{"id":21668,"date":"2002-04-15T15:18:42","date_gmt":"2002-04-15T13:18:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21668"},"modified":"2025-04-15T17:01:51","modified_gmt":"2025-04-15T15:01:51","slug":"apostelgeschichte-17-16-34-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-17-16-34-2\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 17, 16-34"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate <\/span><span style=\"color: #000099;\">(3. Sonntag nach Ostern), 21. April 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 16-34, verfa\u00dft von Christoph M\u00fcller <\/span><\/b><\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><i>Keinem von uns ist Gott fern.<\/i><\/p>\n<p>Es gibt Momente, Augenblicke,<br \/>\nin denen etwas von dieser Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen aufscheint.<br \/>\nVielleicht merken wir es erst im Nachhinein.<br \/>\nVielleicht sind wir zuerst \u00fcberrascht,<br \/>\nstaunen,<br \/>\nk\u00f6nnen es nicht gleich fassen &#8211; und schon gar nicht in Worte fassen.<br \/>\nAber es ist pr\u00e4sent,<br \/>\nwie ein Blitz,<br \/>\nwie ein seltsamer Schmerz,<br \/>\nwie eine tief ber\u00fchrende Stille.<\/p>\n<p>Ich entdecke,<br \/>\nwie in einer v\u00f6llig unwirtlichen Gegend Pflanzen der K\u00e4lte und D\u00fcrre trotzen:<br \/>\n&#8211; alles scheint diesem Leben zu widersprechen,<br \/>\nund doch spriessen und bl\u00fchen einige Blumen.<br \/>\nAuch einem Skeptiker kann es in solchen Momenten schwer fallen,<br \/>\nalles nur den Gesetzen des Zufalls zuzuschreiben.<br \/>\nManche Psalmen, viele andere religi\u00f6se Texte geben dieser Erfahrung Ausdruck,<br \/>\npreisen die Sch\u00f6pfung und die Kraft,<br \/>\ndie sie in dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfahrung am Werk sehen,<br \/>\nsingen von der Hoffnung, dass Gott sich als st\u00e4rker erweist als Finsternis und Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Oder<br \/>\nich stehe auf einem Berggrat und sehe am Horizont ein m\u00e4chtiges Massiv von Felsen und Gletschern; es hat einen bekannten Namen und ist doch seltsam unwirklich.<br \/>\nIch bin da, sehe und staune.<br \/>\nIch glaube etwas davon zu verstehen, was Gl\u00e4ubige vieler Religionen meinen k\u00f6nnten, wenn sie bestimmte Berge &#8222;heilig&#8220; nennen.<br \/>\nWenn sie dann auf einem solchen Berg ein Heiligtum bauen,<br \/>\ngeben sie ihrem Staunen, ihrem Respekt, ihrer Ehrfurcht Ausdruck:<br \/>\nin einem Tempel, in einer Kapelle,<br \/>\nin Figuren und Bildern,<br \/>\nin besonderen Liedern und Gebeten.<br \/>\nSie beten nicht den Berg an,<br \/>\nsie wissen auch um Gef\u00e4hrdung und Zweifel.<br \/>\nAber hier, an diesem heiligen Ort, kommt ihnen etwas vom Geheimnis des G\u00f6ttlichen nahe,<br \/>\ndem sie vielleicht einen Namen geben,<br \/>\ndas f\u00fcr sie jetzt so konkret gegenw\u00e4rtig ist wie der Gesang und die Figur im Heiligtum,<br \/>\ndas aber gleichzeitig so unfassbar ist wie der weite Himmel \u00fcber dem Berg,<br \/>\nund so wenig selbstverst\u00e4ndlich wie das kleine Heiligtum am Abgrund.<\/p>\n<p><i>Keinem von uns ist Gott fern.<\/i><\/p>\n<p>Ein Mann, von dem ich dies \u00fcberhaupt nicht erwartet h\u00e4tte,<br \/>\nerz\u00e4hlt von der Geburt seiner Tochter.<br \/>\nEr sei selbst von dem \u00fcberrumpelt worden, was ihm da widerfahren sei.<br \/>\nEr sei, so sagt er, in diesen Stunden und Minuten und Sekunden<br \/>\nselbst &#8222;auf die Welt gekommen&#8220;.<br \/>\nIch stelle mir vor:<br \/>\nGeburten geschehen jeden Tag unz\u00e4hlige Male,<br \/>\n\u00fcberall auf der Erde,<br \/>\naber jetzt ist es einmalig und noch nie dagewesen.<br \/>\nDer Mann sieht die Frau, die er kennt,<br \/>\nund doch ist es nicht einfach die Frau, die er kennt oder zu kennen meint.<br \/>\nEs ist eine ganz neue Erfahrung.<br \/>\nEs sind Wehen, Schmerzen, Vorfreude, Schreie<br \/>\nund wieder eine sehr seltsame Stille,<br \/>\nHerzklopfen, sich \u00fcberschlagende Gef\u00fchle,<br \/>\ndie Ger\u00e4usche des Krankenhauses und die ruhige Stimme der Hebamme.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich ist das Kind da,<br \/>\ndieses Lebewesen, unglaublich in der Gegenw\u00e4rtigkeit und der Gef\u00e4hrdung,<br \/>\neinmalig, einzigartig, noch nie dagewesen, kostbar.<br \/>\nDer Mann sagt:<br \/>\nDa bin ich selbst &#8222;auf die Welt gekommen&#8220;.<\/p>\n<p>Auch diejenigen in der Gespr\u00e4chsrunde, die noch nie bei einer Geburt dabeigewesen sind,<br \/>\nh\u00f6ren zu.<br \/>\nVielleicht erinnern sie sich an Augenblicke,<br \/>\nin denen ihnen etwas \u00c4hnliches geschehen ist:<br \/>\nDie Welt ist in solchen Augenblicken nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist zwar alles gleich geblieben wie vorher:<br \/>\nder Telefonapparat steht immer noch an seinem Ort,<br \/>\nder L\u00e4rm der Strasse vor dem Fenster ist immer noch da,<br \/>\nich trage das gleiche Hemd wie vorher,<br \/>\nund doch ist etwas anders geworden, jedenfalls in diesem Augenblick.<\/p>\n<p>Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist mir etwas aufgegangen.<br \/>\nEs ist vielleicht etwas unglaublich Sch\u00f6nes,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder mich umgeworfen und mir f\u00fcr etwas die Augen ge\u00f6ffnet hat,<br \/>\ndas mir vorher unbekannt war.<\/p>\n<p><i>&#8222;Einem unbekannten Gott&#8220;:<\/i><br \/>\nPaulus berichtet nach der Erz\u00e4hlung der Apostelgeschichte von dem, was er entdeckte, als er Athen durchstreifte.<br \/>\nMan hat bisher keinen Altar mit dieser Aufschrift gefunden.<br \/>\nAber bringt diese Aufschrift nicht sehr treffend eine Erfahrung zum Ausdruck,<br \/>\ndie viele Menschen nachvollziehen k\u00f6nnen?<br \/>\nSie sind ber\u00fchrt von etwas unglaublich Sch\u00f6nem,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder sie umgeworfen und ihnen die Augen f\u00fcr etwas ganz Neues ge\u00f6ffnet hat;<br \/>\n&#8222;unbekannt&#8220; mutet das an, was ihnen geschehen ist,<br \/>\nsie k\u00f6nnen es nicht in Schon-Vertrautes einordnen,<br \/>\nsie sind \u00fcberrascht,<br \/>\nund all die W\u00f6rter und Kategorien und Bilder, die sie zur Verf\u00fcgung haben,<br \/>\ngen\u00fcgen nicht,<br \/>\nwerden dem nicht gerecht, was jetzt geschehen ist.<\/p>\n<p>Wir versuchen es dann vielleicht doch irgendwie einzuordnen;<br \/>\nPaulus tut dies nach der Erz\u00e4hlung auch.<br \/>\nEr greift auf die einem Juden vertrauten Sch\u00f6pfungsgeschichten zur\u00fcck<br \/>\nund pr\u00e4gt dann diese so knappen und eindr\u00fccklichen S\u00e4tze<br \/>\n<i>&#8222;Keinem von uns ist Gott fern.<br \/>\nIn ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir&#8220;<\/i>.<br \/>\nUnd er zitiert den griechischen Dichter Aratos:<br \/>\n<i>&#8222;Wir sind von seiner Art&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das sind keine Definitionen, keine dogmatischen Aussagen,<br \/>\neher poetische Ann\u00e4herungern an etwas, das nicht definierbar ist.<\/p>\n<p>Spannungsvolle Erfahrungen werden hier angesprochen:<br \/>\nDas Geborgensein in der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung:<br \/>\n<i>In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir &#8211;<\/i><br \/>\nund das <i>Suchen, Ertasten<\/i> und Vielleicht-<i>Finden<\/i>.<br \/>\nEs wird nicht davon ausgegangen, dass eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Kluft Menschen und Gott trennt.<br \/>\nGott, so bekennt hier Paulus, ist den Menschen nahe.<br \/>\nWir k\u00f6nnen das g\u00f6ttliche Geheimnis suchen,<br \/>\nGott sogar <i>ertasten und finden<\/i>.<br \/>\nAber selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht.<\/p>\n<p>Wenn Sch\u00fclerInnen heute aufgefordert werden, &#8222;Sch\u00f6pfung&#8220; darzustellen, dann zeichnen sie oft Bilder der Zerst\u00f6rung und Verw\u00fcstung.<br \/>\nSch\u00f6pfung ist f\u00fcr sie bedrohte Sch\u00f6pfung.<br \/>\nIn ihrer Erfahrung bleibt kaum noch Platz f\u00fcr eine Welt, in der zu sp\u00fcren w\u00e4re, dass Gott uns nahe ist.<br \/>\nDas B\u00f6se wirkt beeindruckender, st\u00e4rker, machtvoller.<br \/>\nDie Teufelskreise der Gewalt und des Kriegs, der Irref\u00fchrung und der L\u00fcgen,<br \/>\nder m\u00f6rderisch-verzweifelten Attentate und des Staatsterrors<br \/>\nerscheinen allgewaltig.<br \/>\nDemgegen\u00fcber scheinen die Erfahrungen des \u00fcberraschend Sch\u00f6nen,<br \/>\ndes unglaublich Begl\u00fcckenden,<br \/>\nvon dem alle, auch heutige Jugendliche, zu erz\u00e4hlen w\u00fcssten,<br \/>\nviel zu schwach.<br \/>\nWenn es doch noch Orte gibt, in denen israelische und pal\u00e4stinensische Kinder miteinander spielen:<br \/>\nWas kann es ausrichten?<\/p>\n<p><i>&#8222;Keinem von uns ist Gott fern&#8220;<\/i><br \/>\nManchmal ist nichts davon sp\u00fcrbar,<br \/>\nklingt wie es wie ein Hohn.<br \/>\nStatt der guten Sch\u00f6pfung schl\u00e4gt einem Zerst\u00f6rung ins Gesicht.<\/p>\n<p>In der Sch\u00f6pfungsgeschichte am Anfang der Bibel ist die Finsternis nicht verleugnet,<br \/>\ndas <i>Tohuwabohu<\/i>, das <i>Wirre<\/i> und <i>W\u00fcste<\/i> geht der Erschaffung des Kosmos sogar voraus.<br \/>\nSch\u00f6pfung ist nicht eine Idylle,<br \/>\ndie Bedrohung ist von Anfang an da, und sie bleibt.<br \/>\nVon den Menschen wird entsprechend spannungsvoll erz\u00e4hlt:<br \/>\nSie werden in einem k\u00fchnen Vergleich als &#8222;<i>Ebenbilder<\/i>&#8222;, als <i>Stellvertreter<\/i> <i>Gottes<\/i> in dieser Welt bezeichnet (mit dem im Orient vertrauten Vergleich mit den <i>Standbildern<\/i>, die den K\u00f6nig dort repr\u00e4sentieren, wo er nicht unmittelbar anwesend ist);<br \/>\nMenschen sind begabt mit dem Auftrag, das Zerst\u00f6rerische in der Welt zu <i>b\u00e4ndigen<\/i>,<br \/>\n<i>Leben zu bewahren und zu hegen.<\/i><br \/>\nUnd fast gleichzeitig wird von Gewaltt\u00e4tigkeit und Mord erz\u00e4hlt,<br \/>\nvon Kain, der seinen Bruder erschl\u00e4gt.<br \/>\nHier geschieht der &#8222;S\u00fcndenfall&#8220; &#8211;<br \/>\nund die alttestamentliche Geschichte braucht da zum ersten Mal das Wort <i>S\u00fcnde<\/i>,<br \/>\nerz\u00e4hlt von ihrer allt\u00e4glichen Bedrohung,<br \/>\nwenn Menschen das Zerst\u00f6rerische in sich und um sich nicht b\u00e4ndigen,<br \/>\nLeben nicht zu bewahren und zu hegen verm\u00f6gen.<br \/>\nUnd viele Geschichten erz\u00e4hlen davon, wie Menschen versuchen,<br \/>\nGott zur Rechtfertigung ihrer Gewaltt\u00e4tigkeit zu verwenden<br \/>\nund das G\u00f6ttliche dazu zu missbrauchen, sich und andere \u00fcber die Wirklichkeit zu t\u00e4uschen.<br \/>\nDie biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichten sind beeindruckend realistisch,<br \/>\nillusionslos,<br \/>\nlegen keinen Zuckerguss auf die Erfahrung des Zerst\u00f6rerischen und der Finsternis.<\/p>\n<p>Solches Reden von Religion, vom G\u00f6ttlichen und von der Natur ist sehr anders, als es heute in manchen Kreisen \u00fcblich ist:<br \/>\nBedrohung, Bruch und Finsternis werden verschwiegen,<br \/>\ndie Erfahrung des G\u00f6ttlichen ist verniedlicht.<br \/>\nDie Natur wird als eigentlich unschuldige Idylle gepriesen, in der nur die heilsamen Energien entdeckt werden m\u00fcssen,<br \/>\nund wo positives Denken alles wieder gut werden l\u00e4sst.<br \/>\nMit Religion wird hier das zugekleistert, was der Sch\u00f6nf\u00e4rberei widerspricht.<br \/>\nDas G\u00f6ttliche dient dazu, Menschen \u00fcber die Wirklichkeit zu t\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Es geschieht oft fast unbemerkt.<br \/>\nReligi\u00f6se Sehns\u00fcchte und Erfahrungen werden missbraucht,<br \/>\num Menschen zu t\u00e4uschen, sie abh\u00e4ngig und beherrschbar zu machen.<br \/>\nDas Heilige wird kommerzialisiert, aus der Religion wird ein Gesch\u00e4ft.<br \/>\nGott wird verniedlicht.<\/p>\n<p>Oder &#8211; und auch dies hat eine lange, schlimme Geschichte &#8211;<br \/>\nGott dient als Begr\u00fcndung und Rechtfertigung von Herrschaft und Gewalt.<br \/>\nMenschen sind \u00fcberzeugt, dem Willen Gottes zu folgen,<br \/>\nund dann zeigt sich, dass sie nicht Gott, sondern einem politischen F\u00fchrer oder einer wirtschaftlichen Ideologie geglaubt haben.<br \/>\nStaunen und Ehrfurcht werden ausgebeutet.<br \/>\nHeilige Schriften m\u00fcssen dazu herhalten, andere Menschen zu entwerten;<br \/>\nGlaubensbekenntnisse dienen dazu, andere Menschen l\u00e4cherlich zu machen.<\/p>\n<p>Wie kann es m\u00f6glich werden,<br \/>\ndass ich \u00fcberzeugt meinen Glauben lebe,<br \/>\nmich daf\u00fcr einsetze, dass die Suche und Sehnsucht von Menschen nach dem G\u00f6ttlichen nicht abgewertet<br \/>\nund auch nicht missbraucht, ausgebeutet oder verniedlicht wird?<br \/>\nWie kann es m\u00f6glich werden,<br \/>\ndass ich \u00fcberzeugt meinen Glauben lebe<br \/>\nund gerade deshalb ein Suchender bleibe,<br \/>\noffen f\u00fcr \u00fcberraschende und bisher unvertraute Begegnungen mit dem G\u00f6ttlichen?<\/p>\n<p>Ich lese die Areopag-Geschichte auch als eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen &#8211;<br \/>\nund es zeigt sich, wie schwierig und gef\u00e4hrlich diese Auseinandersetzung ist.<br \/>\nDie Spannungen sind merkw\u00fcrdig, besonders wenn wir die Geschichte heute lesen.<br \/>\nDer Erz\u00e4hler berichtet, dass die Athener sich f\u00fcr die Botschaft des Paulus interessieren:<br \/>\nSie stellen Fragen, sie m\u00f6chten verstehen.<br \/>\nAndere lassen sich anscheinend nicht darauf ein und verspotten den Apostel als Schw\u00e4tzer, als &#8222;K\u00f6rnerpicker&#8220;.<br \/>\n\u00c4hnliches wird am Schluss der Geschichte erz\u00e4hlt:<br \/>\nEinige sind beeindruckt und schliessen sich Paulus an,<br \/>\nandere spotten, und es gibt solche, die weiterdiskutieren wollen, vielleicht.<br \/>\nAber auch der Erz\u00e4hler l\u00e4sst Spott und \u00dcberlegenheitsgef\u00fchle h\u00f6rbar werden, wenn er pauschal behauptet, <i>die Athener und die Fremden dort<\/i> w\u00fcrden <i>nichts lieber machen als die letzten Neuigkeiten erz\u00e4hlen oder h\u00f6ren &#8211; <\/i><br \/>\nund wenn er ihnen unterstellt, dass sie eigentlich gar nicht wissen, was sie tun, wenn sie den <i>unbekannten Gott <\/i>verehren.<\/p>\n<p>Spannungen werden auch in weiteren Erz\u00e4hlz\u00fcgen sp\u00fcrbar:<\/p>\n<p>Einerseits wird davon berichtet, dass Paulus die Stadt erkundet,<br \/>\nsie wahrzunehmen versucht, aufmerksam und bewegt.<br \/>\nEr sucht den Kontakt mit den Athenern,<br \/>\nmit seinen j\u00fcdischen Glaubensgenossen und mit den f\u00fcr ihn heidnischen Griechinnen und Griechen.<br \/>\nEr interessiert sich f\u00fcr ihre Glaubensweisen, Dichtungen und Philosophien,<br \/>\ner h\u00f6rt ihnen zu, diskutiert.<br \/>\nEr entdeckt den Altar mit der seltsamen und doch so wahren Aufschrift.<br \/>\nUnd andererseits werden andere T\u00f6ne h\u00f6rbar.<br \/>\n<i>&#8222;Nach allem, was ich sehe&#8220;,<\/i> so heisst es gleich am Anfang, <i>&#8222;seid ihr besonders fromme Menschen&#8220; <\/i>&#8211; so die \u00fcbliche \u00dcbersetzung.<br \/>\nAber das hier gebrauchte griechische Wort ist doppeldeutig:<br \/>\n&#8222;<i>sehr fromm<\/i>&#8220; kann es bedeuten, aber ebenso &#8222;<i>sehr abergl\u00e4ubisch<\/i>&#8222;.<br \/>\nUnd dass das durchaus so gemeint sein k\u00f6nnte, zeigt die vorangehende Bemerkung, Paulus sei von heftigem Zorn erfasst worden, weil er eine Stadt &#8222;<i>voller G\u00f6tzenbilder<\/i>&#8220; gesehen habe, was der Apostel dann in seiner Predigt auch wieder aufgreift.<br \/>\nWeshalb &#8222;<i>G\u00f6tzenbilder<\/i>&#8222;?<br \/>\nDiese Bilder und Alt\u00e4re k\u00f6nnten auch anders wahrgenommen werden,<br \/>\nPaulus selber scheint wenigstens bei einem der Alt\u00e4re nicht von vornherein von G\u00f6tzendienst zu sprechen.<br \/>\nWas gibt ihm das Recht, nicht auch bei anderen Alt\u00e4ren die M\u00f6glichkeit einzur\u00e4umen,<br \/>\ndass Gott <i>keinem Menschen fern ist<\/i>,<br \/>\nund dass diese Menschen Gott <i>suchen, ertasten und finden <\/i>k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Ob ein Bild ein G\u00f6tzenbild ist,<br \/>\nob ein Raum ein Raum zum G\u00f6tzendienst ist,<br \/>\nob ein Altar ein G\u00f6tzenaltar ist,<br \/>\nob ein Gebet ein G\u00f6tzengebet ist,<br \/>\nob eine Predigt eine G\u00f6tzenpredigt ist:<br \/>\nworan wird es sichtbar?<\/p>\n<p>Auch das, was dann in der Predigt des Paulus folgt (also die Rede vom J\u00fcngsten Gericht und von Christus als Richter),<br \/>\nbeantwortet die Frage nicht.<br \/>\nWie oft wurde in der Geschichte der christlichen Kirchen vom Gericht gesprochen<br \/>\nund Christus als Weltenrichter dargestellt &#8211;<br \/>\nund es war<i> keineswegs eine gute Botschaft,<\/i><br \/>\nvielmehr wurden Menschen unter Druck gesetzt, sie wurden ver\u00e4ngstigt und damit abh\u00e4ngig und gef\u00fcgig gemacht &#8211;<br \/>\nwie von menschenverschlingenden G\u00f6tzen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte trotzdem diese beiden Hinweise aus der Predigt von Paulus aufnehmen:<br \/>\ndie Hoffnung auf ein Gericht und die Hoffnung auf Christus als Richter.<br \/>\nIch glaube, dass diese beiden Bilder anders verstanden werden k\u00f6nnen, als dies in der christlichen Tradition weitherum geschah und geschieht:<br \/>\nSo dass sie wieder Bilder der Hoffnung werden,<br \/>\neinen klareren Blick erm\u00f6glichen,<br \/>\ndavon befreien, andere Menschen zu entwerten,<br \/>\ndazu ermutigen, das nicht auch noch anzubeten, was als unab\u00e4nderliche Realit\u00e4t erscheint.<\/p>\n<p>Mit dem Bild vom Gericht haben gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden der \u00dcberzeugung widersprochen, dass alles so bleiben muss wie es ist,<br \/>\ndass es eben immer Kriege gegeben hat und immer Kriege geben wird.<br \/>\nSie haben der \u00dcberzeugung widersprochen, dass es immer Ungerechtigkeit gegeben hat und immer Ungerechtigkeit geben wird.<br \/>\nSie haben in einem verr\u00fcckten Vertrauen darauf gesetzt, dass das, was jetzt ist, nicht das ist, was immer sein wird.<br \/>\nMit dem Bild vom Gericht haben gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden der \u00dcberzeugung Ausdruck gegeben,<br \/>\ndass die Henker nicht auf immer \u00fcber ihre Opfer triumphieren werden.<br \/>\nEs wird nicht immer so bleiben, wie es ist.<br \/>\nVernichtung und Tod, Krieg und Zerst\u00f6rung d\u00fcrfen nicht auf immer die Oberhand behalten.<br \/>\nEs gibt eine Perspektive der Hoffnung,<br \/>\njetzt schon.<\/p>\n<p>Wenn ich so hoffe,<br \/>\nweigere ich mich, das, was jetzt so \u00fcberm\u00e4chtig erscheint, als allm\u00e4chtig anzubeten.<\/p>\n<p><i>&#8222;Dein Reich komme&#8220;<\/i>,<br \/>\nbeten Christinnen und Christen im UnserVater seit Jahrtausenden &#8211;<br \/>\nauch wenn oft Gewalt und Mammon angebetet<br \/>\nund aus \u00dcberzeugungen und Bekenntnissen gewaltt\u00e4tige G\u00f6tzen verfertigt wurden.<br \/>\n<i>&#8222;Dein Reich komme&#8220;<\/i>:<br \/>\nein Reich von Frieden und Gerechtigkeit nicht nur f\u00fcr einige wenige.<br \/>\nUnd wenn ich auf <i>Christus als Richter <\/i>hoffe,<br \/>\nhoffe ich auf eine Welt, in der Christus als Bruder aller Gesch\u00f6pfe offenbar wird,<br \/>\nwo meine Schuld als Schuld herausgestellt wird, aber nun nicht f\u00fcr immer und ewig an mir kleben bleiben muss,<br \/>\nwo neue Anf\u00e4nge m\u00f6glich werden,<br \/>\nund alle Menschen erfahren und glauben, dass sie wertvoll sind, f\u00e4hig zur Liebe und zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><i>&#8222;Dein Reich komme!&#8220;<\/i><br \/>\nManchmal wird das jetzt schon erfahrbar und ertastbar.<br \/>\nMenschen begegnen dem G\u00f6ttlichen,<br \/>\nstaunend, ehrf\u00fcrchtig,<br \/>\nverbl\u00fcfft.<br \/>\nEtwas sehr Kostbares wird ihnen f\u00fcr Augenblicke gegenw\u00e4rtig.<br \/>\nDie Welt ist nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist mir etwas aufgegangen.<br \/>\nEs ist vielleicht etwas unglaublich Sch\u00f6nes,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder mich umgeworfen und mir die Augen ge\u00f6ffnet hat,<\/p>\n<p>Der <i>unbekannte Gott <\/i><br \/>\nkommt \u00fcberraschend <i>nah<\/i>.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Christoph M\u00fcller<br \/>\nUniversit\u00e4t Bern<br \/>\nInstitut f\u00fcr Praktische Theologie<br \/>\nAbt. Homiletik, Liturgik, Kommunikationswissenschaft<br \/>\nL\u00e4nggassstrasse 51<br \/>\nCH 3000 Bern 9<br \/>\nTel.: ++41 (0)31 631 80 45<br \/>\nFax: ++41 (0)31 631 48 33<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.mueller@theol.unibe.ch\">E-mail: christoph.mueller@theol.unibe.ch<\/a><br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020421-2.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020421-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate (3. Sonntag nach Ostern), 21. April 2002 Predigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 16-34, verfa\u00dft von Christoph M\u00fcller Liebe Gemeinde, Keinem von uns ist Gott fern. Es gibt Momente, Augenblicke, in denen etwas von dieser Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen aufscheint. Vielleicht merken wir es erst im Nachhinein. 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