{"id":21698,"date":"1998-10-15T15:33:08","date_gmt":"1998-10-15T13:33:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21698"},"modified":"2025-03-15T15:35:07","modified_gmt":"2025-03-15T14:35:07","slug":"2-korinther-96-15-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-96-15-2\/","title":{"rendered":"2. Korinther 9,6-15"},"content":{"rendered":"<h3>Erntedankfest | 4.10.1998 | 2. Kor 9,6-15 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Predigttext:<\/p>\n<p>&#8222;Ich meine aber dies: Wer da k\u00e4rglich s\u00e4t, der wird auch k\u00e4rglich ernten; und wer da s\u00e4t im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er\u2019s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fr\u00f6hlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, da\u00df alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Gen\u00fcge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht (Psalm 112, 9): &#8222;Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Der aber Samen gibt dem S\u00e4mann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Fr\u00fcchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch \u00fcberschwenglich darin, da\u00df viele Gott danken. Denn f\u00fcr diesen treuen Dienst preisen sie Gott \u00fcber eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und \u00fcber der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet f\u00fcr euch sehnen sie sich nach euch wegen der \u00fcberschwenglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank f\u00fcr seine unaussprechliche Gabe!&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jahr um Jahr treten wir am ersten Sonntag im Oktober vor einen geschm\u00fcckten Altar, um den herum die Erntegaben ausgebreitet sind. Fr\u00fcchte und Ertr\u00e4ge aus Feld und Garten, eingesammelt von den Konfirmanden, gegeben als Zeichen des Dankes f\u00fcr das, was wir ernten konnten. Wir haben auch in diesem Jahr Anla\u00df, Dank zu sagen. Nicht nur f\u00fcr die Ernte auf den Feldern, nicht nur daf\u00fcr, da\u00df wir reichlich Nahrung haben, sondern auch Dank f\u00fcr Wohlstand, Freiheit und Sicherheit, die uns geschenkt sind.<\/p>\n<p>Der lange Predigttext sagt viel \u00fcber das Beschenkt\u2013Werden und das Geben. Geradezu sprichw\u00f6rtlich geworden ist z. B. der Satz: &#8222;Einen fr\u00f6hlichen Geber hat Gott lieb.&#8220;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch einen anderen Satz hinzunehmen, auch wenn er erheblich schwieriger und umst\u00e4ndlicher zu verstehen ist: &#8222;Der aber Samen reicht dem S\u00e4mann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen reichen und ihn mehren und wachsen lassen die Fr\u00fcchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in Lauterkeit\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Und weil dies nun wirklich komplizierte Sprache ist, das Ganze noch einmal in einer aktuelleren Version: &#8222;Gott hat auch in euch seinen Samen geworfen und wird euch immer mehr Saatgut in die Hand geben, damit immer mehr Frucht in euch wachsen m\u00f6ge, n\u00e4mlich die zuverl\u00e4ssige G\u00fcte, das Herzst\u00fcck der Gerechtigkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Paulus, der dies schrieb, erinnert die Christengemeinde in Korinth an das &#8222;Saatgut&#8220; in ihrer Hand. Immer mehr soll wachsen. Gemeint ist aber dabei nicht ein &#8222;immer mehr&#8220; an Menge, an Quantit\u00e4t, sondern ein Wachstum an G\u00fcte. Sie wird das Herzst\u00fcck, der Kern der Gerechtigkeit genannt.<\/p>\n<p>Die Saat der G\u00fcte \u2013 bei diesem Bild denke ich unwillk\u00fcrlich an die Taufe. Denn in der Taufe wird ja sozusagen das Samenkorn des Glaubens in die Seele eines Kindes gelegt, und es soll zusammen mit ihm heranwachsen, in der Hoffnung, da\u00df die Pflanze des Glaubens reift und selbst neuen Samen hervorbringt, zum Weitergeben an andere Menschen. F\u00fcr andere \u2013 immer mehr. Ich w\u00e4re froh, g\u00e4be es bei diesem &#8222;immer mehr \u2013 f\u00fcr andere&#8220; wenigstens ann\u00e4hernde Zuwachsraten wie auf anderen Gebieten.<\/p>\n<p>Immer mehr \u2013 das erlebe ich n\u00e4mlich leider oft nur als Forderung. Nach mehr Geld, mehr Freizeit, mehr Unterhaltung. Immer h\u00f6her klettern die Aktienkurse, und man redet von Katastrophe, wenn sie fallen, obwohl sie immer noch weit besser stehen als im Jahr zuvor. Immer mehr f\u00fcr mich selbst \u2013 aber immer weniger f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>\u2013 Es war einmal eine Familie, die wurde auf eine \u00f6de, felsige Insel verschlagen. Keine Hoffnung, je von dort hinweg zu kommen. Auch war die Insel nicht allzu gro\u00df. Doch dann, bei der genaueren Erkundung ihrer Zuflucht, entdeckt die Familie versteckt hinter einem H\u00fcgel ein Haus. Ein riesiges Haus mit vielen Fenstern und Zimmern, eigentlich schon fast ein richtiges Schlo\u00df.<\/p>\n<p>Aber die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung erleben sie, als sie den Keller betreten. So weit das Auge reicht, ziehen sich Reihen von Regalen und Vorratskisten. Die Bretter biegen sich f\u00f6rmlich unter der Last der reichhaltigsten Vorr\u00e4te, die man sich nur denken kann: Einmachgl\u00e4ser, Konserven, Batterien von Flaschen mit ausgesuchten Getr\u00e4nken \u2013 es wirkt gerade so, als h\u00e4tte jemand f\u00fcr lange Zeit vorgesorgt.<\/p>\n<p>Nun, die Familie entdeckt rasch, wo Dosen\u00f6ffner und Korkenzieher zu finden sind, und ist sich bald einig, da\u00df man mit diesem Schlo\u00df das gro\u00dfe Los gezogen hat. So nehmen sie ihr neues Heim in Besitz und lassen sich\u2019s gut gehen.<\/p>\n<p>Ein ziemlich schlichtes M\u00e4rchen, mag man denken. Aber die Geschichte f\u00e4ngt jetzt erst richtig an. Denn im Verhalten und in den Gewohnheiten der Familie auf der Insel gehen allm\u00e4hlich Ver\u00e4nderungen vor sich: beim Essen und Trinken wird es besonders deutlich. Immer mehr sollen die Kinder, die stets nach den Vorr\u00e4ten geschickt werden, aus dem Keller heraufholen, immer ausgefallenere, erlesenere Sachen. Was \u00fcbrig bleibt oder nicht schmeckt, werfen sie fort und kippen es hinter die Klippen, von wo es mitunter, wenn der Wind ung\u00fcnstig steht, schon schlimm riecht.<\/p>\n<p>Dennoch macht die Familie weiter, bis eines Tages die Kinder mit einer schier unglaublichen Nachricht aus dem Keller kommen: die Vorr\u00e4te sind nicht unbegrenzt! Hinter manchen L\u00fccken in den Speiseregalen kommt das Mauerwerk zum Vorschein. Den Eltern ist das erstaunlich gleichg\u00fcltig \u2013 vielleicht haben sie, auf beiden Backen kauend, noch gar nicht recht begriffen. Jedenfalls verlangen sie von den Kindern, wie bisher die Vorr\u00e4te zu pl\u00fcndern \u2013 es werde sich schon eine L\u00f6sung finden, sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Aber die Kindern verweigern den Gehorsam. Sie wollen nicht mehr mitmachen, sich nicht l\u00e4nger an \u00dcberma\u00df und Verschwendung beteiligen. Sie wollen, da\u00df auch ihre Kinder noch Vorr\u00e4te im Keller finden, sagen sie. Die Eltern verstehen das zun\u00e4chst nicht, aber schlie\u00dflich, nach vielem Hin und Her, nach langen Diskussionen mit den Kindern, wird auch den Eltern klar, da\u00df es nicht wie bisher weitergehen kann.<\/p>\n<p>Hier h\u00f6rt die Geschichte auf. Ich wei\u00df nicht, ob die Familie auf der Insel eine L\u00f6sung gefunden hat und wie sie ausgesehen haben mag. Ich wei\u00df aber, da\u00df mir vieles an der Geschichte sehr vertraut vorkommt. Wenn ich statt der Insel unsere Erde nehme? Die Vorr\u00e4te im Keller? Rohstoffe, Energietr\u00e4ger wie Kohle, \u00d6l, oder Edelmetalle. Auch sie sind nicht in unendlicher F\u00fclle vorhanden, und je mehr wir jetzt von ihnen nehmen, desto fr\u00fcher werden sie ersch\u00f6pft sein.<\/p>\n<p>All das ist seit vielen Jahren bekannt, und deshalb gibt ja es auch bei uns eine wachsende Zahl von Menschen, die sagen: da machen wir nicht mehr mit. Die eingesehen haben, da\u00df es mit dem bisherigen Motto des &#8222;immer mehr&#8220; nicht weitergehen darf. Und die mahnen, da\u00df wir miteinander \u00fcber andere L\u00f6sungen diskutieren m\u00fcssen. Und wenn, wie es aussieht, ein paar von ihnen der n\u00e4chsten Regierung angeh\u00f6ren, gibt das eher zu Hoffnung Anla\u00df als zu \u00c4ngsten.<\/p>\n<p>Die Frage ist: Geben wir das, was wir immer noch reichlich haben, so weiter, da\u00df auch den nachfolgenden Generationen davon genug bleibt? Nicht nur die greifbaren G\u00fcter wie Nahrung, sondern auch das Gef\u00fchl von Sicherheit, Geborgenheit, Liebe? Gibt es ein besseres &#8222;Danke&#8220; f\u00fcr all das, was uns zuf\u00e4llt, als wenn wir es mit anderen Menschen teilen? Der Volksmund hat den Ausdruck daf\u00fcr: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Die Bibel sagt: Einen fr\u00f6hlichen Geber hat Gott lieb. Gemeint ist dasselbe.<\/p>\n<p>Unser Dank\u2013Altar soll ein Zeichen sein. Aber dies Zeichen braucht auch eine Entsprechung in meinem Leben. Und unser Dank\u2013Altar geh\u00f6rt mitten in unsere Gesellschaft \u2013 als Mahnung, da\u00df mit jeder Ernte auch die Aufgabe der neuen Aussaat verbunden ist. Wer k\u00e4rglich s\u00e4t, wird k\u00e4rglich ernten. Wer nichts von seiner Ernte hergeben will, um Neues wachsen zu lassen, wird beim n\u00e4chsten Mal ohne Ertrag dastehen. Wer sich hinter Ellenbogen und Egoismus verschanzt, wird vergebens auf Entgegenkommen hoffen.<\/p>\n<p>Wer aber weitergibt von dem, was er empf\u00e4ngt, wer andere an seiner Freude teilhaben l\u00e4\u00dft, der wird selbst wieder zum Beschenkten. Und dann wird das wahr, was Paulus schrieb: &#8222;Gott hat auch in euch seinen Samen geworfen, und er wird euch immer mehr Saatgut in die Hand geben, damit immer mehr Frucht in euch wachsen m\u00f6ge, n\u00e4mlich die zuverl\u00e4ssige G\u00fcte, das Herzst\u00fcck der Gerechtigkeit.&#8220;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg<\/p>\n<p>Pastor und freier Journalist<\/p>\n<p>Auf dem Kirchberg 2<\/p>\n<p>37139 Adelebsen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedankfest | 4.10.1998 | 2. Kor 9,6-15 | Peter Kusenberg | Predigttext: &#8222;Ich meine aber dies: Wer da k\u00e4rglich s\u00e4t, der wird auch k\u00e4rglich ernten; und wer da s\u00e4t im Segen, der wird auch ernten im Segen. 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