{"id":21408,"date":"1999-11-15T10:30:16","date_gmt":"1999-11-15T09:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21408"},"modified":"2025-04-18T17:12:02","modified_gmt":"2025-04-18T15:12:02","slug":"lukas-16-1-8-1-korinther-41-5-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-16-1-8-1-korinther-41-5-2\/","title":{"rendered":"Lukas 16, 1-8 \/ 1.Korinther 4,1-5"},"content":{"rendered":"<h3>Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres \/ Volkstrauertag | Lukas 16,1-8 \/ 1.Korinther 4,1-5 | <span style=\"font-family: Arial;\">Wolfgang Petrak |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die Zeit ist da, wir k\u00f6nnen uns ihr nicht entziehen: Diesem Tag des Gedenkens an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft. Sich in dieser Zeit zu erinnern hei\u00dft, sich dem Vergessen entgegenzustellen. Es bedeutet, sich nicht einzugraben und im Schrecken des Gewesenen zu versinken, sondern um eine Zukunft zu wissen, die uns weiterbringt. Zu trauern hei\u00dft, bereit zu sein, den Schmerz aufzunehmen und zu teilen. Und es hei\u00dft, die Vergangenheit nicht zu verdr\u00e4ngen und die Gegenwart nicht zu einer bequemen Gabe, zu einer billigen Gnade sp\u00e4ter Geburt verk\u00fcmmern zu lassen. Der Weite der Zeit k\u00f6nnen wir uns nicht entziehen. Sie ist da. Und das Wort ist auch da, das uns an diesem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr gesagt ist (Verlesen des Textes Lk 16,1-7):&#8230;<\/p>\n<p>Auch wenn es sich nur um etwas Vorletztes am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres zu handeln scheint: Man kann sich der Zeit nicht entziehen. Da\u00df Jesus so etwas sagt! Und da\u00df der Haushalter, der Herr \u00d6konom, es schlie\u00dflich hinkriegt, irgendwie. Gewi\u00df, er handelt eindeutig kriminell; er ist intelligent und Delinquent zugleich; nicht, da\u00df lediglich seine Liquidit\u00e4t und Bonit\u00e4t infrage st\u00fcnden: Nichts ist mehr mit dem Verm\u00f6gen seines Herrn, gar nichts. Blowin`in the wind. Und trotzdem kann man sich diesem Menschen nicht entziehen. Das liegt nicht so sehr auf der Ebene des Mitleids mit dem fristlos Gek\u00fcndigten, obwohl&#8230;Klar, man kann sich vorstellen, wie so etwas l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Da wird der Haushalter von anderen &#8222;in b\u00f6swilliger Absicht&#8220;( so m\u00fc\u00dfte \u00fcbersetzt werden,- Luther sagt &#8222;ber\u00fcchtigt&#8220;) beschuldigt. Zwischen der Pflicht zur Anzeige, der moralischen Entr\u00fcstung und dem vergn\u00fcglichen H\u00e4ndereiben Au\u00dfenstehender pa\u00dft nicht einmal ein anonymer Brief. Mitleid regt sich wohl auch, wenn dem gro\u00dfen Agrar\u00f6konomen der totale Abstieg droht: Es w\u00fcrde gelten, mit den H\u00e4nden den Spaten (nicht einmal den Pflug) zu f\u00fchren; es w\u00fcrde zur Konsequenz haben, sich milder Wohlt\u00e4tigkeit auszuliefern.&#8220; Haste mal \u00b4ne Mark&#8220;; Platte zu machen; platt zu werden, wie auch andere platt gemacht werden: Mein Gott, so kann man doch nicht leben.<\/p>\n<p>Er aber sagt sich.&#8220; Mein Herr&#8220;. Und dann gibt er die wohl zu Unrecht eingenommenen Zinsen zur\u00fcck. Er gibt viel, genauer gesagt: 16,3 hl \u00d6l und 65,2 hl Weizen. Jeder kann also die Umverteilung von oben nach unten sehen. Indeskann man nur ahnen, wie die Schuldscheine gezeichnet sind. Ist ja auch egal, Hauptsache&#8230;<\/p>\n<p>Was ist die Hauptsache? Nichts ist dar\u00fcber gesagt, wie es weitergeht. Ob der veruntreuende Hausverwalter nun zu einem Schlafplatz, ob sein Gewissen zu einem sanften Ruhekissen kommt. Es ist also nicht einfach: Ende gut, alles gut. Man wei\u00df ja um seine Schuld und kann sich dem nicht entziehen. Trotzdem: Richtet nicht. Wartet ab. Denn der Herr sagt:(V. 8 lesen). Mein Gott, was kann mit einem Mal f\u00fcr eine Zukunft da sein! In ihr wird noch nicht einmal mit moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben gerechnet, weil Gott zu seinem Recht kommt! Der kann man sich nicht entziehen!<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Ich kann mich den Bildern der letzten Woche nicht entziehen. Wie immer wieder im Fernsehen gezeigt wurde, wie der Schlagbaum am 9. November in der Bernauer Str. aufging. Menschen, die aus dem anderen Teil Deutschlands (so sagte man fr\u00fcher manchmal) her\u00fcber kamen, frei, lachen, weinend: Wahnsinn. Wie auf der Mauer getanzt wurde. Wie am Samstagmorgen es in unserer Stadt roch wie in Halle oder Karl-Marx-Stadt (auch so sagte man fr\u00fcher), wie die Gesch\u00e4fte voll waren. Wie die Studenten aus Halle eine Woche sp\u00e4ter mit Politikern unserer Stadt (nicht alle Fraktionen trauten sich) diskutierten, \u00fcber die Chancen der Grenz\u00f6ffnung, \u00fcber die damit verbundene Verkehrsproblematik, vor allem aber: was man gegenseitig voneinander lernen und welche gemeinsamen Perspektiven man entwerfen k\u00f6nne. Demokratischer Aufbruch. &#8211; In der letzten Woche redeten wir in unserem M\u00e4nnerkreis unter uns: &#8222;10 Jahre danach&#8220;. Es wurde da gesagt, da\u00df das Begr\u00fc\u00dfungsgeld damals ein Fehler gewesen sei, wegen der geweckten Erwartungshaltung. Mein Gott, die Bedeutung des Geldes und was alles davon abh\u00e4ngt, so da\u00df man sich dem Bed\u00fcrfnis nach materieller Sicherung nicht entziehen mag: Ist nicht die Freiheit, ist nicht die gemeinsame Zukunft uns etwas wert gewesen?<\/p>\n<p>Wie noch der Schabowski auf der Pressekonferenz zum Schlu\u00df die beabsichtigte Grenz\u00f6ffnung bekannt gab; dieses suchend-stotternd vorgetragene &#8222;Ab sofort&#8220;, das Str\u00f6me der Freiheit er\u00f6ffnete, bis dahin unvorstellbare Zukunft, vielleicht aus Unwissenheit, vielleicht aus Schlauheit bedingt. Er ist 10 Jahre sp\u00e4ter als einer der politisch f\u00fcr den Schie\u00dfbefehl Verantwortlichen verurteilt worden. Ich dachte, ob man da so richten mu\u00df?. Doch er sagte in dieser Woche in einem Interview sinngem\u00e4\u00df, da\u00df ein Rechtsstaat keine andere Wahl habe als zu seinen Prinzipien zu stehen. Er selbst werde zu seiner Verantwortung stehen, sich nicht sozusagen einbuddeln, sondern dem Strafma\u00df stellen. Im \u00fcbrigen meine er, da\u00df man die von vielen herbei geredete Mauer im Kopf keine Wirklichkeit haben werde. Denn der Weg der Freiheit ist die Zukunft.<\/p>\n<p>Ist es bei dem Haushalter, der Agrar\u00f6konom war, nicht auch so gewesen, da\u00df die Zukunft mit einer gerechten Umverteilung von oben nach unten begann? Ist er selbst nicht auch schlitzohrig-schillerrnd-schuldig, also offen gewesen? Auch dieser Mann sprach nicht entschuldigend von den Verh\u00e4ltnissen und den damaligen Herren und deren Verantwortung, sondern er sagte :&#8220;Ich&#8220;. Und: &#8222;Mein Herr&#8220;. Dem kann man sich nicht entziehen.<\/p>\n<p>Ich kann mich -obschon nach dem Krieg geboren- nicht unserer Geschichte entziehen. Wie ich damals zusammen mit meinem Vetter ( auch so sagte man damals) bei Sinalco und Topfkuchen am Katzentisch sa\u00df) w\u00e4hrend die Eltern und Tanten nach dem Kaffee schon bei Bier, Lik\u00f6r und Weinbrand angekommen waren und mit gel\u00f6ster Zunge \u00fcber Politik redeten. Namen waren aufzuschnappen: Adenauer, der die Gefangenen aus Ru\u00dfland zur\u00fcckgebracht hatte; Schumacher, der f\u00fcr die Wiedervereinigung gewesen war, aber anders. Vater sagte etwas vonThomas Dehler, die Tanten entgegneten mit Globke; Heinemann wurde auch genannt und Pieck.ein Nachbar sagte einmal leise, wie er in Ru\u00dfland durch Blut gewatet war. Der Vater zeigte Bilder von seiner Flak: &#8222;Wir sind ja noch einmal davon gekommen&#8220;, So hie\u00df es. Und: &#8220; Es geht aufw\u00e4rts&#8220; obwohl es in den 50iger Jahren mit unserer Familie finanziell abw\u00e4rts ging.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir Jungens mit am Tisch, redeten, fragten. Ob sich die Eltern jemals gefragt h\u00e4tten, was sie h\u00e4tten tun m\u00fcssen, als der Zahnarzt, der um die Ecke seine Praxis hatte, von der Gestapo abgeholt worden war? Die z\u00f6gerlichen Antworten mit den Hinweisen auf das Nichtwissen, den Selbstschutz lie\u00dfen dann den Nierentisch zur Anklagebank werden. Wir aber entzogen uns innerlich diesem Raum, indem wir meinten: unsere Generation werde es anders machen.<\/p>\n<p>Es ist Gauck gewesen, der in dieser Woche im Anschlu\u00df an die Feierlichkeiten sagte, man m\u00fcsse sich einmal vorstellen, die Stasi h\u00e4tte ihre Einrichtungen -sagen wir einmal- in Wilhelmshaven oder in Hannover stehen gehabt: Wer wei\u00df, ob wer von uns Wessis nicht auch aus Opportunismus und scheinbarer Schl\u00e4ue, aus Not und \u00dcberlebensdruck zum IM geworden w\u00e4re? Ja, ich mu\u00df mir auch vorstellen, wenn ich 1932\/33 als Pastor es erlebt h\u00e4tte, wie sich die vormals leeren Kirchen wieder f\u00fcllten mit Leuten, die sonst nicht mehr da gewesen waren; mit modernen volkst\u00fcmlichen Liedern und Liturgien, vielleicht w\u00e4re ich auch dabei gewesen, deutsch und scheinbar christlich zugleich &#8230; Oh mein Gott, nein.<\/p>\n<p>Ich sage jetzt nicht: richtet nicht. Dabei wei\u00df nicht ich, ob ich gerichtet werde.<\/p>\n<p>Wenn ich an die Entscheidungen dieses Jahres zur\u00fcckdenke, die bedeuten, zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg sich wieder ein einem kriegerischen Einsatz zu beteiligen, weil nach aller Abw\u00e4gung nur so die Menschenrechte gesch\u00fctzt werden konnten, so empfinde ich tiefe Zweifel. Nicht nur gegen\u00fcber den Regierenden, die doch meiner Generation angeh\u00f6ren und deren Ziele ich eigentlich zu teilen meine. Sondern vor allem gegen\u00fcber mir selbst: Was w\u00fcrde ich anders machen, wenn nur die Wahl zwischen Schuld und Schuld bleibt? Sich in Gedanken und Skrupeln vergraben? Sich in den Spa\u00df der Erlebnisgesellschaft hineinwerfen? Wer also wird mich befreien vom Gewicht unserer Zeit und meiner Schuld?<\/p>\n<p>\u00dcber sich hat Paulus einmal dieses gesagt (vorlesen: 1. Kor 4,1-5). Es geht darum zu glauben, da\u00df es \u00fcber unsere Zeit noch eine andere Zeit gibt. Ihr k\u00f6nnen wir uns nicht entziehen. Sicher: ich wei\u00df nicht, unter welchem Urteil ich einmal stehen werde. Doch da\u00df es von Christus her eine Zukunft gibt, das ist gewi\u00df. Deshalb kann ich schon jetzt sagen: Mein Herr und mein Gott.<\/p>\n<p>Lieder: EG 145,,6f; 321,2 386,1+2<\/p>\n<hr \/>\n<p>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSt. Petri Weende<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel.: 0551 &#8211; 3 18 38; Fax: 0551 -3 16 27<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres \/ Volkstrauertag | Lukas 16,1-8 \/ 1.Korinther 4,1-5 | Wolfgang Petrak | Liebe Gemeinde, die Zeit ist da, wir k\u00f6nnen uns ihr nicht entziehen: Diesem Tag des Gedenkens an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft. Sich in dieser Zeit zu erinnern hei\u00dft, sich dem Vergessen entgegenzustellen. 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