{"id":21406,"date":"1999-11-15T10:29:13","date_gmt":"1999-11-15T09:29:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21406"},"modified":"2025-04-18T17:13:47","modified_gmt":"2025-04-18T15:13:47","slug":"lukas-11-14-23-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-11-14-23-5\/","title":{"rendered":"Lukas 11, 14-23"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 7. November 1999 | Lukas 11,14-23 | <span style=\"font-family: Arial;\">J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/span><\/h3>\n<p>1.Haben Sie auch manchmal das Gef\u00fchl, da\u00df sich eine richtiggehend depressive Grundstimmung unter uns breitmacht? Neulich habe ich jemanden sogar von \u201eDepri-Inflation\u201c reden h\u00f6ren. Und der November mit seinem Wetter, seiner fr\u00fchen Dunkelheit und den bevorstehenden \u201etraurigen\u201c Sonntagen tr\u00e4gt das Seine dazu bei. Da m\u00f6chte man sich manchmal am liebsten zur\u00fcckziehen, unter der Decke verkriechen und nichts sehen und h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber in unserem Inneren wissen wir nat\u00fcrlich: Das geht wieder vorbei. Sp\u00e4testens wenn in den Innenst\u00e4dten die Adventsbeleuchtungen angehen und zu Hause die ersten Weihnachtssterne bl\u00fchen, dann f\u00fchlen wir uns schon wieder ganz anders. Au\u00dferdem haben wir noch nicht endg\u00fcltig die Hoffnung aufgegeben, da\u00df eines Tages die Arbeitslosenzahlen wieder st\u00e4rker sinken und die Wirtschaft wieder kr\u00e4ftiger wachsen werden. Im Grunde finden wir uns ab mit dem Wechsel von mageren und fetten Jahren, von guten und schlechten Zeiten.<\/p>\n<p>Schlimm jedoch ist es f\u00fcr die, die aus ihrem dunklen Loch niemals herauskommen, die so in sich gefangen sind, da\u00df sie den Kontakt nach au\u00dfen verloren oder nie richtig gehabt haben. Schlimm ist es f\u00fcr die, die weder sich selbst etwas trauen oder zutrauen noch den anderen \u00fcber den Weg trauen. Die kapseln sich ab, f\u00fchlen sich von allen guten Geistern verlassen und h\u00e4tten es doch lieber ganz anders.<\/p>\n<p>2. So \u00e4hnlich haben wir uns jenen Mann vorzustellen, von dem es hei\u00dft, da\u00df Jesus ihn von einem b\u00f6sen Geist befreit hat: Stumm geworden gegen\u00fcber Leben und Menschen, isoliert in Nachbarschaft und Familie, unverstanden von denen, die ihn kannten, eingemauert in versteinerter Traurigkeit. Und dann kommt einer daher, der das nicht mehr mit ansehen kann, der sich auf den Mann einl\u00e4\u00dft und ihm schlie\u00dflich hilft, die Zunge zu l\u00f6sen und das Herz zu \u00f6ffnen. Wir wissen nicht, wie das geschah, aber das ist ja bekanntlich bei manchen Hilfen so. Wichtig ist: der richtige Mensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das treffende und das befreiende Wort, der offene Blick und die Gewi\u00dfheit: Der meint es so, wie er es sagt. Und unser Mann l\u00e4\u00dft sich auf ihn ein, sieht pl\u00f6tzlich wieder eine Perspektive vor sich, findet seine Sprache wieder, so da\u00df sich alle nur wundern k\u00f6nnen. Von solchen Situationen tr\u00e4umen wir. Deshalb nennen wir sie &#8222;Wunder&#8220; &#8211; damals bei Jesus, aber auch sonst oft genug im Leben. Wunder gibt es eben immer wieder -Gott sei Dank<\/p>\n<p>Aber das mit \u201eGott sei Dank\u201c scheint in der geschilderten Situation nicht so klar zu sein, jedenfalls nicht f\u00fcr die Umstehenden. Und damit bewegt sich die Geschichte gewisserma\u00dfen auf eine zweite Ebene zu: Eben noch hatte der Mann mit dem b\u00f6sen Geist im Mittelpunkt gestanden, sein Schicksal, sein Ergehen und seine gr\u00fcndliche Besserung. Das w\u00e4re schon Stoff genug zum Erz\u00e4hlen gewesen. Aber nun dr\u00e4ngt sich auf einmal eine ganz andere Frage in den Vordergrund, n\u00e4mlich die nach der Rolle Jesu. Er soll sich legitimieren, soll Rechenschaft \u00fcber sein Reden und Tun ablegen, soll schl\u00fcssig die Frage beantworten: In wessen Namen tust du so etwas? F\u00fcr die Umstehenden ist n\u00e4mlich klar: Er kann nur mit dem Teufel im Bunde stehen. Er treibt B\u00f6ses mit Hilfe des noch viel B\u00f6seren aus. Diesen Vorwurf kennen wir \u2013 bis auf den heutigen Tag \u2013 aus mancherlei Zusammenh\u00e4ngen; und oft ist ja auch etwas Wahres dran. Aber mit dieser Unterstellung stand nat\u00fcrlich Jesu gesamte Rolle und Sendung auf dem Spiel, auf Messers Schneide sogar.<\/p>\n<p>Und deshalb wird es jetzt noch ein weiteres Mal spannend in der Geschichte. Wie wird er reagieren? Daran entscheidet sich alles. Schnell wird klar, da\u00df er diesen ungeheuerlichen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen kann. Er begr\u00fcndet das \u00fcbrigens ausgesprochen logisch: W\u00e4re es wirklich so, da\u00df er mit dem Teufel paktierte, dann w\u00fcrde dieser sich ja freiwillig seiner Macht und seines Einflusses begeben. Das aber kann nicht sein, denn das Ziel des B\u00f6sen war und ist es ja, immer mehr zu binden und zu knebeln und zu versklaven. Auch das kennen wir aus manchen Zusammenh\u00e4ngen. Jesus aber hatte soeben das genaue Gegenteil dessen getan. Er l\u00f6st die unseligen Bindungen, befreit von Ihnen, l\u00e4\u00dft den Mann wieder durchatmen. Kann das das Ziel des B\u00f6sen sein? Nie und nimmer! Also \u2013 so die logische Folgerung: Jesus kann nur im Namen eines ganz anderen handeln, eines, der st\u00e4rker ist als Tod und Teufel zusammen. So liegt es auf der Hand: Er handelt im Namen Gottes, der von Anfang an das Leben seiner Menschen will \u2013 m\u00f6glichst volles, m\u00f6glichst offenes und ungeteiltes Leben, Leben ohne Zwang. Insofern leuchten Gottes Reich, Gottes Wille, Gottes Herrschaft auf im Reden und im Tun dieses Mannes aus Nazareth. Und wenn der Teufel noch so stark ist, Jesus ist der St\u00e4rkere, hat ihn entmachtet, hat ihm \u2013 wie es in der Erz\u00e4hlung hei\u00dft \u2013 sogar seine R\u00fcstung weggenommen. Im Gesangbuch steht deshalb triumphierend:<\/p>\n<p>\u201eJesus ist kommen, der starke Erl\u00f6ser,<br \/>\nbricht dem gewappneten Starken ins Haus,<br \/>\nsprenget des Feindes befestigte Schl\u00f6sser,<br \/>\nf\u00fchrt die Gefangenen siegend heraus.<br \/>\nF\u00fchlst du den St\u00e4rkeren, Satan, du B\u00f6ser?<br \/>\nJesus ist kommen, der starke Erl\u00f6ser.\u201c (66,3)<\/p>\n<p>Wie schon gesagt, es geht in dieser Geschichte um die Rolle Jesu. Die aber wird nun ganz deutlich, ist f\u00f6rmlich mit H\u00e4nden zu greifen: Er soll und er will den Willen Gottes zum Ausdruck bringen \u2013 uns Menschen zum Wohl und zum Heil.<\/p>\n<p>3. Ich lenke noch einmal den Blick zur\u00fcck, bevor ich zu dem &#8211; \u00fcberraschenden &#8211; Schlu\u00df der Geschichte komme: Zu Beginn wird die wunderbare Errettung eines Menschen durch Jesus geschildert. Einer, der von sich selbst und anderen l\u00e4ngst abgeschrieben war, kehrt in den Alltag zur\u00fcck. Dieses Geschehen l\u00f6st eine Diskussion \u00fcber die Rolle Jesu aus; und er selbst ist es, der scharfsinnig nachweist: Er ist nicht des Teufels, sondern er handelt im Namen Gottes. Gut dran ist der, der das erkennt und f\u00fcr sich gelten l\u00e4\u00dft. Damit k\u00f6nnte der Evangelist Lukas seine Geschichte beschlie\u00dfen. Doch er beendet sie so ganz anders:<\/p>\n<p>\u201eWer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.\u201c (Vers 23)<\/p>\n<p>Warum gerade dieses Wort?<br \/>\nMeines Erachtens nimmt der Evangelist Lukas damit noch eine dritte Ebene in den Blick, n\u00e4mlich die Ebene derer, die sich k\u00fcnftig an diesen Jesus von Nazareth halten m\u00f6chten. Auch da gibt es n\u00e4mlich \u2013 ebensowenig wie bei Krankheit oder Gesundheit oder wie bei Satan oder Gott \u2013 kein Sowohl \u2013 Als auch, kein Wischiwaschi, sondern nur ein klares Entweder \u2013 Oder. Lauheit und Enthaltung haben im Selbstverst\u00e4ndnis der Christen keinen Platz, sondern: \u201eEs gilt ein frei Gest\u00e4ndnis in dieser, unserer Zeit\u201c. Wer den Weg Jesu bejaht und sich an ihm orientiert, der wird ihn auch gehen. So einfach ist das \u2013 und in der Wirklichkeit doch oft so schwer.<\/p>\n<p>Das aber hat Konsequenzen f\u00fcr den Weg der Christen und f\u00fchrt uns zun\u00e4chst alle zur\u00fcck an den Anfang der Geschichte mit der wunderbaren Errettung. Denn an der Stelle, an der eben noch Jesus gestanden hat, stehen nun wir, die wir ihm nachfolgen m\u00f6chten. Und die Fragen von damals gelten uns: Wie gehen wir um mit den b\u00f6sen Geistern, die heute genauso virulent wie damals sind? Wie verhalten wir uns denen gegen\u00fcber, die nicht mehr weiter wissen und in sich selbst gefangen sind? Wir stehen wir zum nahen oder auch zum fernen N\u00e4chsten? In wessen Namen handeln und reden wir \u2013 im Namen des B\u00f6sen oder im Namen Gottes? Das alles sind sicher sehr grob gerasterte Fragen, und die Antworten sind im konkreten Fall oft schwer zu geben. Vor ihnen haben Christen immer schon gestanden. Vielleicht hilft es weiter, darauf zu h\u00f6ren, wie der Apostel Paulus mit dieser Problematik umging. Er hat es einmal \u2013 abgek\u00fcrzt \u2013 so ausgedr\u00fcckt: Seht zu,<\/p>\n<p>\u201edamit ihr pr\u00fcfen k\u00f6nnt, was Gottes Wille ist, n\u00e4mlich das Gute und Wohlgef\u00e4llige und Vollkommene\u201c (R\u00f6mer 12,2).<\/p>\n<p>Gottes Wille also als Ma\u00dfstab f\u00fcr unser Leben \u2013 es lohnt sich, darauf zu h\u00f6ren und danach zu tun.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Bemerkungen zum Text <\/b><\/p>\n<p>Der Text ist Bestandteil des zweiten Hauptabschnittes im Lukas-Evangelium. Dieser ist bekannt als der sogenannte \u201eLukanische Reisebericht\u201c, denn er schildert die Begebenheiten und \u00c4u\u00dferungen Jesu auf seinem Weg von Galil\u00e4a im Norden des Landes in die Hauptstadt Jerusalem, wo sich sein Schicksal entscheiden wird.<\/p>\n<p>Den Text empfinde ich \u2013 trotz seiner gro\u00dfen inneren Spannung \u2013 auf das erste Lesen hin als eher spr\u00f6de und diffizil. Deshalb entscheide ich mich daf\u00fcr, seine drei wesentlichen Hauptebenen, bzw. Schritte herauszuarbeiten und gem\u00e4\u00df der vorgegebenen Abfolge zu behandeln:<\/p>\n<ul type=\"disc\">\n<li>die Wunderheilung<\/li>\n<li>die Frage nach der Rolle Jesu<\/li>\n<li>die Frage nach der Rolle der Christen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich setze ein bei den unterschiedlichen Depressiv-Erfahrungen von Zeitgenossen und versuche von daher, die Situation und die wunderbare Genesung des ehemals Stummen zu charakterisieren.<\/p>\n<p>Von da ist ein nahezu logischer Schritt (und eine entsprechend dramatische Weiterentwicklung der Erz\u00e4hlung), nach dem Ma\u00dfstab von Jesu Handeln zu fragen: im Namen des B\u00f6sen oder im Namen Gottes? Hier scheint mir die \u201eSchaltstelle\u201c des Textes zu liegen.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund ist es folgerichtig, in einem weiteren Schritt nach Rolle und Handeln der Christen zu fragen. Um dabei nicht zu sehr im allgemeinen zu bleiben, f\u00fcge ich als Kriterium den paulinischen Gedanken ein zu pr\u00fcfen, \u201ewas Gottes Wille ist\u201c (R\u00f6mer 12,2). Diese permanente Pr\u00fcfung aber sind wir aber schuldig \u2013 Gott, der Mitkreatur und uns selbst.<\/p>\n<p>Oberlandeskirchenrat J\u00fcrgen J\u00fcngling<br \/>\nEvangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, Landeskirchenamt<br \/>\nRuf (05 61) 93 78 &#8211; 0<br \/>\nDurchwahl 93 78 &#8211; 2 62<br \/>\nTelefax 93 78 &#8211; 400<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=991107.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 7. November 1999 | Lukas 11,14-23 | J\u00fcrgen J\u00fcngling | 1.Haben Sie auch manchmal das Gef\u00fchl, da\u00df sich eine richtiggehend depressive Grundstimmung unter uns breitmacht? 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