{"id":21702,"date":"1998-10-15T15:35:10","date_gmt":"1998-10-15T13:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21702"},"modified":"2025-03-15T15:38:14","modified_gmt":"2025-03-15T14:38:14","slug":"roemer-1417-19-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1417-19-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,17-19"},"content":{"rendered":"<h3>18. Sonntag n. Trinitatis | 11.10.1998 | R\u00f6mer 14,17-19 | Joachim Schreiber |<\/h3>\n<p>Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>&#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgef\u00e4llig und bei den Menschen geachtet. Darum la\u00dft uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Auferbauung untereinander.&#8220;<\/p>\n<p>&#8218;&#8220;Typisch Kirche&#8220;, erz\u00e4hlte einmal ein \u00e4lterer Herr. &#8222;Typisch Kirche. &#8211; Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her, da hatten wir den Pastor zur Hochzeitsfeier meines Sohnes ins Lokal eingeladen Beim Festessen bekam er den besten Platz, vorn beim Brautpaar. Und als er dann seine Rede halten sollte, nahm er kein Blatt vor dem Mund. Seine Ansprache kam mir nur wenig anders vor als seine Predigt in der Kirche.<\/p>\n<p>&#8218;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist,&#8216; begann er seine Ansprache. Ein Raunen ging durch die Reihen der G\u00e4ste. Diesen Satz aus der Bibel nahm er wohl w\u00f6rtlich &#8211; und brachte es dann auf den Punkt: Bei so einer ernsten Sache wie einer Hochzeit geht es nicht nur um die \u00e4u\u00dferen Feierlichkeiten mit Festessen und allem anderen Drumherum. Das sei zwar ganz sch\u00f6n, aber die geistlichen Gaben wie Liebe, Achtung und friedlicher Umgang im Leben und in der Ehe, die seien ja viel wichtiger. Ganz so wie es der Apostel in seinem Wort sagt: &#8218;Nicht Essen und Trinken, Gerechtigkeit, Friede, Freude&#8216;, ja das Leben aus dem Hl.Geist, das sei das Wesentliche.<\/p>\n<p>Auf der Feier war zun\u00e4chst mal die Stimmung weg. Selbst wenn der Pastor ja auch recht hatte: Nicht die Gr\u00f6\u00dfe der Feier und die \u00c4u\u00dferlichkeiten, sondern der Alltag, der t\u00e4gliche Umgang der Eheleute miteinander, die halten das gemeinsame Leben zusammen. Aber es war dann doch unpassend. Und erst als der Pastor wieder eine Weile fort war, ging die Feier richtig sch\u00f6n weiter; erst dann kam wieder richtig Stimmung auf.&#8220;&#8218;<\/p>\n<p>&#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist.&#8220; Auf den ersten Blick gesehen hatte der Kollege brav und gut zitiert, ganz so wie es der Predigttext vorsieht: Vielleicht finden sich manche unter uns darin ja auch wieder: Christlicher Glaube ist doch eine ernste Angelegenheit und kein Vergn\u00fcgen. Christlicher Glaube besch\u00e4ftigt sich mit Wesentlichem, nicht mit Essen und anderen \u00c4u\u00dferlichkeiten.<\/p>\n<p>Typisch auch f\u00fcr Paulus, werden einige unter uns vielleicht denken. Gerade f\u00fcr ernste Themen ist er doch immer wieder zu haben: Nicht Essen und Trinken, Spa\u00df und Vergn\u00fcgen, &#8211; nein Gerechtigkeit, Frieden, Dienstgemeinschaft der Christinnen und Christen untereinander, das bestimmt Gottes neue Welt.<\/p>\n<p>Aber halten wir einen Moment inne: Ist christlicher Glaube nur eine bierernste Sache? Der Text spricht ja auch von der Freude im Hl.Geist. Gab es da nicht auch den Vorwurf zeitgen\u00f6ssischer Gegner Jesu, er sei ein &#8222;Fresser und S\u00e4ufer&#8220;, er sei einer, der einer frohe Feierrunde nicht aus dem Weg geht?<\/p>\n<p>Darum: Lassen wir uns hier doch mal auf eine ganz andere Sicht der Dinge ein: Lassen Sie sich, liebe Gemeinde, einfach mal zu einem kleinen Spaziergang einladen. Zu einem Gang durch Rom, so wie es der Apostel Paulus zu seiner Zeit wohl vorgefunden hat: Die r\u00f6mischen Christen-Gemeinden, die Paulus dort besucht &#8211; und in denen er wahrscheinlich oft zu Gast ist -, sie sind sicher noch recht klein, auch recht unbedeutend. Aber sie bekommen steten Zuwachs.<\/p>\n<p>Der r\u00f6mische Alltag wird &#8211; davon k\u00f6nnen wir ausgehen &#8211; ganz erheblich von der heidnischen Religion gepr\u00e4gt sein. Der Kult f\u00fcr die G\u00f6tter Roms bestimmt nicht nur das Leben im Tempel, sondern das ganze Leben. Wenn der Apostel auf einen der M\u00e4rkte geht, um etwas f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf zu besorgen, dann kann er das sp\u00fcren: Die Marktschreier preisen ihre Waren an; stolz pr\u00e4sentieren sie Fleisch, das gerade beim Opfer f\u00fcr einen der G\u00f6tter Roms abfiel &#8211; und das darum besonders wertvoll und auch g\u00fcnstig zu haben ist.<\/p>\n<p>Und indem er gerade dieses Fleischangebot so nah vor Augen hat, wird ihm das Problem ganz deutlich: Sollen Christen nun dieses Fleisch essen oder nicht? &#8211; Gerade die \u00c4rmeren aus den Gemeinden waren froh, mal eine reichhaltige Fleischmalzeit zu genie\u00dfen. Denn: Wer i\u00dft schon gerne immer den \u00fcblichen Getreidebrei, wenn es \u00f6ffentliche, kostenlose Speisungen gibt. &#8211; Selbst wenn zu Ehren der alten G\u00f6tter stattfanden.<\/p>\n<p>Heidnisches, als G\u00f6tzenopfer verunreinigtes Fleisch zu essen, ein Unding, sagen die einen &#8211; mit Paulus gesprochen die sogenannten Schwachen -. Sie enthalten sich lieber. Sie verzichten lieber darauf. Sie f\u00fcrchteten sich vor der Unreinheit, vor der Ber\u00fchrung mit dem Heidnischen. Andere &#8211; wir nennen sie mit Paulus die sogenannten Starken &#8211; sagten: Mein Glaube und mein Leben als Christ leiden nicht darunter, wenn ich esse, was andere im Glauben an ihre toten G\u00f6tzen geschlachtet haben. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt die ganze Welt dem Herrn, dem einzigen Gott.<\/p>\n<p>Beide Gruppen gerieten aneinander: &#8222;Ihr Schwachen, was habt Ihr denn f\u00fcr einen kleinen Glauben, das Ihr Euch nicht dr\u00fcber hinwegsetzt!?&#8220; &#8222;Ihr Starken im Glauben, was bildet Ihr Euch ein, da\u00df Ihr auf uns herab schaut, nur weil wir Gewissensbisse haben?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn zwei sich streiten, braucht man `nen Dritten!&#8220;, k\u00f6nnte das bekannte Sprichwort hier hei\u00dfen. Paulus bekommt die Rolle des Schiedsrichters, er versucht zu schlichten: &#8218;Richtet euch nicht gegenseitig!&#8216; &#8211; &#8222;La\u00dft uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zum Gemeindeaufbau untereinander!&#8220; &#8218;Was soll der Streit um das richtige oder falsche Essen? Was beurteilt, ja verurteilt ihr einander? &#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,&#8220; &#8211; ist eben nicht Streit um das richtige Essen und Trinken. &#8211; &#8222;Sondern Gerechtigkeit &#8211; und Friede &#8211; und Freude in dem heiligen Geist.<\/p>\n<p>Gottes neue Welt, die schon hier, bei uns anf\u00e4ngt, sie h\u00e4ngt nicht am richtigen Essen und Trinken. Der unvers\u00f6hnliche Streit verschiedener Meinungen, er geh\u00f6rt hier nicht her. Denn wir sind eingeladen zum Frieden untereinander, zum gegenseitigen Auferbauen &#8211; ob schwach oder stark. Wir sind angehalten, zum &#8222;sich-freuen-k\u00f6nnen&#8220;, auch \u00fcber den anderen der anders ist. Dazu sind wir bef\u00e4higt durch den heiligen Geist. &#8212;<\/p>\n<p>Unsere Zeitreise ins alte Rom mag nun schon zu Ende sein, liebe Gemeinde. Aber finden Sie nicht auch, &#8230; waren wir nicht l\u00e4ngst schon wieder zu Hause? Waren wir nicht l\u00e4ngst wieder in der eigenen Gemeinde, in der heimatlichen Stadt? Zwist wegen verschiedener Auffassungen gibt es ja auch hier. Wobei St\u00e4rke oder Schw\u00e4che im Glauben, sicher nicht so klar zu trennen sind wie in den Gemeinden des Paulus.<\/p>\n<p>Als Beispiel nur die Sache mit dem &#8222;Essen und Trinken&#8220;, sie ist f\u00fcr uns heutige ChristInnen doch gar nicht so fern: &#8211; Manche unter uns versuchen bewu\u00dft nur das zu essen und zu trinken, das bewahrter Sch\u00f6pfung entstammt; so z.B. biologisch-(dynamisch) angebautes Getreide. Und wenn es Fleisch zu essen gibt, dann von Tieren, die artgerecht gehalten wurden.<\/p>\n<p>Andere haben da keine Hemmungen, bedienen sich gar in &#8222;Fast-food&#8220;-L\u00e4den &#8211; obwohl es viel Kritik daran gibt. Gerade Ihr, liebe Konfirmand(inn)en, seht darin sicher ein weniger gro\u00dfes Problem. Ihr verspeist gern mal so einen Hamburger, selbst wenn f\u00fcr sein Rindfleisch wohl einige Quadratmeter Regenwald beseitigt wurden.<\/p>\n<p>Das zum angeschnittenen Thema &#8222;Essen&#8220;. Aber noch an anderer Stelle wird solch ein Konflikt unterschiedlicher Auffassungen deutlich. Denken wir einfach an den Gottesdienst: Auch hier gibt es den Zwist um das rechte &#8222;Essen und Trinken&#8220; &#8211; im \u00fcbertragenen Sinne.<\/p>\n<ul>\n<li>J\u00fcngere Gottesdienstbesucher lieben moderne Kirchenlieder wie &#8222;Laudato si&#8220;, &#8222;Danke&#8220;, &#8222;Herr, deine Liebe&#8220; u.a. Sie halten die alten Lieder oft f\u00fcr langweilig und einschl\u00e4fernd.<\/li>\n<li>Andere unter uns lieben dagegen den traditionellen Gottesdienst eben mit \u00e4lteren Liedern, dem Kyrie und l\u00e4ngerer Predigt. Neuere Gottesdienstformen irritieren sie.<\/li>\n<li>Menschen wiederum , die nicht jeden Sonntag zur Kirche gehen, lieben es, wenn sie im Gottesdienst Vielfalt erleben k\u00f6nnen: Anspiele und kleine Theaterst\u00fccke, moderne Musik und moderne Lieder, Bilder zum Anschauen, eine st\u00e4rkere Beteiligung der Gemeinde, das geh\u00f6rt f\u00fcr sie dazu. &#8211; Die traditionelle Gottesdienstform aber kommt ihnen unverst\u00e4ndlich und wenig einladend vor.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer dagegen den traditionellen Sonntagsgottesdienst h\u00e4ufig besucht, mag manches Neue, Moderne f\u00fcr nicht richtig kirchlich halten; \u00fcbersieht aber, da\u00df von den \u00fcber 60 Gottesdiensten im Jahr nur h\u00f6chstens 10 Gottesdienste in anderer Form gefeiert werden.<\/p>\n<p>Die einen halten das Traditionelle f\u00fcr zu langweilig, f\u00fcr nicht ansprechend oder \u00fcberholt. Sie \u00fcbersehen aber wie sehr gerade traditionsbewu\u00dfte, oft meist \u00e4ltere Menschen diese Form lieben.<\/p>\n<p>Wer neuere Formen des Gottesdienstes oder Fr\u00f6mmigkeit \u00fcberhaupt vorzieht, der ber\u00fccksichtige doch die &#8222;Schw\u00e4che&#8220; der anderen, f\u00fcr die Glaube und Leben mit der &#8222;Laufruhe&#8220; und Gediegenheit des traditionellen Gottesdienstes \u00fcbereinstimmen mu\u00df.<\/p>\n<p>Wer die \u00e4lteren Formen liebt, der nehme bitte R\u00fccksicht auf die &#8222;Schw\u00e4che&#8220; der Andersdenkenden, die ohne neue Formen von Gottesdienst und Fr\u00f6mmigkeit gar keinen Zugang zur Kirche finden.<\/p>\n<p>Schw\u00e4chen und St\u00e4rken verschiedener Auffassungen auf beiden Seiten zu sehen, dient das nicht auch schon dem Frieden und dem Gemeindeaufbau? Auch wenn es gewagt klingt, liebe Gemeinde: Lassen wir den Apostel doch mal so sprechen, da\u00df sein &#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, ..&#8220; in anderem Gewand erscheint: W\u00fcrde es nicht gar so lauten: Gottes neue Welt ist nicht unvers\u00f6hnlicher Streit \u00fcber richtig und falsch. Gottes neue Welt zeigt sich im Miteinander verschiedener Menschen, die sich im Scho\u00df der Kirche sammeln. Gottes neue Welt zeigt sich hier schon, wo wir uns nicht gegenseitig Vorhaltungen machen, sondern angesichts der eigenen Schw\u00e4chen, die Schw\u00e4chen der anderen dulden. Gottes Welt zeigt sich da, wo wir anderen sogar helfen, ihre Eigenarten zu leben &#8211; selbst wenn sie ganz anderer Ansicht sind als wir.<\/p>\n<p>Also nicht: Typisch Kirche, da\u00df die einem den Spa\u00df verderben wollen, weil da alles so ernst ist.<\/p>\n<p>Sondern: &#8211; typisch Kirche, da\u00df da einer f\u00fcr den anderen da ist; &#8211; da\u00df da einer dem anderen hilft, auch wenn er seinen Eigenheiten leben m\u00f6chte..<\/p>\n<p>Und zuletzt Paulus noch mal im Originalton: &#8222;Darum la\u00dft uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.&#8220;<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<ol>\n<li>Exegetische Vor\u00fcberlegungen<\/li>\n<\/ol>\n<p>In der \u00dcbersetzung folge ich Luther 84 weitgehend, da dieser Text dem Lektionar entspricht und den meisten H\u00f6rern vertraut ist (gerade der doch bekannte V.17) mit folgendem Wortlaut:<\/p>\n<p>(17) Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.<\/p>\n<p>(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgef\u00e4llig und bei den Menschen geachtet.<\/p>\n<p>(19) Darum la\u00dft uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Auferbauung untereinander.<\/p>\n<p>1.1. Die Perikope Im Kontext<\/p>\n<p>Nach einer mehr allgemein gehaltenen Par\u00e4nese in Kap. 13 wendet sich der Apostel nun konkreteren Problemen in der r\u00f6mischen Gemeinde zu. In 14,1-4 geht es um die sogenannte G\u00f6tzenopferfleisch-Problematik, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von V.17 geradezu notwendig ist. Vieles von dem auf r\u00f6mischen M\u00e4rkten angebotenen Fleisch entstammte Schlachtungen anl\u00e4\u00dflich heidnischer Opferzeremonien. W\u00e4hrend wohl noch am j\u00fcdischen Gesetz festhaltende ChristInnen dieses Fleisch f\u00fcr unrein hielten und den Verzehr ablehnten, setzten sich andere \u00fcber diese Skrupel hinweg: Da die r\u00f6mischen G\u00f6tzen ja tote G\u00f6tzen sind und nur ein Gott Herr der Welt ist, kann Fleisch f\u00fcr sie gar nicht &#8222;G\u00f6tzenopferfleisch&#8220; sein. In den unsere Perikope umgebenden Versen zeigt sich der Apostel als Vermittler zwischen den Positionen. Die sogenannten &#8222;Starken&#8220;, denen der Fleischgenu\u00df keine Probleme f\u00fcr ihren Glauben bedeutet sollen die &#8222;Schwachen&#8220; nicht verachten (Vv.1-4); sie sollen lieber auf den besagten Fleischgenu\u00df verzichten, um die Schwachen nicht zu verunsichern. (V.21). Schlie\u00dflich ist Christus f\u00fcr alle, auch f\u00fcr die Schwachen gestorben. Alles untersteht seiner Herrschaft, niemand mag sich zum Richter anderer erheben (Vv.7-9).<\/p>\n<p>1.2. Einzelexegesen (17) Ist die Perikope auch nicht ohne den unmittelbaren Kontext zu verstehen, so ragt sie wiederum aus dem Ganzen heraus: Mit V.17 f\u00fchrt Paulus die vorher genannten Streitigkeiten deutlich ad absurdum. Essen und Trinken, nat\u00fcrlich nicht grunds\u00e4tzlich &#8222;Essen und Trinken&#8220;, sondern eben der Streit um das richtige Essen und Trinken, sollen nicht im Mittelpunkt des Christsein stehen. Die geistlichen Gaben wie Gerechtigkeit (eben jene paulinische &#8222;dikaiosunh tou qeou&#8220;))))), Frieden und (als eschatologische &#8222;xara&#8220; verstandene) Freude \u00fcber Gottes neue Welt. Gerade diese Heilsgaben machen allen Streit \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>(18) Und diese Gaben konkretisieren sich im Dienst an Christus. Wer nun dem Herrn dient, der meidet alle Rechthaberei auch in Sachen stark oder schwach sein.<\/p>\n<p>(19) Dem &#8222;Frieden nachjagen&#8220; hei\u00dft alttestamentlich gesprochen, sich ganz f\u00fcr den Frieden einzusetzen. Der Gemeindeaufbau (eben nicht jene erbauliche &#8222;Erbauung&#8220; \u00e4lterer \u00dcbersetzung und Theologie) ist das Ziel: Auf dem Fundament Jesu Christi (vgl.15,20) baut sich die Kirche im gegenseitigen Dienst auf. Man m\u00f6chte erg\u00e4nzen: Ein jeder trage dazu mit seinen Gnadengaben bei. Denn auch die paulinische Charismenlehre (vgl. 1.Kor.12) kennt ja die gegenseitige Achtung und Anerkennung der unterschiedlichen Begabungen, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, die alle der &#8222;Oikodomh&#8220;, dem Gemeindeaufbau dienen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Systematisch-theologische Besinnung. Das &#8222;Reich Gottes&#8220;, ein Kernst\u00fcck der Theologie (siehe Vater-Unser), wird hier ganz zu einer pr\u00e4sentischen Gr\u00f6\u00dfe: &#8222;Das Reich Gottes ist nicht &#8230;, sondern &#8230;&#8220;. Da der futurische Aspekt hier nicht so sehr zur Geltung kommt, hei\u00dft das: Gottes Reich, Gottes neue Welt ist keine allein ferne und rein zuk\u00fcnftige Gr\u00f6\u00dfe; sondern setzt hier schon kr\u00e4ftig ein. Das Pauluswort wird zum Slogan f\u00fcr die neue Freiheit der Kinder Gottes. Der Geist befreit von den \u00c4ngstlichkeiten an alte Bindungen (j\u00fcdische Reinheitsvorschriften), entbindet aber nicht von der R\u00fccksichtnahme auf die \u00c4ngstlichkeiten anderer Schwestern und Br\u00fcder.<\/li>\n<li>Homiletische Entscheidungen &#8222;Das Reich Gottes ist nicht &#8230;&#8220;, eine Negation, die einl\u00e4dt, auch die Predigt mit einer Negation zu beginnen. Diese Diktion des Predigttextes gilt es aber zu umzudeuten. Schlie\u00dflich macht es gro\u00dfe M\u00fche, einem an den Anfang gesetzten Negativum ein st\u00e4rkeres Positivum folgen zu lassen. &#8211; Dabei gilt es, die ernste Diktion des &#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken &#8230;&#8220; bei manchen Gottesdienstbesuchern aus seelsorgerlichen Gr\u00fcnden zu w\u00fcrdigen. Glaube und Leben der Christen sind f\u00fcr viele eben eine ernste Angelegenheit, kein Vergn\u00fcgen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Einstiegserz\u00e4hlung versucht dem gerecht zu werden: Sie n\u00e4hert sich dem Thema doch recht vorsichtig (&#8218;Der Glaube ist ja eine ernste Angelegenheit, aber &#8230;.&#8216;). &#8211; So auch der weitere Verlauf: Mir f\u00e4llt dazu ein Bild ein; n\u00e4mlich das von der &#8222;Kameraf\u00fchrung&#8220;: Die Kamera des Predigers\/Erz\u00e4hlers richtet sich zuerst auf einen weit entfernten Punkt (1.: Hochzeit fremder Leute von vor 30 Jahren\/ anderer Pastor &#8211; 2.: Antikes Rom\/ Marktplatz). Und ganz allm\u00e4hlich kehrt sie in die Gegenwart zur\u00fcck &#8211; und hat pl\u00f6tzlich den Predigth\u00f6rer in den Bankreihen im Blick, der sich dann allm\u00e4hlich selbst auf dem &#8222;Bildschirm&#8220; entdeckt. F\u00fcr den weiteren Verlauf der Predigt ist es m.E. auch unumg\u00e4nglich, die Sache mir dem G\u00f6tzenopferfleisch zu verarbeiten. Sie geh\u00f6rt zum Kontext und macht es erst m\u00f6glich, das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis auszur\u00e4umen, welches mit dem doch recht bekannten Wort &#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken&#8220; entsteht.<\/p>\n<p>Predigtziel ist es, die Geistesgaben wie Gerechtigkeit, Frieden, Gemeindeaufbau nicht nur durch Allgemeinpl\u00e4tze zu belegen, sondern sie im Leben der Gemeinde konkret werden zu lassen: Wo die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen verschiedener Auffassungen gegenseitig akzeptiert werden, da zeigt sich, da\u00df das Gemeindeleben eben nicht beim unvers\u00f6hnlichen Streit um die rechten Sitten und Br\u00e4uche stehen bleiben darf.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich folgender Predigtaufbau:<\/p>\n<p>A: Die Hochzeitsrede \u00fcber R\u00f6m.14,17.<\/p>\n<p>B: Das Leben der Christen, nur eine ernste Angelegenheit?<\/p>\n<p>C: Der Gang durch Rom\/die G\u00f6tzenopferfleischproblematik.<\/p>\n<p>D: Toleranz in der heutigen Gemeinde als Konkretisierung der Geistesgaben.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Literaturverzeichnis<\/li>\n<\/ol>\n<p>Bukowski, Peter: Predigt wahrnehmen. Homiletische Perspektiven, Neukirchen-Vluyn, 31995.<\/p>\n<p>Hertzsch, Klaus-Peter: 18.Sonntag nach Trinitatis &#8211; 11.10.98, in: GPM 3\/98, G\u00f6ttingen 1998.<\/p>\n<p>Lang, Friedrich: Die Briefe an die Korinther, in: NTD, Bd.7, G\u00f6ttingen 1986.<\/p>\n<p>Weber, Otto: Grundlagen der Dogmatik, Bd.2, Neukirchen.Vluyn, 61983.<\/p>\n<p>Wilckens, Ulrich: Der Brief an die R\u00f6mer, in: EKK, Band VI\/3, Neukirchen-Vluyn 1982.<\/p>\n<p>Joachim Schreiber (*1958),<\/p>\n<p>Pastor in Wolfsburg-Vorsfelde,<\/p>\n<p>Amtsstra\u00dfe 31, 38448 Wolfsburg,<\/p>\n<p>Tel.: 05363-7773 &#8211; Fax: -73497<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag n. Trinitatis | 11.10.1998 | R\u00f6mer 14,17-19 | Joachim Schreiber | Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus! Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder! &#8222;Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. 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