheinbar unab\u00e4nderliches Schicksal zu hoffnungsvoller und zukunftsfroher Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch ohne Hafterfahrung im w\u00f6rtlichen Sinn weiss ich sehr wohl, was ein \u201eGef\u00e4ngnis\u201c ist und was es bedeutet, \u201egefangen\u201c zu sein.<br \/>\nIch weiss es von Menschen, mit denen mich der Alltag zusammenf\u00fchrt.<br \/>\nUnd ich weiss es von mir selbst.<br \/>\nDie Mauern sind nicht aus Stein, Ketten und T\u00fcren sind nicht aus Eisen und nirgendwo stehen bewaffnete Posten.<br \/>\nTrotzdem sind die \u201eGef\u00e4ngnisse\u201c, die ich meine, genauso wirklich wie das, in dem Petrus lag.<\/p>\n<p>Ich erlebe Menschen, mit denen echtes Gespr\u00e4ch kaum m\u00f6glich ist.<br \/>\nNicht, weil sie alt, m\u00fcde oder ernsthaft krank w\u00e4ren \u2013 ihre <b>Fixierung auf die eigene Person<\/b>, die eigenen Bed\u00fcrfnisse, Pl\u00e4ne und Beschwerden behindert, ja verhindert f\u00f6rderlichen Austausch.<br \/>\nSie sind gefangen in sich selbst.<br \/>\nIch kenne <b>\u00c4ngste<\/b>, die mich so \u201ebesetzen\u201c, dass ruhiges, vern\u00fcnftiges Nachdenken und angemessenes Handeln nicht mehr m\u00f6glich sind.<br \/>\n\u00c4ngste, die Gedanken und Entschl\u00fcsse in eine falsche, verderbliche Richtung lenken.<br \/>\n\u00c4ngste, die in die Enge f\u00fchren, die l\u00e4hmen, die buchst\u00e4blich \u201eums Leben bringen\u201c.<\/p>\n<p>Ich begegne krankmachender <b>Abh\u00e4ngigkeit <\/b>\u2013 von Menschen, von Tabletten, von lebensfremden Prinzipien.<br \/>\nIch erfahre, was es bedeutet, von k\u00fcnstlich geweckten, raffiniert gesteuerten <b>Bed\u00fcrfnissen <\/b>getrieben zu werden.<br \/>\nIch werde damit konfrontiert, wie psychische <b>Krankheit<\/b> Menschen in einem \u201edunklen Loch\u201c festh\u00e4lt und lebensnotwendige Kontakte unterbricht.<\/p>\n<p>Wie das Gef\u00e4ngnis auch heissen mag:<br \/>\nEs engt ein, es beschr\u00e4nkt, es legt fest.<br \/>\nUnd allen Gefangenen geht es \u00e4hnlich:<br \/>\nIhr Leben wird behindert, kann sich nicht recht entfalten, verk\u00fcmmert.<br \/>\nGefangenschaft stiehlt Leben.<\/p>\n<p><b>Jedes<\/b> Gef\u00e4ngnis ist schlimm.<br \/>\nHier darf nichts bagatellisiert, verharmlost, klein- oder fortgeredet werden.<br \/>\nHier hilft kein kerniger Spruch.<br \/>\nHier hilft auch keine freundliche Ermahnung.<br \/>\nDer Gefangene <b>kann <\/b>sich ja nicht aus eigener Kraft befreien.<br \/>\nEr kann das, was ihn gefangen h\u00e4lt, nicht ohne weiteres hinter sich lassen.<\/p>\n<p>Was also ist zu tun?<\/p>\n<p>Ich kann <b>\u201eden Gefangenen besuchen\u201c<\/b> und damit das tun, was Jesus selbst seinen J\u00fcngern nahelegt. (Matth\u00e4us 25, 36)<br \/>\nIch kann mich auf meinen in \u00c4ngsten, Abh\u00e4ngigkeiten, Zw\u00e4ngen oder sonstwie gefangenen Mitmenschen einstellen und wahrnehmen, wie es um ihn steht.<br \/>\nIch kann versuchen, bei ihm auszuhalten und mitzuleiden.<br \/>\nUnd ich kann behutsam daran gehen, <b>seine Hoffnung zu wecken oder zu st\u00e4rken<\/b>.<br \/>\nDabei werde ich der Versuchung widerstehen, den Mund zu voll zu nehmen und zu versprechen, was nicht in meiner Macht steht.<br \/>\n<b>Gott <\/b>f\u00fchrt aus dem Gef\u00e4ngnis.<br \/>\n<b>Gott<\/b> befreit.<br \/>\n<b>Was Petrus und ungez\u00e4hlte andere erfahren haben, kann heute ebenso geschehen, ebenso wirklich und ebenso konkret.<br \/>\nDas ist der Grund jeder Hoffnung.<\/b><\/p>\n<p>Vielleicht setzt Gott mich als Boten ein, als Engel, der den Anstoss gibt f\u00fcr den Aufbruch in die Freiheit.<br \/>\nIch weiss nicht und muss auch nicht wissen, ob es sich tats\u00e4chlich so verh\u00e4lt.<br \/>\nIch sollte nur bereit sein.<br \/>\nDie Initiative liegt bei Gott.<\/p>\n<p>Und was, wenn ich selbst gefangen bin?<\/p>\n<p>Dann darf ich mir vor Augen halten:<br \/>\nEs gibt einen Weg ins Freie.<br \/>\nEs gibt einen Helfer.<br \/>\nEr ist st\u00e4rker als das, was mich bindet.<br \/>\nSt\u00e4rker als meine Angst.<br \/>\nSt\u00e4rker als meine Zw\u00e4nge.<br \/>\nSt\u00e4rker als meine Krankheit.<\/p>\n<p>Gott kann auch mir einen Engel senden.<br \/>\nWie irdisch oder unirdisch der \u201edienstbare Geist\u201c erscheint \u2013 auf sein Gewand kommt es nicht an.<\/p>\n<p>Vielleicht sieht der Ausgang anders aus, als ich ihn mir vorstelle.<br \/>\nMeine Phantasie, mein Blick ist begrenzt \u2013<br \/>\n<b>Gottes <\/b>Phantasie und <b>Gottes<\/b> Blick ist es nicht.<br \/>\nEr \u201eweiss viel tausend Weisen, zu retten aus der Not\u201c.<\/p>\n<p>Ich darf mir diese guten Worte immer wieder sagen.<br \/>\nSo lange, bis sie in mir wohlt\u00e4tig zu wirken beginnen.<br \/>\nMartin Luther gebraucht in diesem Zusammenhang ein drastisches Bild:<br \/>\nEr spricht vom \u201eWiederk\u00e4uen\u201c des g\u00f6ttlichen Wortes.<\/p>\n<p>Es kann allerdings sein, dass ich gar nicht f\u00e4hig bin, solche Gedanken zu bewegen.<br \/>\nDass nachhaltige innere Aktivit\u00e4t mehr Kraft kostet, als ich in meiner Lage aufbringen kann.<br \/>\nSp\u00e4testens jetzt darf ich vertrauensw\u00fcrdigen Menschen signalisieren:<br \/>\n<b>Betet f\u00fcr mich.<\/b><\/p>\n<p><b>F\u00fcrbitte<\/b> ist \u00fcbrigens immer sinnvoll \u2013 auch gegen eigene Zweifel.<br \/>\nF\u00fcr sie ist es nie zu sp\u00e4t und nie zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re die Geschichte von der wunderbaren Befreiung des Apostels Petrus als <b>Einladung<\/b>.<br \/>\nAls Einladung zum Vertrauen und zur Hoffnung.<br \/>\nAls Einladung zu <b>befreienden Erfahrungen<\/b> mit dem Gott des Lebens \u2013 mit dem Gott, der uns das Leben g\u00f6nnt, das \u201eLeben in F\u00fclle\u201c.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Christoph F\u00fchrer<br \/>\nGlockengasse 18<br \/>\nCH \u2013 8001 Z \u00dc R I C H<br \/>\n<a href=\"mailto:chfuehrer@dplanet.ch\">E-Mail: chfuehrer@dplanet.ch<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. 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