{"id":21461,"date":"1999-12-15T11:01:58","date_gmt":"1999-12-15T10:01:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21461"},"modified":"2025-04-17T09:40:16","modified_gmt":"2025-04-17T07:40:16","slug":"2-mose-13-17-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-mose-13-17-22\/","title":{"rendered":"2. Mose 13, 17-22"},"content":{"rendered":"<h3>Silvester \/ Altjahresabend | 31. Dezember 1999 | 2. Mose 13, 17-22 | <span style=\"font-family: Arial;\">Wolfgang Petrak |<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p align=\"justify\">nur noch wenige Stunden trennen uns vom Neuen Jahr. Schon jetzt sind drau\u00dfen vereinzelt Silvesterraketen zu h\u00f6ren; man kann sich vorstellen, wie sie heulend-krachend in den Nachthimmel steigen, um dort eine Spur aus Rauch und glei\u00dfendem Licht zu hinterlassen. Es l\u00e4\u00dft sich ausmalen, wie es um 23.59 Uhr sein wird, wenn sich der Sekundenzeiger unaufhaltsam weiter bewegt, gewi\u00df wie in jedem Jahr, aber es ist doch noch anders: Weiter, endg\u00fcltiger. Und unter die guten W\u00fcnsche zum Neuen Jahr, dem Knallen der Sektkorken, dem Klingen der Gl\u00e4ser, dem Glockengel\u00e4ut von fern werden sich fr\u00f6hlich die Kanonenschl\u00e4ge mischen; zerplatzende k\u00fcnstliche Sterne werden den Himmel \u00fcber unserer Stadt kurzzeitig erleuchten und so selbst ein Zeichen der Zeit sein: Aufsteigend, sich beschleunigend, mit dem Anspruch versehen, weitr\u00e4umig gesehen zu werden, um dann umso schneller zu verl\u00f6schen und in die dunkle Nacht zur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Mit der Geschwindigkeit ist das Vergessen gesetzt, das sich beschleunigende Tempo der Entwicklungen l\u00e4\u00dft nach Orten des Bleibens fragen. Gibt es etwas, was nicht vergeht wie Schall und Rauch? Der Beginn des neuen Jahrtausend ist ja nicht einfach eine konstruierte Zahl mit ein paar Nullen, deren letzte beide Stellen die Frage nach der Zukunftsf\u00e4higkeit und der Anf\u00e4lligkeit vernetzter technischer Systeme aufwirft. Die Jahreszahl ist selbst ein Symbol f\u00fcr eine Zukunft, die unsere Erfahrungen \u00fcbersteigt und die sich den Prognosen und Entw\u00fcrfen entzieht. Umso sch\u00e4rfer wendet sich der Blick zur\u00fcck, um Bleibendes und Pr\u00e4gendes auszumachen. Faszinierende Bilder zeigte das ZDF: Jeden Tag 100 Jahre. High-lights der Geschichte werden in der Rolle des Zuschauers erlebt. B\u00fccher wie von G. Grass&#8220;Mein Jahrhundert&#8220; werfen Schlaglichter auf das, was im Nebel der Vergangenheit versunken und vergessen zu sein scheint. Und so manches Mal habe ich in der Freude des Wiederentdeckens gesagt: &#8222;Richtig, so war es&#8220;. Zugleich sp\u00fcre ich: Das ist nicht die eigene Geschichte. Hell tauchen in den eigenen Erinnerungen Gesichter auf: Menschen, denen ich begegne, die f\u00fcr mich da sind; die mich angesehen, zu mir gesprochen, mich verstanden haben; die getr\u00f6stet, geliebt, gelehrt, gezankt haben. Und ich wei\u00df: Wenn in der Zeit die Gesichter verloren werden, wird sie sich verdunkeln.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es mag dunkel gewesen sein, damals, als sich weit vor unserer Zeitrechnung das Volk Israel am Rande der W\u00fcste gelagert hatte. &#8222;Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkens\u00e4ule, um sie den rechten Weg zu f\u00fchren, und bei Nacht in einer Feuers\u00e4ule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten&#8220; (Ex 13,21). Sie sehen etwas, was ihnen bleibt. Was mitgeht, was sch\u00fctzt, was den Weg weist, ohne da\u00df das Ziel im voraus zu erkennen ist. Menschen auf dem Weg. Ihre Gesichter lassen sich vorstellen: Gesichter, die vom Schrecken gezeichnet sind, jedoch froh, der Barbarei entkommen zu sein. Weit aufgerissene Kinderaugen, die so viel gesehen haben und doch nicht begreifen k\u00f6nnen, was um sie herum geschieht. Entschlossene Blicke, die nach vorn gerichtet sind und mit zusammengekniffenen Augen die Entfernung zum n\u00e4chsten Etappenziel absch\u00e4tzen, wissend um den Hunger, der alle \u00fcberkommen wird, die Gefahr ahnend, die vom verdorbenen Wasser ausgehen wird. Auch dieser \u00e4tzende Blick des Besserwissers: W\u00e4re man doch besser geblieben, wo man gewesen war, wo man wu\u00dfte, was man hatte: Fleisch und Schinderei. Zuckerbrot und Peitsche in \u00c4gypten waren allemal besser als Manna und W\u00fcrmer, Wolke und Feuer in der W\u00fcste. Und dann noch diese Augen, die so sch\u00f6n demutsvoll ihre Lider abzusinken wu\u00dften, um die Gabe des HERRN zu empfangen, die aber beim Tanz um das Goldene Kalb ebenso schnell bereit waren, anderen zuzuzwinkern, scharf auf das, was man\/frau kriegen kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diese Gesichter, diese Zeiten. Wir kennen sie. Und wir d\u00fcrfen h\u00f6ren, da\u00df dabei immer Zeichen seiner Anwesenheit mitgehen, mittendrin in dem Leben zwischen Schuld und Neuanfang, mittendrinn zwischen Verzweiflung und Aufbruch: Dieser Schein des Nachts, der nicht verlischt, diese Wolke, die weder verweht noch vernebelt. Eigentlicht kann man sie ja auch sehen, die Zeichen seines Bleibens unter uns. Doch eine Wolke bleibt eine Wolke, und ein Zeichen bleibt ein Zeichen. Es ist nie die Wahrheit selbst. Soda\u00df da\u00df Zeichen f\u00fcr sein Offenbarwerden zugleich das Zeichen f\u00fcr seine Verh\u00fcllung ist. Der, der nah sein will, ist zugleich verborgen. Das Licht des Erkennens kann sich unmittelbar in die Nacht abgr\u00fcndiger Zweifel kehren. Niemand k\u00f6nnte seine Existenz beweisen, niemand konnte sein Gesicht sehen, selbst Mose nicht, als sie am scheinbaren Ende des Weges am Sinai angekommen waren. Zu glauben hei\u00dft: Diesen Weg durch die W\u00fcste nicht zu scheuen, mit den vielen Umwegen, den Belastungen, die man aus alter Zeit mit sich herumschleppt und nicht los wird. Zu glauben hei\u00dft, diese Spannung auszuhalten: Darauf zu vertrauen, da\u00df er mitten unter uns ist, und daf\u00fcr gibt es so viele Zeichen. Und zugleich um seine Verborgenheit zu wissen, soda\u00df man immer wieder danach fragen, danach aufbrechen und nach ihm suchen mu\u00df.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sein Mitgehen in der Zeit, und sei es die Zeit der W\u00fcste, bedeutet sicher auch neue Antworten. Damals in der der Mitte der Zeit, als aus dem Volk in der W\u00fcste Hirten auf dem Felde bei den H\u00fcrden geworden waren, da wurde ihnen die Nacht zum Tage, denn es wurde ihnen gesagt: &#8222;Das habt zum Zeichen. Ihr werdet finden&#8220;.<\/p>\n<p align=\"justify\">Heute, wenn wir von einem angenommenen Gipfel der Zeit r\u00fcckblickend Ausschau halten, werden wir in unseren Erinnerungen sehen, wie dunkler Rauch in unserer Geschichte aufgestiegen ist und \u00fcber St\u00e4dten und D\u00f6rfern, nicht nur bei uns, lastet. Wie nahe liegt da der Gedanke seiner Verborgenheit, ja Abwesenheit. N\u00e4her mu\u00df noch ein anderer Gedanke liegen: Wie verborgen, ja wie abwesend die Humanit\u00e4t sein kann. 2000 Jahre, und was hat sich an den Menschen ge\u00e4ndert, was wird sich \u00e4ndern? Trotzdem. Im Dunkel dieser Fragen gilt die Klarheit dieser Zusage: &#8222;Das habt zum Zeichen. Ihr werdet finden das Kind&#8220;. Das Kind. Dieses Antlitz des Menschen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Ernst. Wir k\u00f6nnen es finden. Und wenn ich an dieses Buch &#8222;Mein Jahrhundert&#8220; denke, dann mu\u00df ich sogar lachen, weil G\u00fcnther Grass darin eine Geschichte erz\u00e4hlt, wie 1908 der Vater den Sohn zu einer Kundgebung mitnimmt, ihn dann schlie\u00dflich auf den Schultern tr\u00e4gt. Es ist eigentlich das Bild des Christophorus: Einer nimmt die Last des anderen auf sich, weil wir selbst Getragene sind. So kann das Gesetz Christi erf\u00fcllt werden. Und wenn ich in der Erinnerung das Bild vor mir sehe, wie der damalige Bundeskanzler Brandt in Warschau kniete, dann ber\u00fchrt das tief. Aller Beschleunigung, allem Vergessen zum Trotz bleibt das Gesicht, bleibt die Geste in Erinnerung und verbindet sich \u00fcber die Zeiten mit dem Bild des Mose, dem gesagt wurde: &#8222;Geh nicht weiter, dieses ist ein ein heiliger Ort&#8220;. Angesichts der Zeit innezuhalten und der Trauer, der Scham Raum zu geben, damit das Nie-Wieder heilig ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zu tragen, weil wir getragen sind. Zu gehen, weil der HERR mitgeht. Innezuhalten, damit wir seinen heiligen Willen erkennen. Auf der Wende zum Jahr 2000: Nun la\u00dft uns gehn und treten, mit Singen und mit Beten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\"><b>Lied nach der Predigt: EG 58<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wolfgang Petrak<br \/>\nPastor an St. Petri-Weende<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel.: 0551\/31838<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silvester \/ Altjahresabend | 31. Dezember 1999 | 2. Mose 13, 17-22 | Wolfgang Petrak | Liebe Gemeinde, nur noch wenige Stunden trennen uns vom Neuen Jahr. 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