{"id":21567,"date":"2002-01-15T14:23:19","date_gmt":"2002-01-15T13:23:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21567"},"modified":"2025-04-16T15:13:31","modified_gmt":"2025-04-16T13:13:31","slug":"jesaja-42-1-4-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-42-1-4-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 42, 1-4"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias, 13. Januar 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 42, 1-4, verfa\u00dft von Christian-Erdmann Schott<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Diese Worte aus dem Jesajabuch haben einen geheimnisvollen Klang. Sie ber\u00fchren eine Sph\u00e4re, die unserem Zugriff weitgehend entzogen ist: Die Absichten Gottes f\u00fcr die Zukunft der Welt. Darum kann die Ausdrucksweise auch nur andeutend, bildhaft, geheimnisvoll sein.<br \/>\nVon dem Propheten, der uns diese Worte hinterlassen hat, wissen wir nicht viel. Sein Leben und sein Name sind im Dunkel der Geschichte verschwunden. Aus seiner Botschaft wissen wir, da\u00df er in einer Zeitenwende gelebt hat: Im Jahr 539 vor Christus eroberte der Perserk\u00f6nig Kyros Babylon. Das Weltreich der Babylonier zerbrach. Das Weltreich der Perser nahm seinen Aufstieg. In diesem Zusammenhang wurde die nach Babylon verschleppte Oberschicht der Juden frei. Das Ende des Exils, die R\u00fcckkehr nach Jerusalem zeichnete sich ab. Der Tag der Heimkehr, an den viele kaum noch zu glauben gewagt hatten, steht vor der T\u00fcr. Eine neue Epoche der Geschichte beginnt auch f\u00fcr das Judentum.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Prophet Jesaja, nach dem das gr\u00f6\u00dfte der prophetischen B\u00fccher genannt ist, vor dem Exil gepredigt und seine Landsleute in leidenschaftlichen Reden vor der kommenden Katastrophe gewarnt hatte, predigt dieser andere, unbekannte Prophet am Ende der Gefangenschaft. Weil wir seinen wirklichen Namen nicht kennen, haben ihm die christlichen Theologen einen Kunstnamen gegeben: Deuterojesaja = der zweite Jesaja. Die Botschaft, \u00fcber die heute zu predigen ist, handelt von einem nicht n\u00e4her beschriebenen &#8222;Knecht&#8220;, dem sogenannten Gottesknecht, von dem ab jetzt immer wieder bei Deuterojesaja und dann sogar im Neuen Testament die Rede ist. Es hei\u00dft: So spricht Gott, der Herr: &#8222;Siehe, das ist mein Knecht&#8220;. Die Frage stellt sich: Wer ist dieser Knecht? Ist es der Prophet selbst? Das Volk Israel? Ist es der aufstrebende erfolgreiche Perserk\u00f6nig Kyros? Ist es eine Gestalt der damaligen Gegenwart oder der Zukunft, einer, der noch kommen soll? Die Meinungen gehen weit auseinander.<\/p>\n<p>Am \u00fcberzeugendsten finde ich die Ansicht, da\u00df es sich bei diesem Knecht um den Messias, also einen Gesandten Gottes handelt, der zu einem sp\u00e4teren, zuk\u00fcnftigen Zeitpunkt das Recht (Reich) Gottes auf der Welt aufrichten wird: und zwar auf der ganzen Welt bis an ihre Enden unter Einbezug der entferntesten Inseln, zu denen sonst kaum jemand vordringt. Wann der Zeitpunkt seines Auftretens sein wird, bleibt geheimnisvoll verborgen. Deuterojesaja kannte diesen Zeitpunkt nicht.<\/p>\n<p>Deuterojesaia aber ist der erste, der von diesem Knecht Gottes spricht. Darum richtet sich auch an ihn die Frage: Warum ist gerade ihm diese Offenbarung zuteil geworden? Warum hat er von diesem Knecht Gottes sprechen d\u00fcrfen, m\u00fcssen? Oder anders gefragt: Warum wollte Gott, da\u00df diese Botschaft zu diesem Zeitpunkt seinem Volk verk\u00fcndigt wurde? Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir in die Gedanken Gottes nur begrenzt eindringen. Sie bleiben sein Geheimnis. Aber es mag erlaubt sein, an eine Erfahrung zu erinnern, die uns ein St\u00fcck weiterhelfen kann. Wir haben sie alle gemacht und sie ist auch Israel nicht erspart geblieben. Die Erfahrung n\u00e4mlich, da\u00df in Geschichte und Leben Erwartung und Erf\u00fcllung in aller Regel nicht \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die deutsche Wiedervereinigung 1989\/90. Es waren gro\u00dfe Hoffnungen, starke Erwartungen, die dadurch freigesetzt wurden. Das Wort von den <i>bl\u00fchenden Landschaften <\/i>machte die Runde. Viele glaubten, da\u00df eine neue Zeit angebrochen ist, manche glaubten sogar, da\u00df nun auch ein neuer kirchlicher Fr\u00fchling ausbrechen w\u00fcrde. Es hat nicht lange gedauert, bis sich Entt\u00e4uschungen einstellten. Freude und Dankbarkeit \u00fcber dieses gro\u00dfe Geschenk Gottes sind bei vielen Menschen im Osten wie im Westen im grauen Alltag untergegangen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es den Europ\u00e4ern 1813\/14 nach dem Sturz von Napoleon Bonaparte gegangen. Es herrschte gro\u00dfer Jubel, Begeisterung, Freude, Dank. Viele hatten jahrelang auf den Sturz dieses Mannes hingearbeitet. Nun war er gest\u00fcrzt. Europa war frei. Eine neue Zeit konnte beginnen. Aber dann kam der graue Alltag. Die politische Restauration setzte sich durch. Die Freude war bald in Entt\u00e4uschung umgeschlagen, besonders bei der Jugend, die noch vor kurzem voller Hingabe und mit gro\u00dfem Einsatz zu den Freicorps gestr\u00f6mt war und in echter begeisterter Freiwilligkeit bereit war, Gesundheit und Leben im Kampf gegen diesen Feind einzusetzen.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr vorstellbar, da\u00df Deuterojesaja seine Botschaft in seiner Zeitenwende so sagen mu\u00dfte, weil die Entt\u00e4uschung der Jerusalem-Heimkehrer vorauszusehen war. Es war ja dann auch tats\u00e4chlich so. Im Exil kannten die Verbannten nur ein Ziel: Zur\u00fcck, nach Hause, in die Heimat. Und dann durften sie nach Hause und waren am Ziel. Und dann war es doch sehr bald wieder nur Alltag, grauer Alltag mit vielen Entbehrungen, schwerer Aufbauarbeit, ein t\u00e4glicher Kampf gegen Resignation und Zerstrittenheit in den eigenen Reihen. Vor diesem historischen Hintergrund und vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen wird verst\u00e4ndlich, da\u00df Gott durch diesen Deuterojesaja an eine gro\u00dfe unaufgebbare Wahrheit erinnern will: Die wirkliche bleibende Erf\u00fcllung unserer Erwartungen kann nur Er selbst, kann nur Gott herbeif\u00fchren &#8211; wenn er es will. Und Deuterojesaja hatte den Auftrag, den Menschen zu sagen, da\u00df Gott aus diesem Grund und mit diesem Ziel seinen &#8222;Knecht&#8220; senden wird.<\/p>\n<p>Wenn er kommt, wird eintreten, was wir insgeheim und oft nicht ganz deutlich irgendwie immer mitgehofft haben; was sich in jeder Generation neu herausbildet; was uns &#8211; vielleicht &#8211; als eine Art Rest-Erinnerung an das Paradies nicht losl\u00e4\u00dft, was wir als Kraft der Phantasie und der Hoffnung auf ein wirkliches umfassend heiles, gerechtes, liebe- und friedevolles Leben unausrottbar in uns tragen. Dann, wenn der Messias-Knecht kommt, wird dieses Erhoffte Wirklichkeit werden. Diese umfassende Wende ereignet sich nicht in unseren Wenden in Geschichte und Leben. Wir hoffen es jedesmal wieder. Und sehen jedesmal wieder, da\u00df es diese Wende nicht war &#8211; und nach Deuterojesaja auch nicht sein konnte. Diese wirkliche gro\u00dfe Wende kann nur Gott selbst herbeif\u00fchren durch seinen Gesandten, den Knecht: &#8222;Ich erhalte ihn&#8220; Er ist &#8222;mein Auserw\u00e4hlter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen&#8220;.<\/p>\n<p>Das wird dann auch ein friedevolles Zusammenleben der V\u00f6lker bedeuten, ohne Unterdr\u00fcckung der Kleinen, ohne Vertreibungen, ohne Exil. Vielmehr werden alle im Hause Gottes beieinander wohnen.<\/p>\n<p>Diese Botschaft des Deuterojesaja ist auch f\u00fcr uns wichtig. Sie bedeutet, da\u00df wir als auf Gott Hoffende und Vertrauende die Wenden in Geschichte und Leben nicht mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Erwartungen belasten oder \u00fcberh\u00f6hen m\u00fcssen. Wir brauchen auf keine neuen Versprechungen von &#8222;F\u00fchrern&#8220;, die uns das &#8222;Heil&#8220; bringen, zu warten. Wir brauchen keine neue Ideologie. Wir brauchen keinerlei neue oder wiedererweckte alte Heilslehre. Vielmehr werden wir durch den Glauben an die kommende gro\u00dfe Wende durch das Eingreifen Gottes befreit zu N\u00fcchternheit, Sachlichkeit, Menschlichkeit, die ihre Grenzen annimmt, weil wir das Heil, das Reich, die Herrlichkeit, die Erl\u00f6sung in den H\u00e4nden Gottes wissen und glauben, da\u00df er zu seiner Zeit durch den Messias-Knecht sein Recht durchsetzen wird.<\/p>\n<p>Darum kennen wir zwei Arten von offener Zukunft: Da ist die begrenzte Zukunft, die wir uns bauen durch Arbeit und durch Engagement. Und da ist die Zukunft, die nicht wir, sondern Gott schafft und gestaltet; die bleibende Zukunft, auf die wir hoffen. Beides sollten wir nicht vermengen.<\/p>\n<p>Die Hoffnung auf den Messias teilen wir mit dem Judentum. Das ist allerdings nicht nur eine verbindende Hoffnung. Es ist auch ein trennendes Moment dabei, weil wir Christen glauben, da\u00df in der Person des gekommenen Jesus Christus diese alte Messias-Hoffnung durch Gott noch einmal best\u00e4tigt und angefacht worden ist. In der Gestalt Jesu Christi sehen wir den kommenden Messias &#8211; noch war er nicht in der freien Herrlichkeit des Reiches und Rechtes Gottes unter uns, sondern unter den Bedingungen unseres jetzigen Lebens und Seins &#8222;unter dem Gesetz&#8220; (Galater 4,4). Aber der Wiederkommende wird die Z\u00fcge des Gekommenen tragen. Darum wissen wir, wem wir entgegenwarten.<\/p>\n<p>Dieser kommende Messias-Christus-Knecht Gottes wird so sein, wie er bereits unter uns war: Nicht wie ein menschlich-weltlicher F\u00fcrst, weder wie Kyros noch wie Augustus noch wie einer der Diktatoren, die wir erlebt haben, denen nur imponiert, was sie f\u00fcrchten m\u00fcssen, die die M\u00f6glichkeiten der Propaganda in den H\u00e4usern und auf den Gassen f\u00fcr sich arbeiten lassen: die die Kleinen schlucken und zertreten, weil sie sie weder f\u00fcrchten noch lieben. Nein, dieser F\u00fcrst wird ein Knecht sein; ein Knecht, der die Weisungen Gottes umsetzt. Darum wird er schonen und nicht zertreten; Barmherzigkeit \u00fcben und nicht Rache: &#8222;Er wird nicht schreien und rufen, und seine Stimme wird man nicht h\u00f6ren auf den Gassen. Das zersto\u00dfene Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht ausl\u00f6schen. Er wird das Recht wahrhaftig halten lehren&#8220;.<\/p>\n<p>Wird das sein? Wann wird das sein? Es wird sein, weil es zum Wesen Gottes geh\u00f6rt, sein Recht und sein Reich aufrichten zu wollen. Es wird sein, weil er es gesagt hat, zum ersten mal dem unbekannten Propheten Deuterojesaja. Wann es sein wird, ist das Geheimnis Gottes. Wir kennen die Stunde nicht. Auch Jesus Christus hat sie nicht gekannt. Aber er hat seine Gemeinde ermutigt, diese Wende fest im Auge zu behalten und nicht nachlassend auf den Tag zu warten und zu hoffen, wo das barmherzige Recht Gottes alles neu macht und endg\u00fcltig siegt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><b>Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Brandstroemstr. 21<br \/>\n55124 Mainz (Gonsenheim)<br \/>\nTel.: 06131\/690488<br \/>\nFax: 06131\/686319<br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020113-2.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020113-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 1. Sonntag nach Epiphanias, 13. 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