{"id":21369,"date":"2000-11-15T10:02:31","date_gmt":"2000-11-15T09:02:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21369"},"modified":"2025-04-17T09:07:58","modified_gmt":"2025-04-17T07:07:58","slug":"1-korinther-7-29-31-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-7-29-31-6\/","title":{"rendered":"1. Korinther 7, 29-31"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #0000a0; font-family: Arial;\">20. Sonntag nach Trinitatis | 5. November 2000 | 1. Korinther 7,29-31 | Franz-Heinrich Beyer |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>diese S\u00e4tze des Paulus mit dem <i>hos me<\/i> &#8222;Haben \u2013 als h\u00e4tte man nicht&#8220;, es sind ber\u00fchmte S\u00e4tze. Es sind S\u00e4tze mit einer sehr bedeutenden Wirkungsgeschichte. Und ich denke, wir hier heute vormittag in diesem Gottesdienst, wir h\u00f6ren diese Worte nicht vorraussetzungslos. Sie sind uns fremd und doch vertraut zugleich. Sie sind uns vertraut, denn wir h\u00f6ren sie als Gottesdienstbesucher nicht zum ersten Mal; wir haben ein Vorwissen \u00fcber diese Worte.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns, da\u00df f\u00fcr das Wort ZEIT im griechischem Text <i>kairos<\/i> steht. Die Zeit ist also als eine Zeit der Entscheidung, des Entschiedenseins qualifiziert. Dementsprechend ist nicht von einer beliebigen Zeit oder von einem zuf\u00e4lligen Zeitpunkt die Rede.<\/p>\n<p>Von dieser so qualifizierten Zeit, von dem <i>kairos<\/i> her f\u00e4llt eine besondere Beleuchtung auf die folgende Aufz\u00e4hlung:<\/p>\n<p><i>Die Frauen haben, sollen sein, als h\u00e4tten sie keine;<\/i><br \/>\n<i>Die weinen \u2013 als weinten sie nicht;<br \/>\nDie sich freuen \u2013 als freuten sie sich nicht;<br \/>\nDie kaufen \u2013 als behielten sie es nicht;<br \/>\nDie diese Welt gebrauchen \u2013 als brauchten sie sie nicht.<\/i><\/p>\n<p>Und auch hier erinnern wir uns an unser Vorwissen: Von einer philosophischen Haltung, einer Haltung stoischer Unber\u00fchrtheit etwa des glaubenden Menschen angesichts allt\u00e4glicher Ereignisse \u2013 nein, davon ist hier nicht die Rede. Nicht das Ideal einer Haltung, das angestrebt werden k\u00f6nnte wird hier propagiert. Es ist die so qualifizierte Zeit und ihre Wahrnehmung, die Konsequenzen fordert. Solche Konsequenzen werden hier beschrieben als Freiheit von irdischen, also von vorletzten Dingen, als eine Freiheit von Weltverg\u00f6tzung, ein sich distanzieren k\u00f6nnen gegen\u00fcber den allt\u00e4glichen Vollz\u00fcgen.<\/p>\n<p>Was aber bleibt dann? Wozu diese Distanzierung? &#8211; Weil dadurch der Glaubende bef\u00e4higt wird zu hilfreichem und zu solidarischem Handeln in der jeweiligen Zeit und an dem jeweiligen Ort. Es wird also keinem R\u00fcckzug aus der Welt, es wird keiner Weltflucht das Wort geredet. Der Theologe Rudolf Bultmann hat das an prominenter Stelle in seiner Theologie des Neuen Testaments so formuliert: &#8222;Der Glaubende ist von der Angst des auf sich selbst vertrauenden, \u00fcber die Welt verf\u00fcgenden und ihr verfallenden Menschen befreit. Er kennt nur eine Sorge \u2013wie er dem Herrn gefalle-, nur das eine Streben. Frei von der Sorge der Welt, die an das Vergehende bindet &#8230; steht er der Welt frei gegen\u00fcber als einer, der sich mit den Fr\u00f6hlichen freut und mit den Weinenden weint, der am am Handel und Wandel der Welt teilnimmt, aber in der Distanz des <i>hos me<\/i>&#8222;(352).<\/p>\n<p>Schwierig bleibt die Frage nach den einzelnen Feldern des <i>hos me<\/i>, des &#8222;Haben als h\u00e4tte man nicht&#8220; bei Paulus. Da geht es um die zwischenmenschliche Beziehung bei Mann und Frau, da geht es um Emotionen \u2013 Weinen bzw. Sich-Freuen, aber auch um objektivierte Beziehungen \u2013 das Kaufen und das Verhalten zur Welt. Sind diese Felder des Verhaltens von Paulus lediglich \u00fcbernommen worden oder wurden sie bewu\u00dft ausgew\u00e4hlt? Diese Frage kann kaum schl\u00fcssig beantwortet werden.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Dieser knappe und zugleich fragmentarische Versuch einer Auslegung des Textes im Zusammenhang unseres Vorwissens kann zeigen \u2013 ein zun\u00e4chst befremdender Text kann uns eigent\u00fcmlich vertraut erscheinen. Im Folgenden m\u00f6chte ich versuchen, den Text des Paulus einmal in einem anderen Bezugsrahmen zu h\u00f6ren, in einem Bezugsrahmen, der weniger bestimmt ist durch das von uns mitgebrachte theologisch-kirchliche Vorwissen.<\/p>\n<p>Ich denke, da\u00df die Aufz\u00e4hlungen des Paulus gerade in unserer Zeit gelesen werden k\u00f6nnen als Beschreibung von Forderungen, denen sich Menschen in der hochentwickelten Industriegesellschaft ausgesetzt f\u00fchlen. Das j\u00fcngste Buch des amerikanischen Soziologen Richard Sennett hat in der deutschen \u00dcbersetzung den Titel erhalten &#8222;Der flexible Mensch&#8220;. Sennett beschreibt in dem Buch den neuen Kapitalismus anglo-amerikanischer Pr\u00e4gung. Das Regime diese Kapitalismus ist ganz auf Kurzfristigkeit und auf Elastizit\u00e4t ausgelegt. Sennett schildert, vor welchen Anforderungen sich daher Mitarbeiter und Arbeitnehmer gestellt sehen. Gefordert wird der flexible Mensch, der sich st\u00e4ndig neuen Aufgaben stellt, der stets bereit ist, Arbeitsstelle und Arbeitsformen, Wohnort und soziale Beziehungen zu wechseln. Soziale Bindungen wie emotionale Beziehungen m\u00fcssen dabei zur\u00fcckstehen, an der Oberfl\u00e4che bleiben, um die erwartete Flexibilit\u00e4t und Disponibilit\u00e4t nicht zu behindern. Ich zitiere Sennett: &#8222;Soziale Bindung entsteht am elementarsten aus einem Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit. Nach den Losungen der neuen Ordnung ist Abh\u00e4ngigkeit eine S\u00fcnde &#8230;&#8220;. Darum, so k\u00f6nnte ich hier problemlos mit den Worten des Paulus fortfahren, darum:<\/p>\n<p><i>Die Frauen haben, sollen sein, als h\u00e4tten sie keine;<\/i><br \/>\n<i>Die weinen \u2013 als weinten sie nicht;<br \/>\nDie sich freuen \u2013 als freuten sie sich nicht;<br \/>\nDie kaufen \u2013 als behielten sie es nicht;<br \/>\nDie diese Welt gebrauchen \u2013 als brauchten sie sie nicht.<\/i><\/p>\n<p>Hier sind es die \u00f6konomischen, die gesellschaftlichen Strukturen, die zur entscheidenden Instanz geworden sind. Bewu\u00dft werden die \u00fcberkommenen Muster von Lebensgestaltung und von Zusammenleben ignoriert; an ihre Stelle soll als neuer Wert die Mobilit\u00e4t treten, also der flexible Mensch. Die bedr\u00fcckende Konsequenz, die Sennett sieht, wird in dem amerikanischen Originaltitel seines Buches deutlich \u2013 Die Korrosion des Charakters.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Noch einmal m\u00f6chte ich versuchen, die Worte des Paulus wieder in einem anderen Zusammenhang zu h\u00f6ren. Bei der Besch\u00e4ftigung mit diesem Textabschnitt ist mir immer mehr eine Plastik von Ernst Barlach in das Blickfeld ger\u00fcckt. In den drei\u00dfiger Jahren des 20. Jahrhunderts hat dieser norddeutsche Bildhauer eine Reihe von neun gro\u00dfformatigen Gestalten aus Eichenholz gefertigt \u2013 der &#8222;Fries der Lauschenden&#8220;. Eine der letzten Gestalten dazu schuf Barlach 1935: &#8222;Der Empfindsame&#8220;.<\/p>\n<p>Ein zeitgen\u00f6ssischer Interpret konstatiert angesichts der Gestalten vom &#8222;Fries der Lauschenden&#8220;: Sie, die Lauschenden, sie sind in der Mitte der Sch\u00f6pfung angelangt. Sie haben gleichsam die Verg\u00e4nglichkeit hinter sich zur\u00fcckgelassen, damit entbunden f\u00fcr die Einwirkung Dauer gew\u00e4hrender M\u00e4chte.<\/p>\n<p>In der Reihe des Frieses hat &#8222;Der Empfindsame&#8220; seinen Platz. Er steht \u2013ganz frontal gegeben- den Kopf leicht vorgebeugt und die Arme vor dem Oberk\u00f6rper verschr\u00e4nkt, so das ihn umh\u00fcllende Gewand zusammenhaltend und dessen \u00d6ffnung nach oben hin bewirkend. So zeigt er sich sicher stehend und doch verletzlich; mit beiden F\u00fc\u00dfen fest auf dem Boden stehend und doch keine Abgeschlossenheit und keine Selbstsicherheit ausstrahlend. Der Empfindsame \u2013 er ist kein stoischer Philosoph und schon gar nicht Bild des flexiblen Menschen. Mir scheint, hier ist jemand zu erkennen, der sich betreffen l\u00e4\u00dft, der empfindsam ist \u2013 von dem und f\u00fcr das, was er in seiner Umgebung wahrnimmt.<\/p>\n<p>Mir scheint, &#8222;Der Empfindsame&#8220; ist kein Vorbild, dem man nacheifern k\u00f6nnte oder sollte; die Gestalt des Empfindsamen ist so etwas wie ein Bild, ein Inbegriff von Erwartung, von Hoffnung. Ich denke, wir, ja unsere Welt braucht das: Einerseits \u2013 der feste Stand in der Wirklichkeit, das Gegr\u00fcndetsein im Glauben ebenso wie die fachkundige Mitgestaltung unserer Welt. Und andererseits \u2013 Die Empfindsamkeit, das Sich-Betreffen-Lassen von Leid und Ungerechtigkeit, von Fragen, die ohne Antwort sind; auch: Das Noch-Ausstehende der Verhei\u00dfung aushalten k\u00f6nnen, und darum Hoffnung f\u00fcr die scheinbar Hoffnungslosen zu bewahren.<\/p>\n<p>Dieser Richtung nachsinnend, das Bild &#8222;Des Empfindsamen&#8220; vor Augen, k\u00f6nnen uns auch heute die Worte des Paulus treffen, ja, uns betreffen.<\/p>\n<p>&#8222;Der Empfindsame&#8220;, ebenso die anderen lauschenden Gestalten von Barlach, sie verweisen auf etwas, was au\u00dferhalb von ihnen ist; es gibt ein Hergekommensein und es wird ein Weitergehen geben; wir sehen sie dazwischen \u2013 die Lauschenden, den Empfindsamen; sie alle Bilder einer Erwartung, einer Hoffnung, f\u00fcr die die treffenden Worte uns oft fehlen. Manchmal, nicht immer, aber manchmal k\u00f6nnen auch wir vor allem Lauschende sein.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de\">E-Mail: Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 5. November 2000 | 1. Korinther 7,29-31 | Franz-Heinrich Beyer | Liebe Gemeinde, diese S\u00e4tze des Paulus mit dem hos me &#8222;Haben \u2013 als h\u00e4tte man nicht&#8220;, es sind ber\u00fchmte S\u00e4tze. Es sind S\u00e4tze mit einer sehr bedeutenden Wirkungsgeschichte. 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