{"id":21718,"date":"1998-10-15T15:41:58","date_gmt":"1998-10-15T13:41:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21718"},"modified":"2025-03-15T15:45:32","modified_gmt":"2025-03-15T14:45:32","slug":"100-jahre-lutherische-erloeserkirche-jerusalem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/100-jahre-lutherische-erloeserkirche-jerusalem\/","title":{"rendered":"100 Jahre lutherische Erl\u00f6serkirche Jerusalem"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt im Festgottesdienst &#8222;100 Jahre lutherische Erl\u00f6serkirche Jerusalem&#8220; | 20. Sonntag n. Trinitatis | 25.10.1998 | Rolf Koppe |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es gibt eine tiefe Sehnsucht, im Heiligen Land Jesus auf die Spur zu kommen. So scheuen touristische Pilger keine Pilger keine M\u00fche, die W\u00fcste zu durchqueren, den allerletzten historischen Ort aufzusuchen und immer wieder in die Gesichter der Einheimischen zu schauen in der Hoffnung, \u00c4hnlichkeiten mit den Bildern festzustellen, die sie seit ihrer Kindheit in sich tragen.<\/p>\n<p>Einen Steinwurf von dieser Kirche entfernt, so stelle ich mir vor, ist Jesus auf einem Esel in die Stadt hineingeritten. Nur einen Steinwurf entfernt, so sagt es die \u00e4lteste \u00dcberlieferung, ist er gekreuzigt worden. Und ganz in der N\u00e4he haben die \u00e4ngstlich-mutigen Frauen am Ostermorgen das leere Grab entdeckt.<\/p>\n<p>Vom Kirchturm der Erl\u00f6serkirche kann man unten das Kidrontal liegen sehen und oben den \u00d6lberg. Hinter den Bergen ist die W\u00fcste zu ahnen, der Ort des Alleinseins und des Erkennens.<\/p>\n<p>So nah sind hier die Landschaft, die Geschichte und die Menschen! Ist Gott auch so nah?<\/p>\n<p>Seit vielen Jahrhunderten haben Juden, Christen und Muslime in Jerusalem seine besondere N\u00e4he gesucht und ihn hier angebetet, jeder auf seine Weise \u2013 nebeneinander, aber in Gewi\u00dfheit, vor dem einen Gott zu stehen.<\/p>\n<p>Ich gebe zu, da\u00df ich einige Schwierigkeiten habe, mich im Gewirr der Gassen und heiligen Orte zurechtzufinden. Nicht nur \u00e4u\u00dferlich, sondern auch innerlich. Deshalb halte ich mich lieber an das biblische Wort und versuche, es als Leitfaden f\u00fcr meinen Glauben zu befolgen. Wenn ich h\u00f6re, da\u00df es Gottes Wille ist, da\u00df allen Menschen geholfen werde, so stimme ich dem sofort zu und mir f\u00e4llt dazu ein, da\u00df an einer anderen Stelle Jesus von sich sagt, da\u00df er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das glaube ich, weil er den Menschen ganz nahe gewesen ist, bei seinen Wanderungen durch dieses Land und in dieser Stadt. Er hat sie geliebt. Und sie haben gesagt: Er ist Gottes Sohn und damit zum Ausdruck gebracht, da\u00df er mehr ist als ein gew\u00f6hnlicher Mensch. Das haben sie erfahren und sind gesund geworden, frei von ihren Lasten. Auch die viel sp\u00e4ter Geborenen, die an ihn geglaubt haben. Martin Luther zum Beispiel, der sich sehr ge\u00e4ngstigt hat vor der Strafe Gottes und in Jesus Christus den gn\u00e4digen Gott gefunden hat. Oder die Studentin aus dem Iran, die ich letztes Jahr in England getroffen habe und die durch das Lesen der Bibel zur Christin geworden ist.<\/p>\n<p>All das f\u00e4llt mir ein, wenn ich h\u00f6re: &#8222;Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, n\u00e4mlich der Mensch Christus Jesus&#8220;. Die Theologen haben sp\u00e4ter vom wahren Gott und wahren Menschen gesprochen, um beide Erfahrungen auf den Begriff zu bringen. Aber das sind alles Versuche, eine Wirklichkeit zu beschreiben, die in Wirklichkeit gar nicht zu fassen ist, jedenfalls nicht mit dem Verstand. Denn es ist die Wirklichkeit des Glaubens. Luther hat es mit folgendem Bild versucht: &#8222;Wie das Wasser, wenn es erhitzt wird, zwar Wasser bleibt, aber doch ganz anders wird, so macht der Glaube den Menschen neu.&#8220;<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, wie Jesus in die W\u00fcste gegangen ist, vielleicht voller Zweifel \u00fcber seinen weiteren Weg, wie er da nachts gefroren hat, und wie dann am Morgen die Sonne aufging, erst als ein Schimmer am Horizont, dann immer voller und voller, bis sie den Sand erw\u00e4rmte und schlie\u00dflich wieder das Leben zum Erwachen brachte. So stellte ich mir den Durchbruch zur Erkenntnis der Wahrheit vor. In Jesus, bei allen Menschen, denen Gott helfen will. Auch mir, wenn ich nicht mehr weiter wei\u00df. Und ich w\u00fcnsche allen anderen, da\u00df sie diese Erfahrung auch machen, wenn sie beten, Gottesdienst feiern oder zu Hause ihre Kinder erziehen, im Beruf hart arbeiten oder arbeitslos sind.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, als vor hundert Jahren am Reformationsfest diese Kirche eingeweiht wurde, da haben sich die Vertreter der Kirchen der Reformation aus Deutschland in den Strom der Sehnsucht nach Gottes N\u00e4he Heiligen Land mitten hineingestellt und gro\u00dfe Hoffnungen damit verbunden. Der Kaiser selbst hat mit feierlichen Worten den Wunsch ausgesprochen, da\u00df von hier aus reiche Segensstr\u00f6me in die ganze evangelische Christenheit zur\u00fcckflie\u00dfen m\u00f6gen und da\u00df in der Heimat Gottvertrauen, N\u00e4chstenliebe, Geduld im Leiden und t\u00fcchtige Arbeit des deutschen Volkes edelster Schmuck bleibe. Letzteres w\u00fcrden wir vielleicht etwas n\u00fcchterner ausdr\u00fccken, aber den Wunsch im ganzen k\u00f6nnen wir sehr wohl wiederholen, gerade nach den leidvollen und schuldbeladenen Erfahrungen, die wir in den ersten 50 Jahren unseres Jahrhunderts gemacht haben. Wir haben, denke ich, auch einiges noch dazugelernt, vor allem, was die Weite unseres Glaubens betrifft.<\/p>\n<p>Wir haben geh\u00f6rt: Gott will, da\u00df\u00a0allen\u00a0Menschen geholfen werde. Das ist eine Vorstellung, der keiner, der guten Willens ist, seine Zustimmung verweigern wird, gerade in unserer Zeit, die sich dadurch auszeichnet, da\u00df sie in gro\u00dfen, globalen Zusammenh\u00e4ngen denkt und handelt. Hannah Arendt, 1906 in Hannover geboren und 1974 in New York im Exil gestorben, deutsch-j\u00fcdische Philosophin, hat als Konsequenz aus den schlimmen Erfahrungen totalit\u00e4rer Systeme in diesem Jahrhundert eine &#8222;erweiterte Denkungsart&#8220; gefordert, um aus dem eng begrenzten privaten Leben auszubrechen und am \u00f6ffentlichen Leben teilzunehmen. Wendet man diesen Gedanken auf die Religionen an, so ist es an der Zeit, auch eine &#8222;erweiterte Glaubensart&#8220; zu pflegen, damit anderen nicht das Recht abgesprochen wird, anders zu glauben und anders zu leben als man selbst.<\/p>\n<p>Damit gebe ich den von mir gefundenen und bejahten christlichen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit nicht auf, aber ich \u00fcberlasse es letzten Endes Gott selbst, dar\u00fcber zu befinden, warum er so handelt, wie er handelt. Jedenfalls bem\u00fchen wir uns um diese Erweiterung des eigenen Glaubens in den Dialogen, die wir schon lange mit anderen Kirchen, j\u00fcdischen Partnern und seit kurzem auch mit Muslimen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wenn wir uns als evangelische Christen hier in Jerusalem versammeln, dann nicht in der Absicht, uns von den anderen Konfessionen und Religionen abzugrenzen, sondern zu ihnen Br\u00fccken zu bauen, in der Gewi\u00dfheit, da\u00df Gott allen Menschen helfen will. M\u00f6gen in diesem Sinn von der Erl\u00f6serkirche weiterhin Str\u00f6me der Liebe und der Wahrheit ausgehen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bischof Dr. Rolf Koppe, Kirchenamt der EKD, Herrenh\u00e4user Stra\u00dfe 12, 30419 Hannover, Tel.: 0511-2796-0; Durchwahl: 0511-2796-124, Fax: 0511-2796-725<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt im Festgottesdienst &#8222;100 Jahre lutherische Erl\u00f6serkirche Jerusalem&#8220; | 20. Sonntag n. Trinitatis | 25.10.1998 | Rolf Koppe | Liebe Gemeinde! Es gibt eine tiefe Sehnsucht, im Heiligen Land Jesus auf die Spur zu kommen. So scheuen touristische Pilger keine Pilger keine M\u00fche, die W\u00fcste zu durchqueren, den allerletzten historischen Ort aufzusuchen und immer wieder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15159,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[541,727,157,853,114,1355,109,940,1635],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21718","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-20-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-jubilaeumspredigt","category-predigten","category-sermon-on-a-special-occasion","category-rolf-joppe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21718"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21725,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21718\/revisions\/21725"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15159"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21718"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21718"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21718"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21718"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}