{"id":21404,"date":"1999-11-15T10:26:27","date_gmt":"1999-11-15T09:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21404"},"modified":"2025-04-18T17:24:12","modified_gmt":"2025-04-18T15:24:12","slug":"lukas-11-14-23-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-11-14-23-4\/","title":{"rendered":"Lukas 11, 14-23"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 7. November 1999 | Lukas 11,14-23 | <span style=\"font-family: Arial;\">Werner Zager |<\/span><\/h3>\n<p align=\"center\">Ev. Apostelkirche Bochum-Querenburg<br \/>\nUniversit\u00e4tsgottesdienst<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Und er trieb einen b\u00f6sen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.<br \/>\nEinige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die b\u00f6sen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.<br \/>\nAndere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.<br \/>\nEr aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verw\u00fcstet, und ein Haus f\u00e4llt \u00fcber das andre.<br \/>\nIst aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die b\u00f6sen Geister aus durch Beelzebul.<br \/>\nWenn aber ich die b\u00f6sen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure S\u00f6hne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.<br \/>\nWenn ich aber durch Gottes Finger die b\u00f6sen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.<br \/>\nWenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden.<br \/>\nWenn aber ein St\u00e4rkerer \u00fcber ihn kommt und \u00fcberwindet ihn, so nimmt er ihm seine R\u00fcstung, auf die er sich verlie\u00df, und verteilt die Beute.<br \/>\nWer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. <\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><b><span style=\"font-size: medium;\">Predigt <\/span><\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Einleitung <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e \u2013 eine Wundergeschichte, eine Geschichte voller mythologischer Anschauungen, eine Geschichte gepr\u00e4gt vom antiken Weltbild. Eigentlich keine Geschichte f\u00fcr uns, uns aufgekl\u00e4rte Menschen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Liebe Gemeinde, gerade wir Menschen im Zeitalter des modernen aufgekl\u00e4rten Denkens, gerade wir haben nur schwer einen Zugang zu solchen Geschichten und legen sie daher meist recht vorschnell ad acta.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zweifellos geh\u00f6rt diese Geschichte der Zeit des uralten, l\u00e4ngst \u00fcberholten Weltbildes an: hier die finstere Welt der D\u00e4monen \u2013 dort die lautere, befreiende Kraft Gottes.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zweifellos steht die thematisierte exorzistische Praxis in Widerspruch zur modernen Medizin: Geistige, psychische oder auch organische Krankheiten als Besessenheit zu deuten und mit Exorzismen zu heilen zu versuchen, das geh\u00f6rt \u2013 Gott sei Dank! \u2013 der Vergangenheit an.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zweifellos l\u00e4sst sich die Genese solcher Vorstellungen von Satan und dem D\u00e4monenf\u00fcrsten Beelzebul aus der antiken Religionsgeschichte ableiten: Satan, im Hiobbuch himmlischer Ankl\u00e4ger der Menschen, avanciert im Fr\u00fchjudentum zur widerg\u00f6ttlichen Macht. Und Beelzebul geht auf den Namen des Gottes von Ekron Baal-Sebul (\u201eHerr der Erhabenheit\u201c) zur\u00fcck, der im Alten Testament in Baal-Sebub (\u201eHerr der Fliegen\u201c) verballhornt wurde. Wir wissen das. Allenfalls noch hier und da Gegenstand exegetischer Er\u00f6rterung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Geschichte also nur f\u00fcr die Menschen damals?<br \/>\nAber doch keine Geschichte mehr f\u00fcr uns?<\/p>\n<p align=\"justify\">Es gibt allerdings auch Theologen, die hier anders denken. Ernst K\u00e4semann zum Beispiel, der \u2013 ohne das Recht und die Notwendigkeit von Entmythologisierung bestreiten zu wollen \u2013 gerade uns akademischen und aufgekl\u00e4rten Menschen ins Gewissen redet, wenn er schreibt: \u201eDie Wohlstandsgesellschaft des wei\u00dfen Mannes mag \u00fcber D\u00e4monen lachen. Sie kann es aber nur, weil sie blind, taub, gef\u00fchllos und dumm \u00fcber den Schatten ihrer technischen Erfolge, ihrer brutal verteidigten Privilegien, ihrer traditionellen Vorurteile nicht hinausschaut. [&#8230;] Man verdr\u00e4ngt t\u00e4glich, da\u00df unsere Erde f\u00fcr die Mehrzahl ihrer Bewohner eine H\u00f6lle ist [&#8230;].\u201c(1)<\/p>\n<p align=\"justify\">Er hat Recht. Wir m\u00fcssen zugeben, dass unser Urteil \u00fcber die D\u00e4monengeschichten etwas vorschnell war. Das Weltbildhafte der Rede von den D\u00e4monen ist n\u00e4mlich im Grunde nur ein vordergr\u00fcndiges Problem.<\/p>\n<p align=\"justify\">I. D\u00e4monen unter uns?<\/p>\n<p align=\"justify\">Jedoch sind wir wirklich dumm oder gef\u00fchllos, blind oder taub? Wir sehen es jedenfalls selbst \u2013 sofern wir unsere Augen nicht vor der Wirklichkeit verschlie\u00dfen \u2013, wir wissen es aus eigener Erfahrung: Es <i>gibt<\/i> ungute Kr\u00e4fte, die uns beherrschen.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eEs macht die modernen D\u00e4monien aus\u201c, so das treffende Urteil von G\u00fcnter Brakelmann, \u201edass sie nicht am Rande des geschichtlichen Geschehens leben, sondern jedermann sichtbar, von jedermann erfahrbar und von jedermann mitpraktizierbar sind. M\u00f6gen sie nun Imperialismus, Militarismus, Nationalismus, Rassismus oder wie auch immer hei\u00dfen [&#8230;] Sie organisieren den Wahnsinn [&#8230;].\u201c(2)<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch er hat Recht. Aber so weit m\u00f6chte ich heute einmal nicht gehen, so treffend dies auch beschrieben ist. Wir erfahren es schon in viel kleinerer, viel pers\u00f6nlicherer Form:<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir wissen ganz genau, was gut ist<\/b> und was Gott von uns fordert, und doch tun wir es nicht. Es gelingt uns nicht, ernsthaft auf Gottes Wort zu h\u00f6ren, Liebe zu \u00fcben, dem\u00fctig zu sein vor unserem Gott.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen alle den Frieden.<\/b> Und doch sp\u00fcren wir, wie der Neid und die Eifersucht uns gefangennimmt und uns unf\u00e4hig macht, dem anderen sein privates Gl\u00fcck von Herzen zu g\u00f6nnen oder seinen beruflichen Erfolg.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen nach Gerechtigkeit.<\/b> Und doch erfahren wir am eigenen Leib, wie schnell uns die Zivilcourage und der Mut verlassen, wie schnell wir wegsehen und wegh\u00f6ren, wenn ein Mensch in Not ger\u00e4t und unseren Beistand braucht, weil eine Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit in uns steckt, uns l\u00e4hmt. Vielleicht sogar handfeste Angst.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen nach der Wahrheit<\/b> \u2013 manche von uns sogar von Berufs wegen, aber es sch\u00fctzt uns nicht davor, das Gegenteil zu tun: N\u00e4mlich selbst unlauter zu reden, Fakten zu verdrehen oder Geh\u00f6rtes verf\u00e4lscht wiederzugeben, dann, wenn wir uns einen pers\u00f6nlichen Vorteil davon versprechen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir nennen uns Christen,<\/b> wissen uns im Glauben geborgen und gehalten. Dann kommt die Erfahrung von Krankheit, das Erleben von Abschied und Trauer, von Misserfolg und unerf\u00fcllten Lebensw\u00fcnschen. Und wie ein Kartenhaus f\u00e4llt dann unsere Glaubenssicherheit zusammen. Wie von unsichtbarer Hand durcheinandergebracht.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen das gegenseitige Verstehen,<\/b> die Harmonie der Gesellschaft. Und doch erfahren wir am eigenen Leib immer wieder, wie unsagbar schwer es ist, R\u00fccksicht zu nehmen, Toleranz zu \u00fcben, behutsam mit den Menschen umzugehen, die wir eigentlich liebhaben. Das Gegenteil \u201epassiert uns\u201c \u2013 passieren hei\u00dft ja, \u201ees geschieht etwas mit mir, ohne dass ich es eigentlich wollte! \u2013 es passiert uns also, dass wir einander weh tun, dass wir aneinander schuldig werden, dass wir dem anderen Hilfe versagen. Es passiert uns, obwohl wir es eigentlich gar nicht wollen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Was ist das, was uns da gefangenh\u00e4lt? Was ist das, was uns da durcheinanderbringt?<\/p>\n<p align=\"justify\">II. Unschuldig schuldig?<\/p>\n<p align=\"justify\">Jesus verwendet daf\u00fcr ein ganz drastisches Bild:<br \/>\nEin Palast mit dicken Mauern. Ausger\u00fcstet und bewacht mit schweren Waffen.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWenn ein Starker seinen Palast bewacht, so bleibt das, was er sich zu eigen gemacht hat, unangetastet\u201c, so beschreibt Jesus diese Gefangenschaft des Menschen in den Kr\u00e4ften, die nicht gut sind.<\/p>\n<p align=\"justify\">Mauern, in die wir immer wieder hineingeraten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Mauern, die uns gefangenhalten, uns in unserer Entscheidungsfreiheit so einschr\u00e4nken, dass wir uns falsch entscheiden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Mauern der Angst und der Bequemlichkeit, der Gedankenlosigkeit und der fehlenden Zivilcourage.<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gef\u00e4ngnis, und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.(3) <\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Dieses Bild, liebe Gemeinde, ist treffend. Es spricht uns geradezu aus dem Herzen! Nicht umsonst ist gerade dieses Lied \u201eHerr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer\u201c, aus dem diese Liedstrophe von den Mauern unserer Angst genommen ist, das Lieblingslied vieler Konfirmanden und Jugendlichen unserer Tage. Ja, es ist ein treffendes Bild und doch birgt es eine gro\u00dfe Gefahr.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Gefahr n\u00e4mlich, dass wir uns hinter unserem armen, schwachen und unfreien Willen verstecken und uns aus der Verantwortung stehlen f\u00fcr das, was wir tun, denken oder sagen. Wenn es irgendwelche unguten und unkontrollierbaren Kr\u00e4fte sind, die in mir wirken, wie kann ich mich denn dann \u00fcberhaupt dagegen wehren? Bin ich dann nicht schuldlos schuldig?<\/p>\n<p align=\"justify\">Dann machen wir es uns zu leicht, so wie Martin Luther, der in seiner Schrift \u201eVom unfreien Willen\u201c den Menschen darstellt wie ein willenloses Objekt des Kampfes zwischen Gott und dem Satan. Er schreibt: \u201eSo ist der menschliche Wille in die Mitte gestellt (zwischen Gott und den Satan) wie ein Zugtier. Wenn Gott sich darauf gesetzt hat, will er und geht, wohin Gott will. [&#8230;] Wenn Satan sich darauf gesetzt hat, will und geht er, wohin Satan will. Und es steht nicht in seiner freien Entscheidung, zu einem von beiden Reitern zu laufen oder ihn sich zu verschaffen zu suchen, sondern die Reiter selbst k\u00e4mpfen miteinander, ihn zu erlangen und zu besitzen.\u201c(4)<\/p>\n<p align=\"justify\">Und nicht unproblematisch erscheint es mir, wenn Ulrich Schnabel in seinem k\u00fcrzlich erschienenen ZEIT-Artikel ein g\u00e4nzlich neues Menschenbild der Zukunft heraufbeschw\u00f6rt, wo den einzelnen Menschen kaum noch eine Schuld an ihrem Fehlverhalten gegeben werden k\u00f6nne. Schlie\u00dflich habe das amerikanische Neurologen-Team um Antonio Damasio herausgefunden, dass N\u00e4chstenliebe und Verantwortungsbewusstsein ihren neurologischen und damit (fast ausschlie\u00dflich!) anatomischen Ort im Stirnhirn haben. Und wenn da oben eben etwas nicht stimmt, w\u00fcrde der Mensch v\u00f6llig unschuldig schuldig(5).<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWenn aber,\u201c so sagt Jesus, \u201eein St\u00e4rkerer \u00fcber ihn kommt und \u00fcberwindet ihn, so nimmt er ihm seine R\u00fcstung, auf die er sich verlie\u00df\u201c, und freut sich seines Sieges.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sind wir also tats\u00e4chlich willenlose Spielb\u00e4lle moralischer bzw. amoralischer Kr\u00e4fte oder gar neurologischer K\u00f6rperfunktionen?<\/p>\n<p align=\"justify\">Wie geschieht Befreiung? Muss da einer kommen, um die Mauern unserer Angst niederzurei\u00dfen, uns die Fesseln der Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit abzunehmen und uns in die Freiheit zu f\u00fchren?<\/p>\n<p align=\"justify\">III. Befreit werden<\/p>\n<p align=\"justify\">In erster Linie, ganz sicher, liebe Gemeinde, ist diese Befreiung ein Befreit-Werden. Wenn Sie so wollen, ein passiver Akt. Es geschieht etwas mit uns. Es wird uns ein neuer Anfang geschenkt. Die Schuld, die uns von Gott getrennt hat, die Schuld, die sich zwischen uns Menschen aufgeh\u00e4uft hat, wird uns verziehen. So wie einem Z\u00f6llner Zach\u00e4us, so wie einer Ehebrecherin umringt von ihren Richtern, so wie einem Gel\u00e4hmten, der auf festgewordenen Knien seine zusammengerollte Matte unter dem Arm davontr\u00e4gt. Ein neuer Anfang. Ein Geschenk.<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit, sie gilt f\u00fcr Menschen, V\u00f6lker, Rassen, so weit, wie deine Liebe uns ergreift.(6)<\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWenn ich aber durch Gottes Finger die b\u00f6sen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.\u201c, sagt Jesus. Reich Gottes wird da sp\u00fcrbar, wo etwas Neues beginnt. Eine neue Chance besteht, das Leben anders zu f\u00fchren. Jesus spricht von Gottes Sieg \u00fcber die Macht des B\u00f6sen. Unger\u00fchrt lassen ihn die Verd\u00e4chtigungen seiner Gegner, die die Heilung dieses gequ\u00e4lten, zerrissenen, vielleicht unsagbar traurigen, stummen Menschen nicht als Anlass zum Jubel nehmen, zur Mitfreude oder des Dankes, sondern die dieses Zeichen des Wirklichkeit werdenden Gottesreiches sofort in b\u00f6sem Licht, im Zwielicht sehen und in herabsetzenden, schmutzigen Gedanken. V\u00f6llig unbeeindruckt widerlegt er die widersinnigen Spekulationen von zwei rivalisierenden d\u00e4monischen M\u00e4chten. \u201eWenn ich aber durch Gottes Finger die b\u00f6sen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.\u201c, sagt Jesus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist ein neuer Anfang. Fast wie eine neue Sch\u00f6pfung. Fast wie eine neue Sch\u00f6pfung, eine neue Geburt. Unweigerlich erinnert das Bild vom Finger Gottes an das Deckengem\u00e4lde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle, wo der Sch\u00f6pfergott der Welt, in dem Fall dem Adam, den Finger entegenstreckt, um ihm Leben zu schenken. \u201eWer es mit Jesus zu tun bekommt, bekommt es nach seinem eigenen Anspruch mit der praesentia dei [der Gegenwart Gottes] auf Erden und bis in die Leiblichkeit hinein zu tun. In Jesu Tun streckt Gott seinen Finger der Welt entgegen [&#8230;], freilich diesmal, um die neue Sch\u00f6pfung ans Licht zu f\u00fchren.\u201c(7)<\/p>\n<p align=\"justify\">IV. Sich frei machen<\/p>\n<p align=\"justify\">Zweifellos also ein Geschenk. Aber ein Geschenk, das auch angenommen werden will.<\/p>\n<p align=\"justify\">So ist, liebe Gemeinde, die Befreiung in zweiter, aber auch entscheidender Linie ein Sich-frei-Machen. Wenn Sie so wollen ein aktiver Akt. Es geschieht nicht nur etwas mit uns, sondern auch unser Mittun ist gefragt. Unser aktiver Anteil am Neubeginn. Die Schuld, die uns von Gott getrennt hat, die Schuld, die sich zwischen uns Menschen aufgeh\u00e4uft hat, ist zwar vergeben, aber der Freispruch verpflichtet zum Umdenken, zur Umkehr.<\/p>\n<p align=\"justify\">So wie ein Z\u00f6llner Zach\u00e4us, der seinen illegal erworbenen Profit zur\u00fcckzuzahlen bereit wird,<\/p>\n<p align=\"justify\">so wie eine vom Tode errettete Ehebrecherin, die heimkehrt, um ihre Verh\u00e4ltnisse mit ihrem Mann und ihrem Geliebten in Ordnung zu bringen,<\/p>\n<p align=\"justify\">so wie ein Gel\u00e4hmter, der nicht nur auf festgewordenen Knien seine zusammengerollte Matte unter dem Arm davontr\u00e4gt, sondern nach Hause l\u00e4uft, Gott preist und den Menschen vom gl\u00fccklichen Beginn seines neuen Lebens erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir haben einen freien Willen \u2013 wohl manchmal arg gebeutelt von unguten Einfl\u00fcssen und eigens\u00fcchtigen Kr\u00e4ften. Also:<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir wissen ganz genau, was gut ist<\/b> und was Gott von uns fordert, und k\u00f6nnen es tun: ernsthaft auf Gottes Wort h\u00f6ren, Liebe \u00fcben, dem\u00fctig sein vor unserem Gott.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen den Frieden.<\/b> Und wir k\u00f6nnen ihn verwirklichen, im Kleinen bei uns zu Hause, unter Kollegen, in der Hausgemeinschaft oder im Kreis unserer Freunde.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen nach Gerechtigkeit.<\/b> Und wir k\u00f6nnen aktiv f\u00fcr Gerechtigkeit eintreten, indem wir uns informieren, indem wir unser eigenes Handeln, unser Verbrauchen, unser Vergn\u00fcgen unter die Lupe nehmen, kritisch hinterfragen und gegebenenfalls \u00e4ndern. Und indem wir Zivilcourage und Mut zeigen, wenn es um das Wohl und Wehe eines anderen geht.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir suchen nach der Wahrheit<\/b> und oft kennen wir sie auch. Wir werden f\u00fcr sie eintreten, auch auf die Gefahr hin, dass wir Schwierigkeiten bekommen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wir nennen uns Christen,<\/b> und bekennen uns auch dazu, nicht nur in klaren Worten, sondern auch in hellen, glaubw\u00fcrdigen Taten der Liebe.<\/p>\n<p align=\"justify\">Noch einmal im Bild gesprochen, liebe Gemeinde, wenn Jesus durch Gottes Finger die b\u00f6sen Geister austreibt, wenn er in das Haus des Starken einbricht, um uns Menschen als die Gefangenen zu befreien, so ist das Reich Gottes zu uns gelangt. Jesus ist gekommen, die Mauern unserer Angst niederzurei\u00dfen, uns die Fesseln der Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit abzunehmen und uns den Weg in die Freiheit zu zeigen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nur aufstehen, um die Mauern auch tats\u00e4chlich zu verlassen und den Weg in die Freiheit zu gehen, das m\u00fcssen wir selbst.<\/p>\n<p align=\"justify\">In seinem Gedicht \u201eStationen auf dem Wege zur Freiheit\u201c schreibt Dietrich Bonhoeffer:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eNicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,<br \/>\nnicht in M\u00f6glichem schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,<br \/>\nnicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.<br \/>\nTritt aus \u00e4ngstlichem Z\u00f6gern heraus in den Sturm des Geschehens<br \/>\nnur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,<br \/>\nund die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.\u201c(8)<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><span style=\"font-size: medium;\"><a name=\"exegese\"><\/a>Zur Exegese<\/span><\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><b><\/b><span style=\"font-size: medium;\">In unserem Text stehen Satansherrschaft und Gottesherrschaft einander kontr\u00e4r gegen\u00fcber. Hier gibt es nur ein Entweder \u2013 Oder. Angesichts eines erfolgreich durchgef\u00fchrten Exorzismus erheben Jesu Gegner den Vorwurf, dass er durch den Herrscher der D\u00e4monen den Exorzismus vollzogen habe. Dabei gelten D\u00e4monen als Urheber geistiger, psychischer, aber auch organischer Krankheiten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">Jesus entkr\u00e4ftet diesen Vorwurf in dreierlei Hinsicht:<\/p>\n<p align=\"justify\">1. Es ist widersinnig, dass sich Beelzebul als Anf\u00fchrer der D\u00e4monen von Jesus gebrauchen l\u00e4sst, da er damit die Entmachtung Satans und damit auch seine eigene betreiben w\u00fcrde. (Beelzebul geht auf den Namen des philist\u00e4ischen Gottes von Ekron Baal-Sebul [\u201eHerr der Erhabenheit\u201c] zur\u00fcck, der wiederum in II K\u00f6n 1,2-16 polemisch in Baal-Sebub [\u201eHerr der Fliegen\u201c] verballhornt wurde.)<\/p>\n<p align=\"justify\">2. Selbst wenn man rein hypothetisch die Behauptung der Kontrahenten Jesu gelten lassen w\u00fcrde, m\u00fcsste dann nicht derselbe Vorwurf auch die Exorzisten aus den eigenen Reihen treffen? Aber dies werden sie wohl kaum behaupten wollen!<\/p>\n<p align=\"justify\">3. Es bleibt nur die eine M\u00f6glichkeit \u00fcbrig, dass Jesus durch den \u201eFinger Gottes\u201c, d.h. mit der machtvollen Hilfe Gottes, die D\u00e4monen austreibt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Voraussetzung f\u00fcr Jesu Heilungserfolge ist die \u00dcberwindung des Starken (= Satan) durch den St\u00e4rkeren (= Gott). Gottes Sieg \u00fcber den Satan bedeutet, dass die Gottesherrschaft definitiv anf\u00e4ngt, sich auf Erden zu realisieren. Angesichts der eschatologischen Kampfsituation gibt es keine Neutralit\u00e4t: Ein Mensch kann bzw. muss entweder Jesu Sammlung des endzeitlichen Gottesvolkes unterst\u00fctzen oder dessen Zerstreuung betreiben.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(1) Ernst K\u00e4semann, Die endzeitliche K\u00f6nigsherrschaft Gottes (1980), in: ders., Kirchliche Konflikte, Bd. 1, G\u00f6ttingen 1982, S. (214-225) 218 f. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(2) G\u00fcnter Brakelmann, in: Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten, hg. v. Walter Jens, Bd. 3, Stuttgart <sup>3<\/sup>1980, S. (213-215) 214. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(3)EG 610,3. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(4) Martin Luther, Vom unfreien Willen (1525), in: Luther Deutsch, hg. v. Kurt Aland, Bd. 3: Der neue Glaube, Stuttgart \/ G\u00f6ttingen 1961, S. (151-334) 196. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(5)Vgl. Ulrich Schnabel, Die Neuronen der Moral. Wie Hirnsch\u00e4den zum Ausfall von N\u00e4chstenliebe und Verantwortungsbewusstsein f\u00fchren, in: DIE ZEIT, Nr. 43\/1999, S. 41 f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(6)EG 610,4. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(7) Ernst K\u00e4semann, Lukas 11,14-28 (1955), in: ders., Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. I, G\u00f6ttingen <sup>6<\/sup>1970, S. (242-248) 244. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">(8)Dietrich Bonhoeffer, Gedicht \u201eStationen auf dem Wege zur Freiheit\u201c (21. Juli 1944), in: ders., Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichungen aus der Haft, hg. v. Christian Gremmels, Eberhard Bethge u. Renate Bethge in Zusammenarbeit mit Ilse T\u00f6dt (DBW 8), G\u00fctersloh 1998, S. (570-572) 571.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Doz. Dr. Werner Zager<\/b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=991107-3.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 7. November 1999 | Lukas 11,14-23 | Werner Zager | Ev. Apostelkirche Bochum-Querenburg Universit\u00e4tsgottesdienst Und er trieb einen b\u00f6sen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die b\u00f6sen Geister [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,157,853,114,587,607,349,3,109,1607],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21404","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-drittl-s-d-kj","category-kapitel-11-chapter-11-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-werner-zager"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21404"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22935,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21404\/revisions\/22935"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21404"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21404"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21404"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21404"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}