{"id":21491,"date":"1999-09-15T11:38:44","date_gmt":"1999-09-15T09:38:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21491"},"modified":"2025-04-16T20:30:26","modified_gmt":"2025-04-16T18:30:26","slug":"genesis-1-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-1-3\/","title":{"rendered":"Genesis 2"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Texte und Gedanken zur Sch\u00f6pfung&#8220;: Was ist der Mensch nach dem zweiten Sch\u00f6pfungsbericht? | September 1999 |\u00a0Felizitas von Sch\u00f6nborn |<\/h3>\n<p>Wie kein anderer Text der Bibel stellt uns die Genesis vor die Frage, ob die Bibel dem modernen, durch die Wissenschaft aufgekl\u00e4rten Menschen noch etwas zu sagen hat. Vielen kommt die Vorstellung, Gott habe die Welt in sechs Tagen geschaffen, die in die Ruhe des siebten Tages m\u00fcnden, wie eine naive Erz\u00e4hlung aus Kindertagen vor. Man erinnert sich an den Paradiesgarten, an Adam und Eva, an die verf\u00fchrerische Schlange wie an ein M\u00e4rchen. Der Glaube an Gottes gute Sch\u00f6pfung hat seine Selbstverst\u00e4ndlichkeit verloren, wenn nicht durch eigene Erlebnisse, dann durch die kollektiven Greuelbilder unseres Jahrhunderts. Uns ist das Urvertrauen abhanden gekommen. So gesehen sind wir alle Vertriebene, und es f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck in den Garten Eden. Wie es in Heinrich von Kleists meisterhafter Erz\u00e4hlung vom Marionettentheater hei\u00dft, \u201e..das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir m\u00fcssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.\u201c Und gerade darum geht es. Die sogenannte Billigungsformel des ersten Teils der Genesis: Gott sah, da\u00df es gut war, ist keine Analyse der Wirklichkeit, sondern ein Glaubensbekenntnis. Es bef\u00e4higt uns an dem durch den Sch\u00f6pfer gesetzten Sinn festzuhalten, mit ganzem Einsatz zu leben.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6pfungsberichte der Bibel sind Kunstwerke. Geben sie doch auf nur wenigen Seiten tiefen Einblick in grundlegende Fragen menschlichen Daseins. Lassen \u00fcber die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge des Lebens und selbst allt\u00e4gliche und scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Dinge auf Gott hin transparent werden. \u00dcber das Menschenbild, das uns die Genesis vermittelt, kann man mit dem katholischen Theologen Karl Rahner sagen, \u201eder Mensch ist die Frage, auf die es keine Antwort gibt.\u201c Wir sind postmodern, n\u00fcchtern geworden, haben gelernt, da\u00df vermeintlich gro\u00dfe Schritte der Menschheit, doch nur Schrittchen sind. Was immer wir in den letzten f\u00fcnfzig Jahren \u00fcber die Befindlichkeit des Menschen gelernt haben m\u00f6gen, das Geheimnis seiner Existenz bleibt gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Die Genesis zeigt vor allem, da\u00df der Mensch in Gott gegr\u00fcndet ist. In Genesis 1 wird in sehr n\u00fcchterner Weise vom Menschen gesprochen, f\u00fcr dessen Erschaffung nicht einmal ein besonderer Tag reserviert wurde. Staub und Asche ist er. Erst Gottes Odem haucht dem Staubgebilde Lebenskraft ein. Gott ist Ursprung allen Lebens. Schlie\u00dflich mu\u00df der Mensch wieder zur Erde von der genommen wurde zur\u00fcckkehren. Zugleich aber bildet der Mensch als Krone der Sch\u00f6pfung die Mitte zwischen Gott und der Welt. Er wurde nach Gottes Bild geschaffen, damit er Gott entspreche und Gott mit ihm in Beziehung trete.<\/p>\n<p>Genesis 2 ist in der Form einer volkst\u00fcmlichen Erz\u00e4hlung abgefa\u00dft, deren Hauptthema der S\u00fcndenfall ist. Die bildhafte Beschreibung, wie Gott den Menschen aus Ton formt und ihm den Lebensatem einhaucht, soll keine Auskunft geben, wie die Sch\u00f6pfung tats\u00e4chlich erfolgte. Im Alten Testament ist Sch\u00f6pfung nicht Gegenstand einer Offenbarung. Da sie ohne Zeugen erfolgt ist, kann sie ihrem Wesen nach nicht bezeugt werden. Es ist keine Lehre vom wie der Sch\u00f6pfung, sondern ein Bekenntnis, da\u00df die ganze Welt sich restlos dem souver\u00e4nen Tun Gottes verdankt. Daher bleiben die Sch\u00f6pfungsberichte von den jeweiligen Ergebnissen wissenschaftlicher Enstehungslehren unber\u00fchrt. Die biblischen Redaktoren, f\u00fcr die Wissen und Glauben noch eine Einheit bilden, verwenden in ihren Berichten zeitbedingte und weltanschauliche Betrachtungswiesen, um den Vorgang der Sch\u00f6pfung zu beschreiben. Die zeitlose Botschaft lautet: die Menschheit bildet trotz aller Unterschiede durch die anf\u00e4nglichen gemeinsamen Existenzbedingungen eine Schicksalsgemeinschaft.<\/p>\n<p>Der paradiesische Wonnegarten ist ein Bild f\u00fcr das urspr\u00fcngliche Sein des Menschen in inniger N\u00e4he und Freundschaft zu Gott. Doch das Paradies ist kein Schlaraffenland des passiven Genie\u00dfens, sondern ein Ort an dem die Kreativit\u00e4t des Menschen eingesetzt werden soll. F\u00fcr das Alte Testament ist ein erf\u00fclltes Dasein ohne Arbeit nicht denkbar. Sie bildet einen wesentlichen Bestandteil menschlichen Lebens. Durch den Auftrag den Garten zu bebauen und bewahren, hat Gott der Arbeit einen grunds\u00e4tzlichen Sinn gegeben. Der Mensch ist vor allem ein eigenverantwortliches Wesen. Als erstes Zeichen seiner Autonomie, darf er die Tiere benennen. Sie wurden geschaffen, damit der Mensch nicht allein sei. Die Gemeinschaft mit anderen Wesen steht \u00fcber dem Alleinsein.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, da\u00df die Frau aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, fu\u00dft auf einer alten Tradition, die sie zur wesensgleichen Partnerin des Mannes setzt. Auch hier geht es nicht um das wie des Sch\u00f6pfungvorganges. Mit dem freudigen Ausruf, der \u201ejauchzenden Bewillkommnung\u201c, mit der der Mann die Frau empf\u00e4ngt, erreicht die Erschaffung des Menschen ihr Ziel. Mann und Frau stehen in echter Beziehung zueinander. Von Anfang an sind sie geschaffen, einander zu lieben. Bereits ihre Lebensgemeinschaft im Paradiesgarten macht sie zu Partnern, die einander entsprechen und die f\u00fcr einander da sind. Sie m\u00fcssen keinen Mangel leiden, d\u00fcrfen nach eignem Gutd\u00fcnken von den B\u00e4umen des Gartens zu essen. Erst das Verbot von einem bestimmten Baum zu nicht zu essen, stellt sie in einen Freiheitsraum. Die M\u00f6glichkeit, das Gebot zu \u00fcbertreten, erweitert ihren Bewu\u00dftseinsbereich; gibt ihnen den freien Willen Gott zu gehorchen oder sich von ihm abzuwenden.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen, da\u00df der Mensch verf\u00fchrbar ist, bleibt ein R\u00e4tsel in Gottes guter Sch\u00f6pfung und macht seine Begrenzung deutlich. Das Geheimnis des B\u00f6sen \u00fcbersteigt den Horizont des Menschen. Im Verlauf der Erz\u00e4hlung tritt der Versucher als Schlange an die Frau heran und verlockt sie auf raffinierte Weise, sich \u00fcberhaupt mit ihr in ein Gespr\u00e4ch einzulassen. Sie behauptet, Gottes Verbot gelte f\u00fcr alle B\u00e4ume des Gartens. Die Frau stellt die Behauptung richtig, ohne zu ahnen, da\u00df sie durch diese Antwort den Verf\u00fchrungsk\u00fcnsten des gef\u00e4hrlichen Wesens unterliegen wird. Sie wird dem Versprechen der Schlange Glauben schenken, da\u00df man durch einen Bissen der verbotenen Frucht allwissend wie Gott werden k\u00f6nne. Die S\u00fcnde, die Sonderung von Gott liegt in ma\u00dfloser Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, sie hat auch mit dem unstillbaren menschlichen Wissensdrang zu tun. So ist das Leben des Menschen eine Gratwanderung. Seine Gr\u00f6\u00dfe und seine Tragik sind mit dem Streben nach Erkenntnis verbunden, mit der Suche nach Lebenserfahrung, mit dem Mut das Risiko des Lebens einzugehen, verbunden. Ein zuviel f\u00fchrt, wie es die Erz\u00e4hlung vom Turm zu Babel zeigt, in den Abgrund. \u201eAuf, bauen wir uns eine Stadt und eine Turm mit einer Spitze bis zum Himmel.\u201c (Gen 11,4) Ein zu wenig l\u00e4\u00dft ihn, neurotisch in sich selbst verkr\u00fcmmt, aus Angst vor dem Scheitern die geschenkte Zeit ungen\u00fctzt verstreichen, hindert ihn nach dem verborgenen Schatz seines Lebens zu suchen.<\/p>\n<p>Der Verlust der Unschuld f\u00fchrt zu einer Urschuld, f\u00fchrt zur Vertreibung aus dem Paradies, die schlie\u00dflich in in der felix culpa, der gro\u00dfen Vergebung in der Osternacht m\u00fcndet. Wie es eben im Marionettentheater hei\u00dft:\u201e..das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir m\u00fcssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.\u201c Nicht zuf\u00e4llig ist die Schlange ein ambivalantes Sinnbild. Einerseits verk\u00f6rpert sie zerst\u00f6rerische Kr\u00e4fte, ist eine gestaltgewordene Hellsichtigs des B\u00f6sen, mit dem der Mensch sich auseinanderzusetzen hat. Anderseits ist sie aber auch ein Inbild der Weisheit. Sogar Jesus fordert seine J\u00fcnger auf, klug wie die Schlangen zu sein. Weiters hat das Bild der verf\u00fchrerischen Schlange mit ihrer im Alten Orient \u00fcblichen Verehrung als g\u00f6ttliches Wesen zu tun. Hier aber wird ihr verwehrt eine g\u00f6ttliche Gegenmacht zu bilden, denn es wird ausdr\u00fccklich betont, da\u00df auch die Schlange von Gott geschaffen worden ist.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf ihre Verfehlung sch\u00e4men sich die beiden voreinander. Das Wissen, da\u00df ihr Handeln verfehlt war, hat sie ihre Unbefangenheit verlieren und sie ihrer Nacktheit gewahr werden lassen. Mit dem Erkennen der eigenen Bl\u00f6\u00dfe ist eine Bewu\u00dftseinszustand erreicht, der das restlose Vertrauen unter den Menschen und zwischen Mensch und Gott beendet hat. Aber durch den Verlust der Unschuld ist auch das Gewissen erwacht und der Mensch ist f\u00e4hig geworden, Verantwortung f\u00fcr das eigene Handeln zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Als eigentliche S\u00fcnde erweist sich die \u00dcbertretung des Gebotes erst in der Begegnung mit Gott. Ihre Furcht vor Gott, l\u00e4\u00dft die beiden nach einem Versteck suchen, in der Hoffnung seiner Allwissentheit zu entkommen. Jean-Paul Sartes Kindheitserinnerungen zeigen, da\u00df diese Furcht unertr\u00e4glich werden und in Gottlosigkeit enden kann. Die folgende Vernehmung durch Gott verdeutlicht die Schuld. Obwohl der Ursprung des B\u00f6sen unerkl\u00e4rlich bleibt, mu\u00df der Mensch f\u00fcr seine Hinf\u00e4lligkeit, die ihn der Versuchung erliegen lie\u00df, Verantwortung tragen. Er mu\u00df die an ihn gestellten peinlichen Fragen beantworten. Verantwortung \u00fcbernehmen, hei\u00dft auch auf Fragen antworten, hei\u00dft Rechenschaft ablegen. Auch der schuldig gewordene Mensch wird in seinem Menschsein ernstgenommen. Er kann sich verteidigen, kann sogar Gott anklagen. Der Mann schiebt alle Schuld auf Gott, der ihm die Frau geben hat, auf deren falschem Rat er gefolgt ist. Die Frau schiebt alles auf die Schlange. In der S\u00fcnde kann keine Solidarit\u00e4t entstehen. Sie trennt, weil sie ihrem Wesen nach die Liebe zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Beim Urteil wird die Reihenfolge des Verh\u00f6rs umgekehrt. Nur die Schlange wird verflucht, Mann und Frau aber nicht. Das Urteil \u00fcber die Frau spricht von ihrer besonderen Daseinslasten, von den Schwangerschaftsbeschwerlichkeiten und den Geburtsqualen. Galten sie doch im Alten Testament als Inbegriff des Schmerzes, der Angst und der Bedr\u00e4ngnis. Die Strafworte, in denen von dem Verlangen der Frau nach dem Mann und der Herrschaft des Mannes \u00fcber die Frau die Rede ist, stellen keine Norm auf, sondern umschreiben eine damals gegebene Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Das l\u00e4ngste Urteil ergeht an den Mann und macht ihn zum Hauptverantwortlichen. Im altestamentlichen Religionsbegriff hat das H\u00f6ren auf Gott eine ganz besondere Bedeutung. Der Mann hat, anstatt sich an die Stimme Gottes zu halten, auf die Worte der Frau geh\u00f6rt. Sein Strafspruch stellt das Typische im Leben des Mannes, dem Frauendasein gegen\u00fcber: die m\u00fchselige Last seiner Arbeit, die k\u00fcnftig von der st\u00e4ndigen Gefahr des Mi\u00dflingens bedroht sein wird. Dieser Zustand soll andauern bis der Mensch zum Acker, dem er entnommen, zur\u00fcckkehrt und seiner Todesverfallenheit erlegen ist.<\/p>\n<p>Hiermit schlie\u00dft sich der Daseinsbogen, der mit der Erschaffung des Menschen aus der Erde seinen Anfang genommen. In dem Augenblick, als der Mann vom unausweilichen Ende alles Lebens erf\u00e4hrt, benennt er seine Frau Chawah, Eva, Mutter aller Lebendigen. Das ist ein unwiderufliches Bekenntnis, da\u00df das Leben und nicht der Tod st\u00e4rker ist. Denn die Frau, die Lebensgeb\u00e4rerin wird das Leben auch angesichts des Todes weiter und weiter tragen. Der urspr\u00fcngliche Segen ist trotz der Bestrafung nicht aufgehoben. Gott hat den Menschen als Wesen mit aufrechtem Gang in sein irdisches Schicksal geschickt. Er hat seine besch\u00e4mende Nacktheit mit einer Bekleidung aus Fell umh\u00fcllt, die ihm auch in den kalten Tagen, die seiner harren, Schutz gew\u00e4hren wird. Auch wenn dem Menschen das Paradies verloren ging, so bleibt er doch ein Gesch\u00f6pf Gottes.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Felizitas von Schoenborn, Schriftstellerin, Genf<br \/>\n<a href=\"mailto:philippwittgenstein@yahoo.com\">Email: philippwittgenstein@yahoo.com<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Texte und Gedanken zur Sch\u00f6pfung&#8220;: Was ist der Mensch nach dem zweiten Sch\u00f6pfungsbericht? | September 1999 |\u00a0Felizitas von Sch\u00f6nborn | Wie kein anderer Text der Bibel stellt uns die Genesis vor die Frage, ob die Bibel dem modernen, durch die Wissenschaft aufgekl\u00e4rten Menschen noch etwas zu sagen hat. 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