{"id":21595,"date":"2002-02-15T14:39:32","date_gmt":"2002-02-15T13:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21595"},"modified":"2025-04-15T17:23:38","modified_gmt":"2025-04-15T15:23:38","slug":"jakobus-1-12-18-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-1-12-18-3\/","title":{"rendered":"Jakobus 1, 12-18"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Invokavit<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 17. Februar 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Jakobus 1, 12-18, verfa\u00dft von Walter Meyer-Roscher<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><b>Vorbemerkung:<\/b><br \/>\nMartin Luther hat den Jakobusbrief eine &#8222;stroherne Epistel&#8220; genannt, weil er sich nach seiner \u00dcberzeugung zu weit von der &#8222;Mitte der Schrift&#8220;, von dem, &#8222;was Christum treibet&#8220;, vom Gedanken der Rechtfertigung &#8222;ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben&#8220; (R\u00f6mer 3, 28) entfernt. F\u00fcr Luthers Urteil habe ich bei der Arbeit am Predigttext Verst\u00e4ndnis empfunden. Das kommt in der Predigt zum Ausdruck, in der ich versucht habe, Gedanken des Textes auf die Mitte des Neuen Testaments zu beziehen oder sie auch von dieser Mitte her kritisch zu beleuchten.<b>Predigttext<\/b>:<br \/>\nSelig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bew\u00e4hrt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben.<br \/>\nNiemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum B\u00f6sen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die S\u00fcnde; die S\u00fcnde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irrt euch nicht, meine lieben Br\u00fcder. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Ver\u00e4nderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Gesch\u00f6pfe seien.Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Du fragst mich, was ich will. Ich wei\u00df es nicht. Ich wei\u00df nur, dass ich tr\u00e4ume, dass der Traum mich lebt und ich in seiner Wolke schwebe.&#8220;<\/p>\n<p>So hat Rose Ausl\u00e4nder in seinem ihrer Gedichte auf die Frage nach Sinn und Ziel des Lebens geantwortet. Aber das ist doch als Antwort zu wenig und zu vage. Wenn wir gefragt werden, was wir sollen, k\u00f6nnen wir uns nicht nur in unsere Tr\u00e4ume zur\u00fcckziehen und die Wirklichkeit, die wir zu bestehen haben, mit den Worten &#8222;Ich wei\u00df es nicht&#8220;, ausblenden.<\/p>\n<p>Wir wissen im Grund doch auch, was wir wollen &#8211; dass n\u00e4mlich unser Leben gelingt und wir uns mit unseren Lebensentw\u00fcrfen bew\u00e4hren. Da dr\u00e4ngt sich als Antwort durchaus auf, was der Predigttext nahe legt: Nur wer standh\u00e4lt, wer sich Gott gegen\u00fcber f\u00fcr sein Leben verantwortlich wei\u00df und wer diese Verantwortung auch im Alltag an Gottes Geboten ausrichtet, wird die Krone des Lebens erhalten.<\/p>\n<p>Ja, das Bild vom Leben als Kampf legt sich nahe. Es geht darum, den Lebenskampf zu bestehen und sich nicht in Tr\u00e4ume zu fl\u00fcchten. Sich anstrengen, nicht nachlassen, aushalten &#8211; das ist gefragt. Nur von dem, der sich bew\u00e4hrt, hei\u00dft es bei Jakobus: selig ist dieser Mensch. Sein Leben ist gegl\u00fcckt. Er hat die Krone des Lebens errungen, er hat das Ziel des Lebens erreicht.<\/p>\n<p>Wer will dies nicht? Aber das ist doch auch eine allgegenw\u00e4rtige Erfahrung: Da zerbrechen Lebensentw\u00fcrfe. Wir scheitern so oft mit guten Vors\u00e4tzen und gut gemeinten Taten. Dann steht so mancher vor den Tr\u00fcmmern eines ganzen Lebensabschnitts. Alles zerf\u00e4llt in Bruchst\u00fccke, die sich nicht mehr zusammenf\u00fcgen lassen und kein Ganzes mehr ergeben.<\/p>\n<p>Da erlebt jemand das Gl\u00fcck, sich mit seinen Pl\u00e4nen durchsetzen zu k\u00f6nnen und gleichzeitig die Scham, dabei anderen die gebotene Mitmenschlichkeit verweigert zu haben. Da steht jemand vor Tr\u00fcmmern, die er selbst durch eigenes Versagen verschuldet hat. Andere beklagen die Zerst\u00f6rungen in ihrem Leben, die durch fremde Schuld verursacht wurden. Schuld und Leid werden zu einem Netz, in da sich Menschen verstricken, in dem sie heillos gefangen bleiben.<\/p>\n<p>Ja, unverschuldetes Schicksal und pers\u00f6nlich zu verantwortende Schuld greifen ineinander. Der Predigttext jedoch macht da keinen Unterschied. Er sieht als alleinige Ursache die allgegenw\u00e4rtige Versuchung durch die eigene Begierde, aus der die S\u00fcnde erw\u00e4chst, die wiederum den Tod nach sich zieht. Mit einer g\u00f6ttlichen Pr\u00fcfung &#8211; dieser Entschuldigung baut der Text vor &#8211; hat das nichts zu tun. Dahinter steckt auch keine teuflische List. Was bleibt, ist die eigene Verantwortlichkeit.<\/p>\n<p>Mit der Begierde beginnt es, so der Predigttext. Wir sollten sie allerdings nicht gleich auf den Bereich der Sexualit\u00e4t einengen und damit verharmlosen wollen. Wenn hier von Begierde, S\u00fcnde und Tod in einem folgerichtigen Zusammenhang geredet wird, dann kommt eine zerst\u00f6rerische Macht in den Blick, die gerade in unserer heutigen Gesellschaft eine bedrohliche Aktualit\u00e4t hat. Gemeint ist die Gier, mehr haben und mehr sein zu wollen, auch wenn andere darunter leiden m\u00fcssen. Wenn es um Macht und Markt, um Vorw\u00e4rtskommen und Durchhalten geht, wird die Gier zu einer gesellschaftlich akzeptierten Lebenshaltung. Sie pr\u00e4gt den Lebensstil, sie bestimmt schon weite Teile des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Da wird die Behinderung und Besch\u00e4digung, vielleicht sogar Zerst\u00f6rung der Lebensw\u00fcnsche und Lebensbedingungen anderer ganz bewusst in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Das ist wie ein Sog, und wer sich in diesen Sog mit hineinziehen l\u00e4sst, kann sehr schnell in einem Strudel aus Egoismus, Schuld und verratener Mitmenschlichkeit untergehen.<\/p>\n<p>Ja, wir wissen schon, was wir wollen &#8211; dass unser Leben gelingt und wir uns mit unseren Lebensentw\u00fcrfen bew\u00e4hren. Aber wenn der Lebenskampf dann doch zu Zerst\u00f6rung und Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchrt, kann von gelingendem Leben keine Rede mehr sein. Dann ist es doch hoffnungslos. Hoffnungslosigkeit aber l\u00e4sst schon die Macht des Todes erfahren. Diese Kausalkette, die der Predigttext von der Gier \u00fcber die Schuld hin zum Tod andeutet, l\u00e4sst sich nicht einfach negieren.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Peter Handke hat von seiner Mutter, die auf der Schattenseite des Lebens nie die Chance eines sorgenfreien, gl\u00fccklichen Daseins hatte, gesagt, sie sei &#8222;wunschlos ungl\u00fccklich&#8220; gewesen. Wunschlos ungl\u00fccklich &#8211; da gibt es dann kein Begehren und kein Hoffen mehr, keine Klage und auch keine Anklage; kein Licht, das den Lebensweg noch einmal aufhellen k\u00f6nnte. Da hat die Macht des Todes den Lebenskampf gewonnen.<\/p>\n<p>Wenn Rose Ausl\u00e4nder auf die entscheidende Lebensfrage nach dem Sinn und nach dem Ziel antwortet: &#8222;Ich wei\u00df nur, dass ich tr\u00e4ume, dass der Traum mich lebt und ich in seiner Wolke schwebe&#8220;, dann ist das nur auf den ersten, oberfl\u00e4chlichen Blick zu wenig und zu vage. &#8222;Ich will trotz aller Zusammenbr\u00fcche und Zerst\u00f6rungen, trotz Versagens und Scheiterns die Sehnsucht auf gelingendes Leben wach halten&#8220; &#8211; so verstehe ich die Dichterin und ich kann mit dieser Sehnsucht durchaus das Bild des Predigttextes von der Krone des Lebens verbinden.<\/p>\n<p>Aber wird die nicht letzten Endes doch allen, die sich unheilvoll im Netz von Gier, Schuld, Leid und Hoffnungslosigkeit verfangen, vorenthalten? Der Verfasser des Jakobusbriefes schlie\u00dft das wohl nicht aus. Da verstehe ich Martin Luther, der diesen Brief eine &#8222;stroherne Epistel&#8220; genannt hat, die von Bew\u00e4hrung redet und dabei den Gedanken an Leistung, Verdienst und gute Werke nahe legt.<\/p>\n<p>Mir hilft, dass der Predigttext nun aber auch von einer guten und vollkommenen Gabe spricht, die uns offenbar von Beginn unseres Lebens an zugedacht ist. Dieses &#8222;Wort der Wahrheit&#8220; ist nach dem Zeugnis des gesamten Neuen Testaments immer die Verhei\u00dfung der bleibenden N\u00e4he, Begleitung und Liebe Gottes. Sie gilt nicht nur denen, die sich mit ihren Lebensentw\u00fcrfen bew\u00e4hren, sondern gerade allen, die im Lebenskampf scheitern und wenig Verdienstvolles vorzuweisen haben. Die Krone des Lebens, Lebenserf\u00fcllung und Lebenssinn verspricht Gott jedem Menschen, der seine Sehnsucht durchh\u00e4lt und die Hoffnung bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Rose Ausl\u00e4nder hat ihrer Sehnsucht noch ein Bekenntnis hinzugef\u00fcgt:<br \/>\n&#8222;Du fragst mich, was ich will. Ich wei\u00df nur, dass ich tr\u00e4ume und dass der Traum mich lebt und ich in seiner Wolke schwebe.<br \/>\nIch wei\u00df nur, dass ich Menschen liebe, Berge, G\u00e4rten, das Meer&#8230;<br \/>\nIch trinke meine Augenblicke&#8220;.<\/p>\n<p>Ja, Menschenliebe und Freude am Leben machen Sinn und sie sind, wie man von dieser bemerkenswerten Frau lernen kann, auch auf einem von Krankheit und Gebrechen dunkel gewordenen Lebensweg m\u00f6glich. Vielleicht h\u00e4tte sie unsere Vermutung zugelassen, dass der &#8222;Vater des Lichts&#8220; diesen Weg erhellt hat.<\/p>\n<p>Der Predigttext beschreibt diesen Vater des Lichts sehr jenseitig und eigentlich unnahbar. Er sieht ihn fast entr\u00fcckt, unwandelbar und bekennt: Bei ihm ist keine Ver\u00e4nderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Wie gro\u00df muss in der Dunkelheit von Fragen und Suchen. von Lebenskampf und Lebenszerst\u00f6rung die Sehnsucht sein, die ihn schlie\u00dflich erreicht?<\/p>\n<p>Eine Antwort auf diese Frage finde ich kaum im Predigttext. daf\u00fcr aber in der besonderen Bedeutung des heutigen Sonntag Invokavit. Mit ihm beginnt die Passionszeit. Der Blick, der den Vater des Lichts sucht, f\u00e4llt auf den Weg Jesu &#8211; einen Weg der Liebe und der Bew\u00e4hrung dieser Liebe bis in die letzte Tiefe von Erniedrigung, Ohnmacht und Verlassenheit. Von Jesus sagt der Apostel Paulus, dass sich in seinem Gesicht die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt. Unsere Sehnsucht also erreicht Gott da, wo dieser Jesus seinen Weg geht &#8211; mitten unter den Menschen, neben denen in der Dunkelheit und ihnen ganz nahe. Wo wir uns von seiner Menschenliebe ansprechen, vielleicht anstecken lassen, bekommt ein Menschenleben seinen Sinn und ein Lebensweg sein Ziel.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Walter Meyer-Roscher, Landessuperintendent i.R., Hildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:meyro-hi@t-online.de\">E-Mail: meyro-hi@t-online.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020217-1.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020217-1.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Invokavit, 17. 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