{"id":21511,"date":"2000-10-15T12:00:59","date_gmt":"2000-10-15T10:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21511"},"modified":"2025-04-16T20:15:36","modified_gmt":"2025-04-16T18:15:36","slug":"betrachtung-der-marien-ikone-hodegetria-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/betrachtung-der-marien-ikone-hodegetria-3\/","title":{"rendered":"Betrachtung der Marien-Ikone &#8222;Hodegetria&#8220;"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"600\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\">\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv.php\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/b><\/span><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-2\/drucktipps.html\">(Tipps zum Speichern und Drucken: Hier klicken)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><span style=\"color: #0000a0; font-family: Arial;\"><b>Predigtreihe &#8222;Maria&#8220;<\/b><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000a0; font-family: Arial;\"><b>15. Sonntag nach Trinitatis (1. Oktober 2000)<br \/>\nBetrachtung der Marien-Ikone &#8222;Hodegetria&#8220;<br \/>\n13. Jahrhundert, Kloster Vatopedi auf Athos<br \/>\nPetra Savvidis<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\">Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Maria, die Mutter. Sie h\u00e4lt Jesus z\u00e4rtlich im Arm, umf\u00e4ngt ihn mit ihrer Hand. Wie in einer Wiege liegt er in ihrer Armbeuge, sanft gehalten. Ihr Kopf ist ihm zugeneigt, ihr Blick sucht seinen Blick und geht doch auch nach innen. Ihre Augen sind r\u00e4tselhaft, ein L\u00e4cheln kaum angedeutet, ihr Gesichtsausdruck verhalten z\u00e4rtlich. Und noch etwas anderes schwingt mit.<br \/>\nDas Kind schaut zu ihr auf. Aufmerksam ist der Blick, ganz auf die Mutter gerichtet. Halb liegend, ruhig in den Arm gebettet, nur der Kopf ist aufgerichtet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Auch die H\u00e4nde der beiden sind ganz einander zugewandt. Die beiden linken H\u00e4nde ber\u00fchren sich fast an der Seite des Kindes, die Hand der Mutter st\u00fctzt das Kind, dessen Hand h\u00e4lt eine Schriftrolle. Die beiden rechten H\u00e4nde sind wie in einer Bewegung, zeigen zueinander hin, eine gro\u00dfe und eine kleine Hand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Nur wenige Farbnuancen weist das Bild auf, die Gesichter, die H\u00e4nde und die Kleidung sind ganz in erdigen Farben gemalt, r\u00f6tlich braun und orangebraun. Nur wenige Details lenken ab von der klaren Ausrichtung des Bildes auf die beiden Personen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ein lebensnahes Bild, erdverhaftet, unaufdringlich. Harmonisch, fast idyllisch k\u00f6nnte es auf uns wirken, wenn da nicht diese gewisse Fremdheit w\u00e4re. Der Blick der Mutter ist r\u00e4tselhaft, eine leise Wehmut liegt darin, die nicht zu der Szene passen will. Das Gesicht des Kindes ist viel zu erwachsen, ausgeformt, dem Alter nicht angemessen, seine Haltung mit dem erhobenen Kopf unnat\u00fcrlich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Die stilisierte Maltechnik von Ikonen l\u00f6st in unseren Augen, die ganz an westliche Malerei gew\u00f6hnt sind, Befremden aus. Sie entzieht sich dem unmittelbaren, spontanen Begreifen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ikonen werden nach Vorlagen gemalt. Die schreiben das Motiv, das Thema, die Komposition des Bildes und die Details vor. F\u00fcr die Ikonenmaler bleibt eine kleine Freiheit, bestimmte Einzelheiten, die Mischung der Farben, den Gesichtsausdruck auszugestalten. Jedes Detail ist dabei bedeutungsvoll. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Diese Ikone ist sehr alt, ins 13. Jahrhundert wird sie datiert, und sie stammt aus einem Athos-Kloster. Ihr Motiv geh\u00f6rt zu den am weitesten verbreiteten und verehrten Marien-Ikonen. <i>Hodegetria <\/i>wird sie genannt, nach dem Kloster Hodegon, in dem eine erste Ikone diesen Typs gefunden wurde. <i>Hodegetria<\/i> hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201eWegweiserin, Wegf\u00fchrerin\u201c. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ganz typisch f\u00fcr alle Ikonen, die dieses Motiv zeigen, ist, dass Maria das Kind auf ihrem linken Arm tr\u00e4gt und die rechte Hand in einer Bewegung hin zum Kind ist.<br \/>\nWie ein Hinweis, wie ein Fingerzeig.<br \/>\nHier ist Marias rechte Hand ge\u00f6ffnet, nach oben hin, wie um zu empfangen. Und zugleich weist sie auf das Kind in ihrem Arm.<br \/>\nJesus hebt seine rechte Hand, der Hand der Mutter entgegen, fast, wie um sie zu ber\u00fchren. Drei Finger sind zusammengelegt zur Geste des Segnens.<br \/>\nWie die Augen der beiden sind auch ihre H\u00e4nde ganz aufeinander ausgerichtet.<br \/>\nAber w\u00e4hrend die Augen im Bild bleiben, sich suchen und ganz bei sich bleiben, weisen ihre H\u00e4nde nach au\u00dfen und \u00f6ffnen das Bild.<br \/>\nDie H\u00e4nde nehmen den Betrachtenden hinein. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ikonen sind nach dem Verst\u00e4ndnis der Ostkirchen Bilder, die nach au\u00dfen weisen: Fenster zum Himmel, in Farben gemaltes Evangelium, verk\u00fcndigende Bilder, die das G\u00f6ttliche und Ewige im Zeitlichen spiegeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Maria weist auf das Kind: \u201eSeht her, hier ist der, den Gott geschickt hat, der Welt zum Heil. Seht her, in diesem Kind ist Gott stark und gegenw\u00e4rtig. Er ist es, der gekommen ist, um Erf\u00fcllung zu bringen und Frieden und Gerechtigkeit und Gottes Himmel auf die Erde. Schaut her, er ist Gottes Sohn und doch mein Kind, mir von Gott geschenkt und anvertraut, von mir geboren, geborgen in meiner Umarmung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Nichts anderes tun Ikonen. Sie wollen hinweisen auf Christus, auf Gottes lebendige Gegenwart. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Nichts anderes tut jede Predigt, die mit Worten verk\u00fcndigt: Sie malt das Evangelium vor Augen, \u00f6ffnet die altvertraute Botschaft f\u00fcr die Gegenwart: \u201eSeht her, <i>er <\/i>ist es, von dem ich rede. Ich stelle euch Christus vor Augen. In ihm steht der Himmel uns offen, in ihm gewinnt Gott f\u00fcr uns klare Konturen und leuchtende Farben.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Die Farben der Ikone beschreiben das: Das dunkle Braun des Gewandes, mit Purpur angereichert, versinnbildlicht Erde und Himmel, das Menschliche und das G\u00f6ttliche. Das Orange entsteht, wo Licht und Materie sich verbinden. Heller wird der Farbton nach oben hin, im Nimbus, der Marias Kopf in ein Goldgelb taucht und die ganze Szene in den Widerschein des g\u00f6ttlichen Lichts stellt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ein Schattendasein fristet Maria in den evangelischen Kirchen. Krass war der Bruch in der Reformationszeit, als ein tiefes Misstrauen gegen die Heiligen und ihre Bilder dazu f\u00fchrte, dass sie fast \u00fcberall verschwanden. Zu nahe lag die Gefahr des Missbrauchs, dass die frommen Bilder, nahe am Empfinden der Menschen, ablenkten von dem \u201eChristus allein\u201c, das die reformatorische Theologie stark machte. Und gerade auch Maria betraf das. Zu viele Bilder wurden von ihr gezeichnet, zu viele Legenden gedichtet, die sich entfernt hatten von den biblischen Grundlagen. Zu viele Dogmen kamen sp\u00e4ter nach, Maria, die S\u00fcndlose, Maria, die ewige Jungfrau. Als Frau aus Fleisch und Blut war sie unkenntlich, ungef\u00e4hrlich daher und zum Gegenbild zu Eva stilisiert. Immer noch herrscht Streit \u00fcber Maria im Gespr\u00e4ch der Konfessionen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><i>Aber<\/i>: die Wiederentdeckung auf evangelischer Seite steht an. Maria wird als Frau wiederentdeckt, jenseits alter Stereotypen. Als Schwester im Glauben, die der weiblichen Dimension von Gottesverbundenheit Gestalt gibt. Mit ihrem bewegten Herzen, mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit, voller guter Hoffnung den Weg zu gehen, den Gott ihr zeigt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Und so wird <i>sie selbst<\/i> zur Wegweiserin, hier in diesem Bild. Mit ihrer ge\u00f6ffneten Hand, die zugleich empf\u00e4ngt und uns hineinnimmt und den klaren Fingerzeig gibt: \u201eSeht her, das ist mein Kind, welch ein Mensch, und Gottes Sohn zugleich! Auf ihn schaut, ihm allein bleibt zugewandt, ihn habt im Herzen und lasst ihn wachsen in euch.\u201c Eindeutige, verl\u00e4ssliche Verk\u00fcndigung, sehr evangelisch, die allein Christus vor Augen stellt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ikonen kommen mit wenigen, aber bedeutungsvollen Details aus, um ihre Botschaft zu verdichten. Sie wollen gelesen werden, in allen Einzelheiten. Und so gibt es hier in dieser Ikone noch mehr zu entdecken, wenn wir uns Marias Fingerzeig genauer anschauen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Ihre Hand weist auf das Kind in ihrem Arm. Das ist so seltsam jung und alt zugleich, geborgen wie ein Baby und doch erwachsen. In der linken Hand die Schriftrolle, Hinweis darauf, dass Christus das lebendige Wort Gottes ist. Mit seiner rechten Hand segnet er Maria, seine Mutter, die ihn h\u00e4lt und der er doch schon entwachsen ist. Das Gesicht scheint zu alt f\u00fcr den kleinen K\u00f6rper. Jesus ist als Kind-Greis dargestellt. Die ganze Spannbreite des Weges, den er ging, liegt in dieser Gestalt, zwischen Anfang und Ende, zwischen Leben und Tod. Im Augenblick der kindlichen Geborgenheit ist das kommende Leiden schon angedeutet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Wenige Details gen\u00fcgen als Hinweis auf die Passion: Die halb liegende Haltung, die gekreuzten Beine und die nackte Fu\u00dfsohle, die aus dem Gewand ragt. Sie geh\u00f6ren in der Ikonographie zu den Darstellungen der Leidensgeschichte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Fast vertraulich und sanft scheint diese Mutter-Kind-Szene beim ersten Betrachten, beim n\u00e4heren Hinsehen erschlie\u00dft sich die ganze F\u00fclle des Evangeliums: <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Marias Hand weist uns auf den <i>ganzen<\/i> Christus: auf das Menschenkind, von einer Frau geboren und umarmt, und doch Gottes Sohn, in dem sich Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde ber\u00fchren. Sie weist hin auf das Kreuz, das er auf sich nahm, damit wir Vers\u00f6hnung finden, und auf seine lebendige Gegenwart als Wort Gottes, das mitten unter uns auf Verk\u00fcndigung wartet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Maria, die Wegweiserin.<br \/>\nWir haben diese Ikone allm\u00e4hlich f\u00fcr uns entdeckt und ihre Botschaft nach-<i>gelesen<\/i>.<i><\/i>So fremd sie erst wirkt, so fern uns diese Maria auch sein mag, so vertraut und so evangelisch ist das, was sie mit dem Wink ihrer Hand andeutet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Der Wochenspruch f\u00fcr die kommende Woche k\u00f6nnte als \u00dcberschrift \u00fcber dieser Ikone stehen: \u201eAlle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt f\u00fcr euch.\u201c Allein in Gottes Sohn liegt unser Heil. Maria weist uns auf das, was wir immer schon zu predigen haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Im Lauf der Kirchengeschichte hat sie viele Gesichter gehabt. In der Bibel begegnet sie uns als Frau, die von Gott bewegt wird, die voller Hoffnung auf ihn und seine Zukunft f\u00fcr die Welt ihr Leben ver\u00e4ndern l\u00e4sst und in aller Freude und allem Schmerz ihm verbunden bleibt. Und sie begegnet uns als Mutter, die fr\u00fch begreifen muss, dass das, was Gott ihr anvertraut hat, nicht ihr allein geh\u00f6rt, sondern allen Menschen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Maria, die Wegweiserin.<br \/>\nWenn wir uns auf ihren Weg mitnehmen lassen, dann werden auch wir Gottes Sohn der Welt nicht vorenthalten, sondern eindeutig und klar und voller Liebe auf ihn zeigen. Seinen Blick suchend, ihm zugewandt, mit offenen H\u00e4nden, um zu empfangen und weiterzugeben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">M\u00f6ge Gott uns den Mut und das Vertrauen dazu schenken.<br \/>\nUnd m\u00f6ge die rechte Hand des Kindes, die bereit ist zum Segnen, auch uns ber\u00fchren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\">Amen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial;\"><b>Dr. Petra Savvidis, Immermannstr. 22, 58453 Witten<br \/>\n<a href=\"mailto:savv@ngi.de\">e-mail savv@ngi.de<\/a><\/b><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-2\/noch%20zu%20bearbeiten\/pr-maria-1.html#top\"><b>(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/b><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=pr-maria-1.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch (Tipps zum Speichern und Drucken: Hier klicken) Predigtreihe &#8222;Maria&#8220; 15. 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