{"id":21548,"date":"2001-12-15T14:11:40","date_gmt":"2001-12-15T13:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21548"},"modified":"2025-04-16T15:48:15","modified_gmt":"2025-04-16T13:48:15","slug":"jesaja-49-13-16-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-49-13-16-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 49, 13-16"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">1<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Sonntag nach dem Christfest, 30. Dezember 2001<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 49, 13-16, verfa\u00dft von Jorg Christian Salzmann<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>I<br \/>\nDas Kind hatte wieder schlecht geschlafen. Es war kalt gewesen in der Nacht, und unbarmherzig war die K\u00e4lte durch die Pappunterlage gekrochen; die Decke aus Zeitungspapier hatte auch nicht gereicht. Dazu die Angst; jeden Augenblick konnten die von der anderen Stra\u00dfe auftauchen und eine Messerstecherei beginnen. Noch schlimmer: einem M\u00f6rdertrupp in die H\u00e4nde zu fallen, der die Stadt von Stra\u00dfenkindern reinigen wollte. Hungrig und m\u00fcde machte das Kind sich auf den Weg, das Gesicht verschlossen zu einer harten Maske.Ein Schicksal, das wir uns nur schwer ausmalen k\u00f6nnen, und doch ist es tausendfache Realit\u00e4t in unserer Welt. Kinder, die ihre Eltern verloren haben, Kinder, die von ihren Eltern versto\u00dfen wurden oder von sich aus das Leben auf der Stra\u00dfe dem Elend zu Hause vorzogen. Was machen wir Menschen aus unserer Welt? Trotzdem gilt immer noch das andere bei uns als normal, und wir verstehen den Satz: eine Mutter wird ihr Kind nicht im Stich lassen, niemals, wie k\u00f6nnte sie auch.<\/p>\n<p>II<br \/>\nDie Israeliten waren von ihren Feinden nach dem Untergang Jerusalems in die gro\u00dfe Stadt Babylon verschleppt und zwangsumgesiedelt worden. Ihr Schicksal mag nicht so hart gewesen sein wie das moderner Stra\u00dfenkinder. Aber so kamen sie sich vor: ausgesto\u00dfen, verloren, verlassen. Da war niemand, der ihnen half. Und Gott schon gar nicht. Der Gott, der so glorreich f\u00fcr die Vorv\u00e4ter gek\u00e4mpft hatte, der war einfach weg. Du bist mein Sohn, hatte er zu Israel gesagt, Jerusalem ist meine Tochter &#8211; und jetzt: nichts. Gottverlassen waren sie. Was einst so hoffnungsvoll begonnen hatte, konnte jetzt eigentlich nur noch im Tod enden. Aus wars mit der Geschichte vom Gottesvolk.<\/p>\n<p>Da ist es schon dramatisch, wenn dieser Gott sich pl\u00f6tzlich wieder zu Wort meldet und behauptet: &#8222;Ich habe dich nicht verlassen. Wie k\u00f6nnte ich auch; ich liebe dich, Israel, wie eine Mutter ihr Kind. Kann denn eine Mutter ihr Kind im Stich lassen? Und wenn so etwas bei euch Menschen auch mal vorkommt: ich, Gott, bin die bessere Mutter.&#8220; Gott nimmt die Verlassenen in den Arm und will sie tr\u00f6sten. Wie ganz unerwartet f\u00fcr die Verzweifelten, und wie tr\u00f6stlich! Andererseits: kann man das denn glauben? Sprechen nicht alle Fakten dagegen?<\/p>\n<p>Offenbar sieht Gott die Fakten anders. Zu dem zerst\u00f6rten Jerusalem sagt er: deine Mauern sind immer vor mir. Er redet so, als ob sie nicht in Tr\u00fcmmern dal\u00e4gen. Doch diese Erfahrung hatte Israel mit Gott gemacht: was er sagt, das gilt. Und tats\u00e4chlich ist Israel damals nicht untergegangen, und die Mauern Jerusalems wurden wieder aufgebaut.<\/p>\n<p>III<br \/>\nDas ist ein starkes Wort, da\u00df Gott sein Volk mehr liebt als eine Mutter ihr Kind. Auch die Mutterliebe einer Maria zu ihrem Kind vermittelt uns nur eine begrenzte Vorstellung von dieser Liebe. Wie wunderbar, wenn man sich in solcher Liebe bergen kann!<\/p>\n<p>Bleiben zwei Fragen, die zu kl\u00e4ren w\u00e4ren. Erstens: gilt Gottes Liebe uns denn \u00fcberhaupt? Zweitens: Wer kann sich in Gottes Liebe bergen, wenn die Erfahrung dagegen spricht?<\/p>\n<p>Die Antwort auf die erste Frage ist klar: ja, die Liebe Gottes gilt uns. Denn wir Christen sind durch Jesus Christus in die Familie Gottes aufgenommen. Die &#8222;heilige Familie&#8220; ist nicht unerreichbares Vorbild f\u00fcr uns, auch kein weltfernes Idyll. Sondern wir geh\u00f6ren selbst dazu. Jesus nennt uns seine Geschwister, er hat uns zu Kindern Gottes gemacht. Wir sind bei Gott beheimatet. Und so gilt seine Treue auch uns: er will uns nicht im Stich lassen.<\/p>\n<p>Aber, und damit sind wir bei der zweiten Frage, stimmt das denn mit dem zusammen, was wir erfahren? Wer kann sich in Gottes Liebe bergen, wenn die Erfahrung dagegen spricht? Du brauchst wahrscheinlich nicht in gro\u00dfer Ferne zu suchen, um solchen Fragen zu begegnen. Immer wieder versuchen Menschen, zu Weihnachten eine Art Gegenwelt aufzubauen, ein St\u00fcck heile Welt und heile Familie; und immer wieder scheitern solche Versuche. Der Streit reicht bis in die Weihnachtsfeier hinein, die Sorgen bleiben und lassen sich nicht ausblenden. Nirgends im Jahr wird die Einsamkeit gr\u00f6\u00dfer als zu Weihnachten, da die Menschen sich nach N\u00e4he und Liebe sehnen. Und die Probleme dieser Welt werden in der Weihnachtszeit auch nicht geringer. Wo bleibt die Liebe Gottes? Sind wir am Ende allesamt Stra\u00dfenkinder, verlassen in der K\u00e4lte dieser Welt?<\/p>\n<p>IV<br \/>\nGegen Israels Erfahrung stand Gottes Wort. Sie hatten geklagt: &#8222;Gott hat uns vergessen!&#8220; Aber seine Antwort sah anders aus. Jerusalem sollte wieder bl\u00fchen und von seinen rechtm\u00e4\u00dfigen Bewohnern \u00fcberquellen. Die Erfahrung des Verlassenseins war tr\u00fcgerisch und hielt nicht. Vielmehr gilt: Gott sagt Heil zu, und es kommt Heil.<\/p>\n<p>Das ist auch die Grunderfahrung f\u00fcr den christlichen Glauben. Was vor Augen ist, das armselige kleine Baby im Stall, das allein ist nicht die Wahrheit Gottes. Was vor Augen ist, der da wie ein Verbrecher am Kreuz h\u00e4ngt, diese Kreuzigung ist nicht das letzte in der Reihe der Fakten. Gott hat Heil zugesagt, und er hat dem Leben den Sieg gegeben und schenkt uns die Gewi\u00dfheit, da\u00df er uns nicht im Stich l\u00e4\u00dft. Wir sind nicht verlassen. Vielmehr gilt uns Gottes Liebe: mehr als eine Mutter es je kann, so lieb hat er uns.<\/p>\n<p>Sagst du: &#8222;das kann ich nicht glauben&#8220;? So sind wir Menschen wohl. Es scheint so viel leichter, die schlimmen Botschaften aus den Nachrichten zu glauben als die frohe Botschaft des Evangeliums. Aber diese unsere Erfahrung ist tr\u00fcgerisch. Vor Gott gilt das Evangelium, und so wird er uns nicht im Stich lassen.<\/p>\n<p>V<br \/>\nKann man so etwas denn auch dem Stra\u00dfenkind sagen, von dem wir anfangs geredet haben? Es wird uns nicht gut anstehen, als reiche Leute aus gesicherten Verh\u00e4ltnissen hinzugehen und dem Kind zu sagen: &#8222;Gott l\u00e4\u00dft dich nicht im Stich&#8220;. Da m\u00fcssen wir schon etwas tun, wenn wir dem Elend begegnen. Aber das Kind kann sehr wohl glauben und begreifen, da\u00df es nicht aus der Liebe Gottes herausgefallen ist &#8211; auch gegen die eigene Erfahrung. Ich vermute, da\u00df wir von so manchem Armen in der Welt eine Menge an Glauben und Gottvertrauen lernen k\u00f6nnten. Schon die ersten Jesuszeugen, die Hirten von Bethlehem,waren arme Leute. Und sie begriffen, da\u00df hier Gott sein Versprechen eingel\u00f6st hat: &#8222;ich lasse mein Volk nicht im Stich&#8220;.<\/p>\n<p>Wieviel mehr wird das Kind, wird der Arme dem Evangelium glauben k\u00f6nnen, wenn es der Folge dieser frohen Botschaft, der N\u00e4chstenliebe und menschlichen Zuwendung begegnet. Das geht ja auch uns so, und wir danken Gott, da\u00df er auch auf diese Weise Menschen den Weg zum Evangelium weist. So werden wir am Ende geborgen sein in der Liebe Gottes, die uns erz\u00e4hlen l\u00e4\u00dft von seiner Mutterliebe zu uns. Niemals wird er uns verlassen. Deshalb la\u00dft uns einstimmen in das gro\u00dfe Loblied am Anfang unseres Bibelwortes aus dem Jesajabuch: &#8222;Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getr\u00f6stet und erbarmt sich seiner Elenden.&#8220; Die ganze Sch\u00f6pfung soll mit einstimmen in den Weihnachtsjubel \u00fcber den Trost Gottes f\u00fcr uns. Er hat uns nicht verlassen, sondern ist in diese Welt gekommen, um ihr die Erl\u00f6sung zu bringen. Gelobt sei Gott in Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann<br \/>\n<a href=\"mailto:JMSalzmann@t-online.de\">E-Mail: JMSalzmann@t-online.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/011230-1.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=011230-1.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 1. Sonntag nach dem Christfest, 30. Dezember 2001 Predigt \u00fcber Jesaja 49, 13-16, verfa\u00dft von Jorg Christian Salzmann I Das Kind hatte wieder schlecht geschlafen. 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