{"id":21380,"date":"1999-09-15T10:09:21","date_gmt":"1999-09-15T08:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21380"},"modified":"2025-04-17T10:31:54","modified_gmt":"2025-04-17T08:31:54","slug":"klagelieder-3-vers-22-26-und-31-32-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/klagelieder-3-vers-22-26-und-31-32-2\/","title":{"rendered":"Klagelieder 3, Vers 22-26 und 31-32"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #0000a0; font-size: large;\">16. Sonntag nach Trinitatis | <\/span>19. September 1999 | Klagelieder 3,22-26.31-32 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<table border=\"0\" width=\"75%\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Die G\u00fcte des Herrn ist\u2019s, dass wir nicht gar aus sind,<br \/>\nseine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,<br \/>\nsondern sie ist alle Morgen neu,<br \/>\nund deine Treue ist gro\u00df.<br \/>\nDer Herr ist mein Teil, spricht meine Seele;<br \/>\ndarum will ich auf ihn hoffen.<br \/>\nEs ist ein k\u00f6stlich Ding, geduldig sein<br \/>\nund auf die Hilfe des Herrn hoffen.<br \/>\nDenn der Herr verst\u00f6\u00dft nicht ewig;<br \/>\nsondern er betr\u00fcbt wohl<br \/>\nund erbarmt sich wieder nach seiner gro\u00dfen G\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"RIGHT\">Klagelieder 3, Vers 22-26 und 31-32<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Es ist ein k\u00f6stlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.&#8220; Das ist eines der Bibelworte, die in mir gemischte Gef\u00fchle hervor rufen: gern w\u00fcrde ich aus vollem Herzen Ja und Amen dazu sagen, mich tragen lassen von seiner seelsorgerischen G\u00fcte. Doch auf der anderen Seite beschleicht mich Unbehagen angesichts solcher geballten Glaubensfestigkeit \u2013 ist mir das \u00fcberhaupt m\u00f6glich: geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen?<\/p>\n<p>Ich glaube, ich bin nicht allein mit solch zwiesp\u00e4ltigen Gef\u00fchlen. Wer hat das nicht schon erlebt, dass Bibelworte, im ersten Moment eing\u00e4ngig und gel\u00e4ufig, beim genaueren Hinh\u00f6ren oder Lesen Beklommenheit ausl\u00f6sen. Ist es Angst vor dem Versagen, die Furcht, dem dort gezeichneten Bild des Glaubens selbst beim besten Willen nicht zu gen\u00fcgen?<\/p>\n<p>Ich frage mich: In welcher Situation entstehen solche Worte? Und wer waren die Menschen, die diese Verse voll tr\u00f6stender Zuversicht dichteten und sangen? \u2013 Die Antwort liefert eine \u00dcberraschung: Das Lied stammt aus der Zeit nach einer Katastrophe. Ein Krieg war verloren, ein Staat zerst\u00f6rt, die Hauptstadt verbrannt und in Tr\u00fcmmern, der Mittelpunkt des religi\u00f6sen Lebens dem Erdboden gleich gemacht. Dazu war die F\u00fchrungselite von den Siegern deportiert worden.<\/p>\n<p>Das war im Jahre 587 vor Christus. Die Babylonier hatten das Reich Juda ausgel\u00f6scht, Jerusalem verw\u00fcstet und den von K\u00f6nig Salomo erbauten Tempel eingerissen. Das Leid der Besiegten ist kaum vorstellbar.<\/p>\n<p>Und dann diese Worte. &#8222;Der Herr verst\u00f6\u00dft nicht ewig; sondern er betr\u00fcbt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner gro\u00dfen G\u00fcte.&#8220; \u00dcberlebende der Katastrophe, Menschen, denen alles genommen ist, wenden sich Gott zu, erwarten, dass er ihr Schicksal wenden werde.<\/p>\n<p>Vielleicht mag jemand denken oder sagen, dies sei nur die Best\u00e4tigung der Binsenweisheit &#8222;Not lehrt beten.&#8220; Als letzter Hoffnungsschimmer, wenn alles aus scheint, der verzweifelte Griff zum Strohhalm des \u00dcbersinnlichen, der Blick nach oben, wenn die Augen den Anblick unten nicht mehr ertragen.<\/p>\n<p>Aber diese Erkl\u00e4rung w\u00e4re nicht nur zynisch, sondern auch zu kurz gedacht. Denn sie \u00fcbersieht, dass die Verse des Liedes nicht ein Schrei um Hilfe in aussichtsloser Lage sind, sondern eine feste Zuversicht ausdr\u00fccken, das Schlimmste sei vor\u00fcber. &#8222;Die G\u00fcte des Herrn ist\u2019s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist gro\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Um diese Zuversicht begreifen zu k\u00f6nnen, muss ich wissen, wie eng Glaube und Tradition zusammenh\u00e4ngen. Dabei ist Tradition nicht als Festhalten an Lehren, Formen oder Ritualen gemeint, sondern als \u00dcberliefern der Erfahrungen von Menschen, an denen und mit denen Gott sich zeigt.<\/p>\n<p>Wer vor mehr als 2500 Jahren so dichtete \u2013 &#8222;Der Herr verst\u00f6\u00dft nicht ewig; sondern er betr\u00fcbt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner gro\u00dfen G\u00fcte&#8220; \u2013 der tat dies in wacher Erinnerung an die Geschichte Gottes mit seinem Volk, einer Geschichte, die voller Erlebnisse von Heil und Errettung war. Angefangen bei Gottes Bund mit Noah unter dem Zeichen des Regenbogens, fortgesetzt mit den Verhei\u00dfungen an die Urahnen Abraham, Isaak und Jakob, feierlich besiegelt zu Moses Zeiten am Sinai hatte dieser Gott sein Wort gegeben, seinen Beistand verhei\u00dfen, und deshalb findet sich im Lied der Satz: &#8222;Deine Treue ist gro\u00df.&#8220; \u2013 Gott hat geholfen, er wird es auch wieder tun.<\/p>\n<p>Ich habe versucht zu erkl\u00e4ren, vor welchem Hintergrund der heutige Predigttext entstanden ist, und die Gr\u00fcnde zu zeigen, aus welchen Quellen er seinen unersch\u00fctterlichen Glauben sch\u00f6pft. Noch nicht beantwortet ist die Frage, woher ich heute f\u00fcr mich \u00e4hnliches finden kann. Ich will Ihnen dazu zun\u00e4chst zwei Gedanken sagen.<\/p>\n<p>Auch unsere Gegenwart ist voller Katastrophenf\u00e4lle. Aber ist uns bei den Bildern der Tagesschau schon einmal der Gedanke gekommen, ein heimgekehrter Kosovare, ein mit dem Leben davongekommenes Erdbebenopfer aus der T\u00fcrkei oder Griechenland k\u00f6nne so beten: &#8222;Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen&#8220;? \u2013 Ist das denn so undenkbar?<\/p>\n<p>Die Verse des Predigttextes werden h\u00e4ufig bei Beerdigungen zitiert. Es kommt mir nur merkw\u00fcrdig vor, dass sie manches Mal so verstanden werden, als g\u00e4lten sie allein den Toten und nicht viel eher den Lebenden \u2013 so als ob Gottes Barmherzigkeit, die &#8222;alle Morgen neu&#8220; ist, nur noch im Jenseits zu erwarten w\u00e4re. \u2013 Bin ich nicht mehr f\u00e4hig, mich tr\u00f6sten zu lassen?<\/p>\n<p>Ich ahne: das Wort geht mich mehr an, als ich m\u00f6chte. Es will mich ungeachtet meines Kleinglaubens aufrichten, und es will mich f\u00e4hig machen zur Seelsorge an Leidenden und Opfern.<\/p>\n<p>Ich verstehe: auch in unserem Alltag sind wir \u00dcberlebende. Wir kennen die Menschen, die pl\u00f6tzlich krank werden, eine t\u00f6dliche Diagnose gesagt bekommen. Ist mir bewusst, da\u00df ein zu Ende gelebter Tag gar keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist?<\/p>\n<p>Ich erlebe: auch in unserer Kirche br\u00f6ckeln Fundamente, weil das Geld f\u00fcr bisher Selbstverst\u00e4ndliches nicht mehr reicht, und weil der Streit um das, was wichtig und noch wichtiger ist, mit oft unw\u00fcrdigen Argumenten ausgetragen wird.<\/p>\n<p>Ich bin traurig: all das Leid, das durch Ehekrisen, durch soziale Not, durch Arbeitslosigkeit, Kriminalit\u00e4t oder selbst gew\u00e4hlten Tod entsteht.<\/p>\n<p>Ich frage: &#8222;Wie kann Gott das alles zulassen?&#8220; Betroffen, wie wenig mein Glaube an Gott mit der Wirklichkeit des t\u00e4glichen Lebens \u00fcbereinstimmt, denke ich, wie fern Gott ist und offenbar die Welt sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Und dagegen steht der inbr\u00fcnstige Satz aus der Bibel: &#8222;Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.&#8220; Das Bibelwort will mich an Gottes Treue erinnern. Es stimmt n\u00e4mlich nicht, da\u00df mein Glaube an Gott zu klein sei oder nichts tauge f\u00fcr die heutige Zeit.<\/p>\n<p>Es kommt auf meine Sichtweise an. Neuigkeiten der Welt erfahren wir aus dem Fernsehen, Radio, aus der Zeitung oder dem Internet, wenn wir einen Computer haben. Dort finde ich keine Schlagzeilen, die von der Treue Gottes reden.<\/p>\n<p>Aber die Bibel ist voll davon. Gesammelte Erfahrungen von Gottes Treue, die Menschen im Laufe von mehr als tausend Jahren gemacht haben. Das ist mir zu lange her? Dann gibt es die literarischen Werke und Lebensbeschreibungen von Frauen und M\u00e4nnern meiner Zeit, die von der erlebten Treue Gottes berichten. Liegt mir auch dies noch zu fern?<\/p>\n<p>Dann sehe ich doch einmal in meine n\u00e4chste Umgebung. Ein Mann aus meiner Gemeinde kommt ins Krankenhaus \u2013 Herzinfarkt. Er \u00fcberlebt. Blo\u00df Gl\u00fcck gehabt \u2013 oder ist es &#8222;die G\u00fcte des Herrn, dass wir nicht gar aus sind&#8220;? \u2013 Eine Frau muss zur Routineuntersuchung, der Arzt sagt ihr, die Ergebnisse seien bedenklich, schickt sie zum Spezialisten. Endlich die Erl\u00f6sung: es ist nicht &#8222;b\u00f6sartig&#8220;, was in ihr w\u00e4chst. Zufall \u2013 oder ein Zeichen der Barmherzigkeit, die noch kein Ende hat?<\/p>\n<p>Gottes Treue ist so best\u00e4ndig. da\u00df sie sich mit &#8222;jedem Morgen neu&#8220; einstellt. Derselbe Gott, der gestern und vorgestern am Werk war, der Noah in die Arche schickte, der Israel aus \u00c4gypten f\u00fchrte und der in dem Mann aus Nazareth zu uns Menschen kam \u2013 derselbe Gott, der Frauen und M\u00e4nnern nicht nur in Nazideutschland Mut und Kraft zum Widerstand gegen unmenschliche Diktaturen gab und gibt \u2013 derselbe Gott tritt auch heute f\u00fcr uns ein.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es sogar allein der G\u00fcte Gottes zu verdanken, dass wir \u00fcberhaupt noch \u00fcberleben, dass der Mensch sich nicht schon selbst ausl\u00f6schte. Wenn alles gegen uns ist \u2013 Gott ist f\u00fcr uns. Gott ist selbst dann f\u00fcr uns, wenn er uns zu versto\u00dfen scheint und uns im Leid versinken l\u00e4sst. Noch zu keiner Zeit war der christliche Glaube eine einfache Sache. Er musste und muss immer wieder gegen den Augenschein, gegen Schicksalsm\u00e4chte durchgehalten werden. Wird er aber durchgehalten, so ist er die Chance f\u00fcr uns \u00dcberlebende schlechthin. Trotz aller Krisen und Katastrophen wissen wir uns festgehalten. Was auch immer gegen uns ist, kann durch diesen Glauben seinen Schrecken verlieren.<\/p>\n<p>Damit geschieht aber bei mir etwas ganz Entscheidendes: ich kann auch das Leid annehmen. &#8222;Es ist ein k\u00f6stlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.&#8220; Das klingt nach Resignation und dumpfer Schicksalsergebenheit, hat aber damit nicht das Geringste zu tun. Es ist vielmehr h\u00f6chste Anspannung, auch das Leid aus Gottes Hand anzunehmen und auf seine Hilfe zu warten. Es ist ein tiefes Geheimnis, dass das aus Gottes Hand angenommene Leid verarbeitet und damit neutralisiert wird. Das nicht angenommene Leid dagegen macht uns k\u00f6rperlich und seelisch krank.<\/p>\n<p>Es kommt also, ich wiederhole es, auf die richtige Sichtweise an. Wer auf Gottes Barmherzigkeit baut und seine Hilfe erwartet, ist zwar nicht gegen Zweifel, Angst und Leid gefeit, wei\u00df sich aber in Gottes Treue geborgen. Auf der anderen Seite gibt es ein Leiden, das nur den Blick auf andere Menschen richtet. Es spekuliert auf Mitleid, Gunst und Sympathie. Jedoch \u2013 dadurch wird das Leid nicht verarbeitet. Und ebenso verh\u00e4lt es sich mit Menschen, die im Leid nur auf sich selbst schauen. Sie werden ihrer selbst \u00fcberdr\u00fcssig und zugleich misstrauisch gegen andere, denen es anscheinend besser geht. Aus diesem Misstrauen heraus stiften sie einen Konflikt nach dem anderen. In beiden F\u00e4llen f\u00fchrt das Leid letztlich zum Aufbegehren gegen Gott und gegen andere Menschen. Es erh\u00e4lt erst dadurch seine nachhaltige, st\u00e4ndig beunruhigende Wirkung.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist ein k\u00f6stlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.&#8220; Ich kann den Glauben daran behalten, selbst wenn er mir auch k\u00fcnftig wieder einmal zu schwinden droht oder zu gering erscheinen mag. Dann will ich mich daran erinnern, dass gerade im Aushalten und Durchstehen Gottes Treue zu mir sichtbar wird.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Peter Kusenberg<br \/>\n<a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">Email: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><br \/>\nTel.: 05506 \/ 8331<br \/>\nFax: 05506 \/ 7034<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zur\u00fcck zur Hauptseite]<\/span><\/a> <a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv.php\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zum Archiv]<\/span><\/a> <a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/konzept.php\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zur Konzeption]<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=990919.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. 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