{"id":21388,"date":"1999-10-15T10:14:14","date_gmt":"1999-10-15T08:14:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21388"},"modified":"2025-04-18T17:32:05","modified_gmt":"2025-04-18T15:32:05","slug":"jesaja-58-7-12-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-58-7-12-7\/","title":{"rendered":"Jesaja 58, 7-12"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">Erntedank | 3. Oktober 1999 | Jesaja 58, 7-12<\/span><span> | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Christiane Neukirch |<\/span><\/h3>\n<p>Erntedankpredigt f\u00fcr die Kirchengemeinde Geversdorf, ein kleines Dorf im Land Hadeln.<\/p>\n<p>Der Predigt geht eine kleine Aktion voran: Die Kinder, die in dem Gottesdienst sind, kommen nach vorne, und legen Sonnenblumensamen in vorbereitete T\u00f6pfe. Dazu sagen sie ihre Namen, die auf einen Zettel geschrieben werden. Diese werden dann mit in den Topf gesteckt. W\u00e4hrend die Kinder nach vorne kommen, wird das Lied &#8222;Wir pfl\u00fcgen und wir streuen&#8220; gesungen.<\/p>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr dieses Erntedankfest steht bei Jesaja im 58. Kapitel.<\/p>\n<p>Jesaja sagt: &#8222;Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne alte Br\u00e4uche haben wir im Kirchenjahr. Br\u00e4uche, die unser Leben begleiten, gestalten und bereichern. Die Erntekrone zum Beispiel, der besondere Schmuck der Kirche an diesem Tag, das Lied &#8222;Wir pfl\u00fcgen und wir streuen&#8220; &#8211; das und mehr geh\u00f6rt zum Erntedankfest bei uns in Geversdorf zweifellos dazu.<\/p>\n<p>Aber die Bewahrung der Traditionen hat ihren Sinn nicht nur in der Erinnerung und im Festhalten des Altbekannten. Traditionen, die keinen Bezug zur Gegenwart mehr haben, werden mit der Zeit verschwinden. Sie halten sich nicht.<\/p>\n<p>Wir feiern das Erntedankfest nicht nur, weil es bei uns Tradition ist. Ernten &#8211; Danken &#8211; und Feiern &#8211; das sind Bestandteile unseres heutigen Lebens genau so wie fr\u00fcher. Und auch in Zukunft wird das so sein.<\/p>\n<p>Ernten &#8211; Danken &#8211; Feiern &#8211; worum geht es dabei?<\/p>\n<p>Ernten &#8211; das ist doch ganz einfach, ganz klar, werdet ihr denken. Wir leben ja nicht in der Stadt, wo die Salatk\u00f6pfe im Supermarktregal liegen und der Rosenkohl in abgewogenen Portionen in Netzen verkauft wird, und die Menschen zum Teil gar nicht mehr wissen, wie all das w\u00e4chst, wovon wir uns ern\u00e4hren, die Fr\u00fcchte, Gem\u00fcse, Getreide. Wir sind erdverbunden, und unser Lebensraum ist landwirtschaftlich gepr\u00e4gt, da ger\u00e4t nicht in Vergessenheit, was zum Ernten dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Im ganz Kleinen haben die Kinder in diesem Gottesdienst den Anfang gemacht: Sie haben eine Sonnenblume ges\u00e4t, indem sie den Samen in die Erde gelegt und ihn mit Erde bedeckt haben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich s\u00e4en die Bauern heute mit moderner Technik und in gro\u00dfem Umfang &#8211; genau berechnet, welche Saat auf welchen Acker; und wie die Kinder nun zu Hause das Wachsen ihrer Sonnenblume beobachten und durch Gie\u00dfen und Pflegen f\u00f6rdern k\u00f6nnen, so tun es die Bauern genau so: Die Getreidepflanzen brauchen optimale Bedingungen, damit die Ernte gut wird; Sch\u00e4dlinge m\u00fcssen ferngehalten oder vertrieben werden; zugleich muss gew\u00e4hrleistet sein, dass die geernteten Fr\u00fcchte gesund und nicht belastet sind.<\/p>\n<p>Man muss kein Landwirt sein, um gro\u00dfen Respekt davor zu haben, was alles an \u00dcberlegungen, an M\u00fche und Arbeit dazugeh\u00f6rt, dass die Ernten eingefahren werden k\u00f6nnen, die wir Jahr um Jahr verzeichnen.<\/p>\n<p>Um so wichtiger aber, dass wir dabei nicht stehen bleiben und sagen: &#8222;Wir alleine sind die &#8222;Macher&#8220;, die Produzenten unserer Nahrungsmittel!&#8220;<\/p>\n<p>Wenn wir nur bei unserer Ernteleistung stehen bleiben, nur unser Menschenwerk darin sch\u00e4tzen k\u00f6nnten, dann w\u00fcrden wir ja auch nie Abstand von all den Problemen gewinnen k\u00f6nnen, in die unsere Landwirtschaft heute eingebunden ist. Und die sind gro\u00df genug!<\/p>\n<p>In der gemeinsamen Erkl\u00e4rung zum Erntedank 1999 vom Ausschuss f\u00fcr den Dienst auf dem Lande der EKD und der katholischen Landvolkbewegung Deutschlands, die in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bauernverband und dem deutschen Landfrauenverband erstellt worden ist, hei\u00dft es: &#8222;F\u00fcr die B\u00e4uerinnen und Bauern in Deutschland und der Europ\u00e4ischen Union ist Erntdank 1999 Anlass zur Auseinandersetzung mit den durch die in diesem Jahr beschlossenen Agenda 2000 weiter sinkenden Erzeugerpreisen&#8230;. Das bedeutet etwa 7-15% weniger Gewinn. Diese Verluste werden durch direkte Beihilfen nur teilweise aufgefangen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Das sind Aussagen, die keine rosige Zukunft f\u00fcr die landwirtschaftlichen Betriebe bei uns in Aussicht stellen. Sie setzen Menschen, die Arbeit und Sinn f\u00fcr ihr Leben in der Landwirtschaft gefunden haben, unter enormen Druck. Sie k\u00fcndigen Ver\u00e4nderungen an, die unser ganzes Land betreffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gerade weil das so ist, brauchen wir diesen heutigen Sonntag &#8211; als Tag, an dem wir einmal nicht bei uns, unseren Leistungen und Problemen stehen bleiben, sondern als Tag, der uns ein gro\u00dfes Geschenk macht: zur Ruhe zu kommen, Abstand von uns zu gewinnen, mit Freude zu betrachten, was wir alles zum Leben haben und darin auch das Wirken dessen zu erkennen, der uns das alles \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht! So geh\u00f6rt zum Ernten eben auch das Danken: unserem Gott und Sch\u00f6pfer.<\/p>\n<p>Es ist doch so: Bei allen unseren Problemen &#8211; Gott stellt die Weichen, dass wir s\u00e4en und ernten k\u00f6nnen, dass unsere M\u00fchen mit Erfolg belohnt werden, auch wenn sich das mit Geld nicht gerecht ausdr\u00fccken l\u00e4sst. Er schenkt uns die Kraft, er hat uns seine Sch\u00f6pfung anvertraut.<\/p>\n<p>Ja, wir sagen um so mehr &#8222;Danke, Gott!&#8220; als wir die Augen nicht davor verschlie\u00dfen k\u00f6nnen, dass in unserer gar nicht weit entfernten europ\u00e4ischen Nachbarschaft Menschen das N\u00f6tigste zum Leben nicht sicher haben, nicht satt werden, noch immer bedroht sind &#8211; im Kosovo, das noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist. Ja, auch von Menschen in Not auf anderen Kontinenten dieser Erde wissen wir.<\/p>\n<p>So kann und darf sich unser Erntedank auch nicht in einem Festgottesdienst ersch\u00f6pfen. Ernte-Dank-Fest &#8211; das zu feiern &#8211; richtig zu feiern, dazu sei uns der Predigttext die beste Anleitung: &#8222;Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut&#8220;.<\/p>\n<p>Froh sein \u00fcber den kleinen Blumentopf auf der Fensterbank, aus dem eine sch\u00f6ne Sonnenblume wachsen kann, das ist der Anfang, aber sicher nicht das Ende. Wer sich nur \u00fcber seine eigene Ernte, seine eigenen Erfolge freuen kann, der verkennt, dass wir alle zusammenh\u00e4ngen, voneinander und f\u00fcreinander leben.<\/p>\n<p>In all den Blument\u00f6pfen, die die Kinder mit nach Hause nehmen nach dem Gottesdienst, ist dieselbe Erde, die andere f\u00fcr euch hierher gebracht haben; und die Sonnenblumenkerne, die ihr gepflanzt habt, wer wei\u00df, vielleicht stammen sie alle von derselben Sonnenblume?<\/p>\n<p>Und die Menschen dieser Erde &#8211; haben sie alle, haben wir nicht alle unser Leben von dem einen Gott? Und dieser eine, in Jesus Mensch gewordene, verbindet er uns nicht an seinem Tisch in Brot und Wein auch heute wieder neu mit sich und miteinander und will, dass wir seine Bereitschaft zu teilen, zu helfen, zu sorgen weiterleben?<\/p>\n<p>Wir teilen Kaffee und Kuchen im Anschluss an den Gottesdienst auf der Empore miteinander. Wir k\u00f6nnen durch unser Einkaufen die regionale Landwirtschaft bei uns st\u00fctzen, indem wir kaufen, was hier produziert wird; wir k\u00f6nnen spenden f\u00fcr Menschen in Not &#8211; nicht nur Geld, sondern zum Beispiel Kleidung und Schuhe &#8211; in der Partnergemeinde unseres Kirchenkreises werden vor allem dringend Schuhe gebraucht. Wir k\u00f6nnen die Urteile, die wir \u00fcber andere f\u00e4llen, in Frage stellen und versuchen, die Welt mit ihren Augen zu sehen &#8211; denn es gibt auch viel Hunger nach Menschlichkeit und Verst\u00e4ndnis unter uns! Wir k\u00f6nnen das alles tun &#8211; und mehr &#8211; und vergeben uns nichts dabei. Darum geht es beim Ernte-Dank und Feiern.<\/p>\n<p>Das Lied, das wir jetzt singen, will uns darin best\u00e4rken: &#8222;Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt, f\u00e4llt ein Tropfen von dem Regen, der aus W\u00fcsten G\u00e4rten macht.&#8220;<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Christiane Neukirch, Geversdorf, E-Mail: johannes.neukirch@t-online.de<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=991003.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedank | 3. Oktober 1999 | Jesaja 58, 7-12 | Christiane Neukirch | Erntedankpredigt f\u00fcr die Kirchengemeinde Geversdorf, ein kleines Dorf im Land Hadeln. 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