{"id":21686,"date":"1998-09-15T15:27:45","date_gmt":"1998-09-15T13:27:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21686"},"modified":"2025-03-15T15:30:50","modified_gmt":"2025-03-15T14:30:50","slug":"1-petrus-55c-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-55c-11-2\/","title":{"rendered":"1. Petrus 5,5c-11"},"content":{"rendered":"<h3>15. S. nach Trinitatis | 20.9.1998 | 1. Petr 5,5c-11 | Wolfgang Gr\u00fcnberg |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in einer Woche wird der deutsche Bundestag von den wahlberechtigten B\u00fcrgern \u00fcber 18 Jahren neu gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind das Volk&#8220; &#8211; am Wahltag haben wir &#8222;Macht&#8220;, &#8222;herrschen&#8220; wir. Das ist der Sinn der &#8222;Demokratie&#8220;, in der wir, Gott sei Dank, leben. Der Wahlkampf mit seinen gro\u00dfen und groben Vereinfachungen, ja auch Unterstellungen, n\u00e4hert sich dem Ende. Die Parolen der rechtsextremen Parteien mit ihren Ha\u00dftiraden gegen alles, was ihnen &#8222;fremd&#8220; ist, k\u00f6nnen einem schon Angst einjagen. Aber Einsch\u00fcchterung ist keine politische und keine christliche Tugend. Heute ist Zivilcourage gefragt &#8211; Ermutigung, ein &#8222;civis&#8220;, ein freier B\u00fcrger zu sein und daf\u00fcr einzutreten, da\u00df dieser Freiheitsraum erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Die christlichen Gemeinden in der Zeit nach Jesu Tod und Auferstehung, in der die apostolischen Briefe des Neuen Testaments geschrieben wurden, hatten nicht das Gl\u00fcck, in einer Demokratie zu leben.<\/p>\n<p>Unter Kaiser Domitian, an der Wende zum 2. Jahrhundert, gab es f\u00fcr die christliche Minderheit im r\u00f6mischen Weltreich vielmehr die erste landesweite Verfolgung der Christen als Staatsfeinde. Verhaftungen, Folterungen, sogar Drohungen, den L\u00f6wen im Colosseum in Rom \u00f6ffentlich zum Fra\u00df vorgeworfen zu werden, waren drastische Kampfmittel gegen\u00fcber der kleinen Minderheit der christlichen Gemeinden. Die \u00f6ffentliche Propaganda suchte mal wieder S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr alles, was schief lief im Staate Roms. Damals mu\u00dften die Christen herhalten, wie wenige Jahrhunderte sp\u00e4ter die Juden.<\/p>\n<p>Und heute? Wer wird heute zum S\u00fcndenbock gestempelt? Jedenfalls sind auch heute wieder Wachsamkeit und N\u00fcchternheit gefragt, nicht anders als zu der Zeit, als das apostolische Sendschreiben des 1. Petrusbriefes an die christlichen Gemeinden erging.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir, was damals der verfolgten christlichen Minderheit geschrieben wurde. Dabei benutze ich als \u00dcbersetzung eine freie \u00dcbertragung:<\/p>\n<p>1. Petr. 5,5c-11:<\/p>\n<p>Haltet Euch alle daran: Gott widersteht den Hochm\u00fctigen, den Gedem\u00fctigten schenkt er sich selbst. Beugt Euch (nur) unter Gottes starke Hand: im rechten Moment l\u00e4\u00dft er Euch Fl\u00fcgel wachsen! All Euer Sorgen werft ihm zu. Ihm liegt doch an Euch! So werdet Ihr n\u00fcchtern und wachsam sein k\u00f6nnen. Denn diabolisch ist der Feind, einem L\u00f6wen mit aufgerissenem Maul gleich, sp\u00e4hend, wen er verschlingen kann. Widersteht! Ihr seid stark, durch Gottvertrauen gewappnet, und wi\u00dft doch: Ihr steht in der Solidarit\u00e4t Eurer leidgepr\u00fcften Geschwister. Euch hat Gott, Geber aller Gaben, berufen. Euch will er Anteil an seinem Himmel gew\u00e4hren durch Christus. Euch, die Ihr einen Teil seiner Leiden schmecken m\u00fc\u00dft, will Er aufrichten, standhaft machen, kr\u00e4ftigen und auf festen Grund stellen. IHM geb\u00fchrt die Macht heute und f\u00fcr alle Zeit. Amen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der letzte amtierende Oberrabbiner im nationalsozialistischen Deutschland, Joseph Carlebach aus Hamburg, hat &#8211; lange Zeit vor seiner Deportation, die ihn zusammen mit seiner Gemeinde und seiner halben Familie in den Tod f\u00fchrte &#8211; sinngem\u00e4\u00df geschrieben:<\/p>\n<p>Es ist nicht gut, wenn der Mensch seine Knie nicht mehr vor Gott beugt. Er verliert sein Ma\u00df und verfehlt seine Menschlichkeit.<\/p>\n<p>Das war eine prophetische Diagnose der aufkommenden Unheilszeit.<\/p>\n<p>Darum geht es auch heute, vor Gott, unser menschliches Ma\u00df und unsere Handlungsma\u00dfst\u00e4be zu finden, f\u00fcr uns selbst, aber auch f\u00fcr den politischen Raum.<\/p>\n<p>Diese Haltung hei\u00dft in unserem Briefabschnitt &#8222;Demut&#8220;. &#8222;Gott widersteht den Hoff\u00e4rtigen, aber den Dem\u00fctigen gibt er Gnade&#8220;, \u00fcbersetzt Martin Luther.<\/p>\n<p>Das Schlimme an hochm\u00fctigen Denken und Handeln ist die totale Selbstzufriedenheit. Solche Menschen sind mit sich restlos zufrieden. Sie setzen nur auf die eigene Kraft und St\u00e4rke. Darum werden sie im Laufe der Zeit immer gnadenloser.<\/p>\n<p>Denn wer seine Knie nicht vor Gott beugt &#8211; und sei es auch nur in seinem Denken und Empfinden &#8211; verliert die Erfahrung und die Erwartung von Gnade.<\/p>\n<p>&#8222;Macher&#8220; leben in gro\u00dfer Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Vor allem eigenen Tun und Lassen leben wir von dem, was uns t\u00e4glich neu geschenkt wird, was wir als Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnehmen: Das Morgenlicht und die Zuwendung unserer N\u00e4chsten, das t\u00e4gliche Brot, das Vorschu\u00dfvertrauen unserer beruflichen Kolleginnen und Kollegen und vieles mehr.<\/p>\n<p>Den Christen, die von den M\u00e4chtigen ihrer Zeit bedroht waren, wird der Trug von deren Machtwahn nicht durch die Analyse von deren Fehlern vor Augen gemalt, sondern wird in eine andere, alternative Grundhaltung dem Leben gegen\u00fcber vor Augen gestellt: Die Demut, ein geschundenes, vergessenes, verdr\u00e4ngtes und doch erhabenes Wort.<\/p>\n<p>Bewu\u00dft habe ich es in der freien \u00dcbertragung unseres Briefabschnittes erst einmal umschrieben. Denn landl\u00e4ufig verstehen wir unter Demut &#8222;Unterw\u00fcrfigkeit&#8220;, Unselbst\u00e4ndigkeit, Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Demut vor Gott ist aber das Gegenteil von Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber den Menschen! Vor Gott dem\u00fctig &#8211; das ist vielmehr die Basis f\u00fcr Furchtlosigkeit und Mut gegen\u00fcber den Menschen. Man k\u00f6nnte fast behaupten, Demut &#8222;produziert&#8220; Zivilcourage. Wer sein menschliches Ma\u00df vor Gott findet und in diesem Sinn dem\u00fctig ist, wird mutig, sich &#8222;einzumischen&#8220;!<\/p>\n<p>Christen sollte man daran erkennen, da\u00df ihnen nichts gleich &#8211; g\u00fcltig ist, sondern da\u00df sie mutig und f\u00e4hig sind, sich einzumischen, in der n\u00e4chsten Umgebung, aber auch am Arbeitsplatz und in der Politik.<\/p>\n<p>Aber auch die Art der &#8222;Einmischung&#8220; ist bei dem\u00fctigen Menschen anders als gewohnt. Denn es geht nicht um Rechthaberei &#8211; als h\u00e4tten nun die &#8222;Dem\u00fctigen&#8220; die Weisheit gepachtet. Dem\u00fctige leben aus der Solidarit\u00e4t mit den Leidenden. Sie k\u00e4mpfen gegen &#8222;gnadenloses Handeln&#8220;, weil dieses st\u00e4ndig neu Leiden verursacht. Wer unsere Angewiesenheit Gott gegen\u00fcber vergi\u00dft, woher stammt sein Ma\u00df an Menschlichkeit?<\/p>\n<p>Ein Arzt erz\u00e4hlte mir von einem langj\u00e4hrigen Patienten, der ihm zum Freund geworden war, folgendes: Jahrelang, ja jahrzehntelang war dieser Patient Atheist, weil sein aufgekl\u00e4rtes Weltbild keinen Raum hatte f\u00fcr Gott. Beim letzten Treffen hat dieser Patient ihm gesagt: &#8222;Die Arroganz der Macher und M\u00e4chtigen wird mir immer unertr\u00e4glicher. Was ist denen denn heilig?&#8220;<\/p>\n<p>Der Arzt spricht: &#8222;Mich erstaunt und erfreut, da\u00df Sie das Wort &#8222;heilig&#8220; in den Mund nehmen.&#8220; Darauf antwortet der Patient: &#8222;Je l\u00e4nger ich Menschen kenne und beobachte: Demut, darauf kommt es doch an. Dem\u00fctige Menschen sind bescheiden und g\u00fcltig. Ich f\u00fcrchte, ich mu\u00df meinen Atheismus \u00fcberdenken &#8211; denn wirklich dem\u00fctig sind wohl doch nur Menschen, denen etwas heilig ist.&#8220; Der Arzt sagte mir noch: &#8222;Von diesem Patienten lerne ich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gott widersteht den Hochm\u00fctigen &#8211; aber den Dem\u00fctigen schenkt er sich&#8220;.<\/p>\n<p>Wer seine Knie vor Gott beugt, kann Gottes N\u00e4he, seine uns zugewandte Liebe erfahren. Demut ist keine infantile Flucht in den Scho\u00df des Allm\u00e4chtigen, um sich zu ducken. Gott ruft uns an die Seite der Geschundenen und Geschm\u00e4hten. Was Gottes Solidarit\u00e4t mit den &#8222;M\u00fchseligen&#8220; und &#8222;Beladenen&#8220; bedeutet, hat uns Jesus in der Nachfolge der Propheten durch Wort und Tat drastisch vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Darum k\u00f6nnen wir sagen, was die Erfahrung von Gottes N\u00e4he meint:<\/p>\n<p>Gott ist stark, um die Schwachen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Gott ist frei, um die Gebundenen zu befreien,<\/p>\n<p>Gott leidet, um die Leidenden zu erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Gott stirbt am Kreuz, um dem Tode die Macht zu entrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber Gott widersteht auch. Wir k\u00f6nnen Gott auch gegen uns haben und werden dies in Krisenzeiten durchschauen. Das gilt f\u00fcr pers\u00f6nliche wie auch gesellschaftliche bzw. politische Krisen.<\/p>\n<p>Wir brauchen vor allem &#8222;Wachsamkeit&#8220; und Zivilcourage!<\/p>\n<p>Der Apostel hat damals seinen Glaubensgeschwistern zugerufen, was wir auch heute beherzigen sollten: Widersteht eurer Resignation und Hoffnungslosigkeit, selbst wenn ihr leiden m\u00fc\u00dft. So beglaubigt ihr euer Vertrauen in Gott, der die Auferstehung und das Leben ist.<\/p>\n<p>Das B\u00f6se ist in uns und um uns. Es ist eine Macht. Wir brauchen sie nicht &#8222;Teufel&#8220; zu nennen. Aber wer vergi\u00dft, da\u00df das B\u00f6se eine aktive, verschlingende Macht ist, ist gef\u00e4hrlich naiv.<\/p>\n<p>Heinrich Albertz, fr\u00fcher einmal Regierender B\u00fcrgermeister von Berlin und sp\u00e4ter wieder Pfarrer, ein beherzter, mutiger Mann, hat in seiner Sprache etwas \u00e4hnliches gesagt, wie der Oberrabbiner Carlebach. Albertz sah das ganze Evangelium erf\u00fcllt und zusammengefa\u00dft im 1. Gebot und im Psalm 23.<\/p>\n<p>Wem Gottes Name wirklich heilig ist, wird gegen\u00fcber allem anderen frei, souver\u00e4n und mutig. Alle anderen Quellen des Mutes und der Freiheit &#8211; so Albertz &#8211; versagen sonst in Krisenzeiten. Er kannte Gottes Geleit auch &#8222;im finsteren Tal&#8220;, auch &#8222;angesichts des Feindes&#8220;.<\/p>\n<p>La\u00dft uns Gott loben, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, den Geber aller Gaben: &#8222;Er wird Euch, die Ihr einen geringen Anteil seiner Leiden schmecken m\u00fc\u00dft, aufrichten, standhaft machen, kr\u00e4ftigen und auf festen Grund stellen.&#8220; Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Gr\u00fcnberg, Tannenh\u00fcgel 3b 21149 Hamburg, Tel. 040 &#8211; 7968132<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. S. nach Trinitatis | 20.9.1998 | 1. 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