{"id":21372,"date":"2000-11-15T10:04:30","date_gmt":"2000-11-15T09:04:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21372"},"modified":"2025-04-17T09:06:35","modified_gmt":"2025-04-17T07:06:35","slug":"1-korinther-7-29-31-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-7-29-31-7\/","title":{"rendered":"1. Korinther 7, 29-31"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #0000a0; font-family: Arial;\">20. Sonntag nach Trinitatis | 5. November 2000 | 1. Korinther 7,29-31 | Ulrich Braun |<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><b>Man m\u00fcsste neue Kr\u00e4fte haben oder: Freiheit statt Tr\u00fcbsinn <\/b><\/p>\n<p>&#8222;Das sage ich aber, liebe Br\u00fcder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als h\u00e4tten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Sturm zu Wochenbeginn hat es offenbar gemacht. Dass das Wesen dieser Welt vergeht, liegt, wenn nicht auf der Hand, so jedenfalls in den G\u00e4rten und auf den Stra\u00dfen sichtbar zu Tage. \u00dcberall weht Herbstlaub umher. Auf den Zweigen ist es leerer geworden. Felix Salten gibt in seinem Buch \u201eBambi\u201c Gelegenheit, einmal in den Gem\u00fctszustand derer hineinzulauschen, die sich als einzelne Bl\u00e4tter noch an den \u00c4sten haben halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Von der gro\u00dfen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen B\u00e4umen. Ein Ast der Eiche stand hoch \u00fcber den anderen Zweigen und langte weit hinaus zur Wiese. An seinem \u00e4u\u00dfersten Ende sa\u00dfen zwei Bl\u00e4tter zusammen.<br \/>\n\u201eEs ist nicht mehr wie fr\u00fcher\u201c, sagte das eine Blatt.<br \/>\n\u201eNein\u201c, erwiderte das andere. \u201eHeute nacht sind wieder so viele von uns davon \u2013 wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.\u201c<br \/>\n\u201eMan wei\u00df nicht, wen es trifft\u201c, sagte das erste. \u201eAls es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man wei\u00df nicht, wen es trifft.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt scheint die Sonne nur selten\u201c, seufzte das zweite Blatt, \u201eund wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man m\u00fcsste neue Kr\u00e4fte haben.\u201c<\/p>\n<p>Neue Kr\u00e4fte m\u00fcsste man haben, aber ringsum bestimmen Bilder der Verg\u00e4nglichkeit die Szene. Alles, was uns umgibt hat seine Zeit. Sogar wir selbst sind wie Bl\u00e4tter. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter welken sie und m\u00fcssen hinunter. Da erscheint es nur klug, sein Herz besser nicht an Dinge zu h\u00e4ngen, an Menschen nicht und nicht an Tiere, weil sie durch die Zeit sinken wie Steine durchs Wasser und jeden mitziehen, der sich ihnen verbunden hat.<\/p>\n<p>In diesem Sinn scheint Paulus den Korinthern zu raten. Wer verheiratet ist, der h\u00e4nge sein Herz nicht an die Partnerschaft. Gebt acht woran ihr euch freut, es k\u00f6nnte verg\u00e4nglich sein. Was immer ihr anfasst und gebraucht, bedenkt, dass es vergeht. &#8211; So weit, so november-tr\u00fcb. Dass sich diese Welt unterdessen als haltbarer erwiesen hat als Paulus das in seiner fr\u00fchen Zeit meinte, \u00e4ndert daran nicht wirklich etwas. Im Grunde ist es nichts mit ihr.<\/p>\n<p>Daraus lassen sich schwerlich beschwingte S\u00e4tze bilden. Das Bild eines weltoffenen und lebensfrohen Christentums, das Menschen in Bewegung und miteinander in Kontakt bringt, dr\u00e4ngt sich jedenfalls nicht direkt auf. Aber die Herbstst\u00fcrme werden doch am Ende die Freiheit der Christenmenschen nicht gleich mit verweht haben \u2013 wie ein Blatt, das vom Baum f\u00e4llt und nun dorthin tanzen muss, wohin der Wind es treibt.<\/p>\n<p>Am Sonntag nach dem Reformationsfest soll dazu der Reformator selbst, Martin Luther befragt werden. Er kann freilich nicht direkt auf das Problem antworten, das sich heute wohl in anderen Worten formulieren w\u00fcrde als zu seiner Zeit. Eine Episode aus seinem Leben und eine seiner kleinen Schriften k\u00f6nnen aber immerhin zum Nachdenken dar\u00fcber anregen.<\/p>\n<p>Es ist auch Herbst als Luther die Schrift \u201eOb man das Sterben fliehen m\u00f6ge\u201c fertigstellt, Ende Oktober, Anfang November 1527. Der Anlass ist zudem d\u00fcster genug und begann gut zwei Jahre zuvor: Von August bis November 1525 w\u00fctete in Breslau die Pest. Wer konnte, floh vor der Seuche und verlie\u00df die Stadt. So entstand bei den evangelischen Pfarrern das Problem, ob man vor diesem Sterben fliehen d\u00fcrfe. Mit dieser Frage wandten sie sich an Martin Luther in Wittenberg.<\/p>\n<p>Doch seine Antwort lie\u00df auf sich warten. Sie lie\u00df so lange auf sich warten, dass die Breslauer nachhakten und ihre Anfrage erneuerten. Bis Luther schlie\u00dflich seine Antwort formulierte, war die Pest bereits auch in Wittenberg ausgebrochen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Universit\u00e4t, Professoren und Studenten waren nach Jena \u00fcbergesiedelt worden. Kurf\u00fcrst Johann beschwor Luther, sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen. Der aber blieb &#8211; zusammen mit wenigen anderen &#8211; in Wittenberg, hielt Vorlesungen und Predigten und versah seinen Dienst als Seelsorger an den Bed\u00fcrftigen, sogar an solchen, die an der Seuche erkrankt waren.<\/p>\n<p>Es war wohl kein Zufall, dass Luther die Breslauer Kollegen hatte warten lassen. Einen gelehrten Rat vom sicheren Katheder hatte er nicht geben k\u00f6nnen. Wie h\u00e4tte es auch geklungen, im Namen der N\u00e4chstenliebe und des Gottvertrauens zum Bleiben in der Gefahr aufzufordern? Man kann nicht vom gesch\u00fctzten Platz aus anderen empfehlen, sich t\u00f6dlicher Gefahr auszusetzen.<\/p>\n<p>Erst als er selbst mitten drin steckt, kann er seine kleine Schrift \u201eOb man vor dem Sterben fliehen m\u00f6ge\u201c verfassen. Darin ermutigt er, zu bleiben und der Gefahr nicht zu weichen.<\/p>\n<p>Zuerst schreibt er allerdings, dass die, die es nicht mehr aushalten, sich in Sicherheit bringen sollen. Das sei sogar ein Gebot der Umsicht und der Klugheit, wenn die Versorgung der Hilfebed\u00fcrftigen ansonsten sichergestellt sei.<\/p>\n<p>Die interessante Frage aber ist, welche Kr\u00e4fte denn diejenigen brauchen, die bleiben &#8211; und woher sie sie bekommen inmitten der Bilder von Verg\u00e4nglichkeit und Tod.<\/p>\n<p>Zuerst einmal stellt Luther das fest, was offenkundig ist: Die, die nicht mehr weg k\u00f6nnen, weil sie selbst schon krank oder zu schwach oder sonstwie gehindert sind, brauchen schlicht Hilfe. Ihnen die zu geben. dem steht die Furcht vor der verheerenden Krankheit entgegen. Diese Furcht ist ausgesprochen vern\u00fcnftig, und wer nicht muss, m\u00f6ge sich nicht mutwillig in Gefahr begeben. Aber diese Furcht kann auch \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Der Hauptgrund, das zu tun, liegt f\u00fcr Luther darin, weil man den Teufel damit so sch\u00f6n \u00e4rgern kann. Der Schrecken, der von der Krankheit ausgeht, ist f\u00fcr Luther das Spiel des Teufels. Darauf m\u00fcsse ein Christenmensch sich gar nicht einlassen, findet Luther. Im Gegenteil: ihm \u2013 dem Teufel \u2013 zum Trotz und Verdruss soll man \u201eeinen frischen Mut fassen&#8230; und sagen: Hebe dich von dannen, Teufel, mit deinem Schrecken! Und weil dich\u2019s verdrie\u00dft, so will ich dir zum Trotz nur desto eher zu meinem kranken N\u00e4chsten hingehen, ihm zu helfen, und will dich nicht ansehen.\u201c<br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">(Ob man vor dem Sterben fliehen m\u00f6ge, 1527, WA 23, 338-379) <\/span><\/p>\n<p>Die Verg\u00e4nglichkeit ist das Spielfeld des Teufels. Der F\u00fcrst dieser Welt, wie Luther ihn anderw\u00e4rts nennt, versucht da ernsten Schaden anzurichten. Er tut das \u2013 das m\u00fcssen wir mit einiger Zerknirschung eingestehen &#8211; mit \u00e4rgerlichem Erfolg. Aber wie er sich auch anstellt, das W\u00f6rtlein, das ihn f\u00e4llen kann, hei\u00dft Freiheit. Die entsteht, wo einer diesen Teufel und sein Spiel durchschaut. Dass n\u00e4mlich all das, was womit er das Leben sauer machen kann, doch nur Bl\u00e4tter im Wind sind. Sie welken auf den Zweigen und m\u00fcssen abfallen. Das Leben aber wird weitergehen. Anstelle von Tr\u00fcbsinn ensteht Freiheit.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man das auch in modernere und weniger teufelhaltige Formen \u00fcbersetzen? Bestimmt. Doch besser w\u00fcrde man den Gedanken damit gar nicht machen k\u00f6nnen. Sch\u00f6ner ist er jedenfalls so. Auch wenn sie vor 473 Jahren formuliert wurden, machen Luthers Zeilen klar, dass es gerade die Einsicht in die Verg\u00e4nglichkeit der Welt ist, aus der die Freiheit wachsen kann.<\/p>\n<p>Es befreit, etwas von sich abfallen lassen zu k\u00f6nnen wie Herbstlaub. Sogar die \u00c4ngste vor der Pest und um das eigene Leben, die eben noch schwer so schwer wogen, k\u00f6nnen losgelassen werden. Was gerade noch schwer und nass einen Lebenszweig nach unten bog, kann nun herabfallen und den Zweig freigeben. Selbst die Pestangst gleitet zu Boden, und der Tanz des welken Blattes im Wind wird zum Spottlied auf den Teufel und die Lebensangst.<\/p>\n<p>Zweige aber, von denen all das herabfallen kann, werden sich von neuem aufrichten. In ihrem Innern sammeln sich schon die neuen Kr\u00e4fte. Die str\u00f6men aus dem Wurzelboden des Lebens selbst &#8211; sogar dann, wenn der Wind solche Bl\u00e4tter von den Zweigen gerissen hat, die dort schmerzlich vermisst werden.<\/p>\n<p>Als die geflohenen Bewohner damals nach Breslau und Wittenberg zur\u00fcckkehrten, fanden sie viele, die vorher in der Stadt gewohnt hatten, nicht mehr am Leben. Die Seuche zu besiegen, hat noch Jahrhunderte gedauert. Doch am Ende ist es gelungen. Es ist aus der Freiheit gelungen, die die Lebensangst besiegen konnte &#8211; aus der Freiheit, die aus dem Wurzelboden des Lebens durch die Zweige str\u00f6mt und neue Kr\u00e4fte zuwachsen l\u00e4sst. Zum Beispiel die Kraft, selbst bei Gefahr f\u00fcr das eigene Leben eine Krankheit zu studieren, medizinisch zu bek\u00e4mpfen und schlie\u00dflich \u2013 vielleicht erst nach Generationen \u2013 zu besiegen.<\/p>\n<p>Kehren wir zum Schluss noch einmal zu unseren Bl\u00e4ttern auf dem Zweig \u00fcber der Wiese zur\u00fcck. Auch sie haben eine Ahnung davon, dass das Leben tiefer reicht:<br \/>\n\u201eOb es wahr ist\u201c, meinte das erste, \u201eob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eEs ist sicher wahr\u201c, fl\u00fcsterte das zweite, \u201eman kann es gar nicht ausdenken \u2013 es geht \u00fcber unsere Begriffe.\u201c<\/p>\n<p>Das geht es freilich. Zugleich ensteht aber eine Ahnung f\u00fcr den Kern der fremden Verse, die Paulus den Korinthern schreibt. Nicht November-Tr\u00fcbsinn, sondern Freiheitssinn entsteht daraus. Und sei es nur, weil es den Teufel so sch\u00f6n \u00e4rgert.<\/p>\n<p>Wenn Lasten und \u00c4ngste von einem abfallen, dann wird er eben auch frei f\u00fcr das, was dran ist. Wenn sie zu Boden gleiten und ein Wind sie fasst, dann beginnen sie zu tanzen. Das ist wie ein Spottlied auf den Teufel.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Ulrich Braun<br \/>\nPastor in Meensen, J\u00fchnde und Barlissen, drei D\u00f6rfern im Kirchenkreis M\u00fcnden.<br \/>\n<a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\">eMail: Ulrich.F.Braun@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><a name=\"vorb\"><\/a><b>Anhang und Materialien <\/b><\/p>\n<p>Als Anhang an die Predigt stehen hier Materialien, die mir auf dem Weg zur Predigt begegnet sind. Dass sie am Ende nur zum Teil oder gar keinen Eingang in die Predigt gefunden haben, liegt in der Natur der Predigtarbeit. Dass man den Materialien, die in den Papierkorb wandern, damit nicht immer gerecht wird, liegt ebenso in der Natur der Sache. Vielleicht helfen sie auf diesem Wege anderen zu anderen Ideen beim Nachdenken \u00fcber \u201edas verg\u00e4ngliche Wesen dieser Welt\u201c und damit zu anderen Predigten. Deshalb hier zum Weiterlesen:<\/p>\n<p><b>I. Dialog zweier Bl\u00e4tter im Herbst <\/b><\/p>\n<p>Von der gro\u00dfen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen B\u00e4umen. Ein Ast der Eiche stand hoch \u00fcber den anderen Zweigen und langte weit hinaus zur Wiese. An seinem \u00e4u\u00dfersten Ende sa\u00dfen zwei Bl\u00e4tter zusammen.<br \/>\n\u201eEs ist nicht mehr wie fr\u00fcher\u201c, sagte das eine Blatt.<br \/>\n\u201eNein\u201c, erwiderte das andere. \u201eHeute nacht sind wieder so viele von uns davon \u2013 wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.\u201c<br \/>\n\u201eMan wei\u00df nicht, wen es trifft\u201c, sagte das erste. \u201eAls es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man wei\u00df nicht, wen es trifft.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt scheint die Sonne nur selten\u201c, seufzte das zweite Blatt, \u201eund wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man m\u00fcsste neue Kr\u00e4fte haben.\u201c<br \/>\n\u201eOb es wahr ist\u201c, meinte das erste, \u201eob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eEs ist sicher wahr\u201c, fl\u00fcsterte das zweite, \u201eman kann es gar nicht ausdenken \u2013 es geht \u00fcber unsere Begriffe.\u201c<br \/>\n\u201eUnd man wird auch traurig davon\u201c, f\u00fcgte das erste hinzu.<br \/>\nSie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: \u201eWarum wir wegm\u00fcssen?\u201c<br \/>\nDas zweite fragte: \u201eWas geschieht mit uns, wenn wir abfallen?\u201c<br \/>\n\u201eWir sinken hinunter.\u201c<br \/>\n\u201eWas ist da unten?\u201c<br \/>\nDas erste antwortete: \u201eIch wei\u00df es nicht. der eine sagt das, der andere sagt dies \u2013 aber niemand wei\u00df es.\u201c<br \/>\nDas zweite fragte: \u201eOb man noch etwas f\u00fchlt, ob man noch etwas von sich wei\u00df, wenn man dort unten ist?\u201c<br \/>\nDas erste erwiderte: \u201eWer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zur\u00fcck gekommen, um davon zu erz\u00e4hlen.\u201c<br \/>\nWieder schwiegen sie. Dann redete das erste Blatt z\u00e4rtlich zum anderen: \u201eGr\u00e4me dich nicht zu sehr, du zitterst ja.\u201c<br \/>\n\u201eLass nur\u201c, antwortete das zweite, \u201eIch zittere jetzt so leicht. Man f\u00fchlt sich eben nicht mehr so fest an seiner Stelle.\u201c<br \/>\n\u201eWir wollen nicht mehr von solchen Dingen sprechen\u201c, sagte das erste Blatt.<br \/>\nDas andere entgegnete: \u201eNein, wir wollen es lassen \u2013 aber wovon wollen wir sonst sprechen?\u201c Es schwieg und fuhr nach einer kurzen Weile fort: \u201eWer von uns beiden wohl zuerst hinunter muss?\u201c<br \/>\n\u201eDamit hat\u2019s noch Zeit\u201c, beschwichtigte das erste. \u201eErinnern wir uns lieber, wie sch\u00f6n es war, wie wunderbar sch\u00f6n! Wenn die Sonne kam und uns so hei\u00df brannte, dass man zu schwellen glaubte vor Gesundheit. Wei\u00dft du noch? Und dann der Tau in den Morgenstunden \u2013 und die linden, herrlichen N\u00e4chte!\u201c<br \/>\n\u201eJetzt sind die N\u00e4chte furchtbar\u201c, jammerte das zweite, \u201eund nehmen kein Ende!\u201c<br \/>\n\u201eWir d\u00fcrfen uns nicht beklagen\u201c, sagte das erste mild, \u201ewir haben l\u00e4nger gelebt als viele, viele andere.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin wohl sehr ver\u00e4ndert?\u201c erkundigte sich das zweite Blatt sch\u00fcchtern, aber dringend.<br \/>\n\u201eKeine Spur\u201c, beteuerte das erste, \u201edu glaubst wohl, weil ich so gelb und h\u00e4sslich geworden bin. Nein, bei mir ist das etwas anderes.\u201c<br \/>\n\u201eAch, geh!\u201c, wehrte das zweite ab.<br \/>\n\u201eNein, wahrhaftig\u201c, wiederholte das erste voller Eifer, \u201eglaub mir doch! Du bist so sch\u00f6n wie am ersten Tage. Hier und da vielleicht ein kleiner gelber Streifen, kaum zu merken, und er macht dich nur noch sch\u00f6ner. Glaub mir doch!\u201c<br \/>\n\u201eIch danke dir,\u201c, fl\u00fcsterte das zweite Blatt ger\u00fchrt. \u201eich glaube dir nicht \u2013 nicht ganz &#8211; , aber ich danke dir, weil du so gut bist \u2013 du bist immer so gut zu mir gewesen \u2013 ich begreife es jetzt erst ganz, wie gut du warst.\u201c<br \/>\n\u201eSchweig doch!\u201c sagte das erste und verstummte selbst, denn es konnte vor Kummer nicht mehr reden.<br \/>\nNun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich kalt und feindselig durch die Baumwipfel.<br \/>\n\u201eAch \u2013 jetzt &#8230;\u201c, sagte das zweite Blatt, \u201eich &#8230;\u201c da brach ihm die Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gel\u00f6st und schwebte hernieder. -\u2013Nun war es Winter.<\/p>\n<p><i>aus: Felix Salten, Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde<\/i><\/p>\n<p><b>II. Zwei Filmszenen zum Stichwort: Denn das Wesen dieser Welt vergeht <\/b><\/p>\n<p><i>1 Ingmar Bergman, Licht im Winter, Spielfilm, Schweden 1958<\/i><\/p>\n<p>Der Pastor eines schwedischen D\u00f6rfchens wird von einer Frau um ein Gespr\u00e4ch gebeten. Nach dem Gottesdienst erscheint sie mit ihrem Mann. Der Pastor \u2013 schwer erk\u00e4ltet und sichtlich angeschlagen &#8211; bittet beide in die Sakristei.<\/p>\n<p>Der Mann ist depressiv und offensichtlich kaum in der Lage dem Gespr\u00e4ch zu folgen. Seine Frau, die gerade das dritte Kind erwartet, f\u00fchrt die Unterhaltung. Auf die Frage des Pastors, seit wann ihr Mann in diesem Zustand sei, erz\u00e4hlt die Frau, alles habe im Fr\u00fchjahr begonnen. Damals habe ihr Mann einen Zeitungsartikel gelesen, in dem davon berichtet wurde, dass die Chinesen seit Generationen zum Hass erzogen w\u00fcrden, dass es zudem wohl nur eine Frage der Zeit sei, bis auch sie Atomwaffen besitzen w\u00fcrden. Na, und da sie ja nichts zu verlieren h\u00e4tten &#8230;<\/p>\n<p>Der Pastor beteuert, er k\u00f6nne die Sorgen verstehen, und, dass man auf Gott vertrauen m\u00fcsse. Erstmals reagiert der Mann. Halb erstaunt, halb erwartungsvoll blickt er den Pastor an. Doch dieser vermag dem Blick nicht standzuhalten. Er schl\u00e4gt die Augen nieder und schweigt. Zu sehr ist es seine eigenen Traurigkeit und Verzweiflung, die sich im Gem\u00fctszustand des Gegen\u00fcbers spiegelt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Vier-Augen-Gespr\u00e4ch mit dem Mann vertieft nur noch dessen Gef\u00fchl der Sinnlosigkeit des Lebens angesichts seiner m\u00f6glichen Vernichtung. Wenig sp\u00e4ter wird er erh\u00e4ngt aufgefunden.<\/p>\n<p><i>2. Woody Allen zitiert Bergmans Szene in seinem Film \u201eDer Stadtneurotiker\u201c, USA 1979, und wendet sie ins Absurd-komische <\/i><\/p>\n<p>Woody Allen erz\u00e4hlt als Hauptdarsteller aus seinem Leben. Im Sinne der klassischen Psychoanalyse f\u00fchren R\u00fcckblenden durch verschiedenen Schl\u00fcsselszenen des Lebens. Eine der R\u00fcckblenden f\u00fchrt in die in die Praxis eines Arztes, vielleicht eines Psychiaters. Die Mutter hat ihren Sohn \u2013 klein rothaarig und sp\u00e4testens an der Brille als Woody Allen zu erkennen \u2013 dorthin gebracht, weil der Junge so apathisch ist.<\/p>\n<p>\u201eNa, nun sag dem Doktor schon was los ist!\u201c sagt sie unaufh\u00f6rlich ihre Handtasche im Scho\u00df zerknetend. Und zum Arzt: \u201eEr hat n\u00e4mlich was gelesen!\u201c<\/p>\n<p>Mit leerem Blick sagt der Junge: \u201eDas Universum expandiert\u201c und, dass es eben immer weiter expandiere, bis es einst wieder in sich zusammenfallen werde. Dann sei alles aus und damit der Sinn und Zweck von allem, einschlie\u00dflich der Hausaufgaben, mehr als nur in Frage gestellt.<\/p>\n<p>\u201eAber das geht dich doch gar nichts an!\u201c schimpft die Mutter und begr\u00fcndet dies damit, dass Brooklyn, wo sie wohnen, schlie\u00dflich nicht expandiere. Sichtlich \u00fcber so viel Pragmatismus im Umgang mit un\u00fcbersichtlichen Problemlagen erfreut, pflichtet der Arzt der Mutter bei. Brooklyn werde auch in Millionen Jahren nicht expandieren, f\u00fcgt er an und erkl\u00e4rt es zur Aufgabe des Lebens, sich daran so lange es eben gehe zu freuen.<\/p>\n<p><b>III. Zur Beherzigung <\/b><\/p>\n<p>von Robert Gernhardt<\/p>\n<p>Man soll nicht h\u00e4ngen<br \/>\nsein Herz an Dinge,<br \/>\nan Tiere nicht<br \/>\nund nicht an Menschen.<br \/>\nDurch die Zeit sinken sie<br \/>\nwie Steine durchs Wasser.<br \/>\nWeh dem, der sich ihnen<br \/>\nverbunden.<\/p>\n<p>Das Herz ist ein Falke.<br \/>\nJe freier, je h\u00f6her<br \/>\nrei\u00dft es empor<br \/>\naus dem Strudel der Zeiten,<br \/>\nwas es ergreift,<br \/>\nob Ding oder Wesen.<br \/>\nWohl dir, wenn dich eines<br \/>\nmitrei\u00dft.<\/p>\n<p><b>IV. Choral: Durch dein Gef\u00e4ngnis, Gottes Sohn <\/b><\/p>\n<p>Johann Sebastian Bach, Die Johannes-Passion (Nr. 22)<\/p>\n<p>Durch dein Gef\u00e4ngnis, Gottes Sohn,<br \/>\nmuss uns die Freiheit kommen.<br \/>\nDein Kerker ist der Gnadenthron,<br \/>\ndie Freistatt aller Frommen.<br \/>\nDenn gingst du nicht die Knechtschaft ein,<br \/>\nm\u00fcsst unsre Knechtschaft ewig sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 5. November 2000 | 1. Korinther 7,29-31 | Ulrich Braun | Man m\u00fcsste neue Kr\u00e4fte haben oder: Freiheit statt Tr\u00fcbsinn &#8222;Das sage ich aber, liebe Br\u00fcder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als h\u00e4tten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,541,727,157,853,114,668,349,3,109,1237],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21372","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-20-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-07-chapter-07-1-korinther","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-ulrich-braun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21372"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22832,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21372\/revisions\/22832"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21372"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21372"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21372"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21372"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}