{"id":21556,"date":"2002-01-15T14:16:15","date_gmt":"2002-01-15T13:16:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21556"},"modified":"2025-04-16T15:16:49","modified_gmt":"2025-04-16T13:16:49","slug":"philipper-4-10-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-4-10-13-2\/","title":{"rendered":"Philipper 4, 10-13"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Neujahr<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 1. Januar 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Philipper 4, 10-13, verfa\u00dft von Wilhelm H\u00fcffmeier<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Jahresanf\u00e4nge sind sogenannte Schwellensituationen. Zu den guten W\u00fcnschen, die andere uns beim \u00dcbertreten einer Schwelle mitgeben, geh\u00f6ren immer wieder zwei Worte: Viel Gl\u00fcck oder viel Kraft! Woher diese Kraft aber kommt, bleibt meist offen. Ist es der Wunsch selber, der mir auch die Kraft schenkt? Oder soll der Wunsch, mein eigenes Kr\u00e4ftereservoir mobilisieren? Oder macht mich die Erinnerung an den, der diesen Wunsch ausgesprochen hat, stark? So wie es Theodor Storm in einem Vers &#8211; auf seine Frau &#8211; besungen hat:<\/p>\n<p>&#8222;Und geht es in die Welt hinaus, \/ wo du mir bist, bin ich zu Haus. \/<br \/>\nIch seh dein liebes Angesicht, \/ ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.&#8220;?<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ist der Wunsch &#8222;Viel Gl\u00fcck&#8220; oder &#8222;Viel Kraft&#8220; Ausdruck von Teilnahme. Teilnahme hat etwas St\u00e4rkendes. Und wenn mich dann der oder die andere umarmt, um diese Teilnahme durch eine Geste zum Ausdruck zu bringen, dann geschieht so etwas wie Kraft\u00fcbertragung.<\/p>\n<p>Worte, W\u00fcnsche, Gesten beim \u00dcberqueren der Schwelle in das neue Jahr &#8211; sie alle wollen nur eins, Lebenskraft zuwenden und Lebensmut zusprechen.<\/p>\n<p>In dem Predigttext f\u00fcr den heutigen Neujahrstag geht es auch um Kraft, um Kraft zum Leben. Und das kommt in einem ungeheuren, ja verwegenen Bekenntnis des Paulus zum Ausdruck. Paulus sagt: &#8222;Ich vermag alles durch den, der mich m\u00e4chtig macht&#8220;. Aber der Apostel l\u00e4sst nicht offen, nein, er f\u00fcgt gleich hinzu, woher er diese Kraft hat. Daf\u00fcr steht ein Name, eine Person: Christus, der Tr\u00e4ger von Gottes Kraft.<\/p>\n<p>So spricht Paulus. Und er sagt noch dazu, wie sich diese Kraft, die er von Christus empf\u00e4ngt, in seinem Leben auswirkt: &#8222;Ich kann mir gen\u00fcgen lassen, wie&#8217;s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, \u00dcberfluss haben und Mangel leiden&#8220;. Erst mit diesen S\u00e4tzen wird die ganze Verwegenheit seines Bekenntnisses deutlich.<\/p>\n<p>Ein Christ, so k\u00f6nnte man folgern, ist eine Art Virtuose verschiedenster Lebenslagen und -situationen. Er kann das, weil er \u00fcber ihnen steht. Er hat ihnen gegen\u00fcber eine gewaltige Freiheit. Die Freiheit der Wahl und des Sichf\u00fcgens in bestimmte Situationen. Luthers ber\u00fchmte S\u00e4tze, dass ein Christenmensch ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und zugleich ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist, haben auch hier einen Ankn\u00fcpfungspunkt gehabt. Im Apostel lebt etwas von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, auf deren Offenbarung die ganze Kreatur wartet.<\/p>\n<p>Da mag aber vielleicht jemand aufstehen und einw\u00e4nden: &#8222;Ja, das h\u00f6re ich mit Bewunderung, wie Paulus so k\u00fchn und strahlend sagen kann: \u201aIch kann alles, weil Christus mir Kraft gibt in jeder und f\u00fcr jede Lebenslage'&#8220;. Der Fragende mag dann hinzuf\u00fcgen: &#8222;Lieber Paulus, mir ist es leider nicht so gegangen. Mich hat Christus oft entt\u00e4uscht, er hat mich auf langen Strecken sitzen lassen. Ich habe zu ihm gerufen und gebetet und mir hat er keine Kraft gegeben.&#8220;<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrde Paulus wohl darauf antworten? Ich denke etwa so: &#8222;Auch mir ist die Kraft, die Christus gibt, nicht per Druckknopf zugeflossen. Er hat mich oft und lange genug mehr meine Schwachheit sp\u00fcren lassen als seine Kraft.&#8220; Und Paulus w\u00fcrde wohl fortfahren: &#8222;Mein Bekenntnis habe ich nicht geschrieben, um andere zu besch\u00e4men oder gar klein zu machen. Ich bin kein Hagestolz. Ich schreibe doch zun\u00e4chst von meiner Freude, und die Freude gilt nicht mir selber, zun\u00e4chst auch nicht einmal Jesus Christus, sondern der Gemeinde in Philippi. Meine Freude entspringt der Dankbarkeit f\u00fcr erwiesene Solidarit\u00e4t. Die Leute aus Philippi hatten mir durch Epaphroditus einige Gaben ins Gef\u00e4ngnis bringen lassen. Sie wollten damit zeigen, dass sie sich um mich sorgen, und diese Teilnahme sollte mir Kraft verleihen im Gef\u00e4ngnis. Nun schreibe ich ihnen, damit sie sich nicht zu viel Sorgen machen. Ihre Teilnahme ist zwar sehr wichtig f\u00fcr mich. Die Christen in Philippi m\u00fcssen aber wissen, dass ich mich inzwischen in den unterschiedlichsten Lebenslagen auskenne und ihnen auch gewachsen bin. Das aber verdanke ich einer anderen Beziehung. Das verdanke ich dem Herrn, der f\u00fcr uns Knecht wurde, dem K\u00f6nig, der unser aller Diener ist. Das verdanke ich der Freiheit Jesu Christi.&#8220; So w\u00fcrde Paulus wohl antworten.<\/p>\n<p>F\u00fcr sich genommen sind das Hochsein und das Niedrigsein, das Sattsein und das Hungern, das \u00dcberflusshaben und das Mangelleiden nicht Quellen der Befreiung, sondern der Bedrohungen des Lebens. Nicht nur der Hunger ist lebensgef\u00e4hrlich. Genau so sehr ist es das \u00dcberflusshaben. H\u00e4ufig genug ist die Kraft, die von Christus ausgeht, dort verschlossen, wo Hochmut, \u00dcberfluss und Sattheit herrschen. Diese unheilige Allianz bildet geradezu eine eiserne Mauer gegen\u00fcber Christus. Deshalb atmet die Welt auf, wo es Menschen gibt, die mit allem und jedem vertraut sind. Sie b\u00fcrgen f\u00fcr eine solidarische Welt.<\/p>\n<p>Genau das kennzeichnet aber den Christen: Er ist vertraut mit allem und jedem, er ist bew\u00e4hrt in verschiedensten Lebenssituationen. Das ist \u00fcbrigens auch der Grund, warum Christen so sozial gesonnen sind. Ihnen sind alle Lebenslagen vertraut. Sie weinen mit den Weinenden, sie freuen sich mit den Fr\u00f6hlichen, sie sehnen sich mit den Hungernden nach Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Bew\u00e4hrt in verschiedenen Lebenslagen wird man aber nicht von einem Tag auf den anderen. Deshalb sagt Paulus auch: &#8222;Ich habe gelernt&#8220;. Christen sind eternal learners. In ihrer Schule wirken viele Lehrer und Lehrerinnen, Propheten, Apostel, gegenw\u00e4rtige Br\u00fcder und Schwestern. Vor allem aber ist das Leben selbst ein gro\u00dfer Schulmeister. Von Paulus wissen wir, dass er mehrere Male verhaftet und in Gef\u00e4ngnisse geworfen wurde ohne jede Gerichtsverhandlung, gefoltert, ausgepl\u00fcndert, wir wissen, dass er Schiffbruch erlitten hat, beinahe verhungert und verdurstet w\u00e4re. Deshalb sein Bekenntnis: &#8222;Ich habe gelernt, mir gen\u00fcgen zu lassen, wie&#8217;s mir auch geht.&#8220; Ein \u00e4hnliches Bekenntnis haben die Shelter-Now-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Afghanistan ausgesprochen &#8211; vor, w\u00e4hrend und nach ihrer Gefangensetzung.<\/p>\n<p>Entscheidend aber waren f\u00fcr das Leben des Paulus zwei Dinge: die Gemeinden, die er gegr\u00fcndet hatte und die er gr\u00fcnden wollte. Der Apostel hatte eine klare Herkunft und ein klares Ziel. Die waren ihm Kraftquellen. Aber es stimmt: &#8222;Viel mehr als Ziele braucht man vor sich, um leben zu k\u00f6nnen, ein Gesicht&#8220; (E. Canetti). Ein Gesicht? Paulus kannte viele Gesichter, aber sie waren ihm Widerschein des einen Gesichtes Jesu Christi, der ihm Lebenskraft gab zu allem und jedem. Christus ist die Kraft hinter und in den Gemeinden. F\u00fcr ihn h\u00e4tte Paulus das Lied singen k\u00f6nnen, das Theodor Storm seiner Frau dichtete:<\/p>\n<p>Und geht es in die Welt hinaus, \/ wo du mir bist, bin ich zu Haus. \/<br \/>\nIch seh dein liebes Angesicht, \/ ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.<\/p>\n<p>Lasst es uns dem Paulus nachsprechen und so ins neue Jahr gehen als zuversichtliche &#8222;Virtuosen&#8220; unterschiedlicher Lebenslagen. So bezeugen wir die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. So werden wir auch daf\u00fcr sorgen, dass Hungernde nicht ohne Brot bleiben und dass die im \u00dcberfluss Lebenden nicht den Kontakt zu denen im Mangel verlieren. Christen sind mit allem und jedem vertraut. Das kommt vielen, sehr vielen Menschen zugute.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<p><b>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Berlin<br \/>\nPr\u00e4sident der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Union<br \/>\nLeiter des Sekretariats der Leuenberger Kirchengemeinschaft<br \/>\n<a href=\"mailto:manske@eku-online.de\">E-Mail <\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020101-1.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020101-1.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Neujahr, 1. 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