{"id":21358,"date":"2000-10-15T09:52:16","date_gmt":"2000-10-15T07:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21358"},"modified":"2025-04-17T09:24:01","modified_gmt":"2025-04-17T07:24:01","slug":"jakobus-21-13-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-21-13-5\/","title":{"rendered":"Jakobus 2,1-13"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0;\">18. Sonntag nach Trinitatis | 22. Oktober 2000 |<\/span> Jakobus 2,1-13 |<\/span><span style=\"font-family: Arial;\"> Johannes Neukirch |<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Jakobus 2,1-13: &#8222;Haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann k\u00e4me mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es k\u00e4me aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung und ihr s\u00e4het auf den, der herrlich gekleidet ist, und spr\u00e4chet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und spr\u00e4chet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder Setze dich unten zu meinen F\u00fc\u00dfen!, ist&#8217;s recht, da\u00df ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit b\u00f6sen Gedanken? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">H\u00f6rt zu, meine lieben Br\u00fcder! Hat nicht Gott erw\u00e4hlt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch \u00fcben und euch vor Gericht ziehen? Verl\u00e4stern sie nicht den guten Namen, der \u00fcber euch genannt ist? Wenn ihr das k\u00f6nigliche Gesetz erf\u00fcllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst&#8220;, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr S\u00fcnde und werdet \u00fcberf\u00fchrt vom Gesetz als \u00dcbertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz h\u00e4lt und s\u00fcndigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2. Mose 20,13.14): &#8222;Du sollst nicht ehebrechen&#8220;, der hat auch gesagt: &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten.&#8220; Wenn du nun nicht die Ehe brichst, t\u00f6test aber, bist du ein \u00dcbertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht \u00fcber den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert \u00fcber das Gericht.&#8220; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Liebe Gemeinde, <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">eine Mahnung, eine moralische Standpauke, warum auch nicht. Der Jakobusbrief ist voll davon. In ihm geht es weniger um die Person Jesu, es ist \u00fcberhaupt nicht wie sonst von Tod und Auferstehung die Rede, daf\u00fcr um so mehr vom praktischen Verhalten der Christen. Jakobus geht es vor allen Dingen um das soziale Verhalten, er droht den Reichen und mahnt, barmherzig zu sein. Er mahnt nicht nur, er droht sogar mit dem Gericht: &#8222;Denn es wird ein unbarmherziges Gericht \u00fcber den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat.&#8220; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Na sch\u00f6n, mal abgesehen von dieser problematischen Drohung ist das ist ja nicht falsch und hat damals wie heute seinen berechtigten Platz. Das Beispiel, das Jakobus bringt, ist allerdings eher harmlos. Ein Reicher, erkennbar an seinem Schmuck und an seiner Kleidung, wird bei einer Versammlung an einen bevorzugten Platz gesetzt. Wenn wir heute die Ermahnung des Jakobus h\u00f6ren, denken wir wahrscheinlich an viel schlimmere Dinge. An Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder wegen ihrer Religion nicht nur benachteiligt, sondern geschlagen, getreten, umgebracht werden. Anderen Menschen \u201eohne Ansehen der Person\u201c zu begegnen ist nach wie vor eine sehr sehr wichtige Forderung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Gerade aber weil das Beispiel des Jakobus eher harmlos ist, sagt es viel aus. Bei den drastischen Beispielen, die ich eben genannt habe, k\u00f6nnen wir leicht sagen: Das machen wir ja nicht. Wir schlagen niemanden. Die Geschichte mit dem Reichen, der den besseren Platz bekommt, die spiegelt dagegen unseren Alltag wieder. Denn im Alltag achten wir selbstverst\u00e4ndlich darauf, mit wem wir es zu tun haben. Oder w\u00fcrden Sie in einem Gesch\u00e4ft einkaufen, in dem die Verk\u00e4ufer in Lumpen gekleidet sind? W\u00fcrden Sie einen armen Schlucker zum B\u00fcrgermeister w\u00e4hlen? W\u00e4ren Sie nicht irritiert, wenn der Pastor oder die Pastorin in &#8222;unsauberer Kleidung&#8220; vor Ihnen stehen w\u00fcrde? Es geht meistens gar nicht anders: Wir machen uns ein Bild von den Menschen, mit denen wir es zu tun haben. Und das wird von vielen Faktoren bestimmt &#8211; wie jemand aussieht, was er oder sie f\u00fcr Kleidung tr\u00e4gt, wie jemand redet etc. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Genau so gut kennen wir allerdings auch die Probleme, die mit dem &#8222;Ansehen der Person&#8220; aufgrund von Kleidung verbunden sind. Ein kleines Beispiel: Jugendliche bekommen es oft zu sp\u00fcren, wenn sie nicht mit den &#8222;richtigen&#8220; Klamotten in der Schule auftauchen, wenn die Turnschuhe vom Aldi und nicht von Nike sind. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Einen Bereich gibt es, in dem das &#8222;Ansehen der Person&#8220; ausdr\u00fccklich untersagt ist, obwohl es auch dort nicht ganz vermeidbar ist &#8211; und das ist vor Gericht. Vor vielen Gerichtsgeb\u00e4uden steht eine Statue der Justitia, das ist die altr\u00f6mische G\u00f6ttin des Rechts, die mit verbundenen Augen dargestellt wird. Das soll zeigen, dass das Recht ohne Ansehen der Person gesprochen wird. Und in dem Eid, den jeder Richter und jede Richterin schw\u00f6ren muss, hei\u00dft es: &#8222;Ich schw\u00f6re &#8230; nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen&#8230;&#8220; Da hat sich also die Mahnung des Jakobus, die \u00e4hnlich bei den Propheten des Alten Testaments zu finden ist, niedergeschlagen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">An diesem Eid unserer Justiz wird deutlich, dass der Grundsatz &#8222;Ohne Ansehen der Person&#8220; extrem wichtig ist. Wir m\u00fcssen uns nur vorstellen, was los w\u00e4re, wenn dieser Grundsatz nicht gelten w\u00fcrde! Dann w\u00fcrde derjenige Recht bekommen, der mehr bezahlen k\u00f6nnte oder der ein h\u00f6heres Ansehen oder mehr Macht h\u00e4tte. So etwas soll zwar hin und wieder auch vorkommen &#8211; das \u00e4ndert aber nichts an der Bedeutung dieses Satzes. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Die Situation vor Gericht ist nun aber eine Ausnahmesituation. Im Alltag spielt das Ansehen der Person, wie ich ja vorhin gesagt habe, trotzdem eine gro\u00dfe Rolle. So wie uns nun Jakobus ermahnt, sagt er aber: Als Christen seid ihr jeden Tag, rund um die Uhr, in einer Ausnahmesituation! &#8222;H\u00f6rt zu, meine lieben Br\u00fcder&#8220; &#8211; ich erg\u00e4nze: &#8222;und meine lieben Schwestern&#8220;, sagt Jakobus, &#8222;Hat nicht Gott erw\u00e4hlt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben?&#8220; Und er erinnert an das Gebot &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst&#8220;. Wenn wir das wirklich ernst nehmen, dass Gott die Armen erw\u00e4hlt hat, dass wir den N\u00e4chsten lieben sollen wie uns selbst, dann k\u00f6nnen wir nicht mehr unterscheiden zwischen dem Alltag und einer Ausnahmesituation. Genau das ist auch die gro\u00dfe Sorge, die Jakobus hat, dass die christliche Gemeinde sich manchmal an den Ma\u00dfst\u00e4ben der Welt orientiert und allzu schnell vergisst, welche radikalen Forderungen Jesus gestellt hat. Deshalb sagt Jakobus: &#8220; Denn wenn jemand das ganze Gesetz h\u00e4lt und s\u00fcndigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.&#8220; Da werden keine Ausnahmen zugelassen. Entweder, so Jakobus, leben wir nach dem Willen Jesu und erf\u00fcllen dadurch das Gesetz oder nicht. Wir k\u00f6nnen verschiedene Gesetze halten &#8211; wenn wir aber auch nur eines \u00fcbertreten, werden wir zu S\u00fcndern. Ich zitiere wieder Jakobus: &#8222;Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht \u00fcber den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat.&#8220; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ich habe vorhin schon gesagt, dass Jakobus hier richtig drohend wird, wenn er vom &#8222;unbarmherzigen Gericht&#8220; spricht. Drohungen bringen jedoch genau so wenig wie radikale Forderungen. Sie \u00fcberfordern uns und erzeugen nur trotzige Abwehr. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Andererseits verstehe ich den Zorn des Jakobus, wenn er sieht, dass das, was Jesus gesagt und getan hat, wirkungslos bleibt und sich die Christen genau so verhalten wie alle anderen auch. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon sagt Jesus beispielsweise im Evangelium des Matth\u00e4us. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Diese Kompromisslosigkeit bei Jesus, die wir bei Jakobus wieder finden, zeigt uns deutlich unsere Grenzen. Auch wenn wir uns noch so bem\u00fchen &#8211; wir schaffen es einfach nicht, in allen Situationen alle Menschen &#8222;ohne Ansehen der Person&#8220; zu behandeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Zum Gl\u00fcck sind wir bei dem Problem, dass wir das Gesetz nicht hundertprozentig erf\u00fcllen k\u00f6nnen, in guter Gesellschaft. Der Apostel Paulus hat genau so wie wir gefragt: &#8222;Wer kann das Gesetz erf\u00fcllen, wer schafft das?&#8220; Und er war verzweifelt, weil er es nicht geschafft hat, s\u00fcndlos zu bleiben. Das ist aber nicht das letzte Wort in dieser Sache. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Paulus hat gemerkt: Wenn ich mich an Jesus Christus halte, werde ich auch als S\u00fcnder akzeptiert. Dass ich das Gesetz nicht hundertprozentig erf\u00fcllen kann, darf mich weder in die Verzweiflung noch in falsche Kompromisse treiben &#8211; es soll mich in die Arme Jesu treiben, der f\u00fcr unsere S\u00fcnden am Kreuz gestorben ist! Das ist der Sinn dieser kompromisslosen Forderungen von Jesus: Wir sollen auf seine Barmherzigkeit vertrauen, damit wir selbst barmherzig sein k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">\u201eEine Mahnung, eine moralische Standpauke, warum auch nicht\u201c \u2013 sagte ich anfangs. Nun ist daraus sehr viel mehr geworden. Die Mahnung des Jakobus soll uns in die Arme Jesu treiben, nur dann wird sie bei uns tats\u00e4chlich wirksam. Schritt f\u00fcr Schritt schaffen wir es dann, anderen Menschen \u201eohne Ansehen der Person\u201c zu begegnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Amen.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Pastor Dr. Johannes Neukirch, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:johannes.neukirch@evlka.de\">E-Mail: johannes.neukirch@evlka.de<\/a><\/b><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag nach Trinitatis | 22. Oktober 2000 | Jakobus 2,1-13 | Johannes Neukirch | Jakobus 2,1-13: &#8222;Haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. 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