{"id":21356,"date":"2000-10-15T09:51:12","date_gmt":"2000-10-15T07:51:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21356"},"modified":"2025-04-17T09:26:28","modified_gmt":"2025-04-17T07:26:28","slug":"jakobus-21-13-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-21-13-4\/","title":{"rendered":"Jakobus 2,1-13"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0;\">18. Sonntag nach Trinitatis | 22. Oktober 2000 | <\/span>Jakobus 2,1-13 |<\/span><span style=\"font-family: Arial;\"> Paul Kluge |<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Liebe Gemeinde!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Sie hatten eine l\u00e4ngere Dienstreise hinter sich. Gemeinsam mit einer kleinen Kommission hatte Jakobus die Gemeinden in der Diaspora visitiert. Kleine Gemeinden waren es zumeist, die in andersgl\u00e4ubiger, in \u00fcberwiegend heidnischer Umgebung lebten. Auf dem ersten Teil der R\u00fcckreise hatten die Mitglieder der Visitationskommission nur wenig geredet, teils auch geschlafen. Ein Dutzend Gemeinden hintereinander zu visitieren, war anstrengend: Berichte entgegennehmen, B\u00fccher \u00fcberpr\u00fcfen, und immer wieder an Presbyteriumssitzungen und an Gottesdiensten teilnehmen. Im Kopf des Jakobus rotierten Gedanken und Erinnerungen: Ein- oder zweimal w\u00e4hrend der Visitationsreise h\u00e4tte er am liebsten den Gottesdienstraum unter lautem Protest verlassen: Kl\u00e4glicher Gesang, und die Prediger konnten weder sprechen noch reden noch hatten sie etwas zu sagen. Kein Wunder, da\u00df diese Gemeinden schrumpften. Dann hatte er Gottesdienste erlebt, die unter die Kategorie \u201egut gemeint\u201c fielen: Man hatte sich angestrengt, aus Anla\u00df der Visitation etwas besonderes auf die Beine zu stellen &#8211; doch f\u00fcr ihn war es anstrengend gewesen, gutwillig zu bleiben. Einige hatte er auch erlebt, die eine Liturgie mit allem drum und dran zelebrierten; eine Diakoniekasse aber hatten sie nicht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Doch es gab auch Erfreuliches: Gemeinden, die fest in ihrem Glauben standen, ein klares, unverwechselbares Profil hatten; Gemeinden, in denen nicht nur Prediger und \u00c4lteste, sondern auch Gemeindeglieder aktiv missionierten und neue Mitglieder warben, Gemeinden, die wuchsen und zunehmend an Einflu\u00df und Ansehen in ihrem Ort gewannen. Das kam schon dadurch, da\u00df man auf sie aufmerksam wurde, da\u00df sie bekannt waren und man deshalb auch mit ihnen rechnete. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Das alles w\u00fcrde Jakobus in seinem Visitationsbescheid erw\u00e4hnen m\u00fcssen, und er wollte einen f\u00fcr alle schreiben, wollte die Gemeinden auf einander hinweisen, damit sie voneinander lernten. Insgeheim hoffte er, da\u00df sie in einen gesunden Wettlauf gerieten um sch\u00f6ne Gottesdienste, um gute Prediger und \u00c4lteste, vor allem aber um neue Mitglieder. Denn die waren aus mindestens zwei Gr\u00fcnden n\u00f6tig: Einmal aus dem ganz praktischen Grund des Weiterbestehens und des Spendenaufkommens. Dann aber auch und vor allem, weil die Botschaft von Gottes Liebe und der Erl\u00f6sung durch Jesus Christus allen Menschen gleich gilt. Darum sollten, ja, mu\u00dften doch alle Menschen davon erfahren. Und die Gemeinden sollten, sie mu\u00dften der Ort sein, wo die Menschen diese Liebe Gottes erleben k\u00f6nnen sollten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Leider war das nicht \u00fcberall der Fall. Manche Gemeinde hatte sich abgekapselt und f\u00fchrte ein stilles Leben im Verborgenen. Man war sich selbst genug, kannte und mochte sich, freute sich, dazuzugeh\u00f6ren &#8211; und das war\u2019s. Kein Gedanke an die Zukunft der Gemeinde, der Kirche. In solchen Gemeinden h\u00e4tte Jakobus jeden einzeln sch\u00fctteln, wachr\u00fctteln m\u00f6gen, denn sie waren dabei, Gottes Angebot an alle Menschen zu einer Spezialit\u00e4t f\u00fcr einige wenige Auserw\u00e4hlte zu machen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Andere Gemeinden &#8211; auch sie geh\u00f6rten zu den wachsenden, aber sie entwickelten sich zu wilden Trieben &#8211; gingen gezielt auf bedeutende \u00f6rtliche Pers\u00f6nlichkeiten zu, umwarben und hofierten sie, r\u00e4umten ihnen Ehrenpl\u00e4tze ein und sonnten sich in ihrem Glanz. \u201eJede Gemeinde\u201c, dachte er, \u201esoll doch eine Sonne sein, durch die das Licht des Lebens in die Finsternis der Welt scheint. Und jeder einzelne Christ auch. Doch manche sind wie Monde, die nur das Licht anderer spiegeln und sich dann f\u00fcr gro\u00dfe Leuchten halten. Sie knicksen und dienern vor den Gr\u00f6\u00dfen der Welt &#8211; und merken gar nicht, wie l\u00e4cherlich und &#8211; vor allem &#8211; unglaubw\u00fcrdig sie dadurch wirken. Denen mu\u00df ich einen besonderen Abschnitt in meinem Bescheid widmen:\u201c Und wie es so seine Art war, fing Jakobus gleich an, in Gedanken zu formulieren:, was er dann sp\u00e4ter aufschrieb <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Arial;\">Jak 2, 1 &#8211; 13 <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Mit seinen Worten zufrieden, schlief er ein. Als er wieder wach wurde, regte sich gerade jemand auf: \u201eWenn vor Gott alle Menschen gleich sind, dann doch wohl auch untereinander!\u201c, und Jakobus, dem es peinlich war, da\u00df er geschlafen hatte, reagierte gleich: \u201eJa, ja, das meine ich auch.\u201c Der andere redete heftig gestikulierend weiter: \u201eManche Gemeinden entwickelten sich zu einer Zwei- oder auch Mehrklassengesellschaft. Aber anders als noch bei Paulus nicht aus Juden und Griechen, sondern aus Armen und Reichen, aus Gebildeten und Ungebildeten, aus Prominenten und Fu\u00dfvolk. Die einen sitzen im Gottesdienst auf besonderen Sesseln, die anderen hocken auf den Stufen. Aber es gibt kein oben und unten zwischen Christen. Gott allein ist \u2018oben\u2019, und folglich sind wir alle unten!\u201c Der Redner hatte so heftig gestikuliert, da\u00df es just in diesem Moment von seinem Platz auf den Boden rutschte. \u201eUnd du bist jetzt ganz unten!\u201c frotzelte jemand, und alle lachten. Dann halfen sie ihm wieder auf seinen Platz; kein leichtes Unterfangen bei seiner Leibesf\u00fclle. \u201eDas kann uns ein Beispiel sein,\u201c meinte Jakobus, \u201eein Beispiel daf\u00fcr, da\u00df wir alle auf die gleiche Ebene geh\u00f6ren. Denen, die gefallen sind, helfen wir auf, und die sich \u00fcber andere erheben, holen wir auf den Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcck.\u201c Ein Kommissionsmitglied, ein hochgebildeter und angesehener Lehrer, zudem Mitglied im Rat der Stadt, r\u00e4usperte sich vernehmlich. Dann fragte er: \u201eUnd was ist mit den Unterschieden, die nun einmal da sind? Es gibt Reichere und \u00c4rmere in den Gemeinden, Gebildetere und Ungebildetere; es gibt Menschen mit mehr und welche mit weniger Einflu\u00df. Soll man auf das, was manche an mehr haben, verzichten?\u201c Einen Augenblick lang war es recht still in der Runde, denn jeder dachte an das Geld der Reichen, das sie dringend ben\u00f6tigten, dachte an das Wissen der Gebildeten, das ihnen allen zu Gute kam, an die M\u00f6glichkeiten der Einflu\u00dfreichen, von denen sie alle profitierten. \u201eDiese Leute sind wichtig, und deshalb mu\u00df man sie pflegen,\u201c dachten sie. Wieder r\u00e4usperte sich der Lehrer vernehmlich, dann fragte er weiter: \u201eOder sollen die, die mehr haben, ihr Mehr f\u00fcr andere Menschen einsetzen, f\u00fcr die Gemeinde z. B., und auch f\u00fcr andere, die weniger haben? Soll nicht der, der zwei M\u00e4ntel hat, einen dem geben, der keinen hat, wie geschrieben steht? Ein Mantel gen\u00fcgt doch wohl.\u201c Dem stimmten alle sofort zu, obwohl sie alle mehr als einen Mantel besa\u00dfen. Aber im Prinzip war das richtig. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Einer in der Runde hatte bisher geschwiegen, wie er meistens in Diskussionen schwieg. Denn als Bauer f\u00fchlte er sich den anderen an Einflu\u00df, Bildung und Geld unterlegen. Doch nun fragte er, ob er auch mal was sagen d\u00fcrfte. Alle horchten auf, und das machte ihn verlegen. Nach einigem Gestammel sagte er schlie\u00dflich: \u201eWenn vor Gott alle Menschen gleich sind &#8211; das hei\u00dft doch wohl, da\u00df wir uns dann als gleichwertig achten sollen. Ob einer studiert hat oder nicht lesen und schreiben kann wie ich. Wir sollen unseren N\u00e4chsten lieben, darauf kommt es an. Wir sollen Gottes Gebot halten. Das ist sozusagen ein Gesetz mit zehn Paragraphen. Wer gegen einen Paragraphen verst\u00f6\u00dft, verst\u00f6\u00dft gegen das ganze Gesetz. So einfach ist das. Den N\u00e4chsten lieben, egal, wer der ist, das meint doch: ihn achten. Ob der nun aus der Gosse kommt oder im Stadtrat sitzt oder der Kaiser von China ist, das ist doch egal. Mein ich jedenfalls.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Die anderen waren erst einmal still, sie hatten dem nichts hinzuzuf\u00fcgen. Er hatte ja Recht, denn Geld und Bildung und Einflu\u00df sollten unter Christen keine Unterschiede herstellen. \u201eWer aber mehr hat,\u201c meldete Jakobus sich zu Wort, \u201eder soll es f\u00fcr die einsetzen, die weniger haben. Eben. damit es kein unterschiedliches Ansehen von Menschen gibt. Wer in der Welt Rang und Namen hat, kann im Gottesdienst gern in der letzten Reihe sitzen. Und der, den keiner kennt, darf ebenso gern ganz vorn sitzen. Wir brauchen keine Rangordnung.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">\u201eAber die, die mehr haben,\u201c rief der Bauer, \u201edamit die anderen was davon abkriegen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Amen<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Gebet<\/b>: Ach Gott, was sind die Menschen dumm: Eine goldene Uhr macht mehr Eindruck als ein goldenes Herz, ein feiner Zwirn weckt mehr Vertrauen als buntes Haar und ein Titel bringt mehr Einflu\u00df als Herzensg\u00fcte. Wer Wohlstand zeigt, so meinen sie, sei auch wohl anst\u00e4ndig. Und immer wieder fallen sie auf diese Verwechslung herein. Ach Gott, was sind wir Menschen dumm. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\">Dumm sein ist aber nicht schlimm, sondern dumm bleiben. So bitten wir dich um Augen, die sich nicht blenden lassen, um Ohren, die sich nicht schmeicheln lassen, um Verstand, der sich nicht beirren l\u00e4\u00dft: Wir bitten um Weisheit des Herzens, das in jedem Menschen den Menschen sieht: Vor dir ein S\u00fcnder und deiner Gnade bed\u00fcrftig, vor uns eine Schwester oder ein Bruder und unserer Zuwendung bed\u00fcrftig; das in jedem Menschen den Menschen sieht, der von Erde genommen ist und wieder zu Erde wird, und der doch dein Ebenbild ist, ob in Markenkleidung oder in Lumpen, ob hochintelligent oder strohdumm. Gott, mach uns Mut zu einem Leben, durch das wir andere f\u00fcr dich gewinnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Lieder<\/b>: Wohl denen, die da wandeln, EG 295; In Gottes Namen fang ich an (Wochenlied) EG 494; So jemand spricht, EG 412; Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, EG 413 <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Paul Kluge<br \/>\nProvinzialpfarrer im Diakonischen Werk in der Kirchenprovinz Sachsen<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">E-Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/b><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag nach Trinitatis | 22. Oktober 2000 | Jakobus 2,1-13 | Paul Kluge | Liebe Gemeinde! Sie hatten eine l\u00e4ngere Dienstreise hinter sich. Gemeinsam mit einer kleinen Kommission hatte Jakobus die Gemeinden in der Diaspora visitiert. Kleine Gemeinden waren es zumeist, die in andersgl\u00e4ubiger, in \u00fcberwiegend heidnischer Umgebung lebten. 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