{"id":21392,"date":"1999-10-15T10:16:40","date_gmt":"1999-10-15T08:16:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21392"},"modified":"2025-04-18T17:19:44","modified_gmt":"2025-04-18T15:19:44","slug":"1-mose-8-18-22-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-8-18-22-2\/","title":{"rendered":"1. Mose 8, 18-22"},"content":{"rendered":"<h3>20. Sonntag nach Trinitatis | 17. Oktober 1999 | 1. Mose 8, 18-22 | <span style=\"font-family: Arial;\">Thomas Fischer |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>solange die Erde sich dreht, gibt es Tag und Nacht, Sommer und Winter. Solange die Erde sich dreht, wechseln sich f\u00fcr uns Sonne und Mond ab, oder schieben sich auch einmal voreinander. Die Sonne sendet ihr Licht zum Leben und l\u00e4\u00dft auch Wolken kommen und regnen. Der Mond bewegt das Wasser zu Ebbe und Flut. Solange die Erde sich dreht, gibt es die Bewegung des Lebens.<\/p>\n<p>Solange die Erde steht: In diesem Text aus dem 1. Buch Mose geht es um die Frage nach der Sch\u00f6pfung und nach unserem Lebensraum. Es geht um die Frage nach unserem Leben und unseren Lebensm\u00f6glichkeiten. Wir beginnen, dar\u00fcber nachzudenken, wenn infrage gestellt ist, ob und wie das Leben weitergeht. In der Bibel ist das auch so. Dort n\u00e4mlich wird nach der Sintflutgeschichte neu nachgedacht \u00fcber das Leben.<\/p>\n<p>Noah steigt aus der Arche und dankt Gott &#8211; so wie er es gekannt hat: er bringt Gott ein Opfer dar. Er dankt Gott f\u00fcr das Leben, das ihm geschenkt ist nach der Sintflut.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Wenn man die Geschichte von der Sintflut, so wie sie in der Bibel erz\u00e4hlt wird, recht verstehen will, mu\u00df man sie im Zusammenhang mit der Sch\u00f6pfungsgeschichte sehen. In der Sch\u00f6pfungsgeschichte im ersten Buch Mose wird erz\u00e4hlt, wie Gott Himmel und Erde machte. Viele kennen diese Geschichte. Da hei\u00dft es: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war w\u00fcst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: es werde Licht! Und es ward Licht.<\/p>\n<p>Die Erde war w\u00fcst und leer. So \u00fcbersetzt Martin Luther an dieser Stelle. Im Hebr\u00e4ischen steht dort das Wort Tohuwabohu. Das bedeutet: Drunter und Dr\u00fcber &#8211; Chaos. Im Anfang gab es nur Chaos, nur Drunter und Dr\u00fcber. Der Lebensraum Erde entsteht dann &#8211; so beschreibt es die Sch\u00f6pfungsgeschichte &#8211; aus lauter Trennungen und Entflechtungen. Das Drunter und Dr\u00fcber wird geordnet. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Gott trennt zun\u00e4chst Licht und Finsternis voneinander und beginnt so, das Chaos zu ordnen. Im n\u00e4chsten Schritt werden Himmel und Erde voneinander getrennt.<\/p>\n<p>Wir wissen, da\u00df sich die Menschen damals die Erde anders vorgestellt haben, als wir heute. Sie haben damals die Erde nicht f\u00fcr eine Kugel gehalten, sondern sich als gro\u00dfe Scheibe vorgestellt. Diese Scheibe ruhte auf gro\u00dfen S\u00e4ulen oder Pfeilern. \u00dcber der Scheibe w\u00f6lbte sich eine Art riesige Glocke. An dieser Glocke waren die Sterne und die Himmelsk\u00f6rper und dar\u00fcber oder dahinter war &#8211; weil der Himmel ja blau war &#8211; wieder Wasser.<\/p>\n<p>Also: Wasser gibt es auf der Erde und vielleicht auch wieder weit unter der Erde; und Wasser gibt es \u00fcber dem Himmel. So haben sich die Menschen damals den Aufbau der Erde gedacht und diese Vorstellung findet sich in der Sch\u00f6pfungsgeschichte wieder. Diese gro\u00dfe Glocke, die den Himmel bildet und das Wasser dahinter festh\u00e4lt, hei\u00dft in der Bibel Feste.<\/p>\n<p>Ich lese die entsprechenden Zeilen aus der Bibel:<\/p>\n<p>Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser \u00fcber der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel.<\/p>\n<p>Also: das Wasser wird getrennt und eine Art Luftraum gebildet. Und dann wird erz\u00e4hlt, wie Gott auf der Erdscheibe selbst Wasser und Land trennt: Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, da\u00df man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde und die Sammlung der Wasser nannte er Meer.<\/p>\n<p>So entsteht durch lauter Trennungen der Lebensraum Erde. Das Chaos wird geordnet. Das Tohuwabohu, das Drunter und Dr\u00fcber wird entflochten. Das Chaos bekommt eine Ordnung. Danach wird beschrieben, wie Pflanzen und Tiere entstehen und wachsen und wie am Ende der Mensch die Erde bewohnt.<\/p>\n<p>Nun bekommt in der Bibel nicht nur die Erde eine gute Ordnung, sondern auch das Zusammenleben der Menschen. Gott ordnet auch das Zusammenleben der Menschen. Es gibt Gebote und Regeln, die ein Miteinander-Leben erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Aber wie gehen die Menschen mit diesen Geboten und Regeln um? Sie mi\u00dfachten sie. Die Menschen bringen die gute Ordnung durcheinander. Die Geschichte von Kain und Abel erz\u00e4hlt davon, wie ein Bruder den anderen erschl\u00e4gt. Beispielhaft werden in der Bibel Momente aufgez\u00e4hlt, wo der Mensch eine Grenze \u00fcberschreitet, bei Kain und Abel wie im Turmbau zu Babel, dessen Spitze bis in den Himmel reichen soll oder beim Griff nach dem \u2018Apfel\u2019, der Allwissenheit und ewiges Leben bringen soll. Der Mensch \u00fcberschreitet die Ordnungen und Regeln Gottes.<\/p>\n<p>Wir reagiert Gott darauf, da\u00df die Menschen die Ordnung mi\u00dfachten? Gott nimmt seine Ordnung zur\u00fcck. Die Sintflutgeschichte ist zu verstehen als eine R\u00fccknahme der Ordnung der Welt. Die Schleusen am Himmel, an der riesigen Glocke, werden ge\u00f6ffnet und das Wasser von oberhalb st\u00fcrzt auf die Erde und macht alles Leben zunichte. Es herrscht wieder Chaos und Tohuwabohu. Die gute Ordnung wird zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p>Die Menschen hatten Gottes Ordnungen mi\u00dfachtet. Wenn nun auch Gott die Ordnung der Welt vollst\u00e4ndig zur\u00fccknimmt, dann w\u00e4re das Leben zuende. Aber es gibt die Arche Noah. Es gibt von allen Tieren ein P\u00e4rchen und es gibt Menschen, die weiter leben sollen. Gott will nicht das Chaos, das Tohuwabohu. Er will Leben erm\u00f6glichen und schenken. Er nimmt die Ordnung der Welt nicht auf Dauer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das Wasser der Sintflut flie\u00dft wieder ab. Noah geht an Land, baut einen Altar und dankt Gott. Da schlie\u00dft Gott mit Noah einen Bund mit dem Regenbogen als Zeichen. Die Ordnung der Welt soll bleiben. Solange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Die Ordnung des Lebensraumes Erde bleibt. Wie steht es mit der Ordnung des Lebensraumes zwischen den Menschen? Wie verhalten sich die Menschen? Beachten sie Grenzen?<\/p>\n<p>Der holl\u00e4ndische Romanautor Harry Mulisch hat in seinem Buch \u201eDie Entdeckung des Himmels\u201c die Phantasie, Gott k\u00f6nnte auf die Idee kommen, die 10 Gebote zur\u00fcckzunehmen. Weil die Menschen die Ordnung mi\u00dfachten, nimmt Gott nun nicht wie in der Sintflut die Ordnung der Welt zur\u00fcck, sondern die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen. In dem Buch werden Engel beauftragt, Menschen zu bewegen, die Steintafeln mit den 10 Geboten aus der Bundeslade so auf den Boden zu werfen, wie Mose das gemacht hat, als er vom Berg Sinai heruntergekommen ist und sein Volk um das goldene Kalb tanzen sah. Da hat er die Tafeln mit der Ordnung des Lebens zerschmissen. &#8211; Eine Romanphantasie: Gott nimmt die 10 Gebote den Menschen wieder weg.<\/p>\n<p>Vielleicht mu\u00df man gar nicht so viel Aufwand treiben und die Tafeln zerst\u00f6ren. Sie k\u00f6nnten auch einfach in Vergessenheit geraten. Die Ordnung des Lebens geht verloren.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Nun ist die Romanphantasie von Harry Mulisch nicht oder noch nicht in Erf\u00fcllung gegangen. Die R\u00fccknahme von Ordnungen und Verabredungen ist vielleicht auch nicht gerade ein Fortschritt im Leben.<\/p>\n<p>Aber etwas anderes ist geschehen. Gott wei\u00df, da\u00df die Menschen unvollkommen sind. Von Anfang an. Aber Gott will das Leben. Seine Ordnung der Welt bleibt bestehen. Die Erde dreht sich und bringt Tag und Nacht, Frost und Hitze, Saat und Ernte.<\/p>\n<p>Nun sind die Fr\u00fcchte des Feldes mehr geworden als einfach nur etwas Gewachsenes. Brot und Wein sind zu Zeichen der Liebe Gottes geworden.<\/p>\n<p>Brot und Wein sind Zeichen f\u00fcr den Sohn, f\u00fcr Jesus Christus, der eine neue Ordnung des Zusammenlebens von Menschen er\u00f6ffnet hat. Seine Botschaft beginnt nicht bei den Ordnungen und Gesetzen. Er wei\u00df einen anderen Zugang zum Leben. Es ist der Zugang \u00fcber die Liebe, die Vergebung und Vers\u00f6hnung kennt.<\/p>\n<p>Solange sie Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Liebe, die Vergebung kennt. In dieser Hoffnung leben wir.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Thomas Fischer, Z\u00fcrich<br \/>\n<a href=\"mailto:thofischer@access.ch\">E-Mail: thofischer@access.ch<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=991017-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 17. Oktober 1999 | 1. Mose 8, 18-22 | Thomas Fischer | Liebe Gemeinde, I solange die Erde sich dreht, gibt es Tag und Nacht, Sommer und Winter. Solange die Erde sich dreht, wechseln sich f\u00fcr uns Sonne und Mond ab, oder schieben sich auch einmal voreinander. 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