{"id":21382,"date":"1999-09-15T10:10:31","date_gmt":"1999-09-15T08:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21382"},"modified":"2025-04-17T10:30:36","modified_gmt":"2025-04-17T08:30:36","slug":"markus-914-27-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-914-27-4\/","title":{"rendered":"Markus 9,14-27"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #0000a0; font-size: large;\">17. Sonntag nach Trinitatis | <\/span>26. September 1999 | Markus 9,14-27 | Hans Joachim Schliep |<\/h3>\n<table border=\"0\" width=\"500\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>&#8222;Und sie kamen zu den J\u00fcngern und sahen eine gro\u00dfe Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und gr\u00fc\u00dften ihn.<br \/>\nUnd Jesus fragte sie: &#8218;Was streitet ihr mit ihnen?&#8216;<br \/>\nEiner aber aus der Menge antwortete: &#8218;Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, rei\u00dft er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Z\u00e4hnen und wird starr. Und ich habe mit deinen J\u00fcngern geredet, da\u00df sie ihn austreiben sollen, und sie konnten&#8217;s nicht.&#8216;<br \/>\nJesus aber antwortete ihnen und sprach: &#8218;O du ungl\u00e4ubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!&#8216;<br \/>\nUnd sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, ri\u00df er ihn. Und er fiel auf die Erde, w\u00e4lzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.<br \/>\nUnd Jesus fragte seinen Vater: &#8218;Wie lange ist&#8217;s, da\u00df ihm das widerf\u00e4hrt?&#8216;<br \/>\nEr sprach: &#8218;Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, da\u00df er ihn umbr\u00e4chte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!&#8216;<br \/>\nJesus aber sprach zu ihm: &#8218;Du sagst: Wenn du kannst &#8211; alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt.&#8216;<br \/>\nSogleich schrie der Vater des Kindes: &#8218;Ich glaube; hilf meinem Unglauben!&#8216;<br \/>\nAls nun Jesus sah, da\u00df das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: &#8218;Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!&#8216;<br \/>\nDa schrie er und ri\u00df ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so da\u00df die Menge sagte: &#8218;Er ist tot.&#8216;<br \/>\nJesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.&#8220;Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Kann ich dieser Geschichte Glauben schenken? Jesus heilt einen Jungen, der von einem b\u00f6sen Geist besessen ist. Wer glaubt schon als Mensch des 20. Jahrhunderts, als aufgekl\u00e4rter Mensch, an b\u00f6se Geister, an D\u00e4monen oder gar noch an den &#8222;Teufel&#8220;? Ich bin aufgewachsen mit einem anderen Leitbild: Die Welt ist entzaubert. Mit Vernunft und gutem Willen meistern wir die Restrisiken des Lebens. Unheimliches, Unglaubliches, &#8222;b\u00f6se Geister&#8220; haben da keinen Platz. Und den &#8222;Teufel&#8220; sind wir l\u00e4ngst los.<\/p>\n<p>Doch meist schon nach wenigen Minuten &#8222;Tagesschau&#8220; schie\u00dft es mir durch den Kopf: Es ist &#8218;mal wieder der Teufel los! Wie Menschen verachtet, vergewaltigt und vernichtet werden! Unfa\u00dfbar! Unglaublich! Unglaublich auch, wie Glaube an &#8222;b\u00f6se Geister&#8220; neue Bl\u00fcten treibt, wie &#8222;Teufelskulte&#8220; wieder aus dem Boden schie\u00dfen. Dann geht es mir nicht aus dem Kopf: Sollte gerade dort der &#8222;Teufel&#8220; besonders heftig los sein, wo ich glaubte, ihn los zu sein?<\/p>\n<p>Verstehen Sie mich bitte recht: Wir d\u00fcrfen nicht wieder dahin kommen, uns das B\u00f6se als eine bestimmte menschliche Gestalt vorzustellen. Noch schlimmer ist es, wenn bestimmten Menschen die Fratze des B\u00f6sen angeheftet wird: &#8222;Die mit dem b\u00f6sen Blick.&#8220; Damit mu\u00df ein f\u00fcr allemal Schlu\u00df sein. Vor allem darf nicht wieder geschehen, da\u00df Kindern mit Bildern des B\u00f6sen, mit der Gestalt eines &#8222;Teufels&#8220; Angst eingejagt wird &#8211; Angst, die ihr Grundvertrauen ein Leben lang ersch\u00fcttert und zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Den n\u00fcchternen, klaren Blick aber f\u00fcr all&#8216; die Verkrampfungen und Verzerrungen, all&#8216; die Zerrissenheiten und Besessenheiten um uns herum &#8211; den m\u00fcssen wir uns bewahren. Und das klare Empfinden: &#8222;Du bist manchmal ja selbst von allen guten Geistern verlassen!&#8220; &#8211; wir m\u00fcssen es behalten, damit wir uns selbst richtig einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Jetzt r\u00fcckt mir der Junge aus der biblischen Erz\u00e4hlung m\u00e4chtig nahe. Er ist von allen <b>guten<\/b> Geistern verlassen. Er ist <b>besessen<\/b>, es sitzt gleichsam etwas auf ihm drauf, eine fremde, b\u00f6se Macht h\u00e4lt ihn besetzt. Die sch\u00fcttelt ihn, l\u00e4\u00dft ihn sch\u00e4umen und st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Was hat der Junge f\u00fcr eine Krankheit? Zun\u00e4chst: Was wir<b> <\/b>heute mit &#8218;Krankheit&#8216; bezeichnen, ist etwas anderes als das, was zur Zeit Jesu &#8218;Krankheit&#8216; bedeutete. Heute verstehen wir &#8218;Krankheit&#8216; in erster Linie medizinisch: irgendein K\u00f6rperorgan funktioniert nicht mehr richtig. Damals &#8211; und bis vor etwa 200 Jahren auch noch in unserem Kulturkreis &#8211; dachte man bei &#8218;Krankheit&#8216; an sehr viel mehr: Zum Beispiel an irgendeine Bedr\u00e4ngnis, in die man geraten war und aus der man aus eigenen Kr\u00e4ften nicht mehr herauskam. &#8222;Irgendetwas h\u00e4lt mich fest, besetzt und bedr\u00fcckt mich.&#8220;<\/p>\n<p>Das konnte, modern ausgedr\u00fcckt, eine &#8218;Pers\u00f6nlichkeitskrise&#8216;, eine &#8218;Sinnkrise&#8216; sein. Das konnte auch eine politische Bedr\u00fcckung sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich standen, als Markus sein Evangelium schrieb, mit den Juden auch die Christen in Pal\u00e4stina unter st\u00e4rkstem politischen Druck. Denn etwa um 70 nach Christus herum unterwarfen sich die R\u00f6mer das ganze Land. Sie zerst\u00f6rten den Jerusalemer Tempel. Alles stand unter Besatzungsrecht, \u00fcberall war die Besatzungsmacht. Wer sich religi\u00f6s oder politisch \u00e4u\u00dfern wollte, war erst einmal zum Verstummen gebracht, mundtot, sprachlos gemacht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Christen, diese kleine Minderheit, kam hinzu: Sie konnten sich kaum Geh\u00f6r verschaffen, die Leute liefen ihnen wieder davon, der kleine Rest schlo\u00df die Reihen fest zusammen, war in der Gefahr, sich abzuriegeln, \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse abzuwiegeln.<\/p>\n<p>Das alles gilt es mitzusehen beim Krankeitsbild des Jungen. Es schillert zwischen Epilepsie und Autismus. Der<i> stumme und taube Geist, der in Wasser und Feuer wirft<\/i>, ist ein Bild f\u00fcr einen Menschen, der &#8222;ganz zu&#8220; ist, &#8222;total stoned&#8220;, der sich abschlie\u00dft, besch\u00e4digt wurde und sich selbst besch\u00e4digt, beziehungsarm, ohne lebendigen Austausch, ohne Kommunikation vor-sich-hin-lebt, der zugleich die innere und \u00e4u\u00dfere Kontrolle \u00fcber sich selbst verloren hat. Beispiele aus unserer Zeit gibt es zuhauf, mehr als aus fr\u00fcheren Zeiten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen noch einen Schritt weitergehen. Er hat es<i> von Kindheit an<\/i>, schreibt Markus. Und so hei\u00dft es in alten Texten, wenn <b>Lebens\u00e4ngste<\/b>beschrieben werden, die <b>alle<\/b> Menschen haben. Ob der Mensch sich aus dem Tier entwickelt hat oder ob er eine ganz eigene Kreatur ist &#8211; das mag dahingestellt bleiben. Eine Kreatur ist er in jedem Fall. Nur knapp 2% seiner Anlagen, las ich vor kurzem, sollen den Menschen vom Orang Utan unterscheiden.<\/p>\n<p>Worum geht es also bei der Krankheit des Jungen auch? Der Neutestamentler Gerd Thei\u00dfen schreibt: &#8222;Es ist die Angst vor der &#8222;Bestie&#8220; im Dschungel um uns herum &#8211; und vor der &#8222;Bestie&#8220; in uns.&#8220; Eine Doppelangst also: Einerseits vor unkontrollierbaren Feinden, die uns stumm machen, vor denen wir erstarren und die Waffen strecken, andererseits vor einem Kontrollverlust \u00fcber uns selbst, in dem wir unser Ich verlieren, der uns beziehungslos macht, taub, ohne Antenne f\u00fcr Lebenszeichen von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Und da steht nun dieser Jesus! Warum hat Markus ihn in ein solches Geschehen mitten hinein gestellt, mitten hinein in diesen Lebenskampf, zwischen unsere Lebens\u00e4ngste?<\/p>\n<p>Die fr\u00fche Christenheit hat in Jesus eine Gestalt gesehen, der seinen eigenen Lebenskampf ohne Lebenskrampf besteht. In Jesus sind sie einem Menschen begegnet, der frei war von widerg\u00f6ttlichen Bindungen &#8211; der sie deshalb vom B\u00f6sen entbinden konnte, der allein vom Geist Gottes besetzt war &#8211; den deshalb kein anderer, kein Ungeist besetzen konnte, von dem Kr\u00e4fte der Heilung ausstr\u00f6mten &#8211; weil er mit dem Heiligen im Bunde war.<\/p>\n<p>So hat die fr\u00fche Christenheit Jesus in Anspruch genommen: als ihren Verb\u00fcndeten in ihrem Lebenskampf f\u00fcr den Frieden, das Recht und das Leben selbst. So hat er sich in Anspruch nehmen lassen.<\/p>\n<p>In gewisser Weise hat Markus die Christen in dem Jungen, den Jesus ber\u00fchrt, an die Hand nimmt und aufrichtet, abgebildet: wie sie sprachlos sind &#8211; und ihre Worte, ihre Gebete und Lieder immer wiederfinden, wie sie sich verschlie\u00dfen gegen andere, fremde Einfl\u00fcsse &#8211; und sich doch immer wieder aufschlie\u00dfen lassen f\u00fcr Neues und Fremdes, f\u00fcr Gottes gro\u00dfe, reiche Welt.<\/p>\n<p>Mag schon Markus hier ein Idealbild von Jesus zeichnen, mag die Jesus-Gestalt im Laufe der Geschichte auch zu einer gro\u00dfen Projektionswand geworden sein f\u00fcr alle Bilder vom Guten, vom Frieden, von Recht und Gerechtigkeit &#8211; ohne diese Gestalt h\u00e4tten wir doch gar keinen Blick mehr f\u00fcr&#8217;s Gute und f\u00fcr die G\u00fcte. Nur mit dieser Gestalt, die in einzigartiger, un\u00fcberholbarer Weise das Heilige darstellt, durch sein Bild uns erinnert an das, was heilig zu halten und wert zu achten ist, k\u00f6nnen wir dem endg\u00fcltigen Zugriff unserer eigenen unheiligen, unheilvollen Geschichte entkommen. Wie sollten wir ohne diese Jesus-Gestalt dem W\u00fcrgegriff der Bosheiten und Besessenheiten uns entwinden?! Gut handeln kann ich doch nur, wenn mich das Gute selbst ber\u00fchrt, erfa\u00dft hat.<\/p>\n<p>Darum ist Jesus eine &#8222;kulturelle Errungenschaft&#8220; in der menschlichen Entwicklung, eine Quelle unserer Bilder vom lohnenden Leben, mindestens das Hintergrund-Bild unserer inneren Leitbilder. Darum ist und bleibt Jesus eine Gestalt von \u00f6ffentlicher Bedeutung &#8211; \u00fcber die Mauern der Kirche hinaus, weit in unsere Gesellschaft, unsere Kultur hinein.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Auf andere Weise noch als in dem Jungen, liebe Gemeinde, hat Markus seine Christenleute abgebildet in dem <b>Vater<\/b>. Ein geplagter Vater sucht f\u00fcr seinen gepeinigten Sohn einen Schonraum, eine Schutzzone, ein <b>Kraftfeld<\/b>vor allem, in dem Kr\u00e4mpfe sich l\u00f6sen, in dem die Glieder und der Geist neu zu Kr\u00e4ften kommen, anstatt in t\u00f6dliche Starre zu verfallen.<\/p>\n<p>Wo sucht er diese Lebenskr\u00e4fte? Er sucht sie bei den J\u00fcngern, bei den Frauen und M\u00e4nnern, die die werdende Kirche sind. Die ist &#8211; wie Markus gleich zu Anfang erz\u00e4hlt &#8211; noch gefangen im Streit, in Diskussion und Disputation mit anderen und mit sich selbst. Deshalb bleiben die Lebenskr\u00e4fte, die Gott seiner werdenden Kirche gegeben hat, noch unwirksam, noch verborgen. Es macht Jesus zornig, da\u00df sie nicht erkennen: Sie sind Teil der Lebenskraft Gottes und haben teil an ihr. Dabei wird klar, was Kirche ist, wenn sie wirklich Kirche ist: <b>Kirche &#8211; dort vollzieht sich ein schonender und sch\u00fctzender, ein helfender und heilender Umgang mit dem besch\u00e4digten Leben! Kirche &#8211; eine heilende Gemeinschaft!<\/b><\/p>\n<p>Heute suchen Menschen neu nach Lebensenergie. Sollen sie in esoterische Zirkel abwandern? Sollen sie unnahbare, kalte kosmische Kr\u00e4fte anbeten? Sollen sie mit Geld bezahlen, was in Gold nicht aufzuwiegen ist: jemand h\u00f6rt mir zu, jemand ber\u00fchrt mich freundlich, jemand betet f\u00fcr mich, jemand gew\u00e4hrt mir Schutz, jemand segnet mich?<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ja schon etwas gewesen: Wenn die J\u00fcnger den geschundenen Sohn und den geschlagenen Vater freundlich in ihre Mitte genommen h\u00e4tten! Wenn sie gebetet statt gestritten h\u00e4tten! Das w\u00e4re &#8211; inmitten allen Unheils &#8211; schon ein Zeichen des Heils gewesen. Gr\u00f6\u00dfere Wunder werden gar nicht erwartet. Mit den Besch\u00e4digungen leben zu k\u00f6nnen und keine neuen hinzuzuf\u00fcgen, damit w\u00e4re bereits viel gewonnen. &#8222;Es gibt erf\u00fclltes Leben trotz unerf\u00fcllter W\u00fcnsche.&#8220; K\u00f6nnte ich nach diesem Leitgedanken leben &#8211; es w\u00e4re schon ein gro\u00dfes Wunder.<\/p>\n<p>Um so wichtiger ist es, da\u00df Jesu J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger, da\u00df wir als Kirche uns in dem Vater wiedererkennen.<\/p>\n<p><i>Bringt ihn her &#8211; zu <b>mir<\/b>! <\/i>Jesus springt dem besorgten Vater bei. Er springt ihm sogar mit dem Glauben bei: <b><i>Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt. <\/i><\/b><\/p>\n<p>Das ist ein unm\u00f6glicher Satz. Nur von Gott l\u00e4\u00dft sich sagen: Alles ist ihm m\u00f6glich. Was nur von Gott gilt &#8211; Jesus spricht es den Menschen zu, in deren N\u00e4he er kommt, l\u00e4\u00dft sie teilhaben an Gottes Lebensmacht.<\/p>\n<p>Unsere Geschichte l\u00e4\u00dft mich neu entdecken: F\u00fcr Jesus ist Glaube das, was viel selbstverst\u00e4ndlicher ist, was dem Menschen viel n\u00e4her liegt als der Unglaube. Der erste Schrei &#8211; ein Neugeborenes schnappt nach Atem, wei\u00df von nichts, aber kann schon darauf bauen: Meine Lungen werden mit Luft, meine Glieder werden mit Leben gef\u00fcllt. Die V\u00f6gel werfen ihre Jungen aus dem Nest &#8211; denn sie <b>werden<\/b> fliegen. Zutrauen in die Lebenskr\u00e4fte, Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit, Mitgef\u00fchl sind nicht nur die besten, sie sind erste menschliche Regungen.<\/p>\n<p>Glauben also macht lebensgewi\u00df &#8211; und deshalb lebensf\u00e4hig. In diesem Glauben, sagt Jesus, ist Gott selbst am Werk. Es ist <b>dein <\/b>Glaube. Glaube bedeutet, an Gottes Willen zum Leben teilhaben und durch ihn Leben erm\u00f6glichen. Glaube ist das, was das Leben f\u00f6rdert, das Lebensf\u00f6rderliche schlechthin &#8211; also auch Widerspruch und Widerstand gegen alles, was das Leben besch\u00e4digt und bedroht. &#8218;Bei diesem Kampf&#8216;, sagt Jesus dem Vater, &#8218;hast du Gott zum Verb\u00fcndeten.&#8216; Denn die Bestie ist auch angelegt in uns.<\/p>\n<p><i>Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da <b>glaubt<\/b>.<\/i> Es hei\u00dft nicht: &#8222;Gott wird&#8217;s schon machen.&#8220; Es hei\u00dft auch nicht: &#8222;Du mu\u00dft alles selber machen.&#8220; Es hei\u00dft: &#8222;La\u00df dich heute, jetzt auf Gottes Kraft mitten unter uns ein! La\u00df Gottes gute Kr\u00e4fte zu bei dir selbst!&#8220;<\/p>\n<p>Nun habe ich geh\u00f6rt: Glaube ist das, was mutig, geduldig und stark macht, was mein Leben f\u00f6rdert und womit ich Leben f\u00f6rdern kann und soll. Und doch&#8230;&#8230;.und gerade deshalb m\u00f6chte ich einstimmen in den Schrei des Vaters: <b><i>Ich glaube &#8211; hilf meinem Unglauben!<\/i><\/b><\/p>\n<p>Das ist wie der Schrei des Neugeborenen, das nach der<b> <\/b>Luft schnappt, von der es umgeben ist. Dieser Schrei trennt den Vater von dem b\u00f6sen Geist, der sich in seinem Sohn eingenistet, eingefressen hat. Mit diesem Schrei vertritt der Vater den Sohn in seiner stummen Verzweiflung &#8211; und mit diesem Schrei l\u00e4\u00dft sich der Vater in seiner Ausweglosigkeit von Jesus vertreten. Dieser Schrei ist Lebenskraft: weder leugnet sie das Lebensgef\u00e4hrdende noch unterwirft sie sich ihm.<\/p>\n<p>Was lockt diesen Schrei hervor? Ist es die Not, in der der Vater keinen Ausweg mehr sieht? Not kann ungeahnte Kr\u00e4fte freisetzen! Aber das ist es hier nicht. Es ist die N\u00e4he Jesu, es ist die Kraft, die von ihm ausgeht: sie zieht ihn an wie ein Magnet, macht im Vater den Glauben so stark, da\u00df er in voller Klarheit seinen Unglauben Jesus vor die F\u00fc\u00dfe werfen kann. <b><i>Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt.<\/i><\/b><i><\/i> Mit diesen Worten hat Jesus dem Vater soviel Glauben zugesprochen, ja, zugemutet, da\u00df der Vater seinerseits nun seinen ganzen Unglauben ihm zumuten, ihm anheimstellen kann.<\/p>\n<p>So wird dieser Schrei zum Glauben. Indem er den Unglauben eingesteht, widersteht er ihm. Indem er die eigenen Grenzen erkennt, \u00fcberschreitet er sie &#8211; auf einen Gr\u00f6\u00dferen hin, dem er sich anvertraut. Der Glaube <b>an<\/b> Gott wird Glaube <b>in <\/b>Gott! Und erst als es auch aus dem Jungen herausschreit, ist er den b\u00f6sen Geist los. Im Schrei nach Gottes Hilfe wird der Glaube geboren. Der eine Schrei entspringt im anderen: <b><i>Ich glaube &#8211; hilf meinem Unglauben!<\/i><\/b><\/p>\n<p>Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt. Das hei\u00dft deshalb nicht: Dem Glaubenden ist alles m\u00f6glich, was er sich w\u00fcnscht und vornimmt. Das w\u00e4re ein titanischer \u00dcberglaube, der immer der schlimmste Aberglaube ist. Es hei\u00dft: Dem Glaubenden wird m\u00f6glich, was Gott sich vornimmt und dem Menschen schenkt.<\/p>\n<p>Der Vater tut, was Eltern f\u00fcr Kinder in Not tun m\u00fcssen: f\u00fcr sie eintreten, sie vertreten. M\u00fctter k\u00f6nnen das oft noch besser als V\u00e4ter. Und so vertreten sie Gott. Sie w\u00e4ren aber v\u00f6llig \u00fcberfordert, lie\u00dfen sie sich nicht selbst vertreten. Alles tun kann ich erst, wenn ich wei\u00df, da\u00df mein Tun nicht alles ist.<\/p>\n<p>Jesus vertritt Gott <b>und<\/b> den Vater. Er bringt den Vater dazu, beides anzuerkennen: Ich bin das Ebenbild Gottes. Ich bin ausgestattet mit starken Kr\u00e4ften und einer wichtigen Aufgabe. Es ist eine Freude, jeden Tag zu erwachen und Mensch zu sein. Ich bin gleichzeitig eine Kreatur, die Hilfe und Kraft braucht und jemanden, der f\u00fcr mich einsteht.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Jesus vertritt meinen Glauben mit seinem Glauben &#8211; und in dem hat mein Unglaube Platz.<\/p>\n<p>La\u00df dich also ber\u00fchren vom Heiligen.<\/p>\n<p>La\u00df Jesus deine Hand ergreifen und dich aufrichten!<\/p>\n<p>Stehe so auf deinen eigenen F\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<p>Wachse hinein in die Vollmacht des Glaubens, die Menschen &#8211; Kindern, Frauen und M\u00e4nnern &#8211; die Sprache wiedergibt, sich gegenseitig st\u00fctzen und aufrichten l\u00e4\u00dft &#8211; und allem widerstehen, was das Leben bedroht.<\/p>\n<p>Wenn aber die b\u00f6sen Geister wiederkehren, die Verkrampfungen und Verzerrungen, wenn ich am Ende doch so wenig machen kann?<\/p>\n<p>Dann bedenke: Vielleicht hat Gott dich an diesen Platz gestellt, weil du IHN diesem einen Menschen gegen\u00fcber vertreten darfst &#8211; nicht als ertr\u00e4umter, sondern als wirklicher, nicht als vollkommener, sondern als angefochtener Mensch, der selber Hilfe braucht. Nur so kannst du ja der Anderen, dem Anderen nahe sein. Wenn du wei\u00dft, wie erg\u00e4nzungsbed\u00fcrftig du selbst bist, bekommst du den Blick f\u00fcr das, was andere zum Leben brauchen.<\/p>\n<p>So kommst du an Ratlosigkeiten nicht vorbei &#8211; aber hindurch.<\/p>\n<p>Du bist gew\u00fcrdigt, Gottes Liebe zu vertreten, die einzige Macht, die nicht nach Nutzen und Kosten fragt, die jeden Menschen bejaht um seiner selbst willen.<\/p>\n<p>Dazu hat Gott sich mit Menschen wie dich verb\u00fcndet und dich im Glauben zum Leben erm\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Du bist Teil der Lebenskraft Gottes &#8211; und du hast teil an ihr.<\/p>\n<p>Und mach&#8216; es so, wie der Arzt, von dem ich neulich h\u00f6rte, eine Kapazit\u00e4t auf seinem Gebiet. Sein junger Assistent fragt ihn: &#8222;Wenn f\u00fcr einen schwierigen Eingriff alles bestens vorbereitet, wenn alles Menschenm\u00f6gliche getan ist, warum gehen Sie dann ans Fenster?&#8220; &#8211; &#8222;Ich blicke dann zum Himmel und bete.&#8220;<\/p>\n<p>Beten &#8211; das allein hilft, sagt Jesus in ihrem Gespr\u00e4ch nach diesem Ereignis seinen J\u00fcngern. Aber Beten kann doch keine Tat ersetzen!? Richtig. Beten ersetzt keine einzige Tat. Aber keine Tat kann Beten ersetzen. Nicht einmal die Summe aller Taten kommt gegen das Beten auf. Beten schw\u00e4cht aber doch die Ich-Kr\u00e4fte!? Betende k\u00f6nnen Ich sagen, ohne alles nur von sich erwarten zu m\u00fcssen. Betende handeln und lassen geschehen, was handelnd nicht erreicht werden kann: Vertrauen, Gewi\u00dfheit zum Beispiel. Was dem Beten folgt, so Gerhard Ebeling sinngem\u00e4\u00df, kann ohnehin nicht daf\u00fcr einstehen, ob das Gebet geh\u00f6rt und erh\u00f6rt ist, sondern nur, da es geh\u00f6rt ist, wie es erh\u00f6rt ist.<\/p>\n<p>Und Beten ist etwas f\u00fcr Menschen, die keine gro\u00dfen Worte machen m\u00f6gen. Solltest du zu diesen Menschen geh\u00f6ren, solltest du besonders n\u00fcchtern bleiben wollen, dann denke &#8211; und deshalb bete:<\/p>\n<p>Ich soll ja nicht m\u00f6glich machen, was unm\u00f6glich ist. Allerdings: Nicht unm\u00f6glich zu machen, was m\u00f6glich ist, dazu bin ich berufen.<\/p>\n<p><b>Kann ich dieser Geschichte Glauben schenken? <\/b><\/p>\n<p>Diese Geschichte schenkt mir Glauben!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Klaus Berger: Darf man an Wunder glauben?, Stuttgart 1996<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Ebach: Wie einer auf die eigenen F\u00fc\u00dfe kam. Bibelarbeit \u00fcber Markus 9,14-29, in: Hiobs Post, Neukirchen 1995, S. 164-182<\/p>\n<p>Michael M. Sch\u00f6nberg: von oben herab. 32 Texterhebungen, Stuttgart 1995, S. 91-95<\/p>\n<p>Gerd Thei\u00dfen: Die offene T\u00fcr. Biblische Variationen zu Predigttexten, M\u00fcnchen 1990, S. 61-65<\/p>\n<p>Gerd Thei\u00dfen: Lichtspuren. Predigten und Bibelarbeiten, G\u00fctersloh 1994, S. 117-131<\/p>\n<p><i>Hans Joachim Schliep<\/i><br \/>\nPastor auf dem Kronsberg (EXPO-Wohngebiet)<br \/>\nBerlageweg 4, 30559 Hannover<br \/>\nTel.\/Fax: 0511-52 75 99<br \/>\nE-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zur\u00fcck zur Hauptseite]<\/span><\/a> <a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv.php\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zum Archiv]<\/span><\/a> <a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/konzept.php\"><span style=\"color: #ff8040;\">[Zur Konzeption]<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=990926.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Sonntag nach Trinitatis | 26. September 1999 | Markus 9,14-27 | Hans Joachim Schliep | &#8222;Und sie kamen zu den J\u00fcngern und sahen eine gro\u00dfe Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und gr\u00fc\u00dften ihn. 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