{"id":21642,"date":"2002-03-15T15:06:28","date_gmt":"2002-03-15T14:06:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21642"},"modified":"2025-04-15T17:16:37","modified_gmt":"2025-04-15T15:16:37","slug":"1-korinther-15-19-28-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-15-19-28-6\/","title":{"rendered":"1. Korinther 15, 19-28"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Ostersonntag<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 31. M\u00e4rz 2002<br \/>\n1. Korinther 15, 19-28, verfa\u00dft von Maria Widl<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erb\u00e4rmlicher daran als alle anderen Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da n\u00e4mlich durch e i n e n Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch e i n e n Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.<br \/>\nEs gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm geh\u00f6ren. Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, \u00fcbergibt. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die F\u00fc\u00dfe gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. Sonst h\u00e4tte er ihm nicht alles zu F\u00fc\u00dfen gelegt. Wenn es aber hei\u00dft, alles sei unterworfen, ist offenbar der ausgenommen, der ihm alles unterwirft. Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht \u00fcber alles und in allem.Was wir hier lesen, ist ein schwieriger und ein befremdlicher Text. Warum lesen wir ihn gerade am Ostersonntag? &#8211; wo wir festlich gestimmt sind und etwas Feierliches und Jubelndes erwarten. Der Text ist schwierig, weil Paulus sehr kompliziert argumentiert. Er scheint etwas erkl\u00e4ren zu wollen, was der Gemeinde in Korinth alles andere als selbstverst\u00e4ndlich war. Aus dem ersten Satz geht das hervor: Wenn wir nur f\u00fcr dieses Leben, also f\u00fcr unsere Gemeindegestaltung und unsere allt\u00e4gliche Moral, auf Christus bauen w\u00fcrden, w\u00e4ren wir erb\u00e4rmlicher dran als alle anderen Menschen. Das scheint teilweise auch unsere heutige Erfahrung zu sein: besonders gl\u00fccklich sehen die Christen nicht aus &#8211; konstatieren jedenfalls die anderen. Auch in den kirchlich-institutionellen Betrieb hat sich eine gewisse Depressivit\u00e4t eingeschlichen. Von einer allgegenw\u00e4rtiger Osterstimmung oder einem durchg\u00e4ngigen Auferstehungsbewusstsein ist wenig zu merken. Die Spa\u00dfgesellschaft scheint vielen Menschen da die bessere Lebensperspektive zu bieten. &#8211; Vielleicht hat der Text doch f\u00fcr heute mehr zu sagen, als es auf den ersten Blick scheint.Der Text ist nicht nur schwierig, er ist auch befremdlich. Selbst wenn man anfangs der Argumentation nicht folgen kann, ein Wort sticht ins Auge, das man heute nicht gern h\u00f6rt: &#8222;Unterwerfung&#8220;. Mit diesem Wort ist eine ganze Pallette anderer, ebenso befremdlicher, verbunden: vernichten, entmachten, herrschen, unter die F\u00fc\u00dfe legen. Offenbar ist von einem veritablen Machtkampf die Rede. Wie archaisch! Vern\u00fcnftige Menschen regeln ihre Probleme im Dialog, sodass letztlich beide Seiten zu ihrem Recht kommen. Und zu Ostern feiern wir das Licht der strahlenden Sonne Gottes, die allen leuchtet, und das neue Leben, das nach der Starre des Winters \u00fcberall aufbricht. Was wir zu Ostern lieber wegschieben, sind die t\u00e4glichen Weltnachrichten: Sharon im Machtkampf gegen Arafat, Bush im Kampf gegen die von ihm erkannte &#8222;Achse des B\u00f6sen&#8220;, und die europ\u00e4ischen Staaten, die zu beschwichtigen versuchen. Machtkampf und Unterwerfung sind offenbar eine auch heute ge\u00fcbte Praxis. Erl\u00f6sergestalten und Befreiungsmythen begegnet man ebenso vielerorts. Vielleicht ist Paulus&#8216; Argumentation doch f\u00fcr heute aktueller, als man auf den ersten Blick meint.<\/p>\n<p>Paulus spannt in seiner Argumentation einen weiten Bogen von Adam \u00fcber Christus bis zum Weltgericht. Christus ist der Erstgeborene der Sch\u00f6pfung, ihr Alpha, ihre Ursprungsidee. Am Anfang &#8211; von der Grundidee Gottes her, so der biblische Sch\u00f6pfungsbericht &#8211; war das Paradies und in ihm, als Kr\u00f6nung von allem Geschaffenen, der freie Mensch als Mann und Frau. Sie waren geschaffen nach dem Ebenbild und Gleichnis Gottes. Sie lebten in einem Garten, dort, wo die ordnende Hand des Menschen und die g\u00f6ttliche Gnade des Wachstums auf wundersamste Weise zusammenwirken. Sie lebten von den Fr\u00fcchten der B\u00e4ume, jener Pflanzen, die in der Erde wurzeln und in den Himmel wachsen. Sie lebten in der Unmittelbarkeit Gottes.<\/p>\n<p>Doch dann kam die Schlange und setzte ihnen einen Floh ins Ohr: Sie k\u00f6nnten wie Gott sein, wenn sie sich \u00fcber sein Gebot hinwegsetzen. Und sie taten es und verloren das Paradies. Sie lebten fortan nicht mehr in dem paradiesischen Zusammenspiel von nat\u00fcrlicher und g\u00f6ttlicher Lebensenergie, sondern in der Spannung zwischen Gut und B\u00f6se. Die Reibung der Kr\u00e4fte, die Spiele der Macht, die Elektrizit\u00e4t der Konflikte waren von nun an ihre Energiequellen. Das Los des Adam teilen wir noch heute und reiben uns auf in K\u00e4mpfen um die Macht und im Bestreben, aus eigener Kraft T\u00fcrme bis in den Himmel zu bauen. Wir machen aus allem eine Wissenschaft und anerkennen nur das von uns Erdachte und Bewiesene als objektive Realit\u00e4t. Oder wir pflegen unsere seelischen Gestimmtheiten und individuellen Bewusstseinsfortschritte, um zu gott\u00e4hnlichen \u00dcbermenschen zu werden. Je mehr wir um uns selbst kreisen, desto best\u00e4ndiger bei\u00dft sich die Schlange in den Schwanz. Wir leben nach unseren selbstgemachten Vorstellungen, aber sie hinterlassen eine sonderbare Leere. Also brauchen wir mehr davon, bis wir s\u00fcchtig werden &#8211; auf Arbeit, Alkohol, Vergn\u00fcgungen, Selbstdarstellung, Schokolade&#8230; Und in n\u00fcchternen Momenten wissen wir: das ist nicht das Leben, zu dem Gott uns berufen hat.<\/p>\n<p>Doch jeder Teufelskreis hat einen Ausweg. Christen bereiten sich auf ihn vor, indem sie fasten. Die einen verzichten an den Fasttagen auf Fleisch, wie die Kirche vorsieht und \u00fcben so den Gehorsam gegen\u00fcber den g\u00f6ttlichen Geboten. Die anderen verzichten auf ihre lieb gewonnenen kleinen Alltagsgen\u00fcsse und \u00fcben so ihren freien Willen, der \u00fcber die Gewohnheiten siegt. Manche schlie\u00dflich beginnen wieder von dem zu leben, was uns die Sch\u00f6pfung so reichlich schenkt: Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse, Luft und Wasser, Sonne und Regen, Sturm und Geist, Freude und Liebe. Sie \u00fcben das paradiesische Leben, wie es weit umfassender und tiefer in den evangelischen R\u00e4ten grundgelegt ist. All diese \u00dcbungswege k\u00f6nnen die Teufelskreise durchbrechen; jedoch nur, wenn sie sich der Kraft von oben, der Gnade \u00f6ffnen. Allein aus eigener Kraft f\u00fchrt kein Weg zum Heil; ohne eigenes Zutun auch nicht. M\u00f6glich ist es immer, weil Jesus Christus als Gott Mensch geworden ist. Er hat gezeigt, dass die Wahrheit und die Liebe alle Fesseln zu sprengen verm\u00f6gen, und dass es mitten aus der Welt und aus ihren Teufelskreisen heraus einen Weg in den Himmel gibt.<\/p>\n<p>Wer sich den Spielregeln Gottes unterwirft, die jene der paradiesischen Sch\u00f6pfung sind, ist f\u00e4hig, Wunder zu wirken. Denn jede Tat, die nicht der Logik der Selbsterhaltung, sondern der Wahrheit und der Liebe folgt, ist ein Wunder. Wer Wunder wirkt, kommt allerdings unausweichlich in Konflikt mit denen, die auf das selbstherrliche \u00dcbermenschentum setzen und auf der Seite der Reichen, der M\u00e4chtigen und der Erfolgreichen stehen. In ihrer Anma\u00dfung und Verzweiflung k\u00f6nnen sie bis zum \u00c4u\u00dfersten gehen. Sie haben Jesus Christus und vielen M\u00e4rtyrern nach ihm bis in die heutige Zeit das irdische Leben &#8211; das der gefallenen Sch\u00f6pfung &#8211; genommen. Aber Gott hat Jesus Christus auferweckt, nachdem er bis in die tiefsten Tiefen der H\u00f6lle gestiegen war; dorthin, wo der menschliche Wille sich in letzter Konsequenz in sich selbst verkr\u00fcmmt. Durch Seine Auferstehung wird sichtbar, dass das wahre Leben, so wie Gott es f\u00fcr uns vorgesehen hat, sich letztlich durchsetzt. Zuerst, so sagt Paulus, geschieht das bei denen, die zu Christus geh\u00f6ren. Denn sie haben in den evangelischen R\u00e4ten, in der Nachfolge in Wahrheit und Liebe dieses erl\u00f6ste Leben bereits einge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Dann kommt das Ende, so Paulus, wenn Christus sich alle Kr\u00e4fte und M\u00e4chte unterwirft und sie letztlich Gott zu F\u00fc\u00dfen legt. Wenn das geschieht, ist die Sch\u00f6pfung wieder mit Gott vereint und als letztes daher auch der Tod besiegt; jeder Tod, der vom wahren Leben trennt. &#8211; Jenseitsvertr\u00f6stung? Keineswegs! Probieren Sie es aus! Jeder Mensch hat seine selbst gebauten Gef\u00e4ngniszellen, seine wohl geh\u00fcteten Teufelskreise, in denen er sich sicher, aber auch elend f\u00fchlt. Doch der Schl\u00fcssel steckt innen. Die T\u00fcr ist nur durch Ihren eigenen Willen zu. Ostern ist jedes Jahr und jeden Sonntag die Einladung, den Schl\u00fcssel umzudrehen, das eigene Leben umzukehren und in die Sonne der Freiheit zu treten, die f\u00fcr die Kinder Gottes bestimmt ist. In diesem Sinne: ein gesegnetes Osterfest!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Univ.-Doz. Dr.habil. Maria Widl<br \/>\nF\u00e4rberm\u00fchlg. 13\/3\/21<br \/>\nA-1230 Wien<br \/>\nTel\/Fax: +43\/1\/ 869 57 09<br \/>\n<a href=\"mailto:maria.widl@univie.ac.at\">email: maria.widl@univie.ac.at<\/a><br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020331-3.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020331-3.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Ostersonntag, 31. M\u00e4rz 2002 1. Korinther 15, 19-28, verfa\u00dft von Maria Widl Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erb\u00e4rmlicher daran als alle anderen Menschen. 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