{"id":21669,"date":"1998-09-15T15:20:02","date_gmt":"1998-09-15T13:20:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21669"},"modified":"2025-04-09T10:06:21","modified_gmt":"2025-04-09T08:06:21","slug":"roemer-814-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-814-17-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8,14\u201317"},"content":{"rendered":"<h3>14. S. nach Trinitatis | 13.9.1998 | R\u00f6m 8,14-17 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Predigttext: R\u00f6mer 8, Vers 14-17<\/p>\n<p>&#8222;Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, da\u00df ihr euch abermals f\u00fcrchten m\u00fc\u00dftet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, da\u00df wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, n\u00e4mlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es ist Fr\u00fchjahr in Korinth, 56 nach Christus. Paulus, der Apostel ist wieder einmal zu Besuch hier in der Gemeinde, die er selbst gegr\u00fcndet hat. Die Nachrichten, die er in den vergangenen Monaten erhielt, sind erfreulich: Das Christentum breitet sich langsam im Mittelmeerraum aus, und in Rom, so hat man erfahren, hat sich inzwischen auch eine christliche Gemeinde gebildet.<\/p>\n<p>Paulus plant die weitere Route seiner Reisen. Er hat vor, die Mission nach Westen auszudehnen, bis nach Spanien, und will deshalb die Gemeinde in Rom so bald wie m\u00f6glich besuchen, um ihre Unterst\u00fctzung zu erhalten. Ein Brief soll den Besuch ank\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Paulus findet viele freundliche und aufmunternde Worte f\u00fcr die ihm unbekannte junge Gemeinde, um sie in ihrem Glauben und ihrem weiteren Wachstum zu st\u00e4rken und zu f\u00f6rdern. Wer sich in seinen Briefen auskennt, wei\u00df, da\u00df er auch kr\u00e4ftig schimpfen konnte und mit Kritik nicht eben sparsam umging. Um so herzlicher klingen daher S\u00e4tze wie diese:<\/p>\n<p>&#8222;Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn nicht den Geist von Knechten habt ihr empfangen, da\u00df ihr euch f\u00fcrchten m\u00fc\u00dftet; sondern den Geist von Kindern, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst bezeugt unserm Geist, da\u00df wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, n\u00e4mlich Gottes Erben und Miterben Christi; denn so gewi\u00df wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.&#8220;<\/p>\n<p>Zu Gott &#8222;Vater&#8220; sagen \u2013 im ersten Moment geht das leicht \u00fcber die Lippen, ist ja auch altvertraut. Das Vaterunser fehlt in keinem Gottesdienst. Aber welche Vorstellung habe ich eigentlich von dem, den ich so anrede? Paulus verwendet ein Wort aus der Muttersprache Jesu: &#8222;Abba&#8220;. Das ist genau das Wort, mit dem damals Kinder ihren Vater anredeten oder herbeiriefen: &#8222;Papa&#8220; w\u00e4re die treffendste \u00dcbersetzung hierf\u00fcr. So redete auch Jesus Gott an.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, glaube ich, dar\u00fcber nachzusinnen: der allm\u00e4chtige, ewige Gott, den ich als den Sch\u00f6pfer bekenne, der alles, was existiert, ins Leben gerufen hat, der l\u00e4\u00dft sich &#8222;Papa&#8220; nennen, ganz vertraut, ganz nah, ganz dicht bei mir. Unbefangen und unbek\u00fcmmert wie ein kleines Kind darf ich sein: ich habe ein Hausrecht bei meinem Vater. Gottes Geist ist es, schreibt Paulus, der es mir immer wieder zuspricht: Du bist Gottes Kind!<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens an dieser Stelle kommen mir Bedenken: Wo bleibt denn da der n\u00f6tige Respekt? Wo bleibt die Ehrfurcht vor Gott? Und was ist denn mit den 10 Geboten? Ich merke an meinen \u00dcberlegungen, da\u00df mein Bild von Gott die Z\u00fcge eines eher strengen Vaters tr\u00e4gt. \u2013 Situationen fallen mir ein, wo der Gedanke an Gott unweigerlich ein schlechtes Gewissen hervorrief.<\/p>\n<p>Halt! Paulus scheint die Einw\u00e4nde zu ahnen: &#8222;Nicht den Geist von Knechten habt ihr empfangen, da\u00df ihr euch f\u00fcrchten m\u00fc\u00dftet, sondern den Geist von Kindern.&#8220; \u2013 Ihr seid keine Tagel\u00f6hner, soll das wohl hei\u00dfen, die t\u00e4glich an ihrer Leistung gemessen werden, sondern werdet wie Kinder um eurer selbst willen geliebt. Und hat nicht Jesus die Kinder ausdr\u00fccklich als Vorbilder dargestellt: &#8222;Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineingelangen\u2026&#8220;?<\/p>\n<p>Ich nehme an, da\u00df sich im Laufe der Zeit ein gro\u00dfes Mi\u00dfverst\u00e4ndnis breitgemacht hat, das den Weg zu diesen und \u00e4hnlichen Aussagen des Neuen Testaments erschwert. Es ist das Wunschbild vom m\u00fcndigen, aufgekl\u00e4rten B\u00fcrger, der sich in einer von Bildungsboom und Leistungsdruck beherrschten Gesellschaft durchsetzen mu\u00df. Dem gegen\u00fcber steht das Bild des naiven, unm\u00fcndigen Kindes, das \u00fcber eine gewisse Zahl von Jahren eine Art &#8222;Schonzeit&#8220; zugestanden bekommt, bevor dann der &#8222;Ernst des Lebens&#8220; beginnt. So kommt es, da\u00df &#8222;kindlich&#8220; mi\u00dfverstanden wird als &#8222;kindisch&#8220;, und dann ergeben die biblischen Worte keinen Sinn mehr.<\/p>\n<p>Aber es ist \u00fcberhaupt nicht an Unm\u00fcndigkeit und Naivit\u00e4t gedacht, wenn meine Beziehung zu Gott mit der eines Kindes zu seinem Vater verglichen wird. Ich bin erwachsen, und es w\u00e4re dann in der Tat kindisch, wollte ich mich verstellen und Gott mit Kindergebeten und Kindervorstellungen gegen\u00fcbertreten. Eine Karikatur.<\/p>\n<p>Nein. Sondern so wie in einer intakten Familie Kinder ungezwungen und unbefangen mit ihren Eltern umgehen, so darf ich mich ohne Scheu auch an den H\u00f6chsten wenden. Gott gibt mir die Freiheit dazu: &#8222;Nicht den Geist von Knechten habt ihr empfangen.&#8220; Die Freiheit, die Jesus Christus mit seinem Tod am Kreuz errungen hat, schenkt Gott durch seinen Geist.<\/p>\n<p>Freiheit \u2013 ein gro\u00dfes Wort. Auch viele andere Stimmen versprechen Freiheit, doch die meisten von ihnen l\u00fcgen. Ein Paradebeispiel ist die Werbung: bedeutet es Freiheit, eine bestimmte Zigarettensorte zu rauchen? F\u00fchle ich mich frei, wenn ich eine bestimmte Seife benutze? \u2013 Hier wird manipuliert, werden geschickt Sehns\u00fcchte des Menschen nach Unabh\u00e4ngigkeit ausgenutzt, mit anderen Worten: er wird nur in eine neue Abh\u00e4ngigkeit gebracht! \u2013 Die Motorradfirma, die mir ihr neuestes Modell anpreist \u2013 will sie mir zur Freiheit verhelfen oder will sie ihr Produkt verkaufen? &#8211;<\/p>\n<p>Die Freiheit, an die ich denken m\u00f6chte, ist nicht nur scheinbar. Diese Freiheit macht ein Ende mit jeder Form von Abh\u00e4ngigkeit und Zwang. Und das bedeutet auch ein Ende meiner Abh\u00e4ngigkeit von mir selbst, von meiner Selbstherrlichkeit, von meinem Egoismus, von meinem oft zu kleinen Glauben. Eine Freiheit, die nicht auf Kosten anderer gewonnen wird, weil sie Verantwortung ein\u2013 und nicht ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Und wie k\u00f6nnte konkret aussehen, wenn einzelne oder eine christliche Gemeinde diese geschenkte Freiheit annehmen und sich zu eigen machen?<\/p>\n<p>Die Freiheit der Konfirmanden zum Beispiel kann so aussehen, da\u00df sie nicht von ihren Eltern oder von Pastor und Pastorin gedr\u00e4ngt oder gar gezwungen werden, regelm\u00e4\u00dfig in den Gottesdienst zu gehen. Aber Moment! Dies ist nur die eine H\u00e4lfte dieser Freiheit. Die andere H\u00e4lfte der Freiheit besteht f\u00fcr die Konfirmanden darin, nicht dem Drang der eigenen Unlust nachzugeben. Freiheit hei\u00dft n\u00e4mlich auch, freiwillig etwas tun. Bequemlichkeit und M\u00fcdigkeit sind keine Merkmale von Freiheit.<\/p>\n<p>Die Freiheit einer Gruppe von Jugendlichen zum Beispiel kann darin bestehen, da\u00df sie sich ohne Aufsicht und Kontrolle miteinander treffen, um gemeinsam zu reden, zu spielen, zu feiern oder Musik zu h\u00f6ren; doch auch hier hat dieselbe Freiheit noch ihre zweite Seite: Freiheit bedeutet auch, sich nicht in Langeweile und phantasielosem Trott zu bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Freiheit von erwachsenen Christen kann zum Beispiel so aussehen, da\u00df sie nicht mehr in \u00c4ngsten leben: in \u00c4ngsten, die Gebote zu \u00fcbertreten, oder in \u00c4ngsten, Gottes Geist zu verlieren. &#8222;Ihr seid keine Tagel\u00f6hner, die t\u00e4glich an ihrer Arbeit gemessen werden!&#8220; \u2013 Und auch hier hat Freiheit eine zweite Komponente: Freiheit hei\u00dft auch, die unverbindliche oder gleichg\u00fcltige Haltung zu \u00fcberwinden und mit der eigenen Person f\u00fcr seinen Glauben einzustehen<\/p>\n<p>Freiheit eines Pastors kann zum Beispiel so aussehen, da\u00df er sich nicht allen Verpflichtungen aus der Tradition und s\u00e4mtlichen Erwartungen in der Gemeinde unterwirft. Auch hier aber bedeutet diese Freiheit zugleich: er darf ebensowenig sich selbst und seine Vorlieben zum allein g\u00fcltigen Ma\u00dfstab seines Handelns machen.<\/p>\n<p>Das ist das Ziel: Eine Freiheit, die souver\u00e4n die Mitte findet zwischen Selbstherrlichkeit und Abh\u00e4ngigkeit. \u2013 Weder darf ich mich einfach nur Geboten unterordnen und blind gehorchen noch darf ich mich selbst zum Ma\u00df aller Dinge machen \u2013 dies ist die Freiheit der Kinder Gottes. Versprochen und erworben durch den Sohn Jesus Christus und mir t\u00e4glich neu geschenkt durch den Heiligen Geist, habe ich die Freiheit, zu Gott &#8222;Vater&#8220; zu sagen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg<\/p>\n<p>Pastor und freier Journalist<\/p>\n<p>Auf dem Kirchberg 2, 37139 Adelebsen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. 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