{"id":21390,"date":"2000-10-15T10:15:24","date_gmt":"2000-10-15T08:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21390"},"modified":"2025-04-16T20:49:08","modified_gmt":"2025-04-16T18:49:08","slug":"markus-1-32-39-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1-32-39-3\/","title":{"rendered":"Markus 1, 32-39"},"content":{"rendered":"<h3>19. Sonntag nach Trinitatis | 10. Oktober 1999 | Mk 1,32\u201329 | Walter Meyer-Roscher |<\/h3>\n<p>Der Predigttext:<\/p>\n<p>&#8222;Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Die ganze Stadt versammelte sich vor der T\u00fcr. Er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, trieb viele b\u00f6se Geister aus und lie\u00df die Geister nicht reden, denn sie kannten ihn. Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Er ging an eine einsame St\u00e4tte und betete daselbst. Simon mit denen, die bei ihm waren, eilte ihm nach. Als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin in die n\u00e4chsten St\u00e4dte gehen, dass ich daselbst auch predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Gali\u00e4a und trieb die b\u00f6sen Geister aus.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>I.<br \/>\n&#8222;Jedermann sucht dich&#8220; &#8211; ja, damals! Aber heute sprechen die Zahlen eine andere Sprache und die sogenannten Realisten, die auf Zahlen fixiert sind, sagen: Immer weniger suchen ihn. Sie raten den Kirchen zum R\u00fcckzug aus der \u00d6ffentlichkeit und in die Nischen der Gesellschaft. Sie raten uns in unseren Gemeinden, die Verk\u00fcndigung des Evangeliums auf die Kerngemeinde auszurichten und das Gemeindeleben ausschlie\u00dflich f\u00fcr die, die schon immer dazu geh\u00f6rten und auch weiter dazu geh\u00f6ren wollen, zu gestalten. Kirche f\u00fcr Insider, eine &#8222;geschlossene Gesellschaft&#8220;!<\/p>\n<p>Lassen wir uns von den Zahlen und von den vorgeblichen Realisten beeindrucken? Verschlie\u00dfen wir die Tr\u00e4ume und Hoffnungen von damals in der Erinnerung? &#8222;Jedermann sucht dich&#8220; &#8211; ist das heute wirklich nur noch eine Illusion?<\/p>\n<p>II.<br \/>\nDer Evangelist schildert am Beginn der Wirksamkeit Jesu die unglaublichen Erwartungen vieler Kranker. Unter den Kranken aber sind es vor allem die von b\u00f6sen Geistern Besessenen, die ihn suchen. Heilung von ihrer Besessenheit erhoffen sie sich, Heilung von den M\u00e4chten, die sie mit zerst\u00f6rerischer Gewalt beherrschen, hin- und herrei\u00dfen, orientierungslos, handlungsunf\u00e4hig, lebensunt\u00fcchtig machen &#8211; oder eben auch &#8222;wahnsinnig&#8220;, einem Wahn verfallen.<\/p>\n<p>Das aber k\u00f6nnen uns die Realisten doch nun gerade nicht einreden: Die \u00dcberzeugung, dass Besessenheit lediglich ein Ph\u00e4nomen der Vergangenheit sei und eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft nicht mehr zu beunruhigen brauche. Besessenheit von einem Geist, der Leben und Zusammenleben zerst\u00f6ren kann; Besessenheit von einer Macht, die alles Denken und Handeln beeinflusst, die einen euphorisch antreibt und die anderen ohnm\u00e4chtig, willenlos macht &#8211; das gibt es auch heute. Die Wahnsinnigen und die Ohnm\u00e4chtigen &#8211; ihre Zahl ist keineswegs r\u00fcckl\u00e4ufig. Sie ist besorgniserregend angewachsen.<\/p>\n<p>G\u00fcnter Kunert meint sie wohl beide in seinem Gedicht: die, die von dem Wahn getrieben werden, dass alles machbar ist, und die, die diesen Machern und ihrem Wahn ausgeliefert sind.<\/p>\n<p>&#8222;Nicht festzuhalten: Dieser Tag. Das Leben.<br \/>\nGewebe l\u00f6st sich auf und schwindet hin.<br \/>\nWas auch geschieht, du suchst den Sinn,<br \/>\nzumindest wirst du danach streben.<br \/>\nErkenntnis die: Wir k\u00f6nnen uns nicht fassen<br \/>\nUnd finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht.<br \/>\nUnd keinen, der uns Hilfe reicht.<br \/>\nWir sind uns ohne Gnade \u00fcberlassen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220; hat G\u00fcnter Kunert sein Gedicht \u00fcberschrieben. Wir haben uns selbst zu G\u00f6ttern gemacht, meint er, und finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht.<\/p>\n<p>III.<br \/>\nSein wollen wie Gott &#8211; ein uralter Menschheitstraum. Und wieviel hat der Mensch schon erreicht, um der Realisierung dieses Traums ganz nahe zu kommen. Die Beherrschung der Natur und ihrer Gesetze ist Wirklichkeit geworden. Leben zu erzeugen, zu steuern und zu manipulieren, liegt im Bereich des Machbaren. Ja, wir finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht.<\/p>\n<p>So w\u00e4chst der Glaube an die Machbarkeit aller Dinge, auch an die Machbarkeit gelingenden Lebens und menschenw\u00fcrdig geregelten Zusammenlebens. Das ist wie ein Zwang, der niemanden losl\u00e4sst und alle erbarmungslos weitertreibt.<\/p>\n<p>Aber wie kommt es, dass gleichzeitig die Leiden der Ohnm\u00e4chtigen in unserer Welt \u00fcberhand nehmen, dass Machtmissbrauch und Machbarkeitswahn so entsetzlich viele Opfer fordern? Das wahnsinnige Lebensgef\u00fchl &#8222;den G\u00f6ttern gleich&#8220; &#8211; wie schnell verwandelt es sich in ein Gef\u00fchl von Orientierungslosigkeit, von Ohnmacht, von Resignation bei denen, die unter die Macher gefallen sind und sich aus eigener Kraft nicht wieder erheben k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen es nicht fassen. Kunert versucht, weiter zu fragen und bekennt: &#8222;Wir k\u00f6nnen uns nicht fassen und finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht&#8220;. Dann stehen wir gleichzeitig entsetzt vor den Folgen eines Machbarkeitswahns, der schon zur Besessenheit geworden ist. Wehe denen, die versagen oder die sich vertun, die etwas falsch gemacht haben! Wehe denen, die zur\u00fcckbleiben, wenn Tempo gemacht wird! Und dann kann ohnm\u00e4chtige Wut, Angst, die krank macht, Resignation, die alle Hoffnung verdorren l\u00e4\u00dft, zur Besessenheit werden &#8211; zu einem Zeitgeist, der hin- und herrei\u00dft, orientierungslos, handlungsunf\u00e4hig und lebensunt\u00fcchtig macht.<\/p>\n<p>Beide sind krank in ihrer Besessenheit und brauchen Heilung &#8211; die Macher und die Ohnm\u00e4chtigen, die unter den Machern leiden.<\/p>\n<p>&#8222;Erkenntnis die&#8220;, schreibt G\u00fcnter Kunert, &#8222;wir k\u00f6nnen uns nicht fassen und finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht und keinen, der uns Hilfe reicht. Wir sind uns ohne Gnade \u00fcberlassen&#8220; &#8211; gnadenlos auf uns selbst zur\u00fcckgeworfen! Wenn das unsere Zukunft ist, dann gnade uns Gott!<\/p>\n<p>Wir sagen das so, wir gebrauchen diese Redensart, um unsere \u00c4ngste und Bef\u00fcrchtungen, aber auch ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Resignation zum Ausdruck zu bringen. Und doch leuchtet in dieser Redewendung &#8222;dann gnade uns Gott&#8220; gleichzeitig auch eine Hoffnung auf &#8211; die Hoffnung auf einen Gott, der uns gn\u00e4dig begegnet.<\/p>\n<p>IV.<br \/>\nJedermann sucht dich &#8211; keineswegs nur damals! Der Glaube an die Machbarkeit gelingenden Lebens wird sehr schnell br\u00fcchig, und dann steigt die Sehnsucht auf &#8211; die Sehnsucht nach Heilung von den unseligen Geistern, die ein Leben zerst\u00f6ren und das Zusammenleben in einer Gesellschaft auseinander rei\u00dfen k\u00f6nnen. Dann w\u00e4chst die Sehnsucht nach glaubw\u00fcrdigen Kriterien des Menschseins und nach gelingendem Leben &#8211; gerade auch unter dem Ansturm der Probleme, unter dem Druck vielfacher Anforderungen und vielfacher Verunsicherung.<\/p>\n<p>&#8222;Jedermann sucht dich&#8220; &#8211; und Jesus nimmt die Sehnsucht der Menschen nach Heilung auf. Der Evangelist zeichnet ein Bild, in dem bestimmte Z\u00fcge des Wirkens Jesu besonders hervortreten: Die Offenheit, mit der er auf Menschen zugeht, ohne sie auf Bedingungen f\u00fcr Heilung und Heil festzulegen; die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo die einen ihr Unwesen treiben und die anderen sich qu\u00e4len. Allen wendet er sich zu, den Besessenen, den Heillosen. Seine N\u00e4he bringt die b\u00f6sen Geister zum Schweigen. Das Bild spiegelt eine Souver\u00e4nit\u00e4t wider, die aus dem Bewusstsein erw\u00e4chst, einen g\u00f6ttlichen Auftrag zu haben. Schlie\u00dflich l\u00e4sst es eine tiefe Geborgenheit ahnen, aus der heraus Jesus lebt, aus der heraus er redet und handelt.<\/p>\n<p>Wenn der Evangelist schreibt, dass Jesus noch vor dem Anbruch des neuen Tages, der mit neuen Herausforderungen auf ihn zukommt, die Einsamkeit sucht und betet, dann schlie\u00dft das f\u00fcr ihn ein: Erfahrung der N\u00e4he Gottes, Konzentration auf das, was das Leben tr\u00e4gt, ein Grundvertrauen, dass Gott niemanden ohne Hilfe, ohne Gnade sich selbst \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8222;Wir finden keinen, der uns G\u00f6ttern gleicht und keinen, der uns Hilfe reicht&#8220;, schreibt Kunert. &#8222;Wir sind uns ohne Gnade \u00fcberlassen.&#8220; Der Evangelist entwirft ein Gegenbild &#8211; das Bild dessen, der in g\u00f6ttlichem Auftrag allen diesen gn\u00e4digen Gott nahebringen, allen Hilfe reichen will &#8211; denen, die sich von der Macht und von der wahnsinnigen Idee der Machbarkeit des Lebens rastlos vorw\u00e4rts treiben lassen, und denen, die von der Angst besessen sind, den gnadenlosen Anforderungen nicht gewachsen zu sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jesus sind und bleiben sie gleicherma\u00dfen Kinder Gottes. Darin liegt ihre Menschenw\u00fcrde und darauf gr\u00fcndet sich der Wert ihres Lebens &#8211; unabh\u00e4ngig von ihren Erfolgen oder ihren Niederlagen, ihrer Macht oder ihrer Ohnmacht.<\/p>\n<p>Gott gibt seine Kinder nicht auf. Er sucht sie, er begleitet sie mit seiner Gnade auch an den Grenzen, an denen wir nichts mehr festzuhalten haben, wenn alles sich aufl\u00f6st und schwindet.<\/p>\n<p>&#8222;Was auch geschieht, du suchst den Sinn&#8220;, schreibt Kunert. Du wirst ihn finden, sagt Jesus, wenn du dich wie ein Kind diesem Vater und seiner Gnade anvertraust. Aus solcher Geborgenheit und aus der Erfahrung von Gnade erw\u00e4chst Verantwortung &#8211; eine Verantwortung, die den Sch\u00f6pfer als Geber des Lebens anerkennt, und eine f\u00fcrsorgliche Verantwortung f\u00fcr die Mitmenschen, f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p>Der Glaube an die Machbarkeit gelingenden Lebens hat seine Kehrseite. Er kennt keine letztg\u00fcltige Verantwortung. Darum w\u00e4chst die Sehnsucht nach glaubw\u00fcrdigem Menschsein, nach Heilung von unmenschlicher Besessenheit, nach Heil. In dieser Situation erweist das Bild, das der Evangelist von Jesus zeichnet, seine bleibende Anziehungskraft. &#8222;Sie brachten zu ihm alle Kranken und Besessenen!&#8220;. Das ist nicht nur die Erinnerung des Evangelisten. Sie k\u00f6nnen auch heute kommen &#8211; alle, die Heilung von ihrer Besessenheit suchen, von dem zwanghaften Glauben, alles selbst machen zu k\u00f6nnen, aber auch die, die dabei auf der Strecke bleiben und von krankhafter Angst beherrscht werden. F\u00fcr alle ist er da. Wir sind eben nicht gnadenlos uns selbst \u00fcber lassen, sondern k\u00f6nnen uns der Gnade eines anderen anvertrauen &#8211; Gott sei Dank!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anmerkungen zur Predigt:<a name=\"anmerk\"><\/a><\/p>\n<p>Nach der gottesdienstlichen Ordnung unserer Kirche steht in den Bibeltexten f\u00fcr diesen Sonntag im Kirchenjahr der Zusammenhang von Heilung und Heil im Vordergrund. Darauf weist auch der Wochenspruch hin: &#8222;Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen&#8220; (Jeremia 17,14).<\/p>\n<p>Der Predigttext berichtet summarisch von Krankenheilungen und in diesem Zusammenhang von den vielen Menschen, die Jesus suchen. Dabei nennt der Evangelist mehrfach die von b\u00f6sen Geistern Besessenen, die Heilung von ihrer Besessenheit und Befreiung von einem Geist, der Leben und Zusammenleben zerst\u00f6rt, erhoffen. Ich versuche in der Predigt, solche Besessenheit als eine Krankheit unserer Zeit zu begreifen und zu beschreiben. Dabei will ich als lebenszerst\u00f6rende Geister sowohl den Zeitgeist, der uns die Machbarkeit aller Dinge nahebringen will, als auch Angst, Ohnmacht und Resignation angesichts der Folgen des Machbarkeitswahns identifizieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Zeitgeist mag das Bekenntnis des Homo Faber stehen: &#8222;Der Mensch ist der Ingenieur, der alles machen kann&#8220; (Max Frisch in seinem gleichnamigen Roman). Die Ohnmacht der Opfer hat Robert Jungk in seiner &#8211; l\u00e4ngst Realit\u00e4t gewordenen &#8211; Vision &#8222;Die Zukunft hat schon begonnen&#8220; so beschrieben: &#8222;Der moderne Mensch wird wissenschaftlich beobachtet, auf seine Eignung gepr\u00fcft, bis zum \u00c4u\u00dfersten seiner F\u00e4higkeiten benutzt und wie irgendein anderes Werkzeug weggeworfen, sobald er den gew\u00fcnschten Zweck nicht mehr erf\u00fcllt&#8220;. Die Angst vor dem Weggeworfenwerden ist f\u00fcr viele l\u00e4ngst zu einer lebenszerst\u00f6renden &#8222;Besessenheit&#8220; geworden. F\u00fcr die Predigt soll ein Gedicht von G\u00fcnter Kunert diesen Zusammenhang zwischen Machbarkeitswahn und anscheinend hoffnungsloser Ohnmacht herstellen. Ohne Heilung von diesen beiden &#8222;b\u00f6sen Geistern&#8220; kann Leben nicht gelingen. Heilung und Heil erwartet der Evangelist von Jesus. Darum l\u00e4sst er die J\u00fcnger sagen: &#8222;Jedermann sucht dich&#8220;. Die Aktualit\u00e4t auch dieser Aussage m\u00f6chte ich mit meiner Predigt erweisen.<\/p>\n<p>Walter Meyer-Roscher, Landessuperintendent in Hildesheim<\/p>\n<p>e-mail: hartmann.ked@t-online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis | 10. Oktober 1999 | Mk 1,32\u201329 | Walter Meyer-Roscher | Der Predigttext: &#8222;Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Die ganze Stadt versammelte sich vor der T\u00fcr. 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