{"id":21598,"date":"2002-02-15T14:39:50","date_gmt":"2002-02-15T13:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21598"},"modified":"2025-04-15T17:22:57","modified_gmt":"2025-04-15T15:22:57","slug":"jakobus-1-12-18-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-1-12-18-4\/","title":{"rendered":"Jakobus 1, 12-18"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Invokavit<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 17. Februar 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Jakobus 1, 12-18, verfa\u00dft von Gerhard M\u00fcller<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>&#8222;Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bew\u00e4hrt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben. Niemand sage, wenn er versucht wird, da\u00df er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum B\u00f6sen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die S\u00fcnde, die S\u00fcnde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irret euch nicht, meine lieben Br\u00fcder. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Ver\u00e4nderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Gesch\u00f6pfe seien.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Andere Seligpreisungen kenne ich besser. Gern erinnere ich mich an die Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt. Da hei\u00dft es zum Beispiel: &#8222;Selig sind, die da hungert und d\u00fcrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden&#8220; (Matth\u00e4us 5, 6). Das sind Worte, die mir einleuchten. Vielleicht geht es Ihnen genauso. Denn wir leiden unter Ungerechtigkeit und setzen uns ein f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Wir sehen, wieviele Menschen hungern und d\u00fcrsten. Damit sie satt werden, spenden viele von uns . Aber warum ist selig, gl\u00fccklich, gepriesen, wer &#8222;Anfechtung erduldet&#8220;? Manche werden sich schon an der Sprache \u00e4rgern: &#8222;Selig ist der Mann&#8230;&#8220; Frauen gibt es f\u00fcr den Verfasser des Jakobusbriefes wohl nicht? Denn wenn es schon Anfechtung geben soll, warum leiden dann nur M\u00e4nner unter diesem Nachteil? Oder genie\u00dfen sie darin gar einen Vorzug? Selbst wenn wir uns dahingehend verst\u00e4ndigen, da\u00df hier nicht nur M\u00e4nner, sondern alle Menchen gemeint sind und da\u00df selig der Mensch ist, &#8222;der die Anfechtung erduldet&#8220;, dann sind wir der Sache, um die es geht, noch nicht n\u00e4her gekommen. Wer sich f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung einsetzt, der ist selig, gl\u00fccklich. Er ist dem Heil und der Heilung n\u00e4her als jene, die das nicht tun, sondern die am Krieg verdienen, die Ungerechtigkeit zu ihrem Vorteil nutzen oder die sich nicht darum k\u00fcmmern, was aus unserer Welt wird. Sie wurde fr\u00fcher h\u00e4ufig &#8222;Mutter Erde&#8220; genannt. Damals wu\u00dften viele n\u00e4mlich noch, da\u00df wir Menschen von dem leben, was die Natur gedeihen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Aber warum ist der Mensch, der die Anfechtung erduldet, selig? Die Anfechtung versucht uns doch auf Wege zu locken, die ins Verderben f\u00fchren k\u00f6nnen. Wir sind in der Stunde der Anfechtung hin- und hergerissen von den verschiedensten Gef\u00fchlen, Verlockungen und Hemmungen. Wer sich in solchen Situationen bew\u00e4hrt, der wird gepriesen, der wird als selig, als gl\u00fccklich bezeichnet. Aber gibt es das heute \u00fcberhaupt noch, Anfechtungen? Wir bestimmen doch selbst, was wir wollen. Wir verwirklichen, was uns gut d\u00fcnkt. Dabei soll uns niemand dreinreden. Schon gar keine Moral soll versuchen, sich uns in unseren Weg zu stellen. Wir sind schlie\u00dflich unseres Gl\u00fcckes Schmied! Was fr\u00fchere Generationen f\u00fcr eine Versuchung hielten, begr\u00fc\u00dfen viele heute als die M\u00f6glichkeit der Entfaltung, als einen Aufbruch zu neuen Ufern. Wir wollen die Zeit auskaufen. Selbstverwirklichung und Anfechtung schlie\u00dfen sich aus: Wir entscheiden nach eigenem Geschmack. Da kann uns nichts anfechten. Vielmehr sagen wir &#8222;Ja&#8220; zu unserem Weg.<\/p>\n<p>Doch &#8211; reden wir uns das alles ein und verwechseln wir Traum und Wirklichkeit? Wahr ist, da\u00df wir in unseren neuen Freiheiten nicht gl\u00fccklicher geworden sind, obwohl wir uns nach Kr\u00e4ften darum bem\u00fcht haben. Etwa die sexuelle Revolution in unserem Land, die sich seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren durchgesetzt hat, ist bei nicht wenigen zu einem belastenden Leistungsdruck verkommen, der in unserer Leistungsgesellschaft nun wahrlich ja auch sonst nicht fehlt. Je mehr wir erreichen, desto deutlicher erkennen wir unsere Grenzen. Wir sind \u00fcberhaupt nicht so frei, wie wir uns das gew\u00fcnscht und gedacht hatten. Wir sind vielmehr beladen mit Lasten, die sich auf unsere Schultern legen &#8211; Lasten der Gesellschaft, in der wir leben, wie auch pers\u00f6nliche Beschwernisse. Wir hatten dagegen revoltiert, irgendetwas anzuerkennen, was unsere Freiheit zur Selbstverwirklichung einschr\u00e4nkt. Widerstrebend mu\u00dften wir lernen, wie eng unsere Grenzen sind: die Grenzen unserer Zeit, unserer Gesundheit, unserer Veranlagungen. Die Hochgestimmheit ist gewichen. Sie droht in Angst, Verzweiflung oder Krankheit umzuschlagen. Aus uns, die wir die Welt erobern und bestimmen wollten, sind Menschen geworden, die eingebunden sind in Zw\u00e4nge, die eingeschr\u00e4nkt sind in ihren F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten. Nat\u00fcrlich war das immer so. Alle Menschen mu\u00dften sich zurechtfinden in ihrer Welt und Zeit. Aber wir hatten dies gekonnt verdr\u00e4ngt. Jetzt jedoch kehren die Grenzen zur\u00fcck, die wir auch nicht zeitweise \u00fcberwinden k\u00f6nnen: Grenzen der Kraft, der Zuversicht und h\u00e4ufig auch der Hoffnung.<\/p>\n<p>Da vermag die Rede von der Anfechtung neu hilfreich zu sein. Der heutige erste Sonntag in der Passionszeit hat als Thema die Versuchung, die Anfechtung. Im Evangelium lesen wir heute von der Versuchung Jesu. Plastisch und drastisch hei\u00dft es da, wie der Teufel Jesus von Nazareth verf\u00fchren will (Matth\u00e4us 4, 1 &#8211; 11). Und die heutige Epistel aus dem Hebr\u00e4erbrief fa\u00dft zusammen: Jesus Christus wurde uns gleich; er vermag mit uns zu leiden in unserer Schwachheit. Er wurde sogar versucht in allem wie wir (Hebr\u00e4er 4, 14 &#8211; 16). Wenn wir nun in Anfechtung geraten, sollen wir uns bew\u00e4hren, wie es im Jakobusbrief hei\u00dft. Wir sollen nicht wie ein Blatt im Winde sein und jeder sich bietenden M\u00f6glichkeit nachgeben oder ihr gar nacheilen, weil wir meinen, wir verpa\u00dften sonst etwas. Vielmehr vergeuden die ihre Zeit, die das Wichtige nicht von Allotria zu unterscheiden verm\u00f6gen. Manche m\u00f6gen denken, Anfechtung und Versuchung seien Themen, die w\u00e4hrend der Karnevalszeit passend gewesen w\u00e4ren. Am Anfang der Passionszeit zeigt die Frage nach der Versuchung aber eine viel tiefere Dimension: Es geht darum, ob wir unser Leben verfehlen oder ob wir &#8211; wie es in unserem Predigttext hei\u00dft &#8211; &#8222;die Krone des Lebens empfangen&#8220;. Nur wer sich bew\u00e4hrt in der Anfechtung, wird selig, gl\u00fccklich gepriesen.<\/p>\n<p>Aber warum werden wir nicht \u00fcberhaupt vor Anfechtung bewahrt? Gott ist doch allm\u00e4chtig. Er m\u00fc\u00dfte und sollte uns schwierige Situationen ersparen. Das ist ja die Kehrseite der Anfechtung, der Versuchung: Wer ihr erliegt, ger\u00e4t h\u00e4ufig in gro\u00dfe Schwierigkeiten. Geschieht dies, legt es sich nahe zu sagen: Daran bin ich nicht schuld! Andere haben mich hineingezogen, oder Gott hat das alles zugelassen oder sogar bewirkt. Dagegen hei\u00dft es in unserem Text: Stehe zu dem, was du getan hast! Wir sind es schon selbst, die wir entscheiden, die wir standhaft oder nachgiebig sind. Sp\u00e4ter die Schuld abschieben zu wollen, ist kindisch und nutzlos. Nein: wenn die Begierde aufbl\u00fcht, wie sich eine Schwangerschaft entwickelt, dann &#8222;gebiert sie die S\u00fcnde&#8220;. Und das Ende der S\u00fcnde ist nicht der Genu\u00df, sondern der Tod. Es ist zul\u00e4ssig, ja richtig, Gott zu bitten, er m\u00f6ge uns nicht in Versuchung f\u00fchren; das tun wir im Vater Unser. Martin Luther hat diese Bitte so formuliert:<br \/>\n&#8222;F\u00fchr uns, Herr, in Versuchung nicht,<br \/>\nwenn uns der b\u00f6se Geist anficht;<br \/>\nzur linken und zur rechten Hand<br \/>\nhilf uns tun starken Widerstand<br \/>\nim Glauben fest und wohlger\u00fcst&#8216;<br \/>\nund durch des Heilgen Geistes Trost.&#8220;<br \/>\nAber wer trotzdem in eine versuchliche Situation geraten ist, weil er ungesehen etwas &#8222;mitgehen&#8220; lassen k\u00f6nnte oder weil er oder sie \u00fcber einen anderen Menschen gerade gut herziehen kann (oder was immer es sein mag), der soll sich nicht &#8222;von seinen eigenen Begierden&#8220; reizen und locken lassen.<\/p>\n<p>Den Anf\u00e4ngen falscher Entwicklungen zu wehren, ist ein guter und alter Grundsatz, der auch hier beachtet werden sollte. Gott versucht uns nicht. Wir sind es schon selbst, die wir unseren Neigungen nachgeben, obwohl Gewissen und Verstand sagen: &#8222;La\u00df das bleiben!&#8220; Gott kann auch nicht zum B\u00f6sen verf\u00fchrt werden von uns: Keiner und keine vermag ihn zu veranlassen, das B\u00f6se zu tun &#8211; kein Mensch und kein Teufel. Gott bleibt sich treu. Das unterscheidet ihn von uns. Er ist anders als wir, ganz anders. Immer wieder m\u00f6chten wir sein wie Gott &#8211; seit Beginn der Menschheitsgeschichte ist das so (1. Mose 3, 4 &#8211; 6). Wir m\u00f6chten die uns gesetzten und uns auch sch\u00fctzenden Grenzen \u00fcberwinden &#8211; und m\u00fcssen doch immer wieder lernen, da\u00df nur Gott ohne Raum und Zeit ist. Aber er ist denen zugewandt, &#8222;die ihn lieb haben&#8220; und die sich in Anfechtung bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Von ihm kommt &#8222;alle gute Gabe&#8220;. Er ist der &#8222;Vater des Lichts&#8220;. Er hat es geschaffen und die Finsternis vom Licht getrennt (1. Mose 1, 3 &#8211; 5). Wir dagegen leben im Wandel, im Wechsel von &#8222;Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht&#8220; (1. Mose 8, 22). Gott aber ist best\u00e4ndig. Bei ihm gibt es keinen Wechsel von Licht und Finsternis. Er bleibt verl\u00e4\u00dflich; er wird nicht launisch, m\u00fcde oder verdrossen. Er ist nicht heute himmelhochjauchzend und morgen zu Tode betr\u00fcbt. Nein &#8211; er handelt, wie er es zugesagt hat. &#8222;Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab&#8220;. Daran k\u00f6nnen wir uns halten. Er hat sich unser angenommen; er hat &#8211; so hei\u00dft es in unserem Text &#8211; &#8222;uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Gesch\u00f6pfe seien&#8220;. Wir, die wir die Letzten im Sch\u00f6pfungsgeschehen waren, sind die Ersten geworden. Das Wort der Wahrheit, die gute Botschaft, das Evangelium hat uns neu gemacht und erneuert uns t\u00e4glich. Daf\u00fcr danken wir ihm. Wir verzichten auf das \u00fcbliche Selbstmitleid, durch das wir Gott und der Welt die Schuld zuzuschieben versuchen f\u00fcr das, was wir uns selbst eingebrockt haben. Wir geben statt dessen Gott die Ehre, der sich unser annimmt &#8211; auch in und durch die Anfechtung.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p><b>Landesbischof i.R. Prof. Dr. Gerhard M\u00fcller<br \/>\nSperlingstr. 39, D-91056 Erlangen<br \/>\nTel. 091 31 &#8211; 49 09 39 <\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020217-2.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020217-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Invokavit, 17. Februar 2002 Predigt \u00fcber Jakobus 1, 12-18, verfa\u00dft von Gerhard M\u00fcller &#8222;Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bew\u00e4hrt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben. 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