{"id":21400,"date":"1999-10-15T10:23:39","date_gmt":"1999-10-15T08:23:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21400"},"modified":"2025-04-18T17:25:43","modified_gmt":"2025-04-18T15:25:43","slug":"matthaeus-10-34-39-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-10-34-39-8\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10, 34-39"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">21. Sonntag nach Trinitatis | 24. Oktober 1999 | Matth\u00e4us 10, 34-39<\/span><span> | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Friedrich Wintzer |<\/span><\/h3>\n<p>Vorbemerkung zur Predigt:<\/p>\n<p>Der Predigttext handelt von der Sendung Jesu und von den Erfahrungen in der Nachfolge Jesu. Dabei wird der Gedanke von der Familienspaltung aufgenommen, wie er Mi. 7,6 anklingt. Mt. 10,34 ist mit U. Luz, Das Evangelium nach Matth\u00e4us Bd. 2, S.137 so zu verstehen: &#8222;Nicht um das Schwert zu bringen, ist Christus gekommen, sondern durch das Kommen des Christus kommt es zu Scheidungen und K\u00e4mpfen.&#8220; Die Seligpreisung derer, die Frieden schaffen (Mt. 5,9) wird nicht aufgehoben, aber die m\u00f6glichen leidvollen Konsequenzen der Nachfolge werden benannt.<\/p>\n<p>Predigt<\/p>\n<p>Der neutestamentliche Text f\u00fcr die heutige Predigt stammt aus der Rede Jesu bei der Berufung der J\u00fcnger. Im 10. Kapitel des Matth\u00e4usevangeliums k\u00fcndigt Jesus in dieser Rede an die J\u00fcnger an, da\u00df es in seiner Nachfolge auch Entzweiungen und Leiden geben werde. Dieser Text lautet in den Versen 34 &#8211; 39: 34. Ihr sollt nicht meinen, da\u00df ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. 37. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 38. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39. Wer sein Leben findet, der wird&#8217;s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird`s finden.<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Betroffenheit, Erstaunen und auch Abwehr l\u00f6st dieser biblische Text sicher bei vielen aus. Wir verstehen das Christentum ja in erster Linie als eine sehr vers\u00f6hnliche Lebensorientierung. Was bedeutet dann diese provozierende Ank\u00fcndigung Jesu: &#8222;Ihr sollt nicht meinen, da\u00df ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde&#8230; Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.&#8220; Dieser Bibelabschnitt enth\u00e4lt eine radikale Rede. Wir werden in das Nachdenken gebracht durch diese Worte.<\/p>\n<p>Manche Christen haben diese Worte sogar sehr ernst, bitter ernst genommen. Sie haben diese w\u00f6rtlich verstanden. Diese Worte wollen jedoch sagen, da\u00df durch das Kommen des Christus es zu K\u00e4mpfen und Leiden kommen kann. Manche Christen aber setzten diese Wort direkt in die Tat um. In den Kreuzz\u00fcgen des Mittelalters zogen die Heere der Christenheit nach Jerusalem, um die Heilige Stadt zu erobern. Sie brachten nicht Frieden, sondern f\u00fchrten das Schwert. Wer sich jenen in den Weg stellte, geriet in Lebensgefahr. Auf beiden Seiten kamen Menschen um. Um Jesu Christi willen, so meinten die an den Kreuzz\u00fcgen Beteiligten, zogen sie in den Krieg. Es gab sogar Prediger, die sie zu diesen Kreuzz\u00fcgen dr\u00e4ngten.<\/p>\n<p>In den Religionskriegen des sp\u00e4ten Mittelalters sind die Christen untereinander nicht anders verfahren. Mit Betroffenheit erinnern wir uns heute daran, da\u00df Protestanten und Katholiken wegen der unterschiedlichen Ansicht \u00fcber die Glaubenswahrheit gegeneinander k\u00e4mpften. Weltliche Machtinteressen vermischten sich damals mit den konfessionellen Gegens\u00e4tzen. Es entstand der 30-j\u00e4hrige Krieg. Nach dessen Ende formulierte der Dichter und Pfarrer Paul Gerhardt in einem Lied zur Jahreswende die tief empfundene Bitte an Gott: &#8222;Schleu\u00df zu die Jammerpforten, und la\u00df an allen Orten, auf so viel Blutvergie\u00dfen \/ die Freudenstr\u00f6me flie\u00dfen.&#8220; Hatte Paul Gerhardt nicht besser verstanden, was Gottes Wille ist? &#8222;Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens&#8220; lautete doch die Weihnachtsbotschaft.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Eins ist freilich richtig: der Abschnitt aus dem Matth\u00e4usevangelium will darauf hinweisen, da\u00df das Christentum eine Religion der Entscheidung ist. Mit dem christlichen Glauben wird eine Lebensorientierung eingeschlagen, die Konsequenzen hat. Der christliche Glaube ist keine Lebensform der Beliebigkeit, sondern er hat Konsequenzen f\u00fcr die, die ihn ernst nehmen. Wer sich in der fr\u00fchen Kirche taufen lie\u00df, wandte sich damit von der Religion ab, welcher die eigene Familie anhing. Die als Christen Getauften nahmen z.B. in Rom nicht mehr am staatlichen Kaiserkult teil, bei dem der Kaiserstatue Rauchopfer dargebracht wurden. Die Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen bedeutete einerseits, eine neue Familie mit Schwestern und Br\u00fcdern gefunden zu haben. Aber andererseits vollzog sich auch die Trennung von den Familienmitgliedern, die weiterhin dem heidnischen Kaiserkult anhingen. Mit den Worten Jesu: &#8222;Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.&#8220;-<\/p>\n<p>Gefeiert wird in der Taufe die Erleuchtung durch Christus und der Zugang zu dem Reich Gottes. Als Konsequenz dieser Taufentscheidung ergab sich nicht selten die Abl\u00f6sung von der bisherigen Familie. Von einer \u00e4hnlichen Trennung berichtete neulich im Fernsehen ein junger Mann, der vor 10 Jahren in Leipzig an der Friedensdemonstration teilgenommen hatte, welche von der Nikolaikirche ausging. Er litt darunter, da\u00df drau\u00dfen unter den Volkspolizeieinheiten auch sein eigener Vater war.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Im Matth\u00e4usevangelium steht neben diesem Bibelabschnitt aber noch ein anderes Jesuswort. Eine Seligpreisung lautet: &#8222;Selig sind die Frieden schaffen, denn sie werden Gottes Kinder hei\u00dfen.&#8220; (5,9) Dieses Wort klingt fast wie eine Gegenrede zu dem heutigen Predigttext, in dem Jesus sagt, er sei nicht gekommen, Frieden zu bringen. Die Seligpreisung derer, die Frieden schaffen, ist ein Grundmotiv des christlichen Glaubens. Sie erfordert auch die Entschiedenheit des christlichen Glaubens. Gerade diese Seligpreisung hat angesichts der Kriegsgefahr zwischen Ost und West in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Menschen und Gruppen zum Nachdenken und zu Protesthandlungen angeregt. &#8222;La\u00dft uns Frieden machen, aber keinen Krieg&#8220; lautete die Parole, die angesichts der milit\u00e4rischen Hochr\u00fcstung vor Jahren plakatiert wurde. Bei der Feier des heiligen Abendmahls geben sich Christen ein gegenseitiges Zeichen des Friedens, weil der Friede in der Nachfolge Christi die Herzen leiten soll. &#8222;Vers\u00f6hnen, nicht spalten&#8220; lautet der politische Leitsatz des jetzigen Bundespr\u00e4sidenten. Dieser hat ihn auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens formuliert. Er ist nicht als ein Zeichen vereinfachenden Harmoniestrebens mi\u00dfzuverstehen. Der Friede ist ein hoher Wert f\u00fcr Christen. Unter friedfertigen Menschen sind auch notwendige Auseinandersetzungen m\u00f6glich, weil sie ohne Ha\u00df sind.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Neben der Ermutigung, Frieden zu schaffen, steht im Neuen Testament auch die Erz\u00e4hlung von Jesu wahren Verwandten. (Mk. 3,31-35) Sie beschreibt, da\u00df Jesus den Willen Gottes \u00fcber die Familienbande stellen konnte. Einst lie\u00dfen die Mutter Jesu und seine Br\u00fcder Jesus rufen, der mit einer Gruppe aus dem Volk zusammen sa\u00df und redete. Als das Jesus h\u00f6rte, da\u00df die Familie nach ihm rief, antwortete er: &#8222;Wer ist meine Mutter und meine Br\u00fcder?&#8220; Und Jesus wies auf diejenigen hin, die um ihn im Kreise sa\u00dfen und sprach: &#8222;Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.&#8220; &#8211;<\/p>\n<p>Die Gegen\u00fcberstellung der Seligpreisung aus der Bergpredigt und der J\u00fcngerrede im 10. Kapitel des Matth\u00e4usevangeliums zeigt, da\u00df die Friedensnachfolge Jesu Christi nicht mit einem allgemeinen Harmonisierungsstreben zu verwechseln ist. Auseinandersetzungen m\u00fcssen oft sein, damit Menschen ihre Identit\u00e4t vor allem im Jugendalter finden und nicht mehr nur angepa\u00dft leben. Jesus selbst hat den Weg gesucht, von dem er meinte, da\u00df er dem Willen Gottes entspricht. Darum trennte er sich von der Familie und schlo\u00df sich Johannes dem T\u00e4ufer an. Darum predigte er das Kommen des Gottesreiches und rief zur Bu\u00dfe auf. Er ging aber wieder aus dem Kreis um Johannes den T\u00e4ufer heraus und berief seine eigene J\u00fcngerschar. Er rechnete damit, da\u00df sein Weg als &#8222;Prophet&#8220; Gottes in das Leiden f\u00fchren werde. Und er schlo\u00df seine Nachfolgerinnnen und Nachfolger nicht aus. Er weist darauf hin, da\u00df seine Nachfolge in das Leiden f\u00fchren kann: &#8222;Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert.&#8220;- Die Nachfolge Jesu Christi hat verschiedene Gestalt. Der Weg des Glaubens hat Dietrich Bonhoeffer im 3. Reich in den Widerstand gef\u00fchrt, an dessen Ende der gewaltsame Tod auf Beschlu\u00df eines Sondergerichts stand. Albert Schweitzer gab in der Nachfolge Jesu Christi seine wissenschaftliche Laufbahn auf und ging nach dem zus\u00e4tzlichen Medizinstudium in ein Entwicklungsgebiet Afrikas, um die N\u00e4chstenliebe in die Tat umzusetzen und den kranken Menschen zu helfen. Beide Christusnachfolger h\u00e4tten dem Wochenspruch dieser Woche zugestimmnt, der im 12. Kapitel des R\u00f6merbriefes steht: &#8222;La\u00df dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6sen mit Gutem.&#8220;<\/p>\n<p>Vor 10 Jahren in der Zeit der Wende hat der Theologe Klaus Peter Hertzsch aus Jena ein Lied gedichtet, das Gewissheit auf den unterschiedlichen Wegen der Nachfolge schenken will. Es bezieht sich auf die Wege, auf denen Leben und Leiden, Gelingen und Scheitern, Gemeinschaft und Zertrennung nahe beieinander liegen. (EG 395) Der Anfang der 1. Strophe lautet:<\/p>\n<p>Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,<br \/>\nweil Leben hei\u00dft: sich regen, weil Leben wandern hei\u00dft.<\/p>\n<p>Und die 3. Strophe beginnt:<br \/>\nVertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!<br \/>\nEr selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Friedrich Wintzer, Meckenheim bei Bonn<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag nach Trinitatis | 24. Oktober 1999 | Matth\u00e4us 10, 34-39 | Friedrich Wintzer | Vorbemerkung zur Predigt: Der Predigttext handelt von der Sendung Jesu und von den Erfahrungen in der Nachfolge Jesu. Dabei wird der Gedanke von der Familienspaltung aufgenommen, wie er Mi. 7,6 anklingt. Mt. 10,34 ist mit U. Luz, Das Evangelium [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,542,727,157,853,114,1592,412,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21400","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-21-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-friedrich-wintzer","category-kapitel-10-chapter-10-matthaeus","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21400","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21400"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21400\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22937,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21400\/revisions\/22937"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21400"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21400"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21400"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21400"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}